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Bizarre Statistik: Schafft den Migrationshintergrund ab!
DPA

Die ARD hat die Zahl der "Deutschtürken" um fast zwei Millionen angehoben. Einfach so. Der bizarre Fall macht deutlich, warum der "Migrationshintergrund" als statistische Größe nicht wirklich taugt.

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fördeanwohner 03.06.2018, 09:42
170. -

Zitat von derHamlet
Guten Abend fördeanwohner, aus meinem beruflichen Umfeld kenne ich einige Kollegen und Kolleginnen die einen "Migrationshintergrund" haben, die mit der hiesigen Sprache vertrauter sind als die, die mit ihr von klein auf aufgewachsen sind. Diese Begrifflichkeit ist nichts weiter als eine Etikettierung von Menschen um aus einem Individuum ein Gruppenwesen zu machen.
Ja? Ich habe Freunde und KollegInnen, die türkische Wurzeln haben, auf die das ebenfalls zutrifft. Und ich sehe die nicht als Individuen einer Gruppe, obwohl sie es sind. Ich gehöre auch in mindestens eine Gruppe, wie jede/r andere auch. Mich wundert es, dass hier so ein Gewese gemacht wird, weil der Begriff "Migrationshintergrund" für mich nichts Negatives beinhaltet. Und "Ausländer" trifft es nun einmal nicht, wenn man jemanden beschreibt, der seine/ihre Wurzeln woanders hat, und dieses eben irgendwie wichtig ist.
Sie können ja einfach so tun, als gäbe es keinerlei Situationen, in denen es wichtig sein könnte. Jedoch tut man Menschen mit Migrationshintergrund damit keinen Gefallen, wenn sie eben aufgrund dieses Hintergrundes Probleme hier in Deutschland haben. Mehrmals habe ich bereits darauf verwiesen, dass ich mit Kids zu tun habe, bei denen das der Fall ist. Die sind sogar in Deutschland geboren und können trotzdem nicht vernünftig Deutsch, so dass sie in der Schule benachteiligt sind. Bereits jetzt wird zu wenig Rücksicht darauf genommen, wohl auch, weil man so denken möchte, wie Sie es tun. Das hilft den Betroffenen aber nun einmal nicht. Das Ignorieren von Anderssein und der damit verbundenen Probleme hat ja gerade erst dazu geführt, dass es für viele Menschen mit Migrationshintergrund so schwierig ist, dieselben Chancen wahrnehmen zu können, wie es der durchschnittliche Deutsche ohne Migrationshintergrund können.

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Maria--Galeria 03.06.2018, 09:46
171. Schlicht und ergreifend

wer einen Pass hat, ist dem jeweiligen Land zugehörig, bei uns, egal was für eine Religion, da wie bekannt Religionsfreiheit z.B. bei uns herrscht. Wer zwei Pässe hat z.B. ist eben zwei Ländern zugehörig, z.B. deutsch-türkisch, deutsch-russisch, deutsch-amerikanisch, deutsch-indisch. Der Abstammungshintergrund ist im ersteren Fall unwichtig, im zweiten Fall können die Menschen in zwei Ländern politisch mitmischen und das hat definitiv zu Verwerfungen erst mal in der Denke der Einpassbesitzer geführt. Es haben sich aus der Praxis der Zweipassbesitzer etliche Vorteile entwickelt, sogenannte Rosinenpickerei, da ich, wenn ich in zwei Kulturen beheimatet bin z.B. Handelsvorteile haben kann, allein schon durch das beherrschen der jeweiligen Sprache. Einerseits ist die Praxis des Zweipassbesitzes ein wichtiger Schritt innerhalb der Globalisierung, anderseits haben sich Vorteilsnehmer entwickelt, was auf einige Missgunst der Einpassbesitzer trifft. Pauschal wird in diesem Sinn Mensch mit Migrationshintergund zum Schimpfwort und alle in einen Negativtopf geworfen, schon verrückt. Es spielt natürlich die Angst betreffs einer subtilen Art der politischen Übernahme eine große Rolle. Vermutlich ist deshalb die Zweipassregelung einfach zu reduzieren, Wurzel hin oder her. Also ich habe keine Wurzeln, sondern zwei Beine, dort wo ich wohne bin ich daheim, egal wo die Verwandtschaft sitzt. Auf menschlicher Ebene spielt sich einiges ganz simpel ab, z.B. du hast einen Vorteil, deshalb mag ich dich nicht.

