Forum: Kultur
Der Fall Relotius - diskutieren Sie hier!

SPIEGEL-Reporter Claas Relotius hat in großem Umfang Artikel gefälscht. Durch Recherchen des SPIEGEL-Kollegen Juan Moreno erhärtete sich der Verdacht gegen Relotius, der Fälschungen zugegeben hat. Der Vorgang legt auch Lücken und Fehler in den Sicherungssystemen des SPIEGEL offen. Andere Medien sind ebenfalls betroffen. Was ist Ihre Meinung?

Seite 47 von 82
ergruender 24.12.2018, 02:42
460. Juan Moreno: Zitat

Artikel von Juan Moreno auf SPON: "Es war ein Gefühl":
ZITAT: "Wer heute einen Claas-Relotius-Text liest, wird sich fragen, wie dämlich der SPIEGEL und all die Preisjurys gewesen sein müssen, um den Unfug zu glauben."

Diesbezüglich habe ich leider noch keine Stellungnahme des Spiegels und der Preis-Stiftungen gesehen! Die Leute, die Relotius mit einem Preis ausgezeichnet haben, sollten nie wieder in einer Preis-Jury sitzen!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
swandue 24.12.2018, 02:52
461.

"Das Märchen beginnt gleich am Anfang, als der Autor schreibt, der Bus nach Fergus Falls rolle auf einen dunklen Wald zu"

Verzeihung, aber wenn Texte so akribisch geprüft werden, wie ich das in den letzten Tagen gelesen habe, dann wäre das aufgefallen. Man kann ja (derzeit, weiß natürlich nicht, ob das Anfang 2017 auch schon so war) sogar Streetview nutzen und mit der Perspektive des Autos "hineinfahren." Ansonsten zeigt die Draufsicht: Unzählbar viele kleine und größere Tümpel im Norden, Osten und Süden von Fergus Falls. Nur im Westen gibt es deutlich weniger Wasser. Kann das Land überhaupt bearbeitet werden? Davon schrieb er nichts?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
duckduck 24.12.2018, 02:57
462.

Zitat von Jan Vermeer
Tja, man ist eben einem Betrüger auf den Leim gegangen, na und? Passiert eben. Ist aufgedeckt worden und in spätestens einem Jahr spricht keiner mehr davon. Ich fand Konrad Kujau auch wesentlich amüsanter. DAS war wenigstens mal ein Skandal. Und was der Film "Stonk" draus gemacht hat, war noch besser. Kaum zu toppen. Also, leckt Eure ...ach, Wunden kann man den kleinen Schnitzer doch nicht mal nennen - und macht weiter. Daumen hoch!
Gefällt mir!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
duckduck 24.12.2018, 03:06
463.

Zitat von cbaisch
ich denke auch, dass der Fehler und der Betrug in uns allen liegt, Relotius hat geliefert, entsprechend der Nachfrage. Mir persönlich ist der erzählende Journalismus zu langamtig, zu betroffenheitstriefend, ich lese schon lange nicht mehr die stimmungsschwangeren Reportagen.
Danke, dass Sie jene Beiträge als "erzählenden Journalismus" bezeichnen. Relotius hatte ich immer nur angelesen. Jetzt kann ich meinen Bekannten sagen, warum: "langatmig und betroffenheitstriefend" bedeutet erzählender Journalismus!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
duckduck 24.12.2018, 03:09
464.

Zitat von Jan Vermeer
Tja, man ist eben einem Betrüger auf den Leim gegangen, na und? Passiert eben. Ist aufgedeckt worden und in spätestens einem Jahr spricht keiner mehr davon. Ich fand Konrad Kujau auch wesentlich amüsanter. DAS war wenigstens mal ein Skandal. Und was der Film "Stonk" draus gemacht hat, war noch besser. Kaum zu toppen. Also, leckt Eure ...ach, Wunden kann man den kleinen Schnitzer doch nicht mal nennen - und macht weiter. Daumen hoch!
Daumen hoch!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ergruender 24.12.2018, 03:18
465. Die Bedenken von Juan Moreno

Auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung gibt es ein Interview von Herr Moreno.: ZITAT: "Die Reportage erschien, ohne dass meine Warnungen irgendwie berücksichtigt wurden."

