Forum: Kultur
Deutsches Kino: Bedeutungslose Bedeutsamkeit
Georges Pauly/ ZDF/ Senator

Mit Christian Schwochows "Deutschstunde"-Verfilmung startet am 3. Oktober wieder staatsbürgerliches Erziehungskino. Wie so viele deutsche Filme hat er weder über die Vergangenheit noch über die Gegenwart etwas zu sagen.

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dodo132 05.10.2019, 14:25
20. in der Theaterszene würde man sagen,

wenn man mal nicht weiterweiß: dann Trockeneis. Im deutschen Filmschaffen lässt sich das Trockeneis nach Belieben mit Drittes Reich und allem, was dazu gehört, ersetzen. Die Fördergelder sind dann schon sicher.

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vera gehlkiel 05.10.2019, 19:06
21.

Es gibt ihn aber, den packenden deutschen Film, der sich selbst einfach was zutraut, anstatt auf bestmögliche Vorfuehrbarkeit im Politikunterricht abzuzielen. Und Geschichte eben weniger pseudo- allgemeingültig interpretiert, und den Leuten mehr wie so ein Pfund gefrorenes Fleisch direkt vor die Fuesse wirft. Ich denke spontan an "Wer Wenn Nicht Wir" oder auch "Beuys", beide von Andres Veiel. In "Das Leben Der Anderen" verweist auch noch nichts auf die schlimme Schmonzette, zu welcher "Werk Ohne Autor" demselben Regisseur unverständlicher Weise geriet. Wie gut es werden kann, vertraut man einfach mal darauf, dass das Ding schon lebt, wenn die Zutaten alle stimmen, zeigte unlängst die in tiefer Nacht beim MDR versteckte Wiederholung von "Weissensee". Ich denke, typisch deutsch bei mancherlei Verkrampfung ist wie gehabt der unbedingte Willen, ultimative Aussagen schichtweise übereinander zu stapeln, bis dezidierte hegelsche Pyramiden des Letztendlichen entstehen.

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Bondurant 07.10.2019, 09:55
22. Das ist zwar richtig

90 Minuten "Wehret den Anfängen" sind die Folge, dabei ist hinlänglich ausdiskutiert, dass die Anfänge des Hitler-Regimes keine Entsprechung in der Gegenwart haben.

aber diese Tatsache ist vor allem unter "Kulturschaffenden" mit Haltung noch nicht so richtig akzeptiert. Entsprechend wird gearbeitet.

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Bondurant 07.10.2019, 11:02
23. Ein Irrtum

Zitat von kakophoniephobie
Nachtrag zu meinem Beitrag Nr. 11: Im Hinblick auf eine der zentralen Figuren des Romans, den Expressionisten Emil Nolde, müsste die "Deutschstunde" gründlich überarbeitet bzw. neu geschrieben werden, erbrachte die jüngere Geschichtsforschung doch den Beweis dafür, dass Noldes Kunst im Nationalsozialismus nicht derart verfemt war, dass ihm dadurch wirtschaftliche Nachteile erwachsen wären oder er gesellschaftlich ausgegrenzt worden wäre,
Max Ludwig Nansen, der Maler aus der "Deutschstunde", ist nicht Nolde. Das hat auch der Hauptdarsteller Moretti in mehreren Interviews in gebotener Deutlichkeit klargemacht. Auch wenn Lenz sich in gewissem Sinne einen Nolde orientiert haben mag, was er ganz zweifelsohne getan hat, so hat er doch eine Figur geschaffen und nicht einen Nolde-Biografie geschrieben. Die Themen, die in dem Buch behandelt werden und jetzt auch im Film, werden durch neue Erkenntnisse zur historischen Figur Nolde in keiner Weise berührt.

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pvonwerther 07.10.2019, 12:22
24. remake von deutschstunde

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht und das gilt generell für den mittelmäßigen , deutschen Film ;
insbesondere auch für die Wiederverfilmung der Deutschstunde !
Es fehlen die neuen Fassbinder !Der deutsche Film ist zum handwerklichem Mittelmaß verkommen und langweilt das Publikum zu Tode !

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kakophoniephobie 07.10.2019, 20:45
25. @Bondurant (#23): Geschichtsklitterung

