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Der Fall Relotius - diskutieren Sie hier!

SPIEGEL-Reporter Claas Relotius hat in großem Umfang Artikel gefälscht. Durch Recherchen des SPIEGEL-Kollegen Juan Moreno erhärtete sich der Verdacht gegen Relotius, der Fälschungen zugegeben hat. Der Vorgang legt auch Lücken und Fehler in den Sicherungssystemen des SPIEGEL offen. Andere Medien sind ebenfalls betroffen. Was ist Ihre Meinung?

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k.petersen 21.12.2018, 20:33
20. Ich find's gar nicht so erstaunlich

Wie hat Herr Moreno zutreffend geschrieben? "Menschen lügen". Nein, ich möchte nicht in das über den Atlantik hinüber schwappende Gefasel um "Fake-Media" und "Lügenpresse" einstimmen. Aber dass DER Journalismus in Deutschland bislang blütenweiß gewesen wäre, lässt sich nun auch nicht behaupten. Eben erst hat die leider immer noch auflagenstärkste Tageszeitung mit ihrer Weihnachtskarten-Story Halbwahrheiten verbreitet. Und wer am Kiosk nach "dem Lügenblatt" fragt, bekommt ohne Rückfrage was? Genau. Der Rest des Boulevards ist nicht besser. Und von den Geschichten- und Gerüchte-Erfinderinnen und -Erfindern der Yellow-Press möchte man gar nicht erst anfangen. Da ist das Risiko, von Stars und Adligen und solchen, die sich dafür halten, verklagt zu werden, einschließlich Schadensersatzleistungen schon von vornherein mit eingepreist. Und wer gesteht eigentlich dem gescripteten Mist der Privatsender auch nur einen geringen Anspruch an die Wahrheit zu?

In den Redaktionen der "normalen" Tageszeitungen, der Lokal- und Regionalpresse, grassieren längst Sparwut und Unterbesetzung. Da sind heute zwei, drei Redakteure für ein Gebiet zuständig, für das früher der zehnfache Personalschlüssel galt. Von so etwas wie Lektorat oder Dokumentation wie beim "Spiegel" können die nur träumen. Da werden, wenn überhaupt, gerade noch die gröbsten Rechtschreib- und Grammatikfehler aus den Texten der "freien" Mitarbeiter getilgt, die mit etwas Glück so eben volljährig sind. Dünn drüber, Schlagzeile und ab in den Druck...

Der Markt ist eng geworden. Heute findet ein Nachwuchsjournalist eher im heimischen Garten einen mittelalterlichen Münzschatz als eine Festanstellung bei einem Zeitungsverlag. Da ist die Versuchung groß, sich mit unlauteren Mitteln Vorteile zu verschaffen, auf sich aufmerksam zu machen. Eine kleine Handvoll prämierter Aushängeschilder benötigen die Verlage ja doch noch, auch wenn sie am liebsten nur noch mit unterbezahlten "Freien" arbeiten, um Auflagenrückgänge und Rückgang des Anzeigen- und Rubrikengeschäftes zu kompensieren. DAS ist der Boden, auf dem Blender und Hochstapler wachsen!

Egon Erwin Kisch fand einst, nicht sei erregender als die Wahrheit. Doch die ist relativ. Beim einen Medium weniger, beim anderen mehr.
So erstaunlich ist das alles gar nicht. Leider.

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Fussel2107 21.12.2018, 20:37
21.

Zitat von sgbhd
ein begnadeter Schreiber, dessen Artikel mir fast alle in Erinnerung geblieben sind. Wegen der Leichtigkeit, der Empathie trotz schwerer Themen. Das jeder Journalist auch Tatsachen mit seiner Coleur"verfärbt" , ist mir sehr bewusst- ich lese nicht nur den Spiegel. Und beim selben Berichtsobjekt und richtig wiedergegebenen Sachverhalten entstehen immer wieder total abweichende Artikel. Ich fühle mich jetzt zwar getäuscht, da ich diese Berichte nicht in anderen Zeitschriften oder Medien gegenlesen konnte. Böse bin ich nicht. Die Artikel waren einfach zu gut. Wichtig ist die Aufarbeitung in Zeiten von fake news, und die selbstverständliche Akzeptanz von offensichtlichen Lügen. Trotzdem wünsche ich Herrn Reloitius, dass er weiter schreiben und veröffentlichen kann.
Der Mann ist ein begnadeter Schreiber, ein genialer Stimmungsmaler. Er versteht es wahnsinnig gut, Emotionen hervorzurufen. Er ist einfach nur ein schlechter Journalist.