Der Spiegel sollte eine Reportage niemals veröffentlichen, wenn einer der Journalisten Bedenken hat! Warum hat der Spiegel das getan? Herr Moreno hat sich Sorgen um seinen Ruf gemacht!
Man hätte doch auch zwei getrennte Reportagen veröffentlichen können, oder? Herr Moreno war doch in Mexiko und Relotius war in den USA unterwegs.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Johanna Remi II. 24.12.2018, 03:42
466. Relotius spiegelte das Weltbild "der Branche" und der Großstädter

Relotius wurde deswegen "von der Branche" so geliebt, im eigenen Hause protegiert und von Journalistenkollegen mit Preisen überhäuft, weil er in erster Linie das gefestigte Weltbild eines Großteils der Spiegel-Redaktion und das Weltbild einflussreicher Journalisten exakt gespiegelt hat. Sascha Lobo, Ulrich Fichtner, Anja Reschke, Claus Kleber und Caren Miosga: Dies ist eine Auswahl der Jurymitglieder, die Relotius zwischen 2013 und 2018 mit vier Auszeichnungen des "Deutschen Reporterpreis" bedacht haben.

Das so gerne wiedergespiegelte Weltbild kann schematisch grob so umzeichnet werden: Böser, weißer Trump- /AfD-wählender Mann. Böse, weiße Trump-/AfD-wählende Frau. Weiße, "hängengebliebene", konservative Globalisierungsverlierer - bestenfalls mit Bibel unter dem Arm. Rassistische Hinterwäldler ohne Kenntnis und Interesse von der Welt. Ohne Verständnis für die Sinnesfreuden der Liebe und der Kunst. Versager mit Frust. Der von Weißen verachtetete, gebeutelte, geschundene, ausgenutzte aber doch tapfere und großmütige Flüchtling/Migrant. Die Nazis sind kurz vor der Übernahme der Regierungsgeschäfte. Überall. Quasi-Pogromstimmung wie 1933. Kurzum: Ein Sammelsurium billigster Vorurteile. Ein Sammelsurium aus Hass.

Relotius erlog exakt das Weltbild, das auf soviel Gegenliebe beim Spiegel und "der Branche" stieß. Auf Menschen die im Selbstverständnis ein modernes, urbanes, tolerantes, individuelles, weltoffenes Leben führen. Menschen einer globalisierten Klasse, die in New York, Los Angeles, Chicago, Barcelona, Madrid, Rom oder eben in Hamburg und Berlin leben. Menschen, die nirgends beheimat sind. Es sind Menschen die in einer chaotischen, lauten, schmutzigen, zugemüllten, überteuerten, hektischen Welt in kleinen Wohnungen leben. In einer Welt der Not, Bettler, Obdachlosen, Drogen, Bandenkriminalität und Prostitution. In einer Welt, die Begriffe wie Heimatgefühl, Tradition, Landleben und ein konservatives Familienbild als "rechts" einordnet.

40% der deutschen Bevölkerung lebt hingegen in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern. In Orten die zumeist geordnet, ruhig, sauber und aufgeräumt sind. Hier und da gibt es eine gewisse Kleinkriminalität, in den Ortskernen die allseits bekannten Trinker und in manchem Vereinsheimen fließt zwischen 20 und 23 Uhr mehr Alkohol als in einem halb dutzend Berliner Clubs in einer Nacht. Sicherlich ist es oft etwas spießig, eine uneingeschränkte Weltoffenheit wird als blauäugig und naiv betrachtet. Wer Konservative wirklich kennt, schätzt die GESUNDE, aber eben nicht BEDINGUNGSLOSE Toleranz jener Menschen. Eines ist zumeist klar: In die Stadt und zu den verrückten Stadtbewohnern möchte man höchstens zum Jungesellenabschied oder zum Einkaufen. Es ist eine Welt, in der man nicht leben möchte.

Und genau die Welten prallen im heutigen Journalismus aufeinander. Nur hat die eine dieser beiden Welten nicht einen einzigen Schreiberling und Advokaten auf ihrer Seite. Und die andere Seite versteht nicht im Geringsten was all die weißen, rassististischen, spießigen Hinterwäldler und Landeier denn wohl wollen, obwohl man sich doch schon herablässt und ihnen die Welt erklärt.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ergruender 24.12.2018, 04:24
467. Berufliche Zukunft von Herrn Moreno

