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Der Fall Relotius - diskutieren Sie hier!

SPIEGEL-Reporter Claas Relotius hat in großem Umfang Artikel gefälscht. Durch Recherchen des SPIEGEL-Kollegen Juan Moreno erhärtete sich der Verdacht gegen Relotius, der Fälschungen zugegeben hat. Der Vorgang legt auch Lücken und Fehler in den Sicherungssystemen des SPIEGEL offen. Andere Medien sind ebenfalls betroffen. Was ist Ihre Meinung?

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volker.trimkowski 27.12.2018, 13:25
580. Was sollte der Spiegel sein?

Z.B. ein Transmissionsriemen zwischen Wissenschaft und interessierter Öffentlichkeit. Also: Daten analysieren, Statistiken berechnen und aufbereitet an die Leserschaft weitergeben.

Und nicht etwa so: jeder Artikel beginnt mit einem Betroffenen, damit man so richtig selbst auch betroffen wird, dann das Narrativ, zum Schluss dann noch wieder ein Satz über den Eingangs-Betroffenen. (Übrigens: das ist so ähnlich wie die Predigt des Pfaffen, nämlich immer gleich aufgebaut. Zuerst eine ganz spontane Beobachtung, dann tiefsinniges Nachdenken darüber und zum guten Schluss dann ein Bibelzitat).

Wir als Leser brauchen keinen Betroffenheitskult, sondern Informationen, an die wir ohne den Spiegel nicht oder nur schwer kommen können. Alles zu trocken und ohne Gefühligkeit? Trauen Sie den Lesern doch mal was zu!

Und dann bitte noch etwas mehr Sinn für Priorisierung. Bitte nicht jeder aktuellen politischen Volte hinterherlaufen, sondern Hintergrundberichte über Wichtiges. Denken Sie mal an den Aufreger "Fall Maaßen". Kann sich noch jemand daran erinnern, worin die Dämlichkeit der Aussage eigentlich bestand? Natürlich nicht, denn dieser Fall war völlig irrelevant. Wirklich wichtig sind z.B. die Jahrhunderttrends Klimawandel, Demographie und Europäische Integration.

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urvogel 27.12.2018, 13:26
581. Liebe zum Kitsch

Auch ich habe Relotius kaum gelesen und bin dann auf die Reportage mit dem Jungen aus Syrien gestoßen, der angeblich den Krieg ausgelöst hat und nun... der erste Moment war, dass es doch ziemlich unwahrscheinlich ist, so jemanden zu finden. Doch ehe ich diesen Gedanken nur etwas weiterspinnen konnte, war da etwas zweites, was mich noch mehr aufgebracht hat: Was ist das für ein Kitsch! Wie wird da eine sehr bittere Realität auf eine Geschichte mit einem kleinen Jungen reduziert. In was für eine Welt spinnen wir uns da ein? Offenbar ist es aber das was ankommt, nicht nur bei Redakteuren sondern auch bei den LeserInnen und letztlich dann bei denen die Preise vergeben.
Das Problem hat auch mit dem Genre Reportage zu tun und das ist ebenfalls bitter, denn die geschriebene Reportage bietet gerade die Möglichkeit, schwer erfahrbare Realitäten aufzuzeigen, die z. B. das Fernsehen nicht aufzeigen kann, weil eine Fernsehreportage zu sehr an den verfügbaren Bildern hängt. Da ist viel zerschlagen worden.

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herbertmf 27.12.2018, 14:23
582. Wir ziehen unsere Lehren?

Leider anscheinend nicht. Der Artikel

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/rechte-gewalt-wie-opfer-mit-anfeindungen-und-uebergriffen-umgehen-a-1242848.html

ist wieder einmal mehr als einseitig. Warum nur Angst vor rechter Gewalt? Das Schanzenviertel schon vergessen? Oder die AfD - Mitglieder, deren Autos angezündet wurden, deren Häuser beschmiert wurden? Die Gastwirte, die Veranstaltungen absagten, weil sie von der ANTIFA bedroht wurden, dass man ihre Räumlichkeiten "entglasen" würde? Kioskbesitzer, die bedroht wurden, damit sie die "Junge Freiheit" nicht mehr verkaufen?

