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Gegenwartsbefund von Francis Fukuyama : Es ist die Würde, Dummkopf!
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Links Vereinzelung, rechts Schulterschluss? Francis Fukuyama zeigt in seinem neuen Buch auf, wie Identitätspolitik die Gesellschaft spaltet. Riskante Tiefenbohrung in die Seele der Demokratie.

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Armutsrentner2032 07.02.2019, 15:12
20. Nix neues...

Zitat: zerfällt die Gesellschaft in viele kleine Gruppen, führt das unweigerlich zum Kollaps des Staates.
Wir haben mit CDU / CSU, FDP und sPD schon Parteien, die gefühlt eine entsolidarisierung unserer Gesellschaft vollenden wollen.
Noch nie war die Spaltung in Deutschland so groß wie heute, noch nie war die Schere zwischen Arm und Reich so groß wie heute...letztendlich ist unsere Gesellschaft schon längst zerfallen, aber keiner will es wahrhaben.

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kodu 07.02.2019, 15:14
21. Nebelkerze...

In den 90ern, auf dem Weg zum Höhepunkt des neoliberalen Hypes, habe ich Fukuyamas Werk der "Der große Aufbruch" gelesen. Auch dieses "Sachbuch des Monats" glänzte in seiner Analyse durch das Weglassen fundamentaler Zusammenhänge. Und auch hier wieder verwendet er offenbar undefinierte Begriffe, wie "Linksliberalismus" oder sich "Demokratie". Diese Begriffe müssen im Vorfeld eines solchen Diskurses aber unbedingt geklärt werden. Jeder führt sie im Munde, aber was bedeuten sie heute denn wirklich? Das wird ebenso ausgeblendet, wie Brechts einfache Wahrheit, wonach zuerst das "Fressen kommt und dann kommt die Moral".
Den Aspekt der Zersplitterung der Gesellschaft beobachtet er womöglich richtig, das hat aber nichts mit der ausstehenden Lösung des globalen Kernproblems, dem Unterschied zwischen Arm und Reich, zu tun. Die Demokratie zerbricht nicht daran, daß sie durch kleine partikulare Interessengruppen und Minderheiten ausgehöhlt wird, sondern durch die ungeheure Macht nicht gewählter Körperschaften...!
Ich habe mir das Buch nicht gekauft...daran scheint zuviel nicht zu stimmen.

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amuseemanc 07.02.2019, 15:14
22. Es ist eben doch die Ökonomie!

Fukuyama mag in Teilen richtig liegen, aber die Ökonomie völlig auszuklammern ist es nicht. Die Demokratie erodiert u.a. auch deshalb, weil sie es nicht mehr schafft, eine für die ganze Gesellschaft ausgerichtete Politik zu machen. Die ungesunde- und ungerechte Vermögensverteilung hat mittlerweile Ausmaße angenommen, die für immer mehr Menschen große, sehr große Unsicherheit hervorruft. Die Demokratie verliert zusehends
an Akzeptanz und meint damit schlicht, den markenkapitalistischen Kern. Ungewissheit macht sich breit und sie findet sich in beiden Lagern, rechts als auch links.

Und leider wiederholt sich die Geschichte doch. Die Unsichtbaren, die Fukuyama beschreibt, sind eben in sehr starkem Maße jene, die wirtschaftlich und sozial ausgegrenzt werden. Ihre Belange finden im politischen Betrieb keine Resonanz mehr. Mächtige Lobbyarbeit, die immer ungenierter starke partikulare Interessen durchsetzt, untergräbt die Demokratie.

Sie ist der wahre Feind.

Der Rest wiederholt sich. Bedienen von Ressentiments, das Pflegen von Vorurteilen, mediale Ablenkung ( selbst auf SPON nehmen profane Themen zu ), die Sehnsucht nach klarer (scheinbarer) Führung werden in dieser Gemengelage wieder fashionabel. Wie sagte schon Obama treffend, Trump ist nicht das Problem, er ist ein Symptom. Was er nicht so deutlich sagt, eines längst kaputten Systems. Und Gore Vidal sprach Amerika schon längst den Status der Demokratie ab, und sah Amerika als ersten plutokratischen Staat.

Die restlichen Industrienationen folgen dem. Der Neoliberalismus in den letzten zwei/drei Jahrzehnten hat diese Entwicklung stark befeuert und genau seitdem verliert die Demokratie.

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Beat Adler 07.02.2019, 15:17
23. Rechte? Linke? Beide sind abgemeldet!