Nen Krimi von ihm würde ich wohl ohne zu zögern lesen.

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gracie 21.12.2018, 20:46
22. Shit happens...

...und dagegen ist niemand gefeit. Augen zu und durch, richtig aufräumen und mit Demut wieder anfangen. Perfektion ist mir höchst suspekt, immer.
"Unser grösster Ruhm liegt nicht darin, niemals zu fallen, sondern jedesmal aufzustehen, wenn wir gescheitert sind."
Konfuzius

Ein grosses Plus für den Spiegel: Wenigstens hat es die Redaktion selbst publik gemacht und unternimmt auch etwas dagegen. Was man von vielen Blättern nicht behaupten kann. Manche veröffentlichen Lügen bewusst und sind auch noch stolz darauf.

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gracie 21.12.2018, 20:52
23.

Zitat von sven.kex
sie z.B. nicht gefragt haben, ob Claas R. (Ich meine, dem Reporter steht das gleiche Recht zu wie einem Mörder: dass sein Name nicht in Gänze genannt wird) von dem ominösen Schild "Mexikaner raus" ein Foto hat. Wer davon schreibt, muss das belegen können. Und mit dem Smartphone ist so eine Beleg (auch als Gedankenstütze) schnell gemacht. Sie haben nicht nach dem Ticket gefragt, das Claas R. gebucht hat, um die Hinrichtungszeugin zu begleiten. Sie haben nicht den gesunden Menschenverstand walten lassen, als Claas R. von dem wirkmächtigen Buben in Syrien fabuliert hat. Ich habe den Artikel nach dem Teaser überschlagen und mich gefragt, warum der Spiegl nicht eine Rubrik hat: Kurzgeschichte der Woche". Einen besseren autoren als Claas R. würde der Spiegel dafür aber wohl fürs erste nicht finden Ganz wichtig: Der Glaubens- und Gestaltungsgrundsatz des SPIEGELS ist kaputt: (Unterhaltsame) Geschichten, statt Nachrichten. Oder Geschichten als Transportmedien für Nachrichten (seit einiger Zeit eher selten) oder Meinungen (leider immer öfter). Claas R. wird ganz groß rauskommen, als Romanautor, Drehbuchschreiber und Kolumnist. Unter anderem Namen, natürlich. Aber unbestritten ist: der Mann kann schreiben und Fiktion so aufbereiten, dass sie wie "echt" wirkt. Die DOK erinnert mich an die "closed Software", bei dem der Kunde still darauf hoffen muss, das da keine Fehler oder Hintertüren eingebaut sind. Die DOKs müssen künftig transparent arbeiten, und sei es, dass sie auswerfen, welchen Inhalte sie als wahr bewerten. Ich war erschüttert über den Blog-Beitrag der Bürger, deren Stadt Claas R. so schlecht hat dastehen lassen. Da müssen bei den DOKs aber die Ohren geklingelt haben - oder Köpfe gerollt sein. Ich sage Bye bye Spiegel. Mein Mitleidsabo werde ich auslaufen lassen. Vielleicht schau ich ab und noch mal rein. Aber wenn der Spiegel nicht das Unterste zuoberst kehrt, wird er aus der Welt der seriösen Zeitungen verschwinden und wie der Focus oder die Bunte enden.
Claas R. kann schreiben, keine Frage, sollte aber bei Romane und Co bleiben. Als Reporter nicht zu gebrauchen.
Dass man genau weiss wer er ist und was genau er gemacht hat, finde ich richtig, damit er nie wieder und nirgendwo als Reporter unterkommt.

