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Begriffschaos: Nicht alles, was brennt, ist Anarchie
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90 Prozent der Politik besteht aus Wortgefummel. Nach dem G20-Elend hoch im Kurs: das Rumgeschmeiße mit dem Anarchie-Begriff. Keine gute Idee.

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jimbofeider 11.07.2017, 18:46
11. Empört

Der Anführer der Anarchisten Bakunin, ein Russe lebte anfang des 20ten Jahrh im Exil in Paris. Er war dort der Star in den Salons der feinen Gesellschaft. Schon damals wurde er empört Missverstanden und daran hat sich bis heute nichts geändert.

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Lykanthrop_ 11.07.2017, 18:47
12.

Ein Begriff hat die Bedeutung den die Mehrheit der Menschen ihm zuweist, wenn die meisten Anarchisten unter Anarchie Plünderung verstehen und der Rest der Gesellschaft auch, ist es faktisch Anarchie. Aus sein wollen -wird werden.

Es ist trotzdem interessant die philosophische Seite des Begriffs zu betrachten, diese ist mir sehr Sympathisch. Was kann man mehr wollen als eine Friede, Freude, Eierkuchengesellschaft in der sich alle Menschen gleichberechtigt und gleichgestellt auf Augenhöhe befinden. Diese Art der Anarchie negiert leider nur alle negativen Eigenschaften des Menschen und ist deshalb wenig praktikabel. Wenn wir es aber ein Stück weiter in die Richtung schaffen, wäre schon viel gewonnen.
Aber gerade Feministinnen müssten hier noch einiges dazu lernen, die Geschlechterverhältnisse neutral betrachten und anerkennen, dass es auch Bereiche gibt in denen Männer diskriminiert werden. Ich wäre dafür Frauen und Männer gleichermaßen in den Bereichen zu fördern, wo sie jeweils diskriminiert werden. Dies hieße z.B. wir bräuchten Frauenförderung in der Wirtschaft und Väterförderung bei Familiengerichten und Jugendämtern.

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_xmeinemeinungx_ 11.07.2017, 18:47
13. Begriffsbedeutung

Leider definiert der Duden den Begriff Anarchie aber als "Zustand der Herrschaftslosigkeit, Gesetzlosigkeit; Chaos in rechtlicher, politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Hinsicht". Ihre Argumentation stützt sich lediglich auf das philosophische Verständnis. Demnach ist die Verwendung des Begriffs Anarchie mit der Bedeutung eines Zustandes der Gesetzlosigkeit und rechtlichen Chaos m. E. vollkommen angebracht.

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vetris_molaud 11.07.2017, 18:47
14.

Anarchie als politische Ideologie , in der Praxis umgesetzt, ist stets eine flüchtige Übergangsphase. Der Mensch, als Individuum, in der Wildnis ausgesetzt, kann nur mit viel Glück überleben. Menschen sind auf einer funktionierenden Gemeinschaft angewiesen, um Arbeitskraft, materielle und ideelle Ressourcen zu tauschen. Eine soziale Gruppe, wie groß oder klein oder wie auch immer zusammengesetzt, kann ohne verbindliche Regeln und verlässliche Strukturen nicht existieren.

Man stelle sich folgendes vor: eine anarchistische Revolution gelingt, die Anarcho-Kämpfer plündern Geschäfte, schlagen sich den Bauch voll und lassen sich's gut gehen. Doch irgendwann sind die brauchbaren Vorräte aufgebraucht und der Rest mangels Kühlung vergammelt. Die Kämpfer der klassenlosen Gesellschaft werden dann die Bauernsiedlungen, die sich mittlerweile gebildet haben, heimsuchen und ihnen mit Waffengewalt die Vorräte abnehmen. Andre Gruppen Bewaffneter werden das gleiche tun, die Bauerndörfer werden Wehrwälle errichten und sich bewaffnen. Irgendwann wird der Anarcho-Häuptling seinen Sohn den Laden vererben ...
Worauf ich hinauswill: nach der Zerstörung der Zivilisation werden sich die Menschen, anstatt der Anarchie zu frönen, die Zivilisation auf niedrigstem Niveau, als häuptlingsgeführte Stämme mit Kurs auf Fürstentum, dann Königstum usw. entwickeln. Anarchie kann nur funktionieren, wenn produktive Menschen die Anarchisten mit allem Nötigen versorgen. Als eigenständige politische Kraft zerbröselt die Anarchie beim Kontakt mit der Realität.

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pommer123 11.07.2017, 18:50
15. Brennende Autos in der Anarchie

Bei Michail Bakunin und anderen Anarchisten gab es noch keine Autos.

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Thomas Kossatz 11.07.2017, 18:50
16.

Das ist jetzt genau die Schulmeisterei geworden, die es nicht sein sollte.

Alle Gesetze, die Leben, Eigentum, Freiheitsrechte etc sichern, waren in Hamburg zeitweise außer Kraft. Und genau das ist das Bild, das mit dem Wort "Anarchie" bei den meisten Lesern ausgelöst wird. Das mag wissenschaftlich falsch sein, aber Sprache ist nun mal anarchistisch (!) und kümmert sich nicht darum, welche Gesetze im Elfenbeinturm gelehrt werden.

Die aufmerksame Autorin hat sich im übrigen noch nie daran gestört, dass der Begriff "Neo-Liberalismus" inzwischen so oft falsch verwendet wurde, dass sich seine tatsächliche Bedeutung umgedreht hat: Neoliberale waren jene, die dem regellosen catch-as-catch-can Ordnung und damit Regeln entgegengesetzt haben.

Was lehrt Hamburg? Anarchie ist nicht machbar, Frau Nachbar. Aber träumen ist ja nicht verboten.

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mēdèn ágān 11.07.2017, 18:50
17. Vielen Dank

Vielen Dank für die Klarstellung. Wahrscheinlich erreicht es aber nur diejenigen, die auch sonst auf eine Genauigkeit in der Begriffswahl Wert legen. Nun ja, das sind sicher weniger als 10% ...

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hossi78 11.07.2017, 18:51
18. Endlich!

Vielen Dank, Frau Stokowski! Ihr Artikel bringt es auf den Punkt. Ich habe mich in den letzten Tagen oft ärgern müssen, weil Begrifflichkeiten bzw. Bedeutungen durch die Presse/Medien/Politiker durcheinander geworfen wurden und dadurch negative Konnotationen entstehen. Ich vermute, dass ein nicht kleiner Teil der Bevölkerung glaubt, dass der Begriff "Autonom" für Steine- und Flaschenwerfer steht oder Mitglieder des Schwarzen Blocks.

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SvZ 11.07.2017, 18:51
19. Aha.

Eine ganz tolle Kolumne. Wirklich! So klingt also Sprachlosigkeit auf 'Stockowski'. Zuletzt bei 'Schulz und Böhmermann' noch am konstatieren, es gäbe keine linksextremistische Gewalt in Deutschland, hab ich bis grade noch gehofft, Frau Stockowski würde von ihrer charaktergebenden moralischen Überlegenheit (weil von ganz weit links) abrücken. Das passiert natürlich nicht.
Nach den Ausschreitungen rund um die Blockupy-Proteste in Frankfurt durften Linksextremisten nun auch noch Hamburg in Schutt und Asche legen, ohne das eine sinnvolle Debatte von Vertretern wie Frau Stockowski aufgegriffen werden dürfte. Links bleibt sich treu.

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