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Chinesische Philosophie: Herrje, bin ich alt geworden

Schwarzes Loch im Denken des Westens: Der Prozess des Alterns, neue Formen des Terrorismus und*selbst Liebesprobleme sind mit klassisch-europäischer Philosophie schwer zu begreifen.*Der Philosoph Francois Jullien versucht deshalb, fernöstliche Weisheit und westliche Analyse zu versöhnen.

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chri108 26.11.2010, 15:41
1. Westliche und östliche Weltanschauungen - Wissen um die Andersartigkeit

Für praktizierende Buddhisten - wie mich - sind diese Einsichten nicht allzu überraschend. Einerseits hatte der Buddhismus sicherlich Einfluss auf die chinesische Kultur, andererseits war das dynamische Denken der Chinesen bestimmt schon vor Ankunft des Buddhismus grundsätzlich vorhanden.
Erstaunlich ist für mich allerdings immer wieder wie blind Europäer für die Andersartigkeit anderer Kulturen sind. Dabei wird einfach unterstellt, alle seien irgendwie gleich, und damit wird die eigene christliche bzw. physikalistische Sichtweise unbewusst auf alle anderen projiziert. Tiefere Ebenen abseits äußerer Rituale werden nicht wahrgenommen.

Dies führt dann insbesondere mit China und dem islamischen Raum zu krassen Missverständnissen.
Leider liegt dem wohl nicht reine Unwissenheit zu Grunde, sondern vielmehr auch eine Ideologie: kulturelle Unterschiede sollen nivelliert werden, da diese als "ungerecht" empfunden werden. Der erste Schritt dazu ist die Verleugnung der grundsätzlich unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben.

Nur Europäer können darüber hinaus auch der Meinung sein, selbst "keine" oder eine "wahre" Sichtweise zu besitzen. Das einzige, was dabei zu Tage tritt, ist die Unbewusstheit über die Beschaffenheit der eigenen Weltanschauung.

Mit einer solchen sieht jeder die Welt, gefärbt durch die eigene Brille. Bei uns ist inzwischen eine teils christliche, teils physikalistische Sichtweise vorherrschend. Erstere gesteht dem Menschen eine einzigartige Individualität zu (eine "Seele"), dabei verstehen wir mehr und mehr, dass wir meist nach denselben Mustern funktionieren. Außerdem mutet der Hinweis auf einen "Schöpfergott" wie der Versuch an, das Suchen nach einer letztendlichen Ursache zu verhindern. Wen es glücklich macht, nicht darüber hinaus denken zu müssen, dem sei das ja gegönnt. Dennoch sollte eine derartige sachliche Feststellung erlaubt sein.

Die zweite Weltanschauung versteht unser Erleben als Produkt unseres Gehirns und sieht dessen Grundlage in etwas Physischem. Dies ist allerdings auch nicht mehr als ein Glaube, so viel sollte klar sein. Schließlich ist dies eine Vorstellung, die höchst deprimierend ist: alles strebt darin einem letztendlichem Todespunkt entgegen. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen bei uns einen Burnout erleiden!

Hoffentlich lesen viele Menschen solche Bücher und öffnen sich für andere Weltanschauungen. Wir können dabei viel lernen, was unser Leben bereichert und uns vor schweren Fehlern bewahren kann.

Empfohlen sei hierbei "Harro von Senger: Die Kunst der List". Wer etwas über den Buddhismus erfahren möchte, dem lege ich "Lama Ole Nydahl: Wie die Dinge sind" nahe.

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Kurt G 26.11.2010, 15:43
2. R-Modus ein

Zitat von
Ying und yang
Nö. Yin und Yang.
Zitat von
Schon das "I Ging", das über 2000 Jahre alte "Buch der Wandlungen", diente dazu, mit außerordentlicher Präzision die kleinen und großen Verschiebungen nachzuzeichnen.
Nö. Das I Ching (ich erlaube mir die alte Bezeichnung heranzuziehen) bildet die Kosmologie des alten Chinas ab. Der geneigte Leser und Nutzer kann seine eigenen Fragen, Nöte und Erlebnise mit Hilfe des Orakels in den 64 Hexagrammen der allgemeinen Kosmologie wiederfinden. Er findet Anleitung und Hilfe und wird dabei philosophisch unterwiesen.
R-Modus aus.

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Physicker 26.11.2010, 16:15
3. Entweder-oder versus Sowohl-als-auch

Das Sowohl-als-auch ist doch auch im Westen ein alter Hut. So beschrieb doch schon Th.Mann sein Ironiekonzept. Auch an M. Proust ist dabei zu denken, und als Philosophie hat sich hierbei R.Rorty hervorgetan.

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schamanka 26.11.2010, 16:15
4. chinesische Dialektik

"Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht"... Wie hieß gleich dieser chinesische Philosoph?
Welle-Teilchen-Dualismus; beides nicht separierbat als solches, beides eins und doch nicht eins... wer war gleich dieser große chinesische Wissenschaftler?
"Umschlag einer (allmählichen) Anhäufung von Quantitäten in eine neue Qualität" ... irgendwann bemerke ich meine Hängebacken, die ich früher nicht hatte und die doch keine Sprungmutation sind... war Hegel Buddhist?