Lieber Spiegel, so wird das nichts!

Fangt endlich wieder an, neutral zu berichten!

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Ruhrsteiner 27.12.2018, 14:42
583. Was der Spiegel sein sollte?

Zitat von volker.trimkowski
Z.B. ein Transmissionsriemen zwischen Wissenschaft und interessierter Öffentlichkeit. Also: Daten analysieren, Statistiken berechnen und aufbereitet an die Leserschaft weitergeben. Und nicht etwa so: jeder Artikel beginnt mit einem Betroffenen, damit man so richtig selbst auch betroffen wird, dann das Narrativ, zum Schluss dann noch wieder ein Satz über den Eingangs-Betroffenen. (Übrigens: das ist so ähnlich wie die Predigt des Pfaffen, nämlich immer gleich aufgebaut. Zuerst eine ganz spontane Beobachtung, dann tiefsinniges Nachdenken darüber und zum guten Schluss dann ein Bibelzitat). Wir als Leser brauchen keinen Betroffenheitskult, sondern Informationen, an die wir ohne den Spiegel nicht oder nur schwer kommen können. Alles zu trocken und ohne Gefühligkeit? Trauen Sie den Lesern doch mal was zu! Und dann bitte noch etwas mehr Sinn für Priorisierung. Bitte nicht jeder aktuellen politischen Volte hinterherlaufen, sondern Hintergrundberichte über Wichtiges. Denken Sie mal an den Aufreger "Fall Maaßen". Kann sich noch jemand daran erinnern, worin die Dämlichkeit der Aussage eigentlich bestand? Natürlich nicht, denn dieser Fall war völlig irrelevant. Wirklich wichtig sind z.B. die Jahrhunderttrends Klimawandel, Demographie und Europäische Integration.
Rudolf Augstein hatte darauf noch eine klare Antwort. Sie haben natürlich zu so einigem Recht. Aber vielleicht trifft es die Ausgangsfrage nicht wirklich: Konnte/kann der SPIEGEL überhaupt noch entscheiden, was er aus berechtigter Sicht der Leser sein sollte? Als Nachrichtenmagazin mit einer bis letzte Woche hohen Reputation, was die - erhoffte, partiell aber nur vorgegaukelte - Qualität seiner Berichterstattungen (Reportagen) betrifft. Für welches Pressehaus hat Claas Relotius noch geschrieben, die Zeit, die Süddeutsche, wen noch? Ich befürchte, weite Teile der deutschen Presse haben sich nur noch nach Gewinn, nicht mehr nach journalistischer Qualität strebend selber korrumpiert. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass (manipulierender) "Meinungs- & Desinformationsjournalismus" - zu Lasten der Wahrheitssuche oder sogar konkreter Wahrheitsfindung - in der deutschen Presse zu einer "Conditio sine qua non" geworden ist. Ein Essay des künftigen Chefredakteurs zu genau diesem fatalen Eindruck würde zumindest etwas an SPIEGEL-Glaubwürdigkeit wieder herstellen...

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klmo 27.12.2018, 15:14
584.