Zitat von Atheist_Crusader
"Während sich die Linke in verschiedenen, scheinbar oft gegeneinander wirkenden identitätspolitischen Themen wie Migration, Inklusion oder Gendergerechtigkeit aufsplittert, findet die Rechte im Nationalismus eine große, vereinende Erzählung. Daher der Wahlerfolg von Trump in den USA, der Abschied der Briten von Europa, der Siegeszug der Rechtspopulisten in allen Teilen der Welt." Die Rechte ist doch genauso gespalten. Nationalismus beinhaltet immer auch die Ausgrenzung als anders empfundener und wer z.B. als Amerikaner zählt, da ist man sich auch nicht einig. Einige sagen: alle Konservativen, andere sagen alle Rechten, andere sagen alle Weißen und andere stellen sogar in Frage wer denn als echter Weißer zählt (Iren zum Beispiel standen lange Zeit in der sozialen Hierarchie unter den anderen Weißen). Noch dazu haben sich die wenigsten Menschen 100% einer politischen Richtung verschrieben. Und selbst wenn, Nationalismus ist viel zu grobkörning um alle Facetten des Lebens umfassen zu können. Da bleibt viel Platz für Konflikt. Auch unter Nationalisten kann man streiten ob z.B. in puncto Abtreibung das Recht auf körperliche Selbstbestimmung (der libertäre Denkansatz) den Wunsch nach bibeltreuer Gesetzgebung (der religiöse Denkansatz) übertrifft. Auch die Rechte ist nicht geeint - sie merken es nur nicht, weil sie über die letzten Jahrzehnte so viel Boden verloren haben, dass die Angst sie zusammengeschweißt hat. Die Risse zeigen sich sobald sie dann wieder ausreichend Macht für sich akkumuliert haben. Ich hab erlebt wie deutsche Neonazis sich zusammen mit polnischen Neonazis betrunken haben. Das geht, weil beide nicht an der Macht sein. Weil beide sich als unterdrückte Minderheiten sehen und damit solidarisch sein können. Aber wenn sie ausreichend Macht hätten, würde sie einander sofort an die Kehle gehen über die Frage wem denn jetzt Schlesien gehört. Von daher sehe ich da keinen fundamentalen Unterschied zwischen Rechts und Links, sondern zwischen den "Luxus"problemen einer Seite die sich im Gewinnen sieht und der erzwungenen Einigkeit einer Seite die sich im Verlieren sieht.
Rechte? Linke? Beide sind abgemeldet!

Die Karten werden neu gemischt OHNE Linke, OHNE Rechte!

Milliarden Menschen stecken ihre Koepfe ins smartphone und amuesieren sich bei facebook. Sie sind weder links noch rechts, noch mittig, noch irgendwie parteipolitisch, sie sind facebookers! Sie glauben was sie dort lesen, hoeren, sehen, in ihrem smartphone. Ob die Info manipuliert wurde oder nicht, ist egal! Sie melden die Demokratie ab! Sie wissen nicht einmal mehr wie Demokratie definiert wird!
mfG Beat

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muellerthomas 07.02.2019, 15:20
24.

Zitat von keine-#-ahnung
Dazu reicht eigentlich ein wenig Beobachtungsgabe und gesunder Menschenverstand.
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/politische-argumente-der-menschenverstand-ist-ein-schwachkopf-a-1250050.html

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nobody_incognito 07.02.2019, 15:23
25.

"Riskante Tiefenbohrung in die Seele der Demokratie."

Und ein Beitrag zur weiteren Begriffsverwirrung (Neusprech), der hoffentlich dann nach hinten losgeht (no risk no fun ;-))

Hätte auch "Riskante Tiefenbohrung in den Dämon Dummokratie." heißen können.
Den Rechten geht es halt um den darwinistischen Überlebenskampf und den Stolz auf diesbezügliche Erfolge, den (wahren) Linken nicht um soziale Almosen, sondern um die individuelle Würde und Mündigkeit, die dann in sowas wie "Direktdemokratie mündiger Bürger" münden sollte. Das geht nicht ohne so was wie "VernunftSEELE", die von Platon auch angesprochen und thematisiert wird.

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manque_pierda 07.02.2019, 15:25
26. natürlich

kann man hier bei SPON die Identitätspolitik nicht verdammen, sonst müsste man "bento" einstellen und auch sonst die Ausrichtung gewaltig ändern.
Aber löblich, dass es überhaupt diskutiert wird. Fukuyama ist auf der richtigen Fährte und der verzweifelte Versuch die Puerto Ricanerin als Multi-Identitäts-Politikerin mit Erfolg darzustellen, wirkt schon sehr verzweifelt.
Wer Migration aus den Mittleren und Nahen Osten und gleichzeitig Frauen- und Homosexuellenrechte extrem wichtig findet, kommt in den gleichen unlösbaren Gegensatz wie der, der Fahrverbote und Feinstaubgefahr predigt und dann Gelbwesten in Stuttgart hat, die von einem griechischen Industriearbeiter bei Porsche angeführt werden. Dies ließe sich beliebig fortsetzen.