Als lebensmoralische Hilfe, als praktizierter Alltag ist chinesisches Denken in all seinen Facetten sicher faszinierend. Und anders als gegenwärtiges europäisches. Es ist so ja wohl auch viel älter. Aber diese Polarisierung von westlichem und östlichem Denken per se scheint mir eher der marktgerechte Aufhänger für den Absatz der Publikation zu sein. Ich erinnere mich an meinen Philosophielehrer, einen Sinologen, der in einer äußerst interessanten Vorlesung begründete, warum Philosophie in Griechenland entstanden sei und nicht im Osten. Dazu gehörte ein Verständnis, das Philosophie als Wissenschaft begreift, die den Kosmos mitsamt der menschlichen Gesellschaft als Erkenntnisobjekt setzt und nicht als Sphäre, in die über Meditation einzugehen das helfen soll, was im Osten als Philosophie verstanden wurde. Anders: Das Buch ist bestimmt spannend und hilfreich, weil der Verfasser konkrete lebenspraktische Kenntnisse des west-östlichen Diwans erworben zu haben scheint. Aber bei vorschnellen Polarisierungen sollte man doch ein wenig die gute alte Dialektik berücksichtigen, die in der DDR zwar als Dogma gelehrt, aber wenigstens nicht vergessen wurde. Denke ich mal.

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waldemar.l. 26.11.2010, 16:17
5. Falls das Buch...

...genauso geschrieben ist wie der Buchtipp von Ariadne von Schirach lohnt sich das Warten.

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hubert_hummel 26.11.2010, 16:48
6. Wandel

Neue Formen des Terrorismus? Als wenn die False-Flag-Attacks der Amis nicht ein ganz alter Hut wären!

Aber den "Wandel" hat der Westen noch vor sich, wie die Sowjetunion vor 25 Jahren - die Frage ist nur, ob es sowas auch in China geben wird, denn vielleicht sind die durch ihren kontinuierlichen Mini-Wandel davor geschützt (wie auch dadurch, dass sie seit 45 Jahren aus Prinzip keine anderen Länder mehr überfallen).

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schna´sel 26.11.2010, 16:50
7. vice versa

Zitat von chri108
Erstaunlich ist für mich allerdings immer wieder wie blind Europäer für die Andersartigkeit anderer Kulturen sind. Dabei wird einfach unterstellt, alle seien irgendwie gleich, und damit wird die eigene christliche bzw. physikalistische Sichtweise unbewusst auf alle anderen projiziert. Tiefere Ebenen abseits äußerer Rituale werden nicht wahrgenommen. Dies führt dann insbesondere mit China und dem islamischen Raum zu krassen Missverständnissen.
Aber das gilt doch im gleichen Maße umgekehrt auch. Allein wenn man sich die Reaktionen der Chinesen auf die aktuelle Verleihung des Friedensnobelpreises anschaut muss man doch konstatieren, dass die überhaupt keinen Schimmer zu haben scheinen von der Unabhängigkeit solcher Institutionen in Bezug auf einer zentrale autoritäre Instanz. Die "ticken" einfach ganz anders als wir. Ebenso dieser ganze unselige Karikaturenstreit und die Reaktionen staatlich autoritärer islamistischer Instanzen. Und auch der aufgewiegelten Bevölkerung.
Wenn man also solche Wertungen abgibt, dann sollte man berücksichtigen dass auch fremdartige Sichtweisen auf die Existenz und das Sein lediglich Standpunkte sind, die relative Positionen, inklusive Dogmatismus und Unfreiheit hervorbringen und nicht nur deswegen näher an dem dran sind was wirklich ist weil sie anders sind.
Und leider ist es ja gerade so, dass die Chinesen zwar einen riesigen Schatz an uralter Weisheit besitzen, der ihnen aber nicht mehr zu bedeuten scheint als Folklore und Potential für ihre Tourismus Industrie. Der Taoismus zum Beispiel, der in China im ZEN eine ganz eigene Verbindung mit dem Buddhismus eingegangen ist. Und der wie dieses dort praktisch nur noch ein Schattendasein führen darf. Weil die Chinesen sich lieber darin üben, dieselben Fehler zu wiederholen, die ihnen der Westen jahrzehntelang vor gelebt hat.

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doudo 26.11.2010, 17:17
8. Phantasie

Zitat von chri108
... Die zweite Weltanschauung versteht unser Erleben als Produkt unseres Gehirns und sieht dessen Grundlage in etwas Physischem. Dies ist allerdings auch nicht mehr als ein Glaube, so viel sollte klar sein. Schließlich ist dies eine Vorstellung, die höchst deprimierend ist: alles strebt darin einem letztendlichem Todespunkt entgegen. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen bei uns einen Burnout erleiden! ...
Was soll daran so deprimierend sein, dass wir alle einmal sterben werden? Es ist doch eine reichlich anmaßende Vorstellung zu denken, dass wir ewig leben werden. Kein Tier würde auf so eine Idee kommen außer dem Menschen. Die anderen Tiere sind halt praktisch veranlagt und haben weniger Phantasie..

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jot-we 26.11.2010, 22:13
9.

Hört sich an, als wär's ein grosser philosophischer Haufen Sch...dreck.
Und käme demnach auch nicht aus dem Merve- sondern dem Merde-Verlag.

Sicherlich tu ich jetzt dem netten Herrn Jullien Unrecht - dafür ist diese Buchbesprechung aber einer der seltenen Fälle, in denen der Überbringer der Botschaft völlig zu Recht bestraft werden müsste ...

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