Forum: Kultur
Fergus Falls: US-Kleinstadt vom Fall Relotius betroffen

Claas Relotius hat über das amerikanische Dorf Fergus Falls eine SPIEGEL-Geschichte geschrieben. Zwei Einwohner haben seine Reportage überprüft. Ihr Urteil ist vernichtend. Dieser Fall zeigt exemplarisch, dass die Sicherheitsmechanismen der Redaktion versagt haben.

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Bananenschale 21.12.2018, 11:41
80. Werbung?

Zitat von tom_k0305
... Schnupperangebote, Wichtiges und Aktuelles, Rest im Heft! Dazu eine nur bezahlte komplette Onlineplattform mit Werbung, die nur ohne Werbeblocker genehmigt wird, oder werbefrei sein kann. ...
Nein, da bin ich streng! Für ein Online-Angebot zahle ich nur dann, wenn es werbefrei ist. Und zwar uneingeschränkt werbefrei. Ein zweites Kriterium ist die inhaltliche Qualität. D.h. ich müßte vom kostenfreien Angebot, dessen Werbe-Content natürlich geblockt wird, auf die Qualität des kostenpflichtigen Angebots schließen können. Und da sieht es düster aus. Die Schwächen der Qualitätskontrolle konnte man unlängst bei einem Artikel über Solar Probe sehen:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/parker-solar-probe-sonde-in-der-aeusseren-sonnen-atmosphaere-a-1243504.html

Erst nach mehrfachen Hinweisen von Foristen erfolgte eine Korrektur. Dabei hätte eine direkte Recherche auf den Web-Seiten der NASA einen solchen Fehler erst gar nicht entstehen lassen. Auf welche Quellen bezog sich eigentlich der Autor? Geht mich nichts an. Wieso? Ich erfahre es nicht. Wie kann es sein, daß ich als Leser immerzu dem Inhalt von Artikeln hinterher googlen muß? Mein Problem. Wie krass ist das denn?! Dafür soll ich Geld ausgeben? Nö!

redaktionelle Regel i.S. einer Quellen-Treue: Ein Online-Artikel funktioniert über die ggf. mitgelieferten Links! Die sind aus der Sicht des Lesers wesentlicher Teil des Mehrwerts.

Diese Regel ist zum großen Teil auch Artikel, wie sie Herr Claas Roletius schrieb, anwendbar. Und man sieht sofort: Fälschungen, wie sie Herr Class Roletius ablieferte, wären deutlich erschwert. Foristen lieferten hier gerade ensprtechende Links. Der Spiegel selbst nicht.

Ich kann das ökonomische Problem der deutschsprachigen Medien verstehen. Lösen kann ich es nicht. Die Medien zu etwas Interaktivem entwickeln zu wollen, also gewissermaß auch die Leserschaft als Reporter mit zu einzubeziehen, dürfte an dem leidigen Troll-Unwesen scheitern. Natürlich brauchen wir redaktionelle Medien ( siehe vorstehende Regel ). Was mich nur immer stört, ist, daß die Kriterien und Leitlinien geheim sind nach dem Motto: Was der Spiegel schreibt ist Gottes ungeschaffenes Wort ( siehe voranstehendes Beispiel ).

Mich verbindet mit dem Spiegel eine Jahrzehnte alte innige Haßliebe. Allzuhäufig springe ich von der Überschrift eines Online-Artikels direkt in das Forum. Dort finde ich viel Tüch aber auch interessante Infos. Erst dann überfliege ich den Artikel. Ich bleibe dabei: Der Spiegel hat sowohl ein Problem mit der Einstellung seiner Mitarbeiter im Umgang mit dem, "was ist" als auch eines in der Haltung gegenüber seiner Leserschaft.

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sina.oligmueller 21.12.2018, 11:49
81.