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Leonia Bavariensis 03.06.2018, 10:06
172. Wichtiger ist der Lebens-Beitrag des Einzelnen für das Gemeinwesen

Mir ist völlig wurscht, welchen biographischen Hintergrund jemand hat, sofern er oder sie sich anständig verhält und an unserem demokratischen Gemeinwesen fördernd teilnimmt, also (sofern mit etwas gutem Willen möglich) Steuern und Abgaben zahlt, sich in seinem sozialen Umfeld einbringt und andere nicht ausgrenzt oder gar beschimpft und bedroht. Hautfarbe, Religion oder Muttersprache sind mir dann völlig egal, weil es sich unter diesen Voraussetzungen um wertvolle Mitglieder unserer Bevölkerung handelt. Ganoven, Gewalttäter und Nassauer gibt es in jeder Weltregion, so leider auch bei uns selbst unter denen, die glauben, dieses Land für sich beanspruchen zu können, bloß weil sie der Zufall hier hat zur Welt kommen lassen oder irgendwo sonst, aber zufällig mit dem Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit. Wer sonst nichts vorzuweisen hat, ist dann stolz auf etwas, zu dem er auch nichts dazu getan hat.

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briefzentrum 03.06.2018, 10:37
173. Hier irren Sie, Frau Ataman - Der Begriff 'Migrationshintergrund'

Der Begriff Migrationshintergrund in der amtlichen Bevölkerungsstatistik ist nicht eingeführt worden, um den Stand der Integration von Migranten anzuzeigen. Vielmehr zielt er auf die Kontinuität von sozialstrukturellen Merkmalen auch über den Prozess einer Einbürgerung hinweg. Bis 2005 wurden lediglich Migranten statistisch erfasst. Sobald jemand einen deutschen Pass hatte, wurde er in der Sozialstatistik gleichsam unsichtbar. Damit wurden aber auch Aspekte der sozialen Ungleichheit, wie Bildungsabschlüsse, geringere Chancen am Arbeitsmarkt, sozialer Aufstieg von einer Generation zur anderen nicht mehr in ihrem Zusammenhang mit den Migrationsprozessen erkennbar. Die Kategorie des Migrationshintergrunds macht seitdem zum einen darauf aufmerksam, dass der Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund in der Gesellschaft deutlich größer ist, als die Zahl der aktuellen Migranten (eingewanderte Ausländer). Zum anderen sind wir in der Lage, die soziale Struktur der eingebürgerten Migranten wie auch der zweiten oder dritten Generation differenziert zu untersuchen. Dabei werden dann auch Fragen der kulturellen Identität, der Familienstrukturen, der religiösen Orientierungen, der Bildungsprozesse und des sozialen und kulturellen Wandels in den Migrantenmilieus erkennbar. Ich habe bereits oben (Nr. 32) daraufhin gewiesen, dass die amtlichen deutschen Statistiken voller Fehler und Blindstellen sind, da es eine Reihe von thematischen Tabus gibt. Dazu gehört etwa, dass Religion nicht erhoben wird. Eine Folge der religiösen Verfolgung im NS. Ob ein Bürger mit Migrationshintergrund allerdings sozial benachteiligt ist oder im Alltag mit Vorurteilen zu kämpfen hat, ist jedenfalls nicht vom Begriff des Migrationshintergrunds in der Sozialstatistik abhängig. Die sozialen Probleme und Ungleichheiten im Gefolge der Migration enden weder durch den deutschen Pass, noch durch den Verzicht auf den Begriff Migrationshintergrund in der Statistik. Im Umkehrschluss sind fehlende Partizipation und soziale Ungleichheitsstrukturen von Migranten in Deutschland aber auch nicht ein bloßes Resultat von Rassismus oder struktureller Ausländerfeindlichkeit. Die Migranten bringen eben ihre sozialen Strukturen, ihre Sozialisations- und Bildungsprozesse, ihre kulturellen Traditionen, ihre Geschlechterordnung und familialen Lebensformen mit nach Deutschland und reproduzieren sie hier oft über lange Zeiten. Diversität ist dabei noch kein Qualitätsbegriff. Der Begriff Migrationshintergrund ist mithin kein Stigma, das einem Migranten ungeachtet aller Partizipation im Aufnahmeland anhaftet. Er verweist vielmehr darauf, dass Migration ein langfristiger, vielfach generationenübergreifender und problembehafteter Prozess ist, der in allen Gesellschaften konflikthaft verläuft.

