Forum: Kultur
Deutsche Kleinstädte: "Im Saarland sieht es deprimierender aus als im Osten"
Ute Mahler & Werner Mahler/ Hartmann Books

Es ist leicht, sich über Kleinstädte lustig zu machen, sagt Fotografie-Legende Ute Mahler. Sie näherte sich den Orten und Menschen mit Respekt. Dann aber konnte sie den Schrecken nicht weglachen.

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ein_spiegel_leser 05.12.2018, 21:22
50. Lafontaines Erbe - Danke Oscar

Als Exil-Saarländer macht mich das betroffen. Der Niedergang begann mit der Ära Lafontaine. Der Strukturwandel wurde nie ernsthaft angegangen, viel lieber zeigte Oscar sich volksnah mit den Bergleuten und versprach Jobsicherheit. Die Universität, einst herausragend in den Bereichen IT (Stichwort IDS Scheer) und Materialwissenschaften wird kaputt gespart. Lafontaine selbst verhinderte den Ausbau der Bahnstrecke zwischen Saarbrücken und Frankfurt durch die Pfalz. Inzwischen gibt es kaum noch ICE Verbindungen und die wenigen, die es gibt müssen mit Tempo 80 durch den Pfälzer Wald fahren. Die Zugverbindungen nach Trier und Koblenz sind noch schlimmer. Die Innenstadt von Saarbrücken wurde vor 20 Jahren für den Individualverkehr quasi geschlossen und eine Stadtbahn gebaut, die nur auf einer Linie verkehrt und noch nicht einmal die Universität anbindet. Die Menschen selbst feiern ihren Lokalkolorit und fröhnen dem Wahlspruch "Hauptsach' gudd gess, geschafft gebt später". Jedes Mal, wenn ich in meine Heimat komme, sehe ich weiteren Zerfall. Solange das Geld durch den Länderfinanzausgleich kommt, kümmert das niemanden.

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Tharsonius 05.12.2018, 21:32
51. Einfach mal

Völklingen besuchen, dann weiß jeder was gemeint ist.

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kahalla 05.12.2018, 22:04
52. Kleinstadt überall - Großstadt überall

Eine Kollegin mit der ich mich etwa 2002 unterhielt hat gemeint, Ende der 1960-er Jahre war überall "Großstadt, Kultur und Leben". Sie war damals jung und hat ihr Leben genossen, egal ob auf dem Dorf oder in Hamburg.
"Heute" meinte sie, sei überall Provinz, selbst in den Großstädten. Es ging ihr auch nicht um Reichtum, sondern darum, dass damals junge Menschen im Aufbruch waren, Ideen hatten und eigene Wege gingen. Heute scheint es nur noch Menschen zu geben, die entweder im Internet, vor dem Fernseher oder mit sich selbst beschäftigt sind. Um diesen Effekt in der Großstadt zu kaschieren, reicht eine hinreichend aktive und ausreichend mit Geld versorgte Minderheit. Deutschland, Europa, oder der Westen haben ein ähnliches kulturelles Problem wie es der Osten (DDR, UdSSR und "Ostblock") bis Mitte der 1980 er hatte. Keine Vision mehr , Ernüchterung und die Suche nach etwas Neuem. Mit Glasnost, Solidarnosc und den anderen Bewegungen gab es dort einen Aufbruch, der eine Grenze zerbrach. Der Westen ist heute in etwa da wo der Osten 1956 und 1968 war. In Auflösung. Was das mit Kleinstädten zu tun hat? Die liegen mitten drin ohne die Sonderstellung der großen Städte als übergeordnete Zentren. Aber die Infrastruktur der Nachkriegszeit ist schon lange weg. Läden, Handwerker, Kneipen sterben weg. Und irgendwann ist der letzte Kiosk dicht und die Siedlung ohne Zentrum. Man darf hoffen, dass es dann noch ein reges Vereinsleben gibt. Ich denke die Misere, das Hässliche und Marode sind überall zu finden, die Glitzerpaläste städtischer Einkaufswelten aber nur da wo genügend Kaufkraft vorhanden ist. Wirklich prosperierende Städte zeichnen sich durch das Vorhandensein von Entwicklungsmöglichkeiten, Ideen und die Chancen, diese zu verwirklichen aus.
Wichtiger ist noch, dass die Stadt weniger korrupt ist und die ganze Bevölkerung ihre Ideen verfolgen kann und nicht nur ein bestimmte Klientel. Das Problem ist demnach ein strukturelles, sowohl im Geist der Menschen als auch in der Organisation und Verwaltung. Die Einwohnerzahl ist nur ein Indikator für die Anfälligkeit einer Stadt für Tristesse. In den tristesten Ecken Kölns sieht es aus wie im Saarland, es gibt Gegenden in Hamburg, die sehen aus wie abgewirtschaftete Kleinstädte. Auch Großstädte bleiben davon nicht verschont, aber dort separiert man die Verlierer von den vermeintlichen Gewinnern. Vermeintlich deshalb, weil eine Stadt die sich Slums leisten muss, ein Problem hat, ein Problem das alle Bürger angeht.

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awasi 05.12.2018, 22:55
53. Salut

Das ist gerade komisch. Der Artikel erinnert mich überhaupt nicht an die Gegend meiner Jugend.

