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Bürgertum und Rechtsruck: Sie taten liberal
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Der Mittelstand sah dem Aufstieg Hitlers tatenlos zu - heute geifern die Rechten wieder. Und das Bürgertum? Schweigt und versagt abermals.

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info@buch-perl.de 22.05.2016, 21:28
60. Reales Kino statt reales Leben

Was ich hier lesen muss, belegt Herrn Diez auf´s Erschreckendste und es ist noch schlimmer. Weil, ist ja alles gar nicht so. Ist ja alles gar nicht so schlimm. Die von Diez angeführten Beispiele, die er über viele Seiten ergänzen könnte, ohne sich bzgl. seiner voherigen Kolumnen wiederholen zu müssen, treffen hier nicht nur auf "feines Schweigen", sondern auf aktive Verharmlosung. Das ist nicht mehr "tatenlos", das ist mehr als "die ganz grundsätzliche Verweigerung, menschliche oder humanitäre Gesichtspunkte zu relevanten Argumenten in der Diskussion um Grenzen und Flüchtlinge zu machen." Darum geht es dem Dresdner AfD-Richter, der NPD, den Bürgerwehren in Dänemark und anderswo, den Polen, der AfD, der FPÖ ... nur als Mittel zum Zweck. Sie alle erhalten zur Zeit Macht, die sie mit allen, auch undemokratischen, Mitteln behalten wollen. Sie sind internationaler als damals. Sie sind besser vorbereitet als damals. Sie sind cleverer als damals. Sie sind gefährlicher als damals. Flüchtlinge lassen sich in dieser Atmosphäre
In Österreich herrscht seit heute "die neue Realität". Selbst wenn Van der Bellen mit einigen wenigen Briefwahlstimmen gewinnen sollte, hat, im zweiten Wahlgang, Irrtum ausgeschlossen, die Hälfte einen rechtsradikalen Kandidaten gewählt. Diese Wähler wissen alle ganz genau, dass sie rechtsradikal gewählt haben. Sie mögen das Wort nicht, aber sie mögen, was dazu gehört. Sie wissen, wohin das führt und sie haben nichts dagegen. Die einen warten aktiv, die anderen mit "feinem Schweigen" auf herrlich gruselige Zeiten der Rache. Sie glauben, dass die nur für andere schrecklich sein werden.

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info@buch-perl.de 22.05.2016, 21:41
61. # 61

Zitat von info@buch-perl.de
Sie sind gefährlicher als damals. Flüchtlinge lassen sich in dieser Atmosphäre In Österreich herrscht seit heute "die neue Realität".
Ergänzung: Flüchtlinge lassen sich in dieser Atmosphäre unschwer durch Anderes, Andere ersetzen.

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mami2 22.05.2016, 21:43
62. AFD ist NICHT NSDAP

Herr Diez, es bringt die Gesellschaft einfach nicht voran, wenn man sie zu eindimensional sieht. Es geht nach hinten los, wenn man jeden, der einem nicht passt gleich in die extremste Ecke stellt. Man muss die AFD absolut nicht mögen, aber wenn die AFD weg ist, wird wieder (fast) genauso über die CSU geredet, die Grüne Jugend redet genauso über eigene Leute (Boris Palmer) etc. Diese Dauerlauer, wo die nächste NSDAP aufpoppt ist einfach unsinnig und stumpft nur immer mehr Leute ab, statt wirklich zu sensibilisieren.

Will man wirklich weltoffen sein und mal über den kleindeutschen Tellerrand hinausschauen, sieht man glaube ich, dass in anderen Teilen der Welt eine ganze Schippe mehr an Intoleranz, dumpfem Nationalismus und durchaus auch Faschismus unterwegs ist - z.B. in vielen Ländern, aus denen jetzt viele Menschen zu uns kommen.

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HHLO 22.05.2016, 21:48
63. Kurz und schmerzlos

Das liberale Bürgertum hält gerade die Luft an, in welche Richtung das Goldmäntelchen wohl bald gehängt werden soll: Österreich zuerst.

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gellegelle 22.05.2016, 21:59
64.