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in-teressant! 03.06.2018, 10:41
174. Ich hab auch Migräne

Die "Bombe" der Autorin ist gar keine, denn der Begriff Migrationshintergrund ist soziodemografisch sehr weit gefasst - Menschen, die selber oder von denen ein Elternteil nicht in Deutschland geboren sind - und lässt mitnichten den Schluss zu, Personen mit ausländischen Wurzeln stellten die Mehrheit in Deutschland. Nach der offiziellen Begriffsdefinition habe auch ich einen Migrationshintergrund, da ich im Ausland geboren und aufgewachsen bin. Trotzdem bin ich "Biodeutscher", weil alle meine Vorfahren, soweit sich dies zurück verfolgen lässt, in Deutschland lebten bzw. leben und Deutsche waren/sind.
Entscheidend ist sowieso das Zugehörigkeitsgefühl, und das speist sich aus der kulturellen Prägung. Das sieht man aktuell an den Fußballern Özil und Gündogan: Beide haben ausschließlich einen deutschen Pass, und trotzdem sind sie durch ihren türkisch-stämmigen Hintergrund dermaßen durch die türkische Kultur geprägt, dass sie sich sogar mit dem menschenverachtenden Despoten der Türkei fotografieren lassen und sich von diesem bis heute nicht distanziert haben.

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skywalker2411 03.06.2018, 10:48
175. Etwas verstörend

Die Autorin schreibt: "Die frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland, sie können einpacken. Das Spiel ist längst verloren." Geht es hier um einen Wettkampf und wenn die Menschen mit Migrationshintergrund die Mehrheit stellen haben sie gewonnen? Seltsame Betrachtungsweise. Das ist doch dann wieder Öl ins Feuer gießen, für die die immer von Umvolkung faseln. Also völlig kontraproduktiv. Darüberhinaus hilft es auch nicht die Statistik "klein zu rechnen" davon ändert sich die reale Situation für Deutschtürken in keiner Weise.

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TimurB 03.06.2018, 10:51
176. Ich bin ein Migrant

In Deutschland geboren, Muttersprache (wörtlich) Deutsch, deutscher Pass, kulturell in der Aufklärung und dem Ruhrgebiet verwurzelt, ein eher kritischer Bezug zum kleinasiatieschen Kulturkreis (sofern überhaupt vorhanden), Erdoganbegeisterte halte ich für kulturell in Deutschland eher gescheitert (kann man aber auch für AFD Begeisterte spekulieren), genau ein Mal im Leben Urlaub in der Türkei gemacht, die türkische Sprache erkenne ich wie alle "Fremdsprachler" nur am typischen Klang.

Aussage eines türkischen Kellners im Urlaub: "Dein Vater ist Türke, Du bist Türke!"
Aussage der Migrationsstatistik in Deutschland: "Dein Vater ist Türke, Du bist Deutschtürke!"

In dem Punkt scheinen Türken und Deutsche sich also einig: (Vater)Blut ist Blut, und die Mutter zählt eher nicht.

Aussage meiner engeren und weiteren Umgebung nach der Geschichte, dass ich als Deutscher mal auf Grundlage meines Namens von der Stadt Gelsenkirchen nach einer Duldung/Aufenthaltserlaubnis/Arbeitserlaubnis gefragt wurde: "Ach, Du siehst überhaupt nicht türkisch aus (und Dein Verhalten und kulturelles Gebaren gibt auch keine Hinweis darauf "anders" zu sein)?!"

Wir halten also fest: Ich bin so selbstverständlich deutsch (und Europäer), wie man als hier geborener und kulturell geprägter nur sein kann. Statistisch scheine ich aber wohl weiterhin einen Migrationshintergrund zu genießen?! Interessante, aber in meinem Fall völlig nutzlose Kategorisierung.