Ein schwerer Schlag für den Journalismus, der sich sowieso seit Jahren schon den Stempel "Lügenpresse" aufdrücken lassen muss. Allerdings sollte man sich dafür hüten, alle Journalisten oder den Spiegel unter Generalverdacht zu stellen. Ich denke, das war auch eine Lektion für den Spiegel, der daraus seine Konsequenzen ziehen wird. Auch wenn ich gespannt bin, wie diese aussehen.
Natürlich gibt es für das Verhalten von Relotius keine Entschuldigung, jedoch sollte man auch Bedenken unter welchem Druck Journalisten und Lektoren stehen. Schnell, qualitativ hochwertig und möglichst viele Artikel und das bei mäßiger Bezahlung - ich hoffe, dass das beim Spiegel anders ist. Beim Korrekturlesen und Überprüfen von Inhalten kann es da mitunter zu Fehlern kommen bzw. solche können übersehen werden. Das ist nicht schön, kann aber aufgrund der hohen Anforderungen passieren. Auch Journalisten und Lektoren sind nur Menschen. Für Relotius Fantasiegeschichten bzw. Hinzudichtungen gibt es allerdings, wie gesagt, keine Rechtfertigung.
Mir tut es für den Spiegel Leid, der meiner Meinung nach Qualitätsjournalismus auf hohem Nivau liefert und dessen Artikel und Journalisten nun ständiger Skepsis ausgesetzt sind.

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Ich-seh-das-mal-so 21.12.2018, 11:53
82. Qualitätsmedium ?

Vor einiger Zeit sah ich Vorträge von Daniele Ganser - laut eigener Aussage ein Historiker und Friedensforscher - auf YT, in welchen dieser äußerte, dass "Der Spiegel" leider kein Qualitätsmedium sei, weil viele Berichte tendenziös verfasst und Schlussfolgerungen voreilig und deshalb häufig fehlerhaft gezogen würden.
Das wollte/konnte ich gar nicht glauben.
Es zeigt sich aber augenscheinlich nun, dass er - zumindest in Teilen - Recht hatte.
Stellt sich nur die Frage, wie viele Medien-Fuzzies "Der Spiegel" noch in seinen Reihen hat, die ähnlichen Unsinn verzapft haben und ob man diese auch wird identifizieren können.
Wobei Unsinn viel zu verharmlosend ist, denn "Der Spiegel" trägt viel zur öffentlichen Meinungsmache bei.
Und da beginnt erst das eigentliche Problem.

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fördeanwohner 21.12.2018, 12:06
83. -

Zitat von briefzentrum
... Der Relotius-Skandal wird nicht nur den Spiegel verändern, sondern erweist sich auch als Krise der deutschen Presse. Deren Aufarbeitung hat noch nicht einmal begonnen.
Kann man aber ja nur positiv sehen, oder nicht?
Und was den Spiegel betrifft, gehe ich davon aus, dass nun doppelt und dreifach gegengecheckt wird.
Optimistisch betrachtet, der Fall ist zwar irgendwie tragisch, aber wird wahrscheinlich eine reinigende Wirkung haben.
Daher sehe ich auch 0,00 Veranlassung, mein Abo zu kündigen.
Trotz dieser Angelegenheit ist der Spiegel für mich nach wie vor ein seriöses Blatt, das auch nicht - wie Spon oder die Zeit leider zu häufig z.B. in puncto Migration - naiv/weltfremd daherkommt.

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Isfet 21.12.2018, 12:09
84. Befremdlich

Da stellt sich der Spiegel hin und sagt, der Relotius war schuld und wie hätten wir denn erkennen können...blablablubb...und die Leser, die sonst auf jeden Vorhalt des Spiegles gegen Firmen aufspringen und mitschreien, dass die Firmenleitung das doch gewusst haben muss und dass der Fisch immer vom Kopf her stinkt - tja, die glauben dem Spiegel jetzt auch noch, dass er demütig ist, alles aufarbeiten will und man doch von nichts gewusst hat. Doppelmoral? Immerhin hatte doch seit Monaten Juan Moreno darauf hingewiesen, dass etwas nicht stimmt - man hat ihm wohl nicht nur nicht geglaubt, sondern ihn quasi Spießruten laufen lassen und nun tut man so, als ob das alles ganz neu sei.