Zitat von HHLO
Das liberale Bürgertum hält gerade die Luft an, in welche Richtung das Goldmäntelchen wohl bald gehängt werden soll: Österreich zuerst.
Sie meinen wohl das wirtschaftsliberale Bürgertum. Das hat es aber nicht mehr nötig, sein Mäntelchen irgendwohin zu hängen, weil es mittlerweile nämlich den Wind selbst macht.

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tullrich 22.05.2016, 22:00
65.

Zitat von karlheinz-hesse
Jetzt haut es doch den Fass den Boden raus. Welche Probleme gehen in den linken Köpfen um? Die Weimarer Republik war Demokratisch. Die Goldenen 20er Jahre. Dann kam die Wirtschaftskriese, Arbeitslosigkeit und Verarmung großer Teile der Gesellschaft mit Inflation. Sicher ist unser Bürgertum zu größten Teil, zu Glück Demokratisch eingestellt. Deshalb ist auch jeder Demokrat aufgerufen, dass die AFD und Pegida in diesem Land nicht mehr hoch kommt. Schönen Sonntag noch.
Die Weimarer Republik war leider nicht demokratisch. Nach 1919 hatten die Parteien, die die Weimarer Republik gegründet und ihre Verfassung geschrieben hatten, bei _keiner_ Wahl mehr eine Mehrheit im Parlament. Nicht nur erst 1933 nicht mehr... Parteien wie die KPD haben sie sogar bekämpft - deren Hauptgegner war die SPD.

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Siebengestirn 22.05.2016, 22:12
66. Reden ist manchmal Gold!

Herr Diez reiht Tatsache an Tatsache, erinnert an Fritz Stern und stellt dann mehr als berechtigte Fragen. Wenn man dann hier viele Beiträge, insbes. die längeren liest, wird sehr deutlich, wie recht er hat! Mein Vater, ein eindeutiges Mitglied des Bürgertums der Weimarer Zeit, hat auf meine Fragen nach seiner damaligen politischen Untätigkeit, geantwortet: Ja, was sollten wir denn Tun?

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Spiegelkritikus 22.05.2016, 22:13
67.

Zitat von Baal
Auszug aus einem Wahlplakat vor der Wahl 1933: "Die "NSDAP" ist die einzige Partei Deutschlands, die der Elitenherrschaft den Kampf angesagt hat und wirklich demokratische Verhältnisse schaffen will". Zitat Ende. Kommt ihnen das bekannt vor?
Dieses Wahlplakat kenne ich nicht, das spielt aber auch gar keine Rolle.

Schon Platon hatte erkannt, daß Demokratie eine sehr labile Regierungsform ist, die ständig Gefahr läuft, in Oligarchie und Plutokratie zu degenerieren. Genau mit dieser Problematik sind wir auch heute wieder konfrontiert, was leider noch viel zu wenige Bürger erkennen.

Wer mein zahlreichen Kommentare seit 2010 kennt, der weiß, daß ich immer freigeistiger linker Demokrat war, wobei die Betonung auf Demokrat liegt. Daher wende ich mich inzwischen trotz mancher Vorbehalte (Wirtschafts- und Sozialpolitik) jener Partei zu, die sich für echte Demokratie einsetzt.

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Aberlour A ' Bunadh 22.05.2016, 22:15
68. Natürlich war das Bürgertum schuld

