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Fehlende Grenzen bei #metoo: Das Chaos will uns etwas sagen
REUTERS

Bericht eines Opfers oder Rache-Geschreibsel? Nach Vorwürfen gegen den US-Comedystar Aziz Ansari zeigt sich, wie wichtig die Diskussion um den Graubereich zwischen schlechtem Sex und Nötigung ist.

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ruhepuls 16.01.2018, 17:04
1. Irgendwann hört niemand mehr zu...

Generell führen "zu viele" Geschichten dazu, dass niemand mehr hinhört. Es wird einfach irgendwann langweilig. Aber besonders schnell passiert das, wenn auch noch "lasche Geschichten" erzählt werden. Derzeit hat man (und frau?) den Eindruck, dass alle möglichen Menschen auch noch "ihre" Geschichte loswerden müssen. Ist in den USA offensichtlich gerade auch ein Mittel, mal wieder ins Gespräch zu kommen. Schaden tut das denjenigen, die wirklich etwas zu sagen haben - und ein Recht darauf hätten, gehört zu werden. Die verschwinden nun in der Masse der "Geschichtchen".

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Planquadrat 16.01.2018, 17:06
2. Das große

Problem dieser Diskussion besteht einfach darin, dass jeder Vorwurf sofort von der Presse veröffentlicht wird, zum Schaden der Betroffenen. Denn deren Leben ist, egal ob der Vorwurf einer juristischen Überprüfung stand hält oder nicht, nicht mehr das Alte.
Solche Vorwürfe dürften nicht einfach in die Öffentlichkeit gelangen, bevor Gerichte sich damit befassen. Aber leider ist es ein leichtes dank moderner Medien aller Art, auch vollkommen unschuldige Menschen warum auch immer an den Pranger zu stellen. Etwas bleibt immer hängen.
Letztendlich schadet das auch den wirklichen Opfern, denn die Glaubwürdigkeit sinkt in der öffentlichen Wahrnehmung.

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hambas 16.01.2018, 17:14
3. Dann lasst uns die Debatte endlich auf Augenhöhe führen.

"Es gibt offensichtlich extremen Redebedarf: über Machtmissbrauch und Sex. Es ist nicht möglich und nicht sinnvoll zu sagen, wir hören nur die härtesten Fälle an und verschieben die anderen Fragen auf später."
Stimmt: Ich, als Mann, hatte aber an anderer Stelle zu diesem Thema kurz beschrieben, wie ich auf einem Konzert Opfer eines sexuellen Übergriffs einer Frau wurde. Zumindest würde es als solcher gewertet, wäre ich eine Frau. Allerdings wäre der Beitrag dann auch erschienen und von der Kommentarredaktion nicht gestrichen worden. Also gleichberechtigte Wahrnehmung und Beitragsrechte für alle.

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der_gezeichnete 16.01.2018, 17:17
4. Mir sind Fakten deutlich wichtiger

"Denn tatsächlich haben wir schon viele Geschichten gehört, aber immer noch nicht genug."

Wenn ich Geschichten lesen möchte, halte ich mich an Belletristik. Wenn es um Straftaten geht, doch eher an die Gewaltenteilung und Unschuldsvermutung.
Das soll nicht das Leid der wirklichen Opfer herabsetzten, der Ruck der durch #metoo durch die Gesellschaft ging, war notwendig. Die Aufarbeitung gleicht aber doch eher einem hysterischen Mob. Die Täter müssen nach geltenden Gesetzten bestraft werden, aber dazu ist eben ein Gerichtsverfahren notwendig, kein virtueller Pranger für die Vorveruteilung. Ich hoffe das viele Opfer die bisher geschwiegen haben, durch die Debatte an Mut gewinnen, die Täter zur Rechenschaft ziehen zu lassen - durch die Justiz! Wird dagegen die ganze Debatte instrumentalisiert um unliebsamen Verflossenen zu schaden, endet das am Ende wie bei der Geschichte mit dem Der Hirtenjunge und der Wolf.

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held_der_arbeit! 16.01.2018, 17:31
5. Umdenken auf beiden Seiten?

Das war ein - für eine Stokowski Kolumne - verhältnismäßig ausgewogener Text. Der Gedanke, in der Debatte könne vieles durcheinander gebracht, teils auch falsch berichtet und/oder gelogen werden kam der Autorin zumindest bei #TeamGinaLisa noch nicht. Da hieß es bedingungslose Solidarität aufgrund geteilter primärer Geschlechtsmerkmale, auch wenn relativ schnell klar war, dass die Story der Frau Lohfink, bei aller Zwielichtigkeit der beteiligten Herren, so nicht stimmen konnte. Oder kürzlich der Fall von Lena Dunham, die einen befreundeten, in der #metoo Debatte beschuldigten Regisseur mit der Begründung fallen ließ, als Feministin sei es ihre Pflicht(!) Frauen immer(!!) zu glauben, selbst in einem Fall, in dem Sie Insiderwissen hatte, nach dem die Anschuldigungen erfunden waren. Da war ich schon sprachlos. Nachdem derartig radikale Feministinnen jetzt aber eine Weile uneingeschränkt die Diskurshoheit hatten, regt sich langsam gut begründeter Widerstand (erst durch Männer, später dann, schwerer zu ignorieren, auch immer mehr durch andere Frauen) und es scheint eine stärkere Differenzierung einzusetzen. Ich hege mittlerweile die leise Hoffnung das sich durch #metoo auf BEIDEN Seiten etwas ändert. Also eine Sensibilisierung mancher Männer für die Grenzen der Frauen, aber auch eine Emanzipierung mancher Frauen im Hinblick auf die Selbstverantwortung beim Sex, sowohl was dessen Anbahnung als auch dessen Durchführung betrifft ("Mancher", da sowohl die meisten Männer als auch die meisten Frauen das ganze durchaus bereits jetzt Verantwortungsvoll- und Verantwortungsbewusst regeln). Die radikalfeministische Erzählung, wonach Frauen im Zweifel immer Opfer sind mag als Verteidigung gedacht sein, aber schadet allen Beteiligten mehr, als dass Sie nützt.

