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Diskussion um "Sprechverbote": Politisch korrekt - und stolz darauf!
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"Ich werd' doch wohl mein Schimpfwort-Schnitzel essen dürfen!" Der Kampf gegen politische Korrektheit erlebt gerade ein Frühlingserwachen. Doch jede Gesellschaft braucht wohltuende Tabus - sie regeln unser Zusammenleben.

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Mastermason 20.04.2019, 21:39
260.

„Darf ein Bundeskanzler sexistisch über Frauen reden und das Familienministerium als Gedöns-Politik abtun? Nein“

Die (ernst zu nehmende) Kritik an PC hat nichts mit Schimpfworten zu tun, die man aussprechen oder eben nicht aussprechen darf. Der Anstand gebietet es, Menschen jedweder Ethnie, Weltanschauung oder Konfessionszugehörigkeit mit Respekt zu begegnen. Nein, es ist dieser ständig eregierte moralische Zeigefinger in Verbindung mit Doppelstandards, die die Damen und Herren Sittenwächter so unglaubwürdig machen. Während jeder Furz als Frauenfeindlich bejammert wird, dürfen alte weiße Männer nach Herzenslust nieder gemacht, darf #menaretrash und #killallmen getwittert werden, ohne das sich irgendein PC-Apologet aufregt. Diese Heuchelei kotzt mich an.

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k70-ingo 20.04.2019, 21:49
261.

Zitat von mucschwabe
Ich bin in den 80ger Jahren aufgewachsen. Damals war das N-Wort nicht tabu. Es wurden gab auch üble Namen für Juden oder Homosexuelle, die in der Gesellschaft alltäglich waren. Ich bin damals damit aufgewachsen. Grauenhaft. Dann sagt plötzlich kaum einer diese Worte und es war ebenso alltäglich. Heute kämpft vor allem die AfD, diese Ausdrucksweisen wieder ohne Widerspruch aus der Gesellschaft verwenden zu dürfen. Gutes Beispiel ist das Wort Zigeuner, das hier im Forum besonders stark verteidigt wird. Zitat Duden (einfach Googeln) : Die Bezeichnung Zigeuner, Zigeunerin wird vom deutschen Zentralrat der Sinti und Roma als diskriminierend abgelehnt. (Zitatende). Das bedeutet logischer Weise, dass wenn jemand es trotzdem benutzt er diese Volksgruppe diskriminiert. Wenn eine Partei möchte, das dieses Wort wieder zum allgemeinen Sprachgebrauch gehört, will diese Menschen allgemeinen Diskriminierungen aussetzen. Was gibt es da zu diskutieren?
Wenn einzelne Personen oder Institutionen sich von einem Ausdruck auf den Schlips getreten fühlen, führt dies "logischer Weise" dazu, daß allgemeine Diskriminierung vorliegt?
Das reicht Ihrer Auffassung nach aus?

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Regenfreund 20.04.2019, 21:51
262. Liebe Frau Ataman

Das Problem der Diskriminierungs-Wortschatzfreunde ist einfach:
Versetzen wir uns mal in die Lage eines "Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-Dürfers":
Solange ich Frauen und alles, was ich mir unterstellt halte, entsprechend mündlich ausgrenzen kann (respektive konnte), übe ich (natürlich "nur" verbale) Gewalt aus. Muss ich ja nicht, ich bin ja ein lieber Bub - aber dennoch: Schön spuren, gell. Sonst mach ich dir, lässig mit einer Hand in der Tasche, mit einem Wort klar wo dein Platz ist.
Und dann kam diese verdammte political correctness.
Jetzt ich bin meiner einfachsten, quasi qua Geburt geschenkten Waffe beraubt. Jetzt muss ich "so einer/m" unter gleichen Voraussetzungen auf Augenhöhe begegnen. Kann nicht mehr straflos provozieren, ohne dass mein Gegenüber kraftlos nicht gleichziehen kann. Es gibt nämlich kein gleichwirksames Gegenstück zu "F.tze" gegen einen Mann. Kein gleichverletzendes Gegenwort meiner verachtungsvollen Namensgebung über sämtliche Ethnien der Menschheit, mit denen ich als Schwächling so konfrontiert bin. Man nimmt mir meinen exklusivsten Maßstab, nämlich weltumspannend Homo sapiens in untere und unterste Kategorien (selbstverständlich unter mir angesiedelt) einzuteilen.
Ja, ich darf ja mittlerweile nicht mal mehr die Hälfte meiner eigenen Bevölkerung (Sie wissen schon - diese chromosomal zu kurz Gekommenen, denen es nicht vergönnt war, sich zu Männern zu entwickeln) verbal anspucken. Also: Ich bin in meinem eigenen Land (jaja, das gehört mir ganz alleine!) nicht mehr automatisch die Nummer 1. Was natürlich bitter ist, weil ich sonst nichts auf der Pfanne habe.

Absolut ausgezeichneter Artikel übrigens, bevor ich's vergesse.

: )

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Mastermason 20.04.2019, 21:56
263.