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fred_m 21.12.2018, 21:06
24. Warum nur ?

Ich habe gerade den aktuellen Artikel von Juan Moreno gelesen: "Es war ein Gefühl". Das erklärt sehr gut, warum es so lange gedauert hat, bis der Betrug erkannt wurde.

Bleibt allerdings die große Frage: warum tut ein guter Journalist so etwas ? Reicht die Wahrheit nicht aus, um Preise zu gewinnen ? Was sagt Relotius selbst dazu ?

Nur so nebenbei: schade, dass auch dieser Diskussionsthread wieder versaut wird durch Leute, die jede mögliche und unmögliche Gelegenheit mißbrauchen um sich über "Merkel" und "die Mainstream-Medien" zu beschweren.

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wortgeber_90 21.12.2018, 21:07
25. Sagen, was ist oder das Zusammenspiel von Fake News und Wahrheit

Der Spiegel zitiert auf dem aktuellen Cover Rudolf Augstein mit: "Sagen, was ist."
Der Betrug von Claas Relotius nährt den Verdacht, dass das neue Motto des Spiegels etwa so lauten könnte: "Sagen, was sein muss."

Die Reportagen von Relotius waren für mich Höhepunkte in den Ausgaben des Spiegels der letzten Jahre, insbesondere die Reportage über den Ort Fergus Falls nach der Trump-Wahl.
Als Leser komme ich mir im Nachhinein dumm vor oder jedenfalls für dumm verkauft, die in der Reportage geschilderten Ereignisse, Personen, Stimmungen, usw. als real bzw. wahr eingestuft zu haben.
Der Autor ist ohne Zweifel ein großartiger Schreiber und besonders gut darin, zu liefern was seinen Chefs gefällt.
Leider ein weiteres Beispiel für heutigen Gesinnungsjournalismus, wie er nicht nur im Spiegel vorkommt.

Wer anderen Fake News vorwirft, im Falle des Spiegels sind es viele andere, beispielsweise der oben genannte US-Präsident, muss erst einmal klären inwieweit im eigenen Haus mit Fake News gearbeitet wird.
Vielleicht wäre die Wiedereinführung der von mir geschätzten, ehemaligen Spiegel-Rubrik "Münchhausen-Test" eine Idee wert. In Zeiten von Fake News wächst die Anzahl von Personen mit Münchhausen-Syndrom stetig.
Wichtig wäre die Frage nach den Motiven der Täuschung: inflationär ausgegebene (Nachwuchs-)journalistenpreise und deren Ruhm und geldwert Dotierung? Innerer Erfolgsdruck der Beste seiner Zunft zu sein?
Äußerer Druck des Spiegels die "Wahrheit" zu liefern? Aber was ist Wahrheit überhaupt?

Nun aber genug der Anklage: es gibt wohl wenige Menschen, die nicht auf die eine oder andere Weise im Leben schon einmal betrogen haben. Dabei schließe ich mich selbst nicht aus, wenn auch in kleinerem Umfang.
Abschließend ein Zitat von Albert Camus (zitiert nach: https://de.wikiquote.org/wiki/Albert_Camus): "Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten."

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nizz108 21.12.2018, 21:20
26. Sprechblasen

Ich kann die Worte "Mainstream" und "Gesinnungsjournalismus" nicht mehr hören. Dokumentiert man innerhalb dieser gerade modernen Nebelglocke seine Fehler (wie hier), folgen leider dieselben Pop-Spruchblasen wie beim Unterlassen. Fazit: Diese Pöbeleien sind unabhängig vom Geschehen. Die Egoblase tobt, die grenzenlos dümmliche Beliebigkeit chronisch "unterdrückter" Zensur-Schreihälse genauso, die jetzt überall für die kleine Rache der Enterbten sorgen.

Unter Klempnern, Zahnärzten, Werbern, Journalisten gibt es Fakes. Was wünschen sich diese Millonen neuer Mainstream-Detektoren in ihrem Pauschalgewüte? Dass das Paradies anbricht? Und ab jetzt die "endlich enttarnten Herrschenden" richtig herrschen? Damit in jedem Job dem Ausführenden zur Kontrolle ein Kontrolleur beigestellt wird? Und diesem Kontrolleur ein weiterer Spitzel zugewiesen? Wetten - danach wird wieder "Zensur!" gerufen.