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larsmach 16.01.2018, 17:32
6. Eine Handvoll Kranker als Orientierung

Die Hand streichelt den Körper, da wird sie von der anderen Hand ebendieses Körpers gefasst und auf ein Körperteil gelegt - soll mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heißen: "Hab gerade keine Lust auf Streicheln im Bett; lass deine Hand einfach ruhig auf meinem Schenkel liegen!"
Wäre die ergriffene Hand auf dem Körperteil ein Quentchen hin und her bewegt worden, dann hätte dies wohl bedeutet: Streichle mich dort ...oder so...
Am besten führen wir für jede Situation eine möglichst präzise Regel ein!
Die Zahl dieser Regeln wird dann in die Unendlichkeit wachsen: Für jede Situation eine Regel - also so viele Regeln wie es Sterne gibt!
Nutzen wird das jener Handvoll Menschen, die nicht wie wir normalen und gesunden Personen zu kommunizieren fähig sind. Menschen, die Worte, Gesten, Mimik usw. nicht lesen können (als Jugendlicher zu viel mit dem Smartphone geflirtet?) bestimmen eine immer absurdere Debatte!
Wer als erwachsener Mensch regelmäßig weder in der Lage ist, seine Wünsche zu äußern noch die nach gesundem Menschenverstand erkennbaren Wünsche eines anderen Menschen wahrzunehmen, ist eh unterbelichtet - ich fürchte, da helfen auch keine gesellschaftlich erzieherischen Maßnahmen...

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sampleman 16.01.2018, 17:43
7. Woran es hakt...

... und das hat ja Giesela Friedrichsen schon moniert, das ist die Tatsache, dass die meisten in den Me-Too-Debatte behaupteten Straftaten verjährt sind. Das verhindert einerseits, dass tatsächliche Täter bestraft werden können, andererseits verhindert es aber auch, dass Männer, die sich zu Unrecht beschuldigt fühlen, rehabilitiert werden. Inzwischen sind genügend Vorfälle bekannt, und wir haben nahezu alle denkbaren Reaktionen der Beschuldigten durch: Sich entschuldigen, herumgreinen, nichts wissen wollen, klar dementieren. Hat keinem was genutzt, alle haben ihren Schaden abbekommen für Vorwürfe, die gerichtlich nicht verhandelt werden, weil sie verjährt sind. Ich bin ja mal gespannt, wann der erste prominente Mann, der sexueller Übergriffe beschuldigt wird, darauf mit einer Verleumdungsklage reagiert.

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akkronym 16.01.2018, 17:52
8. Implikation

"....wichtig die Diskussion um den Graubereich zwischen schlechtem Sex und Nötigung ist."

Erstaunlich diese Implikation, dass schlechter Sex und Nötigung über einen Graubereich verbunden sind. Eine fatale Ableitung dieser Logik wäre nämlich: Bei gutem Sex alles i.O. Wenn er mir aber nicht gefallen hat, oder irgendwann mir der Gedanke kommt, dass er mir nicht gefallen hat, dann wäre auch Nötigung unterstellbar.

Es ist doch jedem klar, dass das Wort "Nein" messerscharf, ohne jede Graustufe, die Bereiche "schlechter Sex" und "Nötigung" voneinander abgrenzt. Und so ist es auch: die Person die nicht will muss dann auch klar "nein" sagen und sich nicht auf "nonverbale Signale" zurück ziehen. Dies ist eine persönliche Verantwortung, sich selbst, dem Anderen, aber vor allem sich selbst gegenüber.

Mir deucht hier wird ein kurzes Schlaglicht auf viele geistige/psychische Hintergrundprozesse in der überhitzten #me too-Debatte geworfen, die einer eingehenden Untersuchung/Erforschung würdig wären.

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ach-nur-so 16.01.2018, 18:08
9.

"In guter, alter Tradition wird das Bild der irrationalen, hysterischen Frau aufgerufen (...)"

Aber nicht von mir. Ich bin einer derer, die es als kontraproduktiv empfinden, dass unter #metoo Dinge in einen Topf geworfen werden, die nicht in einen Topf gehören. Alles, was strafrechtlich relevant ist, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, sollte generell nicht unter dem Stichwort "Sexismus" besprochen werden. Das sind schwere Straftaten. Die sexistisch motiviert sein können - aber nicht müssen.

Das Bild, das ich aufrufe, ist das einer irrationalen, hysterischen Social-Media-Hashtag-Debatte. Aber da ist #metoo in "guter" Gesellschaft, denn die verlaufen imgrunde alle so. Wie sollte es auch anders sein, wenn Multimillion Menschen in (nunmehr) 240 Zeichen wild durcheinander plärren..? Es liegt einfach in der Natur der Sache. Deshalb wäre/ist es wichtig, dass das Ganze journalistisch/redaktionell begleitet und moderiert wird. Und zwar im Zweifel auch so, wie von der stellvertretenden Chefredakteurin der ZEIT, die zwischendurch mal entsetzt ins eigene Blatt (ZEIT ONLINE) hinein fragte: "Soll das Journalismus sein?".

Standards setzen. Dafür sind Journalisten doch da. Und hierbei werden sie dringend gebraucht.

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