Das Bliestal, die Saar, nette zuvorkommende ruhige Leute, ausgezeichnete Handwerker wenn auch die Häuserfassaden nicht dem Hamburger Glanzwunsch entsprechen. Nie habe ich zB im Saarland ein so aggressives Autofahrerverhalten erlebt wie hier im Autobauer-Ländle...

Und die Gegend als Strukturschwach degradiert? Nach 1Jh von Kriegen,Niedergang von Eisen und Kohle, die Häme dazu: es ist weit schwieriger die Hand als das Portemonnaie zu öffnen möchte man anmerken.

Teilen wir unser liebes Deutschland anstelle von Nord/Süd oder Ost/West in Charakterstarken und Charakterschwachen Zonen so ist für mich die im Artikel beschriebene Gegend an oberster Stelle anzusiedeln. Mit Abstand. Salut.

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NauMax 06.12.2018, 00:09
54.

Zitat von potenz
...weißt Du offensichtlich nicht! Komme auch aus einer schwäbischen Kleinstadt und bin auch noch öfter mal dort - da driftet weniger "nach rechts ab" als offenbar überall weiter im Norden und insbesondere Nordosten des Landes, inklusive der großstädtischen Suburbs. Die Leute mit Migrationshintergund sind jedenfalls besser "integriert" als dort oben usw. usf.
Als Schleswig-Holsteiner und geborener Kleinstädter halte ich diese Unterstellung für eine bodenlose Frechheit! Bei uns hat der AfD nur ein Prozent gefehlt, um den Einzug in den Landtag zu verpassen!

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sleepless2019 06.12.2018, 05:35
55.

Zitat von frafra
Da können wir uns lebhaft vorstellen was uns mit einer KKH in Deutschland erwartet. Sie war ja Ministerprädidentin im Saarland als die Koalition mit Pauken und Trompeten zusammengebrochen ist.
Sie meinen sicherlich AKK... aber abgesehen davon: Sie haben vollkommen Recht. Aber auch in Rheinland-Pfalz gibt es deprimierende Kleinstädte, die fast schon tot sind. Zuweilen erinnern sie mich an die Zeiten der ehemaligen DDR.

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Spiegelleserin57 06.12.2018, 07:59
56. es gibt in ganz Deutschland viele solcher Landstriche...

man darf dieses Land nicht so einseitig betrachten. Überall wo wenig Geld bei Den Menschen vorhanden ist wird es solche Gebiete geben.
Dass Saarland, der Ruhrpott und die Ostländer stehen für Armut. Nicht die glänzenden Fassaden darf man betrachten. Man muss hinaus auf das Land und in die Randgebiete der Städte fahren , da sieht man die Armut.
Ich kenne viele der genannten Gebiete persönlich und bin auch auf das Lang gefahren...so auch um die Stadtkerne Dresden und Jena.
Das Geld ist ganz einfach zusammengefasst beim Bürger nicht angekommen. Der Prunkt ist nur in den Städten vorhanden, den Fassaden in Frankfurt / Main oder München , da wo viel Kapital vorhanden ist.
Die Wirtschaft, Banken und die Wohlhabenden wurden jahrelang von der CDU gefördert und das sind nun die Folgen!
Jetzt, wo die Wählerzahlen dieser Partei krachend einbrechen bekommen nun auch die Ärmeren Brotkrumen vom Tisch und damit glauben tatsächliche diese Vorstände die Wähler zurück zu holen . Der Zug ist abgefahren denn die Kosten steigen weiter und die Bürger verschulden immer mehr! Nun werden auch die Altwähler der CDU wach, ziehen Konsequenzen und auch die neuen Rentner wissen sehr gut was auf sie kommt!

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moe.dahool 06.12.2018, 08:23
57. Gerne falsch verstanden

Niemand hat das Saarland pauschal verunglimpft, ebenso wenig andere Regionen. Ich habe es so verstanden, dass dem Osten gerne unterstellt wird, er sei grau und hässlich, es durchaus aber auch westdeutsche Regionen gibt, die städtebaulich und strukturell abgehängt sind. Saarländische Städte mussten als Beispiel herhalten, was sooo falsch nicht ist. Allerdings gibt es in allen Bundesländern hässliche und vernachlässigte Kleinstädte. Neben Rheinland-Pfalz ist das Saarland jedoch das Bundesland, in dem mehr oder weniger flächendeckend versäumt wurde, die strukturelle Fehlentwicklung abzufangen. Auch wenn es der eine oder andere Forist gerne anders darstellt, beide genannten Bundesländer stehen nicht wirklich für Zukunftsorientiertierung, Thinktanks, breit aufgestellte Industrien oder modernen Städtebau.

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wizzard74 06.12.2018, 08:41
58.

Zitat von Nikolas Schürmann
Auch wenn es sicherlich ein Stadt Land Gefälle gibt: Auch die Deutschen die auf dem Land wohnen, sind im internationalen Vergleich sehr reich.
Ist das so? https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Länder_nach_Vermögen_pro_Kopf

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spon-facebook-1261351808 06.12.2018, 08:59
59. Kann ich nur bestätigen!

Wenn ich mir beispielsweise die Vororte von Frankfurt am Main anschaue, wird mir Angst und Bange! So sah es kurz nach der Wende in Ostdeutschland aus. Dazu kommt, dass die deutsche Provinz leider immer "rechtslastiger" wird. Da lobe ich mir meine kosmopolite Großstadt.

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