Zitat von urvogel
Auch ich habe Relotius kaum gelesen und bin dann auf die Reportage mit dem Jungen aus Syrien gestoßen, der angeblich den Krieg ausgelöst hat und nun... der erste Moment war, dass es doch ziemlich unwahrscheinlich ist, so jemanden zu finden. Doch ehe ich diesen Gedanken nur etwas weiterspinnen konnte, war da etwas zweites, was mich noch mehr aufgebracht hat: Was ist das für ein Kitsch! Wie wird da eine sehr bittere Realität auf eine Geschichte mit einem kleinen Jungen reduziert. In was für eine Welt spinnen wir uns da ein? Offenbar ist es aber das was ankommt, nicht nur bei Redakteuren sondern auch bei den LeserInnen und letztlich dann bei denen die Preise vergeben. Das Problem hat auch mit dem Genre Reportage zu tun und das ist ebenfalls bitter, denn die geschriebene Reportage bietet gerade die Möglichkeit, schwer erfahrbare Realitäten aufzuzeigen, die z. B. das Fernsehen nicht aufzeigen kann, weil eine Fernsehreportage zu sehr an den verfügbaren Bildern hängt. Da ist viel zerschlagen worden.
Zum Syrienkonflikt gibt es Fragen, die nie näher journalistisch vertieft wurden. Vor Jahren bekundete ein syrischer Rebell vor der Kamera, man kämpfe für das islamische Recht und die Einführung der Scharia.
Affinitäten kennt man ja aus der Historie Persiens, als der Schah durch ein Mullah-Regime mit westlicher Hilfe installiert und ersetzt wurde, die dann in Folge den sogenannten "Gottesstaat" ermöglichte.
Scholl Latour hätte nicht nur die Diskrepanz, sondern auch deren Folgen erkannt. (Also Ursache und Wirkung) Der heutige Journalismus kennt nicht mehr die nüchterne Analyse, wo das Wesentliche und die Folgen erkannt werden muss. (Was für Ziele, welche Zukunft unter welchen Bedingungen.) Allein unter obigen Betrachtungen müsste doch der Bürgerkrieg entsprechend bewertet werden.
Die jetzige Dualität als informativer Dauerbrenner: Assad-Regime gleich Schergen und Mörder, versus der Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, der sich im Widerstand opfert.

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blue_surfer77 27.12.2018, 15:30
585. Chefredaktion, mitdenken bitte.

Lieber Spiegel, warum habt ihr so riesen Angst davor, guten Journalismus zu machen? Es kann doch nicht viel schiefgehen dabei. Jedenfalls nicht mehr, als bisher. (Man schaue sich nur die Homepage zur Zeit an. Höchstens 10 Prozent der Artikel sind lesenswert, die anderen wohl schon vor dem Relotius-Skandal entstanden, als die Leser noch unkritischer waren. Ich werde demnächst mein plus-Ano kündigen, es lohnt sich einfach nicht mehr.)

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spon-3zq-9qj9 27.12.2018, 15:41
586. Warum hat der das gemacht?

Ganz einfach: weil er es konnte!
Ermöglicht wurde es ihm durch die Arroganz des Spiegel: "wir kontrollieren alles!" - und das ist ganz einfach nicht möglich. Wenn die Redaktionskultur Vertrauen und gesundes Misstrauen durch totale Kontrolle ersetzen will, eröffnet erst das den Raum für den Missbrauch. Es geht dann nur noch darum, wie "perfekt" gefälscht/getäuscht werden kann.

Ich will diese ganze "Aufarbeitung" jetzt nicht lesen und schon gar nicht Geld für den Kauf eines Heftes oder gar mehrerer Hefte ausgeben, in dem vorwiegend Nabelschau betrieben wird - egal wie sie ausgeht.

Ich will auch keine Geschichten lesen, die auf gestohlenen Daten aufbauen (wie "Football-Leaks") - und ich gebe kein Geld dafür aus, wie ich auch sonst keine Hehlerware kaufe.

Vom Spiegel erwarte ich korrekten und transparenten Journalismus, wie ihn 80% der Journalisten betreiben. An der Chefredaktion, die restlichen 20% zu vermeiden oder wieder rauszuwerfen.

Die 80/20 Proportion gilt übrigens für alle Gruppen, inkl. der Leserbriefschreiber.

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ergruender 27.12.2018, 16:06
587.

Zitat von ergruender
Artikel von Juan Moreno auf SPON: "Es war ein Gefühl": ZITAT: "Wer heute einen Claas-Relotius-Text liest, wird sich fragen, wie dämlich der SPIEGEL und all die Preisjurys gewesen sein müssen, um den Unfug zu glauben." Diesbezüglich habe ich leider noch keine Stellungnahme des Spiegels und der Preis-Stiftungen gesehen! Die Leute, die Relotius mit einem Preis ausgezeichnet haben, sollten nie wieder in einer Preis-Jury sitzen!
In der Stellungnahme von Herr Fichtner steht folgendes.: ZITAT: "Wenn es aber hake, sagt Relotius, wenn er nicht weiterkomme, wenn er nicht zu einer Geschichte finde, dann beginne er zu fälschen. Dann schreibe er gefälschte Sätze hin und lasse sie stehen, und er finde sie teilweise selbst so dreist, so lächerlich, dass er während des Schreibens zu sich sage:
"Come on! Im Ernst jetzt? Damit kommst du niemals durch!"."