Zitat von rugall70
Natürlich. Das Bürgertum war schuld. Wie immer. Am besten das reiche Bürgertum! - Die feinen Salon-Sozialisten wie Diez (selber durch und durch bürgerlich) sind unfähig, auch mal den Anteil der Arbeiterschaft zu sehen. Die NSDAP war, auch das ist eine historische Wahrheit, zuallererst eine Arbeiterpartei. Und die Schlägertrupps der SA waren zutiefst proletarisch. Das waren im Wesentlichen brutale Arbeitertypen. Aber der Arbeiter kommt bei den feinen Sozialisten natürlich immer nur als Opfer vor; nie als Täter. Schuld ist selbstverständlich der Bürger. Und wenn der Bürger nicht selber die Hand am Abzug hatte, dann hat er sich durch Schweigen schuldig gemacht. Warum, lieber Herr Diez, nehmen sie nicht mal ihre Klassenkampf-Brille ab? Dann sehen Sie die Dinge vielleicht etwas klarer.
Erstmal sollten Sie selbst die Dinge klarer sehen. Die NSDAP war von Anfang an eine antirepublikanische und völkisch-antijüdisch ausgerichtet Blut und Boden-Partei. Die Ausweisung - besser Entfernung - von Ausländern aus dem "deutschen Volkskörper" sowie das gleichzeitige Verbot nichtdeutscher Einwanderung stand ganz oben auf der Agenda, schon zu Beginn der Aufbauphase der Partei. Und hier werden die Parallelen zu Herrn Diez Einlassungen für die Situation von heute geradezu handgreiflich - zumindest wenn man die PEGIDA-Bewegung als eine Bewegung der Geistesverwandtschaft zumindest in Ostdeutschland einbezieht. Dagegen war die soziale Bewegung in der zweiten Hälfte des 19- Jahrhunderts - aus denen sich dann die originären Arbeiterparteien entwickelten von Anfang an eine auf INTERNATIONALITÄT ausgerichtete Bewegung. Natürlich richtete sich auch die NSDAP an die DEUTSCHE Arbeiterschaft - alles andere wäre vor dem Hintergrund der völkischen Ausrichtung auch nicht logisch. Aber deswegen war die NSDAP keine Arbeiterpartei. Im Gegenteil. Sonst hätte der nationalkonservative Mediemogul und Rüstungsindustrielle Alfred Hugenberg, nebenbei im Präsidium des Spitzenverbandes der industriellen Unternehmerverbände, kaum einer der entscheidenden "bürgerlichen" Wegbereiter des Nationalsozialismus werden können. Ohne die rechtspopulistische Propaganda von Hugenberg - der einen Medienkonzern führte, der immerhin gut 50% der damaligen Presselandschaft kontrollierte - wäre der Aufstieg der Nazis in der Weimarer Republik so kaum möglich gewesen. Bei der Machtergreifung standen die "Bürgerlichen" schlussendlich Spalier - außer einer bekannten Arbeiterpartei.

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jam_butter_problem 22.05.2016, 22:22
69. Wider dem Relativismus

Ich denke gerade das Herausstellen einer gewissen unreflektierten relativistischen Grundhaltung trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist als wären politische Bildung und Diskussionen nur auf ein ausbalancieren von Meinungen aus, statt Argumente auszutauschen, um eben jene wirklichen Diskussionen zu vermeiden. Und dann kommt es eben dazu, dass sich bestimmte, meiner Meinung nach, gefährliche Tendenzen in der Durchschnittsdebatte manifestieren. Dazu kommt noch, dass Rationalität erstaunlich an Bedeutung verliert. Ich lebe derzeit in London und erlebe daher derzeit die Brexitdiskussion recht intensiv. Das letzte Highlight war unser ehemaliger Bürgermeister, Boris Johnson, der sich dazu verstieg zu behaupten, dass der Versuch Europa in einer Art neuem römischen Reich zu vereinen (!) schon bei Napoleon und Hitler zu finden sei. Ich betone nochmals: zu vereinen! Da wird einem doch schlecht! Und was machen führende britische Medien (insb. BBC)? Nichts! Da wird einmal beim Studiogast aus dem gleichen Lager nachgehakt, der verweist auf Johnson's expertise als Historiker (er hat einen durchschnittlichen Bachelor in Klassik und Philosophie, nicht Geschichte) und dann geht's zur nächsten Frage. Und das ist kein Einzelfall. Wahres und ausgedachtes wird zunehmend gleichwertig behandelt und eine Beurteilung findet nicht statt. Und der Verweis auf soziale Missstände reicht mir nicht. Objektiv betrachtet ging es uns noch nie so gut! Die europäische Aufklärung wird derzeit abgewickelt - aus politischer Langeweile? Ihr werden Freiheit und Pluralismus folgen. Es ist ein Stück weit wie in einem späten Dostojevski Roman. Es kann einem nur Angst machen!

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