Zitat von Bondurant
Max Ludwig Nansen, der Maler aus der "Deutschstunde", ist nicht Nolde. Das hat auch der Hauptdarsteller Moretti in mehreren Interviews in gebotener Deutlichkeit klargemacht. Auch wenn Lenz sich in gewissem Sinne einen Nolde orientiert haben mag, was er ganz zweifelsohne getan hat, so hat er doch eine Figur geschaffen und nicht einen Nolde-Biografie geschrieben. Die Themen, die in dem Buch behandelt werden und jetzt auch im Film, werden durch neue Erkenntnisse zur historischen Figur Nolde in keiner Weise berührt.
In der Debatte um die "Deutschstunde" bzw. den von Siegfried Lenz nach einem sehr realen Vorbild modellierten Maler Max Ludwig Nansen wirft der Literaturexperte Jochen Hieber in einem in der "Frankfurter Allgemeinen" erschienenen Artikel dem Schriftsteller eine Verklärung des Expressionisten Emil Nolde und damit Geschichtsklitterung vor und sagt angesichts des falschen Bildes, das Lenz in der "Deutschstunde" gezeichnet und das sich in den Köpfen festgesetzt hat, die Wirkungsgeschichte des Romans müsse umgeschrieben werden. Jochen Hieber: "Mehrere Generationen von Lesern, ungezählte Schulklassen eingeschlossen, mussten und wollten die 'Deutschstunde' [...] als Parabel darüber verstehen, wie der innere Widerstand eines Menschen und Künstlers in Zeiten des Nationalsozialismus entstehen und sich gegen alle äußeren Nachstellungen und Schikanen behaupten konnte. [...] Der Mensch Nolde war ein Nazi, der Maler gleichen Namens war es nicht. In der 'Deutschstunde' aber sind Maler und Mensch identisch. Es hilft ja nichts, wenn wir den Roman mit dem naheliegenden Argument zu retten suchen, er sei eben pure Fiktion. Gerade dessen Wirkungsgeschichte belegt das Gegenteil." Siehe hierzu: www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/der-fall-emil-nolde-wir-haben-das-falsche-gelernt-12908490.html

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Bondurant 10.10.2019, 10:37
26. Aha

Zitat von kakophoniephobie
[Literaturexperte Jochen Hieber] "Es hilft ja nichts, wenn wir den Roman mit dem naheliegenden Argument zu retten suchen, er sei eben pure Fiktion. Gerade dessen Wirkungsgeschichte belegt das Gegenteil."
Da hat der Experte aber einen schlechten Tag gehabt. Wie kann die "Wirkungsgeschichte" eines literarischen Werkes "belegen", die Hauptfigur eben dieses Werkes sei keine "pure Fiktion"? Das ist schlichter Unsinn. Auch Batman hat eine "Wirkungsgeschichte". Letzten Endes kann nur der Leser entscheiden oder der Kinogänger, ob er es hier mit einer literarischen Biografie des Künstlers Emil Nolde zu tun haben will oder eben mit einem Roman, in dem eine Figur erschaffen wird. Dabei wird sich eben die Frage stellen, ob der Leser ganz grundsätzlich an Aha-Effekten interessiert ist und deshalb sogenannte Schlüsselromane bevorzugt, in denen es darum geht, hinter den dargestellten Figuren reale Personen zu erkennen. Oder ob es ihn interessiert, wie sich der Autor mit einem grundsätzlichen Problem menschlichen Verhaltens auseinandersetzt. Es ist und war immer schon unsinnig, die "Deutschstunde" als die - ausschnittsweise - Lebensgeschichte Noldes zu lesen. Auch wenn das zugegebenermaßen viele getan haben. Für die Anhänger der Theorie von der literarischen Biografie gibt es im Übrigen noch eine schöne Rätsel-Aufgabe: unstreitig wurde Noldes Kunst von den Nazis als"entartet" gekennzeichnet. Ist das nicht vielleicht ein Hinweis, gar ein Beweis, dafür, dass er eigentlich gar kein Nazi war, auch wenn er sich selbst dafür gehalten haben sollte? Fragen über Fragen.

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hartwig2 10.10.2019, 18:21
27.

Zitat von robpl
Wenn es um den Deutschen Film als solches aktuell derartig schlecht bestellt ist, wie die "Deutschstunde" (vielleicht) ausgefallen ist, muss doch gefragt werden (im Beitrag erwähnt wurde es ja nicht) was dann z.B. mit "Systemsprenger" los ist? Vielfach gelobt, auch vom SPIEGEL fährt dieser Deutsche Ausnahmefilm, in dem es nicht einmal um Vergangenheit und Geschichte geht, klein gestartet, Publikumserfolge ein die ihm wohl niemand zugetraut hätte. Bis zum Sonntag sollte er die 200.000 Besuchermarke locker genommen haben, und in der Endabrechnung dürfte locker das Doppelte drin sein, womit wohl niemand gerechnet hätte. "Und der Zukunft zugewandt" fand zumindest ich einen hervorragenden Film, zwar über Geschichte, in der jüngsten Vergangenheit. Der ging aber leider an der Kasse ziemlich unter. Vielleicht auch, weil viele Leute mittlerweile in dem Klischee denken "Deutscher Film und DDR-Geschichte. Das kann ja nichts taugen!". Schade!
Sie haben es beschrieben,
Zu 90% geht es deutsche Filme immer um Geschichtsbewältigung, oder um ein „ aktuelles Thema“ gestelzt, Die Qualität des einzelnen Film kann gut sein , aber nicht schon wieder....
Aber es soll ja Leute geben, die schauen 50 Jahre Tatort. Ob da diesmal ein Mord aufgeklärt wird, man darf gespannt sein.

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