Schon die Aussage "demütig" - der Spiegel stellt sich hier als Opfer dar, dabei ist es die Aufgabe einer Redaktion dafür zu sorgen, dass so etwas nicht passiert. Mit Kontrollmechanismen, die offensichtlich versagt haben, deren Anwendung aber auch offensichtlich nicht überwacht wurde. Aber die gläubigen Leser, deren Weltbild durch solche Erzählungen bestärkt, vielleicht sogar geprägt wurde, sagen jetzt, das wäre doch nicht so schlimm und überhaupt könnte doch der Spiegel nichts dafür. Von Demut keine Spur.

Hier schreibt jemand, eine Firma müsste ihren Mitarbeitern vertrauen - das ändert aber nichts daran, dass es an sensiblen Stellen wirksame Kontrollmechanismen geben muss, deren Funktion auch überwacht wird.

Ich habe (nicht nur) hier schon häufig Artikel gelesen, bei denen es für mich offensichtlich war, dass mit ihnen Meinung gemacht werden sollte und dabei die Realität mehr oder weniger verzerrt dargestellt wurde, manchmal reicht es ja schon, dass man etwas weg lässt um ein völlig anderes Licht auf eine Sache zu werfen. Das fällt mir vor allem dann auf, wenn es sich um mein Fachgebiet handelt, ich habe aber auch gelernt, dass man im Forum kaum dagegen anschreiben kann, denn diese Dartstellungen entsprechen meist dem, was ein Großteil der Spiegelleser offensichtlich gerne liest, was seiner Meinung entspricht und dann muss es doch stimmen. Genau wie diese Darstellung einer amerikanischen Kleinstadt - tumbe, waffentragende Trump-Anhänger, das passt doch ins Bild. Und so ist es häufig hier im Spiegel - Artikel die Meinung zeigen und Meinung machen, leider nicht nur sollen, die aber nicht als Kommentare gekennzeichnet werden.

Und so ist es nun auch hier so, dass man heult, das würde nun den "Fake-News-Schreiern" Auftrieb geben und dabei wäre es doch "nur" der eine gewesen und das was er gemacht hat war doch nur "künstlerische Freiheit" und man hätte "etwas aufgepeppt". Und übersieht dabei, dass genau diese Dinge im Journalismus nichts zu suchen haben, solange es sich nicht um Kommentare oder ähnliches handelt. Und sogar da ist es kritisch, je nachdem, wie starkt man die Fakten an die eigene Meinung anpasst.

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lilsue66 21.12.2018, 12:15
85. Spiegel...

...und Stern, große Institutionen deutschen Journalismuses, sind über ihren scheinbar unerschütterlichen Nimbus gestolpert. das ist ähnlich tragisch wie der Vertrauensmissbrauch, der ja nur in anderen Familien passiert, aber nie in der eigenen... lernt daraus, denn wie heißt es so schön: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

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ludwig49 21.12.2018, 12:16
86. Wenn ich bedenke...

...dass DER SPIEGEL seit sehr vielen Jahren (Jahrgang 1949) mein Begleiter ist, dann sehe ich zunächst die Vielzahl relevanter, geschliffener Recherchen, den Ersatz für eine oftmals fehlende Opposition. Und jetzt wird ein Mitarbeiter entlarvt, der den SPIEGEL anscheinend nicht verstanden hat. Es gibt viele schwarze Schafe im Lande, weshalb sollte man ein solches nicht auch bei einem Nachrichtenmagazin finden ? Auch der STERN musste eine beinahe ruinöse Erfahrung machen. In der Gesamt-Bilanz taucht das schwarze Schaf nur als Sandkorn auf.

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Kalle84 21.12.2018, 12:20
87. Da hatte der Herr wohl nen schönen Urlaub in Minnesota.

