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Film über "Hofmohr" Angelo Soliman: Der kalte Hauch der Geschichte
Grandfilm

Wie gelangte ein aus Afrika verschlepptes Kind an den Wiener Hof? Aus den Fragmenten der Biografie von "Hofmohr" Angelo Soliman macht Markus Schleinzer eine Erzählung über koloniales Erbe und Gewalt.

Weltgeisterer 29.11.2019, 19:20
1. Tendenziös

Solcherlei Filme deuten die Geschichte rückwirkend um.

Wie anders sollten Europäer Afrikaner denn wahrnehmen, wenn nicht als ungebildete Wilde?
Im Gegenteil war es doch ein Fortschritt, wenn man beweisen konnte, dass ein Afrikaner ebenso zu einem gebildeten und zivilisierten Menschen erzogen wurde.

Der biologische Rassismus war eine Erscheinung des späteren 19. Jahrhunderts.

Bereits zu Lebzeiten Solimans gab es Bewegungen gegen die Sklaverei, die übrigens nur außerhalb Europas herrschte.
Wer in Europa lebte konnte kein Sklave sein (sehrwohl aber, wie die meisten Europäer auch, Abhängige).
Versklavt wurde Soliman nicht von Europäern, sondern von Afrikanern. Europäer haben ihn befreit.

Soliman ist bei weitem nicht der einzige Afro-Europäer. In Lissabon lebten schon im 16. Jh. viele Afrikaner als Europäer.
Hier ein wenig bekanntes Bild afrikanischer Musiker:
http://www.kimballtrombone.com/wp-content/uploads/2010/01/St-Ursula-detail.jpg

Berühmt ist die Geschichte des Chevalier de Saint-Georges, Sohn einer Sklavin. Er war alles andere als ein Sklave.
Probleme bekam er nicht, weil er halb schwarz war, sondern als Royalist in der Revolution.
https://www.youtube.com/watch?v=vILAgsHUlt8

Der Vater der berühmten Schriftsteller, selbst erfolgreicher General, war Sohn einer Sklavin:
https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas

Filme wie "Angelo" drücken der Geschichte also einen Stempel auf, der ahistorisch ist. In Europa irgendwie schwarz oder gemischt zu sein war im 18. und frühen 19. Jh. kein Hindernis, und auch später eher nicht -- auch nicht in Deutschland:
Der erste schwarze Professor Deutschlands:
https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Wilhelm_Amo

Und dieses Bild sagt mehr als tausend Worte:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/e/e2/Gustav_Sabac_el_Cher.jpg/800px-Gustav_Sabac_el_Cher.jpg

Wann lernen Menschen endlich, dass Versklavung nicht "vom weißen Mann" ausgeht, sondern von Psychpathen aller Couleur auf der ganzen Welt?

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cavefelem 30.11.2019, 15:12
2. Internalisiertes falsches Afrika-Bild

--- Wie anders sollten Europäer Afrikaner denn wahrnehmen, wenn nicht als ungebildete Wilde? ---

Wie gleichberechtigte Menschen. Anders, als heute noch viele meinen, waren Afrikaner eben keineswegs "ungebildete Wilde" - ganz im Gegenteil, vor der Kolonialisierung durch europäische Mächte gab es insbesondere in Westafrika große Reiche, die in Sachen Wohlstand, Infrastruktur und Bildung Europa durchaus gleichkamen und teilweise übertrafen. Die berühmte Gelehrtenstadt Timbuktu liegt im heutigen Mali, und der reichste Mann aller Zeiten war Mansa Musa, ein König des Mali-Reichs. Leider geht das Wissen des durchschnittlichen Europäers über afrikanische Geschichte gegen Null; noch immer herrscht das koloniale Bild von Afrika als geschichtslosem Kontinent vor.

--- Der biologische Rassismus war eine Erscheinung des späteren 19. Jahrhunderts. ---

Das ist falsch. Tatsächlich liegen seine Wurzeln im Beginn der Kolonialisierung, da die Abwertung der betroffenen Bevölkerung unabdingbar dafür war, die Unterwerfung dieser Regionen zu rechtfertigen.