Wenn der SPIEGEL ein Titelcover mit Sachsen in Sütterlinschrift bringt, aber bei Verfehlungen von Ausländern, Schwulen oder sonstigen Identitätsminderheiten sofort vor Verallgemeinerung warnt, Yücels über missgestaltete und hoffentlich bald von Schlaganfällen heimgesuchten Sarrazins schwadronieren lässt oder die Böhmermann über "Ziegenfi..." am Bosporus mit Kunstfreiheit Absolution der sollte sich nicht wundern, wenn die vermeintlich sich eher links zuneigend müssenden sozial Schwachen der westlichen Gesellschaften dann denen zuwenden, die ihnen eben auch eine Identität geben, die Respekt und Stimme erhält.
Als genuin nicht linker Akademiker fällt einen nur auf, dass die demokratische Rechte mittlerweile ebenfalls versucht, diesen Zeitgeistzug mit zu bespielen. Kann man machen, aber dan gibt es eben die rechtspopulistischen Nutznießer.

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nobody_incognito 07.02.2019, 15:25
27.

Beim Punkt 2 "Freiheit" geht es aber genau um Mündigkeit, was nichts anderes als Würde des eigenen Verstands und der eigenen Vernunft meint.

"Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!"
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Internationale

D.h. Freiheit ist ohne Vernunft nicht zu erlangen, so wie ein kleines Kind unmöglich frei sein kann/darf, es muss von den Eltern zu seinem besten (benevolent) bevormundet werden. In wie weit die Eltern selbst mündig genug sind einen mündigen Bürger zu erziehen, steht auf einem anderen Blatt, letztlich muss es auch etwas "angeborenes" sein, d.h. die Fähigkeit zur Einsicht in das gelehrte/vernünftige, bzw. dann auch die kritische Auseinandersetzung.
Insofern ist es halt so, dass die repräsentative Demokratie keine Demokratie mündiger Bürger ist und es mit Vernunft und Würde noch hapert.

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rainer goetzendorf 07.02.2019, 15:26
28. Probleme der US - Demokratie nicht übertragbar

Wir haben zwar auch im Augenblick eine identitäre Entwicklung in Deutschland , die ist aber vor einem anderen Hintergrund zu sehen als in den USA. Aussagen von US - Politologen sind daher nur sehr eingeschränkt auf unsere europäischen Gesellschaften übertragbar. Man muss sehen, dass sich die US - Demokratie in einem wesentlichen Punkt von der europäischen Demokratie unterscheidet. Die US - Demokratie definiert sich nur durch Freiheit und Gleichheit. Die europäische Demokratie hingegen kennzeichnet ein ganz wesentliches drittes Element: das der Solidarität bzw Gemeinwohl (Fraternité). In der US - Demokratie setzen sich immer die Mehrheitsbeschaffer mit welchen Zielen auch immer durch, selbst wenn es gegen die Interessen von ethnischen oder rassischen Gruppen oder der Armen und Schwachen in der Gesellschaft geht. In Deutschland hingegen ist die Politik vom Grundgesetz her verpflichtet, die Interessen aller Gruppen in der Gesellschaft zu berücksichtigen. Es heißt, die Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat. Und weiter heißt es, die Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes. Man könnte meinen, das in unserer Gesellschaft identitäre Bewegungen nicht logisch sind. Wenn sie sich doch bilden, dann liegt dies womöglich daran, dass die Politiker ihren Auftrag vergessen haben und politische Entscheidungen einseitig zugunsten der Wirtschaft treffen. Hierin liegt die eigentliche Gefahr für die Demokratie. Diese Politik trägt schleichend zum Abbau des demokratischen Gemeinsinns der Bevölkerung und damit zur Bildung von identitären Bewegungen bei.

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Bondurant 07.02.2019, 15:29
29. Natürlich ist das nicht nur gefühlt

Sichtbarkeit aber ist das eigentliche Kapital, das einen Menschen zum potenten Mitspieler in Demokratien macht. Diese Sichtbarkeit glauben Vertreter der (echten oder vermeintlichen) Mehrheitsgesellschaft in dem Maße schwinden zu sehen, wie sie die Vertreter von Minderheiten durch ihr identitätspolitisches Handeln einfordern. Ein Vorgang, der nicht auf die Verrechnung von Fakten, sondern auf der von Gefühlen basiert.

sondern faktisch richtig, wenn die bisher Tonangebenden sich nun relativ plötzlich zugunsten von "Minderheiteninteressen" bescheiden sollen. Eine andere Frage ist, ob man sich darüber beschweren darf, weil die bisherige Lage eben ungerecht war. Beiden Gruppen jedenfalls, also der bisherigen Mehrheitsgesellschaft ebenso wie den jetzt neuen "Identitäten" (z.B. LGBT, Muslim, Frau), ist gemeinsam, dass sie das Individuum hinter die Gruppe stellen. Dabei hatten wir alle doch mal den Gedanken, dass in einer liberalen (nicht: neoliberalen) Gesellschaft das einzig wirklich Wichtige die freie Entfaltung des Individuums ist, das eben gerade nicht durch seine Zugehörigkeit zu irgendwelchen Gruppen definiert werden sollte. Alles schon vergessen?

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