Forum: Kultur
Deutsche Einheit : Was nach dem Woodstock-Gefühl kam
Dieter Endlicher/ stf/ FRU/ AP

Die Wende war ein romantisches Ereignis, die Einheit aber wurde für uns Ostdeutsche eine Einübung in Kälte und Entwertung - dass dieser Frust sich heute in AfD-Wahlerfolgen entlädt, ist schlimm. Aber verwundert nicht.

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Pinon_Fijo 03.10.2019, 17:48
1.

Also ich bin ja kein "Ossi", aber übertreibt der Spiegel nicht etwas, was das Befinden der Ostdeutschen angeht?
Ich bin Jahrgang '75, die ersten ein oder zwei Jahre nach der Wende mag es ein paar dumme Witze über Ostdeutsche gegeben haben, aber danach hatte und habe ich mir nie einen Kopf über die Landsleute der ehemaligen DDR gemacht.... Warum auch?

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Nurnocheinekleinefrage 03.10.2019, 18:12
2.

Warum erst wird jetzt dieser Rechtsruck in den östlichen BL thematisiert? Haben nicht schon in den frühen 90ern dort die Asylantenheime gebrannt? War da nicht mal was in Rostock? Wie waren noch mal die Wahlergebnisse der Republikaner Mitte der 90er in der ehemaligen DDR?

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planet335 03.10.2019, 18:13
3.

Ich kann mich als Westberliner noch gut an die Zustände damals 89 in Ostberlin erinnern. Die langen Schlangen vor den Tafeln und Suppenküchen, Menschen ohne Zähne, die vielen Obdachlosen und die Zeltstädte. Ich habe mich für unsere Landsleute gefreut, nach Jahrzehnten der Unterdrückung könnte dieser weltoffene, humanistisch gebildete und tolerante Menschentyp, der durch die Mangelgesellschaft geschult war auf Solidarität, Kooperation und Menschlichkeit, eine Bereicherung für unsere Demokratie bedeuten.
Stattdessen hat man sich leider sehr schnell, sehr gut eingelebt im real existierenden Konsumkapitalismus und die Banane ist jetzt- egal wie- scheinbar immer irgendwie zu kurz.

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rememberhistory 03.10.2019, 18:28
4. Es langt!

Eins vorweg. Ich bin in der ehemaligen DDR geboren und 18 Jahre dort aufgewachsen. Und ich bin glücklich in einem solchen Land hier und heute zu leben! Es muss nach 30 Jahren und ganz besonders mit der Berichterstattung und den Erklärungsversuchen insbesondere in den letzten Tagen und Monaten endlich mal Schluss sein mit dem ewig rückwärtsgewandten Reflektieren, Ursachen suchen, Erklärungen und Analysen. Es gibt mit Sicherheit Kleinigkeiten, die in diesem Land verbesserungswürdig sind. Im Großen und Ganzen leben wir in einem Land der Freiheit, ausgeprägter Demokratie, hervorragendem Sozialnetz, niedriger Arbeitslosigkeit und hohem Wohlstand. Wir sollten endlich mal nach Vorne schauen und die Chancen der Zukunft anpacken. In der Zukunft liegt unser Glück, unser Wohlstand, und alles das, was sich jeder einzelne wünscht und bereit ist dafür zu tun. Es ist genug mit der Jammerei und dem Suchen von Schuldigen und Fehlern. Wir können keine Dinge der Vergangenheit rückgängig machen, auch wenn wir hundertmal über die Treuhand diskutieren. Vorwärts!!!

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Abel Frühstück 03.10.2019, 18:36
5.

Der brutale Überfall von rechtsradikalen Skinheads auf die Ostberliner Zionkirche war 1987. Eine Prügelorgie, ohne dass die Vopos (die vor der Kirche warteten) oder die Stasi eingriff. Wo kamen die eigentlich her? Wendeverlierer avant la lettre?

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Fritz Godesberg 03.10.2019, 18:38
6. Hut ab!