Gerade mit zwei Kollegen unterhalten, die das Abo bei Ihnen kündigen wollen. Ich werde mein Abo behalten. Denn ich setze darauf, dass das eine Ausnahme war und dass Sie aus dieser Geschichte Ihre Schlüsse ziehen und gestärkt aus ihr heraus gehen. Positiv empfinde ich Ihren offensiven Umgang mit dem Thema. Ein ordentliches Qualitätsmangement aufziehen. Bzw. strikt einhalten. Weiterhin kann man darüber nachdenken, Projekte nicht mehr in alleinige Verantwortung übergeben oder zumindest Dienstreisen zur Recherche nur noch mit mindestens zwei deutschsprachigen Kollegen angehen zu lassen. Vlt. auch darüber nachdenken, an Preisverleihungen nicht mehr teilzunehmen. Bitter für die Mitarbeiter, die gute und ehrliche Arbeit leisten. Aber noch so ein Ding darf Ihnen nicht passieren.

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Ich-seh-das-mal-so 21.12.2018, 12:37
88. Manipulation

Zitat von Isfet
..., dass man etwas weg lässt um ein völlig anderes Licht auf eine Sache zu werfen.
Dogbert (das ist der durchtriebene Köter von Dilbert, IT- und Technik-affine kennen ihn nur zu gut) sagte einst:
"Das Weglassen wichtiger Informationen bedeutet noch nicht, dass man lügt.".

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moe.dahool 21.12.2018, 12:46
89. Man, haben Sie Zeit

Zitat von Bananenschale
Nein, da bin ich streng! Für ein Online-Angebot zahle ich nur dann, wenn es werbefrei ist. Und zwar uneingeschränkt werbefrei. Ein zweites Kriterium ist die inhaltliche Qualität. D.h. ich müßte vom kostenfreien Angebot, dessen Werbe-Content natürlich geblockt wird, auf die Qualität des kostenpflichtigen Angebots schließen können. ... Ich bleibe dabei: Der Spiegel hat sowohl ein Problem mit der Einstellung seiner Mitarbeiter im Umgang mit dem, "was ist" als auch eines in der Haltung gegenüber seiner Leserschaft.
Vorab habe ich gute 95% des von Ihnen Geschriebenen herausgenommen. Ich bin verwundert, dass es tatsächlich Foristen gibt, die sich so dermaßen viel Zeit nehmen, um sich in Foren mitzuteilen.
Sie wollen Qualität, aber nicht zahlen? Wie soll das klappen? Es gehört schon eine gehörige Portion Chuzpe dazu, kackfrech zu schreiben, dass "man selbstverständlich im kostenfreien Bereich den Werbecontent blockiere". Es sind Konsumenten wie Sie, die Qualität der Onlinemedien unterminieren. Ein ganzer Apparat muss finanziert werden, das ist bei kostenlosen Angeboten ausschließlich über Werbung möglich.
Ebenso fragwürdig finde ich Ihren Schluss, "der Spiegel hätte ein Problem mit der Einstellung seiner Mitarbeiter im Umgang mit dem, "was ist" als auch eines in der Haltung gegenüber seiner Leserschaft." Jetzt kann man endlich draufkloppen, endlich ist das Lügenmedium Spiegel enttarnt. Darauf haben manche Menschen gewartet, für ebenso viele herrscht gerade sowas wie ein "innerer Reichsparteitag". Auch ich glaube nicht blind, was Spiegel, SZ oder FAZ schreiben, aber ich nehme weder Spiegel, noch die Medien im Allgemeinen, in Sippenhaft. Ich glaube ernsthaft, dass die Mitarbeiter, vom freien Mitarbeiter bishin zum Vorstand, die Lage nicht nur erkannt haben, sondern auch eine ehrliche Demut zeigen. Was muss der Spiegel tun, damit er Ihre Gunst erlangt bzw in seiner Aufarbeitung glaubwürdig erscheint?

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