--- Wer in Europa lebte konnte kein Sklave sein ---

Das gilt nur für Frankreich. In anderen europäischen Ländern hielt sich die Sklaverei (ja, die echte - nicht Leibeigenschaft) sehr viel länger. Davon waren auch keineswegs nur Afrikaner betroffen. In Rumänien wurden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Roma als Sklaven (ja, so wie in den Südstaaten der USA und genauso lange) gehalten: https://en.wikipedia.org/wiki/Slavery_in_Romania

--- Versklavt wurde Soliman nicht von Europäern, sondern von Afrikanern. ---

Was für eine peinliche Rechtfertigung für die Gräueltaten, die den versklavten Menschen von Europäern und Amerikanern angetan wurden! Dabei wird völlig ignoriert, dass sich die Konzepte von Sklaverei in den betroffenen afrikanischen Regionen deutlich von den europäischen/amerikanischen unterschieden und dass der Sklavenhandel bewusst von den Europäern angeheizt wurde. Er war die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg Europas und - neben der Kolonialisierung - die Ursache dafür, dass Afrika bis heute wirtschaftlich abgehängt und in weiten Teilen politisch instabil ist.

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vulcan 03.12.2019, 12:19
3.

Sehr schön, wie Sie das im Sinne der aktuellen politischen Korrektheit beantwortet haben.
Leider ist ein Gutteil davon absoluter Unsinn.
Die 'berühmte Gelehrtenstadt' war gegenüber Europa hoffnungslos im Rückstand und keinesfalls vergleichbar. Restafrika war genau das, was man gemeinhin vom Afrika des 18./19. Jh annimmt. Wild.
Und die These, dass die Sklaverei Europas und Amerikas für den heutigen Zustand Afrikas verantwortlich ist, ist wohl etwas mehr als abenteuerlich.

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Weltgeisterer 06.12.2019, 09:26
4. Danke

Vielen Dank Vulcan für die Rückendeckung!

@Cavefelem:
Lesen Sie doch einmal die Berichte über Afrika um 1500, z. B. die Reiseberichte der Vasco-da-Gama-Expeditionen.
Dass Afrikaner von vornherein als "Wilde" bezeichnet werden, finden wir nicht darin. Im Gegenteil werden alle Menschen entlang der Afrikanischen Küsten bis nach Indien als gleichberechtigte Handelspartner betrachtet.
Man wundert sich lediglich über die Nachfrage nach billigem Schmuck und anderen Schnickschnack, während die Araber und Inder den Handel genauso betreiben wie Europäer.
Urteile über die Völker weiter innen in Afrika werden über einzelne Personen berichtet, die selbst jahrelang unter Eingeborenen gelebt haben. Ein Urteil fiel nicht sehr positiv aus, war aber eben kein Vorurteil.

Und ich bleibe dabei: Afrikaner in Europa waren keine Sklaven, sondern ganz normale Untertanen mit den gleichen Rechten und dem gleichen Maß an Unterdrückung wie es in Feudalsystemen nun einmal der Fall ist.
Lesen Sie über den schwarzen Trompeter der Tudors:
https://de.wikipedia.org/wiki/John_Blanke

oder wenn Sie Englisch können über den Seidenweber mit dem Namen "Reasonable Blackman".
https://en.wikipedia.org/wiki/Reasonable_Blackman

Der Name spricht für sich und belegt gleichzeitig eine nicht-biologische Sicht. Auch ein Afrikaner kann Vernunft haben.

Ich bleibe dabei, dass Europäer nicht selbst auf Sklavenjagd gegangen sind, sondern die Sklaven von Stämmen abgekauft haben, die andere Stämme versklavt haben. Oder von Arabischen Sklavenhändlern.
Ihre Visionen von "großen Vergangenen Reichen" hält einer genaueren Sicht nicht stand.
Städte waren in Afrika eingemauerte Dörfer. Zeigen Sie mir nur ein Schloss eines Afrikanischen Königs (die Reiche sind nur durch Europäer so mächtig geworden - Portugiesen, die sich für das Afrikanische Gold interessiert haben). Zeigen Sie mir eine afrikanische Mittelalterliche Konstruktion, die an eine gotische Kathedrale herankommt, oder auch nur an ein mehrstöckiges Fachwerkhaus.
Es ist keine Schande, näher an der Natur zu leben ("wild"). Aber es ist eine Schande, wenn man Menschen eine falsche Vorstellung nicht zuletzt auch sich vor sich selbst gibt.
Die übelsten und gewalttätigsten Parteien Afrikas nutzen die Vorstellung von der großen Afrikanischen Vergangenheit, die vom bösen Europäer kaputtgemacht wurden.
Lesen Sie einmal über die Bantu-Expansion. Schon vor 2000 Jahren gab es Kolonisation Südafrikas - von Afrika aus! Die Bantu-Stämme haben die Eingeborenen der südlichen Länder versklavt oder schlicht umgebracht.

Über die Probleme von Kolonialisierung kann man sich bewusst sein ohne Einseitigkeit.

Letztlich bleibt es immer dabei: Menschen ohne Empathie beuten andere Menschen aus, Menschen mit Empathie sehen andere Menschen auf Augenhöhe - oder wie sie eben sind.

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