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Chinesische Gegenwartskunst: Der Anti-Ai Weiwei
Chen Chenchen/ MO-Industries/ Migrant Bird Space

Kunst aus China ist in Deutschland gleichbedeutend mit Ai Weiwei. Es geht aber auch anders. Das zeigt die erste Solo-Ausstellung des Nachwuchskünstlers Chen Chenchen in Berlin.

BrunoGlas 16.06.2018, 21:00
1. Vergleich mit Ai-Wei-wei hinkt etwas

Ob Maximilian Kalkhof dem chinesischen Jungkünstler Chen Chenchen einen Gefallen tut, wenn er ihn im Opening des Artikels in Antiposition zu Ai Wei-wei bugsiert und so auf die Kunstwelt loslässt, wage ich zu bezweifeln. Letztlich ist es doch Allgemeingut, dass Ai Wei-wei seine Karriere aus einer höchst politischen Position heraus startete und sich fast jedes biografisches Ereignis aus der unmittelbaren Konfrontation mit den politischen Gegebenheiten entwickelte. Dies sind die typischen erzählerischen Stränge bei Ai-Wei-wei, die sich durch alle seine Werkgruppen ziehen.

Chen Chenchen, jedenfalls, gehört zur neuen Generation von chinesischen Künstlern, die im Kontext moderner digitaler Medien aufgewachsen sind und auf die existentiellen Brüche der rasant wachsenden Stadtgesellschaften Chinas durchaus ein wachsames Auge werfen, aber ohne in ihrem Wirken direkt politisch zu sein.
Dies zeigt er in durchaus krassen Bildern, auch in Spiegelung seiner eigenen Biografie, etwa in einem performativen Video, wo sein Kopf in einem mit Wasser gefüllten Glasbehälter steckt. Die Räumlichkeit des optischen Glas-Wasser-Elements verzerrt hier sein Gesicht bis ins Unendliche, gibt ihm etwas kosmonautisches, sodass diese krasse Ästhetik einen monumental filmischen Charakter erhält.
Die Bildgewalt existentieller Eindrücke setzt sich fort in einer slapstickhaften Wasserturm-Absturz-Komödie, die als Fotoreihe und als Video-Bodenprojektion gezeigt wird. Bei allen diesen Eindrücken hat man als Betrachter das Gefühl, einer völlig neuen existentiellen Wirklichkeit gegenüber zu treten, wie sie nur von Repräsentanten der asiatischen Stadtgesellschaften vorgelebt werden können.

Dennoch, die Ausstellung erschöpft sich nicht nur in diesen höchst erfinderischen Werken, einige Objekte kippen wiederum regelrecht ins triviale ab, etwa ein Patronengurt, gefüllt mit rosafarbenen Patronen aus Weichsilikon, oder bewusst dilettantisch gemalte Bilder. An dem Punkt erschöpft sich unweigerlich der künstlerische Furor, fängt an, sich selbst zu zitieren, Motto: hier bin ich, der geniale Künstler, ich erobere die Welt.

Berlin ist voll von solchen jungen Künstlern, die irgendwo toll sind, denen aber immer die Luft ausgeht. Umgekehrt ist Berlin voll von Galeristen, die unbedingt am Markt reüssieren wollen, denen aber wohl das Gefühl für Zeit und Dauer fehlt, die es wirklich braucht, um einen Künstler aufzubauen. Ein Stück dieser Ungeduld und Eile ist der Ausstellung anzumerken, auch wenn sie noch so perfekt arrangiert ist. Dennoch hingehen, es gibt einiges an wirklich guter Kunst zu erleben.

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Knossos 17.06.2018, 12:21
2.

Zu bezweifeln gibt es noch sehr viel mehr.
Etwa, daß sich in einem Milliardenvolk nichts als Kapriolen von Blindgängern auftun sollen.

Dieses "Eigengewächs" ist die nächste Endlosaufwärmung spektakulären Nichtkönnens. Hier Kopie von Kopien der Trivialität als Plagiat aus China.

Aber die Bedeutungslosigkeit absenter Fertigkeit und infantiler Mühens um "Events", welche man nun auch aus chinesischen Kunstakademien entläßt, um modern zu sein, ist nicht was uns hier vorgeführt wird.

Hier geht es um promotende Macht und Beziehungen von Gewerbetreibenden, die sich in der Schickeria lange genug Liebkind gemacht haben, bis ihnen die Weihe zukam, auszuersehen, welche Figuren zu Newcomern auf dem Kunstbazar werden sollen. Signifikant lediglich, daß es bezüglich neuer Erlkönige Progression in der Popularität und Durchlauf etablierter Instanzen gibt, um frühes Investment einträglich werden zu lassen.

Der Reputation und Langlebigkeit von Promotoren dabei zuträglich, wenn keine Meßbarkeit und nachvollziehbare Entwicklung von Geschick anliegt, die erkorene Schützlinge einem Ranking unterwerfen könnte. Daher die Vorliebe für Gimmicks wie von Ai oder Chen, welche ihren Förderern den Anschein einer Gabe im "Aufspüren" unsichtbarer Schöpfung erlauben, die sich erst transzendentaler Genialität intellektuellen Anstrich Suchender und trendbewußter Kundschaft erschließt.

In zynischem Affentheater derweilen untergehend, daß einfältig eitles Possenspiel linkischer Dilettanten und Möchtegern Esprits mit Fonds des Jet-sets unterlegt ist, während Künstler profanen und konkreten Talents mitsamt herausragenden Werks unbesehen in schimmeligen Untergeschossen vegetieren.

Ihr Ausnahmekönnen wird man in ferner Zukunft noch zu schätzen wissen, während evtl. überlebende Macherei der Ais, Chens, Richter, Baselitz und wie sie so heißen ausgestellt wird, um zu zeigen, welche Idiotie in unserer Zeit vorherrschte, in der wahlloser Kokolores nicht nur gehandelt wurde, sondern im Handelswert alte Meister überrundete.

In der Zukunft echte Sensation, die Betrachter fassungslos verweilen läßt.

Bis dahin möge sich der nächste Warhol bitte im Neoprenanzug auf Kadavern gewilderten Großwilds ablichten lassen, wenn er jemand kennt, der jemanden kennt. Manhattans Kunstmacher warten schon darauf, ihn in den Olymp der Genialen zu erheben.
Bei Einhaltung des PR-Vertrags: Jahreseinkommen von 10 Mio. USD aufwärts und Greencard frei Haus.

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