Zitat von norath
In vielen Texten, die sich politisch korrekt geben und sämtliche Geschlechter berücksichtigen, findet sich für die Ethnie, nach der Jimi Hendrix seine "Band of Gypsys" benannt hat, nur die Formulierung „Sinti und Roma“. Man beschränkt sich dort auf die männliche Form. Ist das sexistisch und antiziganistisch? Oder ist das der Ausdruck eines unreflektierten, elitistischen und damit alles andere als emanzipatorischen Distinktionsbedürfnisses, zu dessen Befriedigung man sich der Sprache bedient? Viele Menschen benutzen das Wort „Zigeuner“ als Schimpfwort. Das hat dieses Wort mit dem Wort „Jude“ gemeinsam. Wer das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzt, ist antisemitisch, eine wertfreie Nutzung ist unverdächtig. Die Verwendung des Wortes „Zigeuner“ gilt im Sinne der PC immer als Schimpfwort. Demgegenüber verwendet man auch in der Qualitätspresse die antisemitisch konnotierten und stets negativ belegten Wörter „mauscheln“ und „Mauschelei“. Das verstehe, wer kann.
Sinti und Roma sind meines Wissens nach ein Plural, ob Maskulinum oder Femininum weiß ich nicht, ist auch nicht relevant. Was bei der ausschließlichen Verwendung der Begriffspaarung SuR problematisch ist, ist die Frage, wo andere ziganische Ethnien bleiben. Werden die mitgemeint oder wie verhält sich das?

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mucschwabe 20.04.2019, 21:57
264. @ kanotus54 Nr. 259

Falsch! Es geht bei PC genau um Vermeidung bestimmter Wörter. Wikipedia: In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der englische Begriff politically correct die Zustimmung zur Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können (etwa bezogen auf Geschlecht oder Hautfarbe).[1]

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norath 20.04.2019, 22:20
265.

Zitat von Mastermason
Sinti und Roma sind meines Wissens nach ein Plural, ob Maskulinum oder Femininum weiß ich nicht, ist auch nicht relevant. Was bei der ausschließlichen Verwendung der Begriffspaarung SuR problematisch ist, ist die Frage, wo andere ziganische Ethnien bleiben. Werden die mitgemeint oder wie verhält sich das?
Es sind sogar zwei Plurale, Sinti von Sinto und Roma von Rom. Beide betreffen jeweils nur die männliche Form. Relevant insofern, wenn der betreffende Text ansonsten sämtliche Geschlechter betrifft.
Ein sprachlogisches Problem ergibt sich übrigens daraus, dass die Sinti eigentlich eine Teilmenge der Roma sind. Das ist in etwa so, als wenn man von Menschen und Frauen spräche - wobei, da fällt mir ein, dass ja das Wort Mensch grammatisch männlich und etymologisch mit dem Wort Mann verwandt ist. PC, bitte übernehmen Sie!

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mucschwabe 20.04.2019, 22:32
266. @ k70-ingo Nr. 261

Ich muss niemanden beschimpfen oder beleidigen um ihm meine Meinung zu sagen. Sie? Wenn mir jemand sagt, dass er sich durch eine bestimmte Bezeichnung beleidigt fühlt, dann lass ich sie weg. Ist das nicht selbstverständlich? Natürlich können Sie Gruppen durch Bezeichnungen und Worte diskriminieren. Eigentlich wissen Sie das doch.

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Phlegias 20.04.2019, 22:43
267.

Ich fand es schon immer etwas seltsam das Westdeutsche bestimmte Menschengruppen als Ausländer bezeichnet haben, obwohl die teilweise schon in dritter Generation in Deutschland leben. (und ganz nebenbei mit für das deutsche Wirtschaftswunder gesorgt haben) Für fast alle in meinem weiteren Bekanntenkreis sind selbst ehemalige Vietnamesen, und vor allem deren hier geborene Kinder ganz selbstverständlich Deutsche. Freilich gibt es hier ein paar Idioten welche meinen ihren Rassenwahn ausleben zu müssen, leider.
Zum *schnitzel und N -Wort: Es sollte doch wohl ganz selbstverständlich sein das man Menschen nicht absichtlich beleidigt. Und wenn diese Gruppen diese Bezeichnungen als beleidigend empfinden sehe ich absolut keinen Grund an diesen Worten fest zu halten. Warum auch? Weshalb fällt das vielen so schwer?

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noalk 20.04.2019, 22:50
268. Bedenklich

"Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. ..." (aus dem Talmud). In diesem Sinne, Frau Ataman, laufen Sie tatsächlich Gefahr, einer Sprach- und Gedankenpolizei den weg zu bereiten.

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felix.milla 20.04.2019, 22:50
269. Dieser selbstgewisse hohe Tanten-Ton...

... ist nur der Soundtrack eines mittelständischen Klassenbewusstseins, das sich schon immer darin gesonnt hat, den sozial oder moralisch Minderbemittelten die Benimm-Regeln zu diktieren. Dabei geht es nicht wirklich darum, Menschen vor Beleidigungen und Diskriminierungen zu schützen, sondern das eigene Gut-Sein als Status der eigenen moralischen Überlegenheit zu etablieren, um von dieser höheren Warte aus anderen sagen zu können, wo´s lang geht.

Der Schlusssatz "Ich bin politisch korrekt und stolz darauf" ist von einer beispiellosen Naivität wie verräterisch. Stolz kann man nur auf eine Leistung sein. Wer das Gutsein, die Rücksichtsnahme gegenüber anderen Menschen nicht für eine Selbstverständlichkeit, sondern für eine Leistung hält, desavouiert seine eigene moralischen Grundlagen, auf denen er zu stehen nur vorgibt.

Die größte Pointe besteht dann darin, diejenigen, die sich an diese Sprachregelung nicht halten, pauschal den Bösen (vulgo: Den Rechten) zuschlagen, die niedrigsten Motive zu unterstellen und damit aus den Reihen verstoßen zu können. PC dient also der Reinhaltung der eigenen Klasse an Gesinnung und Bildung.

Gratuliere Frau Atamann, dass es Ihnen gelungen ist, mit ihrem kaum mehr zu übertreffenden Schlusssatz die Motivlage der Politisch Korrekten auf den Punkt gebracht zu haben.

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