Das ist der erste Beitrag zum Thema "Wende" mit dem ich etwas anfangen kann. Ich bin Jahrgang 1958, politisch denken lernte ich zu Beginn der 70iger. Mich hat es nie gestört, dass es 2 Deutschlands gab und von mir aus hätte das auch so bleiben können. Mein Vater stammte "aus dem Osten" und pflegte zu sagen, "wer beim Iwan bleibt, ist selbst schuld", er war schon anfangs der 50iger aus der "SBZ" in die "BRD". Das lag wahrscheinlich auch daran, dass sich mein Vater 1939 freiwillig gemeldet hatte, für seinen Führer den Lebensraum im Osten zu erobern. Wie auch immer, mir ist aufgefallen, dass ich seltsamer Weise "die Wende" regelmäßig falsch einsortiere. Irgendwie war die immer nach Windows 98. Zahlendreher, aber was ich damit sagen will ist, dass diese Wende stattgefunden hat, als ich halb so alt war wie jetzt, aber immer wieder denke, es war erst gestern wenn ich mir die politische Diskussion anschaue. Und AfD - Männer aus dem Westen!, werden gewählt von Männern aus dem Osten, die wahrscheinlich weder die Biographien noch die Beweggründe dieser Männer aus dem Westen kennen. Oder ist es vielleicht so - bösartig betrachtet! - dass eben zweit- und drittklassige Politiker wie z.B. Höcke, der laut einem Gerichtsurteil jetzt auch Faschist geannt werden darf oder Gauland, der ewige Looser in der hessischen CDU, nur dann eine politische Chance haben, wenn auch ihre Wähler nur noch zweit- und drittklassige Leute sind, die es halt nicht gepackt haben nach der Wende? Mag sein, mag nicht sein, ist am Ende alles verschüttete Milch. Die BRD war eben keine DDR 2.0 mit Reisefreiheit, sondern eben ein kapitalistisches Land, dass auch schon vor der Wende regelmäßig so gestaltet wurde, dass ein Viertel bis ein Drittel der Menschen abgehängt wurden, was aber den Rest nicht weiter störte. Das ist halt auch nach der Wende so geblieben: ein Viertel bis ein Drittel ist abgehängt und fühlt sich ständig benachteilt, weil nicht verstanden wurde, dass Kapitalismus u.a. eben genau darauf aufbaut, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Und lange genug haben die Verlierer ja auch geglaubt, dass das so ok ist: Zitat Hück, ehemaliger Betriebsrat Porsche:..." wir machen euch reich, ihr müsst uns satt machen.." Seltsam, seltsam, ich hätte ganz sicher andere Ideen gehabt und habe sie bis heute, die sind aber in der BRD nicht mehrheitsfähig und waren es seltsamerweise aber auch in der DDR nicht und nicht in China, nicht in Nordkorea, nicht in der UDSSR.
Aber auch das ist verschüttete Milch. Mal sehen was die nächsten dreißig Jahre bringen. Fritz Godesberg, der Name ist Programm

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CaMü 03.10.2019, 18:40
7.

"Sie brachte massenhafte Erfahrungen von Entwertung und von Angezweifeltwerden, von Bürokratie, Merkantilität, von Ellbogen und Egoismus."
Ja, so ist das im Kapitalismus. Der Mensch muss verwertbar sein, sonst ist er nichts wert. Ihr wolltet ihn haben und habt ihn bekommen. Von der Bevormundung und Unrecht durch die SED in das Schlachtfeld der Marktwritschaft. Und die AfD setzt bei dieser "Wertschätzung" der Menschen noch eins drauf. Es bleibt mir ein absolutes Rätsel, wie Menschen mit dieser Erfahrung sowas wählen...

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Peer Pfeffer 03.10.2019, 18:41
8. Beziehungsprobleme.

Das West-Narrativ lautet: es war keine Wiedervereinigung, sondern die DDR ist der BRD 'bewusst' beigetreten. Nun quengelt nicht, seid dankbar, euch geht es viel besser als dem Rest des Ostens. Das Ost-Narrativ: ja, aber wir wussten nicht, wie kühl sich euer Kapitalismus anfühlt! So wollten wir das aber nicht!

Wie konnte es passieren, dass 40 Jahre DDR aus einem _Volk_ ein altes Ehepaar gemacht haben.

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Sleeper_in_Metropolis 03.10.2019, 18:44
9.

Zitat : "Die Wende-Wiedergänger-Anmaßung der AfD hat aber eine vertrackte psychologische Komponente, und um die zu erläutern, muss ich wieder von mir sprechen: In der Wende erlebte ich, wie ein festgefügtes, erklärtermaßen auf Ewigkeiten angelegtes System in sich zusammenfiel. Seitdem komme ich nicht umhin, alles als vorläufig zu begreifen. Im Gegensatz zu Westdeutschen, denen die freie und soziale Marktwirtschaft, der Parlamentarismus und der Föderalismus gleichsam mit der Muttermilch verabreicht wurden, kann ich mir mühelos vorstellen, dass diese Wirtschafts-, Regierungs- und Staatsform eines Tages durch was Besseres ersetzt wird, was immer das auch sein mag."

Naja, aber die Demokratie Westdeutscher Prägung gibt es ja nun schon gute 70 Jahre, und trotz gelegentlich gegenteilig geäußerter Meinung ist sie ziemlich lebendig. Da könnte man als skeptischer Ostdeutscher nach über 25 Jahren Wende vom empfinden her nun auch langsam mal davon abrücken, das das alles nur Übergangsweise sein könnte.

Zumal das " auf Ewigkeiten" angelegte System in der DDR dem dortigen Volk ja letztlich (über den Umweg SED&Co.) auch nur von der ehemaligen Sowjetunion aufgezwungen wurde, während man im Westen im großen und ganzen die Staats- und Gesellschaftsordnung schon freiwillig angenommen hat.

Ironischer Weise könnte (wenn überhaupt) ja gerade die beim ostdeutschen Wähler in Teilen so beliebte AfD noch am ehesten das System zugrunde richten. Da verhält sich der Ost-AfD-Wähler also etwas wiedersprüchlich.

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