In den 70er Jahren musste meine Mutter noch eine offizielle Urkunde beantragen, die mich zum Deutschen machte. Damals wurde man wohl sonst noch automatisch der Nationalität des Vaters (oder ausländischem Elternteil?) zugeordnet.

Es wird Zeit für ein echtes Einwanderungsrecht in Deutschland. Seit Jahrzehnten drückt man sich davor, um Einwanderung als ein echtes Phänomen zu "legitimieren", statt dessen wird gewurschtelt. Das führt dann auch dazu, dass nicht nur positive, sondern auch negative Einwanderungseffekte schlecht abgehandelt werden. Wer versucht in Kanada, USA oder Australien einzuwandern bzw. sich einzubürgern, der weiß *vorher* genau, was zu tun ist und muss dann durch die Verfahren durch. In Deutschland beibt das wohl schwammig, oder kann mich da jemand aufklären?!

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hanstreffer 03.06.2018, 11:03
177. Das ist ein alter Hut

Ich erinnere mich an ein Buch, in dem dargestellt wurde, dass der Migrationshintergrund eingeführt wurde, um Fördergelder verteilen zu können. Das ist bis heute der Kern. Dass dieses Kriterium sinnlos ist spielte dabei keine Rolle.

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paulpanther5 03.06.2018, 11:23
178. Alle, die behaupten

das Vertrieben und Aussiedler keine Migranten sind, sollten mal wieder die Berichte über die Nachkriegszeit lesen. Gerade hier im Spiegel waren vor Kurzem interessante Berichte dazu zu lesen. Da wird geschildert, wie die Vertriebenen im Westen sehr wohl als störend und vor allem auch als kulturell anders empfunden wurden, und nur zögerlich im Lauf der Jahre integriert wurden. Nicht anders als mit den heutigen Einwanderern.

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derHamlet 03.06.2018, 11:37
179.

Zitat von fördeanwohner
Ja? Ich habe Freunde und KollegInnen, die türkische Wurzeln haben, auf die das ebenfalls zutrifft. Und ich sehe die nicht als Individuen einer Gruppe, obwohl sie es sind. Ich gehöre auch in mindestens eine Gruppe, wie jede/r andere auch. Mich wundert es, dass hier so ein Gewese gemacht wird, weil der Begriff "Migrationshintergrund" für mich nichts Negatives beinhaltet. Und "Ausländer" trifft es nun einmal nicht, wenn man jemanden beschreibt, der seine/ihre Wurzeln woanders hat, und dieses eben irgendwie wichtig ist. Sie können ja einfach so tun, als gäbe es keinerlei Situationen, in denen es wichtig sein könnte. Jedoch tut man Menschen mit Migrationshintergrund damit keinen Gefallen, wenn sie eben aufgrund dieses Hintergrundes Probleme hier in Deutschland haben. Mehrmals habe ich bereits darauf verwiesen, dass ich mit Kids zu tun habe, bei denen das der Fall ist. Die sind sogar in Deutschland geboren und können trotzdem nicht vernünftig Deutsch, so dass sie in der Schule benachteiligt sind. Bereits jetzt wird zu wenig Rücksicht darauf genommen, wohl auch, weil man so denken möchte, wie Sie es tun. Das hilft den Betroffenen aber nun einmal nicht. Das Ignorieren von Anderssein und der damit verbundenen Probleme hat ja gerade erst dazu geführt, dass es für viele Menschen mit Migrationshintergrund so schwierig ist, dieselben Chancen wahrnehmen zu können, wie es der durchschnittliche Deutsche ohne Migrationshintergrund können.
Guten Morgen fördeanwohner,

mir ist es völlig schnuppe, wo ein Mensch seine Wurzeln hat, oder ob er gut oder schlecht eine Sprache beherrscht, oder einen Hintergrund hat.

Wichtiger für mich ist, ob er ein umgänglicher Mensch und ein angenehmer Zeitgenosse ist und mir meine Wertvorstellungen und somit meine "Wurzeln" lässt.

Gefährlich wird es, wenn Menschen sich einen politisch Denkenden als Anführer wählen, der genau solches Gruppendenken bedient und andere "Gruppen" etikettiert, deshalb gibt es für mich keine "Situationen, in denen es wichtig sein könnte" in ein solches Denken zu verfallen.

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