Also war Relotius überhaupt nicht vorsichtig, um zu vermeiden, dass jemand misstrauisch wird. Wie kann es dann sein, dass man beim Spiegel trotzdem seine Fake-Geschichten geglaubt hat?

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doktor_s 27.12.2018, 17:26
588. Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Der beste Beitrag zur aktuellen Krise des Journalismus ist der Roman von Philipp Schwenke über Karl May. Der geringe Wert ernsthafter Berichterstattung im Angesicht schöner Worte und Werte wird dort nachvollziehbar gezeigt. Viel Spass beim Schmökern!

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gruffelo 27.12.2018, 17:37
589.

Zitat von klmo
Welche Konsequenzen erwarten Sie? Was mich mittlerweile amüsiert, sind die Fälschungen auf der banalsten Ebene, wo erst in der Gesamtheit der Story die entsprechende geistige und ideologische Aura dem jeweiligen Thema verpasst wurde. So betet man zum Sonntag in der Kirche von Fergus Falls für Trump, ein Stadtverwalter war noch nie mit einer Frau zusammen und noch nie hat er den Ozean gesehen. Einem mexikanischen Restaurantangestellten verpasst er den Vornamen Israel, der gemobbt wird und seine Mutter Maria, nierenkrank, habe Trump gewählt, welches sie später bereute. Eines muss man den Relotius zugestehen, dass er es psychologisch perfekt verstand, den Spiegel zu leimen. Dabei stellt sich neben den Verursacher Relotius die viel dringendere Frage, WARUM seine Storys so erfolgreich waren und durch alle Kontrollinstanzen durch-gewunken wurde. Die Antwort ist eigentlich klar, weil fast immer der Relotius den Deckel erfand, der genau auf den Topf passte.
Welche Konsequenzen ich erwarte? Ehrlich gesagt: Personelle, stilistische, qualitative, ideologische - eigentlich ein komplettes Makeover, einen Neustart, das ist es was ich erwarte, denn das ist es, was ich unternehmen würde, wenn ich der Spiegel wäre. Klingt nach viel, aber wenn man es recht bedenkt, ist weniger keine Option. Klar, man könnte sagen "naja, da hat ein Reporter unsauber gearbeitet, und 1-2 Mitarbeiter der Doku Abteilung waren auch weniger gründlich als erwartet, also wird der Reporter rausgeschmissen und die beiden Mitarbeiter kriegen eine Abmahnung, muss reichen" - könnte man, aber das würde der Dimension des Problems nicht mal annähernd gerecht und wäre für die Verantwortlichen erst recht peinlich, weil man ihnen unterstellen würde, sie hätten das Problem nicht in seiner tatsächlichen Grösse erkannt. Hier liegt ja ein komplettes Systemversagen vor, angefangen am Kopf des Unternehmens, also Top-Management (Redakteure und stv. Redakteure), einschliesslich des mittleren Managements, also die zuständigen Ressortleiter, die komplette Doku Abteilung, Innenrevision, die Co-Journalisten, alle haben sie einen kompletten "Cluster-Fuck" hingelegt, der auch noch ideologisch motiviert war. Da kann ich ja nicht mit der Nagelfeile rangehen und ein wenig feinjustieren. Da muss der Presslufthammer her, fürchte ich. Man darf gespannt sein, aber allzuviel Zeit sollte dann auch nicht mehr vergehen zwischen Aktion und Reaktion, sonst könnte der Eindruck entstehen, es wird überhaupt nicht reagiert und man versucht das Thema auszusitzen...

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