Muss sich Herr Moreno wirklich Sorgen um seine berufliche Zukunft machen? In mindestens zwei Kommentaren in dieser Diskussion steht sinngemäss, dass die Branche ihn möglicherweise als "Nest-Beschmutzer" betrachtet. In einem Interview (Webseite der SZ) sagte Herr Moreno sinngemäss, dass er sich Sorgen um seinen Ruf machte, weil in der Reportage für den Spiegel sein Name neben Relotius steht. Er hatte ja herausgefunden, dass Relotius etwas erfunden hat. Seinen Ruf, dass er ein ehrlicher Journalist ist, hat er gerettet! Jetzt muss er sich möglicherweise trotzdem Sorgen um seine berufliche Zukunft machen!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
nitromnet 24.12.2018, 04:26
468. Ich kann Sie nicht verstehen

Zitat von bollle
Liebe Journalist*innen des Spiegel, mit etwa 13-14 jahren verdiente ich mir mein eigenes Taschengeld und überlegte mir genauer es nicht nur für Süßigkeiten und Buntstifte auszugeben. Seit nunmehr ca 25 jahren ist euer Magazin meistens mit in den Wochenausgaben. Vielleicht sogar mehr als mir bewußt ist, da ich aus bescheidenen Verhältnissen in Deutschland komme, ist mir die Lektüre eurer Berichterstattung so zupass gekommen überhaubt mein Abitur machen zu können, und meine Gesellschaft mitgestalten zu wollen. Jetzt hat einer von euch mich und euch verarscht. Das kann passieren egal wie gut man aufpasst. Lasst ihn nicht fallen, weil der Spiegel keinen Bürger fallen lässt. Einer wollte zuviel, hatte Charme und konnte verblüffen. Nun ist er als Scharlatan entlarvt. Na und? Ist halt einer aus der Pubertät nicht aufgewacht. Und die Erwachsenen und Redlichen bei euch arbeiten mit aller Demut daran, dieses in Deutlichkeit zu benennen. Mehr den je, bin ich stolz mein Taschengeld für euren Journalismus auszugeben. Die beste Anlage meines Lebens. Frohe Festtage.
Sie tun ja so als wäre das ein Dummer Jungen Streich. Mir scheint als würden Sie die Dimension dahinter nicht verstehen. Hiier geht es neigentlich nicht um Relotius sondern um den Spiegel insegesamt. Genauso wie in den ÖR immer und immer wieder Stimmunng gemacht wurde für eiine Sichtweise ist genauso eine Antistimmung gegen andere Sichtweisen gemacht worden. Ich bin selbst eher links eingestellt, doch das darf nicht sein. Ich glaube nicht das ich mich zu weit aus dem Fenster lehne wenn ich sage das wir insbesondere bei unser Geschichte soetwas nicht zulassen dürfen. Früher hatten wir den Stürmer, der auf primitivste die Menschen beeinflusste, heute macht es der Spiegel sehr intelligent und fein dosiert, nur eben für die vermeintlich gute Sache. Wer sich aber solcher Methiden bedient, ist kein journalist sondern ein Einflüsterer. Und wenn man es genau nimmt macht er propaganda auf eine ganz perfide Art und Weise. Danach sich hinzustellen und den Menschen die von Lügenpresse sprechen--weil sie es nicht besser beschreiben können - ist infam.
Ich hoffe sehr, das der Spiegel daraus lernt, glaube es aber nicht wirklich. Zu sehr ist das ganze System schon infiltriert und es bedürfte einer Löschung der Festplatte und eine zürückstellung auf Werksversion. Ich bin fest überzeugt wenn der Spiegel Verantwortung übernimmt und sich grundlegend ändert, er überleben wird und die Menschen in wieder kaufen. Ansonsten sollte er lieber zusammenpacken und kein langsames und Qualvolles Schauspiel abgeben.
Im übrigen kann das nur gehen wenn die komplette Fürungsriege ihren Hut nimmt. Ansonsten ist es unglaubwürdig.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
a.vanvelzen 24.12.2018, 07:24
469. Lüge und Wahrheit

Liebe Redaktion, liebe Kollegenschaft des Spiegel, schaut Euch "Shattered Glass" an. In dem Film um den Fälscher Stephen Glass wird auch deutlich, wie eine Persönlichkeit wie Claas Relotius eine ganze Firma, ein Team spalten und schwächen kann. Ich denke, es ist ähnlich, wie wenn ein Einbrecher die Wohnung verwüstet hat. Man fühlt sich beschmutzt, beschämt, fremd im eigenen Haus. Ich wünsche Euch eine gute interne Aufklärung. Nichts wäre schädlicher, als zu schnell zu business as usual überzugehen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 47 von 82