Prüfung ist journalistisch wichtig, Vertrauen nötig, Verlässlichkeit einklagbar, Aufmerksamkeit ein Basic. Aber wenn einer wie Relotius derartig speziell durchrutscht, geht es gar nicht, dass er automatisch von den Berufskritikern als pars pro toto für die gesamte Sparte ausgeleiert wird. Dass genau das passieren würde, war natürlich zu erwarten. Wie vieles in diesem Science-Fiction-Klima gerade.

Die traurige Geschichte vom offenbar stark verwirrten Herrn Relotius ist Symbol eines menschlichen und gesellschaftlichen Dramas. Das jetzt von angeblichen Rebellen gegen A-Z-Willkür sonstwo wieder nur für ihre platte Dramaturgie ausgeschlachtet wird. Das ist kein Problem des Spiegel allein. Sonden auch eins der Hetzer und ihrer Kokons. Der Redaktion hätte ich lediglich vorzuwerfen, dass offenbar keinem der Ressortleiter irgendwann das zum Teil triefende, immer gleiche, windschnittige Strickmuster der Reportagen aufgefallen ist, das man mir bei meiner Ausbildung spätesten mit der dritten Wiederholung um die Ohren gehauen hätte.

Wo ein Strickmuster, da immer auch einer, der strickt. Nicht gut für guten Journalismus. Dass diese Strickmuster zum Teil wie aus dem Leitfaden für Hollywood hiesig klangen - ok, kann passieren. Die Maßstäbe sind überall abgeflacht. Aber dass man Mitarbeitern so eine Ausprägung an soziopathischen Zügen bis hin zur Fälschung gar nicht erst zutraut, mag ich wirklich niemandem ankreiden. Das wertet die Redaktionen für meine Begriffe eher auf.

Man hat derartig gesteigerten Betrug als Mensch schlicht nicht auf der Festplatte. Und Spiegel-Redakteure sind Menschen. Auch wenn man sie jetzt als Quoten-Aliens für alles durchreicht. In Klammern: ...sagt eine Spiegel-Kritikerin. Soviel Fairness muss sein.

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Jan Vermeer 21.12.2018, 21:24
27. Wen juckt's?

Tja, man ist eben einem Betrüger auf den Leim gegangen, na und? Passiert eben. Ist aufgedeckt worden und in spätestens einem Jahr spricht keiner mehr davon.
Ich fand Konrad Kujau auch wesentlich amüsanter. DAS war wenigstens mal ein Skandal.
Und was der Film "Stonk" draus gemacht hat, war noch besser.
Kaum zu toppen.
Also, leckt Eure ...ach, Wunden kann man den kleinen Schnitzer doch nicht mal nennen - und macht weiter.

Daumen hoch!

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veloc 21.12.2018, 21:27
28. "viel Lob für die Schonungslosigkeit in eigener Sache...."

"viel Lob für die Schonungslosigkeit in eigener Sache...." Laut FAZ war es etwas anders "Der Kollege wiederum, der seine Vorgesetzten beim „Spiegel“ offenbar lange vergeblich auf den Erfindungsreichtum von Relotius aufmerksam gemacht hatte, ging „drei, vier Wochen lang durch die Hölle“. , siehe https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueber-die-faelschungen-von-claas-relotius-im-spiegel-15954144.html
Was ist mit der Spiegel-Beschäftigten passiert, die dafür verantwortlich sind?

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cbaisch 21.12.2018, 21:38
29. Dichtung und Wahrheit

ich denke auch, dass der Fehler und der Betrug in uns allen liegt, Relotius hat geliefert, entsprechend der Nachfrage. Mir persönlich ist der erzählende Journalismus zu langamtig, zu betroffenheitstriefend, ich lese schon lange nicht mehr die stimmungsschwangeren Reportagen.

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