Forum: Kultur
Gentrifizierung : Die Stadt ist kein Ort für Egoisten
Gordon Welters/ laif

Die legendäre Bar Babette in Berlin soll schließen - ihr Ende steht exemplarisch dafür, wie die gedankenlos vor sich hin malmende Maschine des Kaputt-Mach-Kapitalismus eine Stadt zerstört.

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dasfred 26.08.2018, 23:13
70. Ich sage hier keinem, wo ich wohne

Ich wohne hier nämlich gerne und preiswert. Alles was ich brauche habe ich in Laufweite und gute, schnelle Verkehrsanbindungen in die Hamburger City. Allein gut und preiswert weckt Begehrlichkeiten, die mein Umfeld in küzester Zeit verändern würden. Bis vor zwanzig Jahren habe ich noch im Karo Viertel gewohnt und gearbeitet. Wenn ich heute sehe, wie eine ehemals gewachsene Struktur von zahlungskräftigen Richkids in wenigen Jahren okkupiert und verändert wurde, dann bin ich froh, mein jetziges Refugium gefunden zu haben. Wer Recht auf Wohnen abtut mit dem Hinweis, zieh doch woanders hin, hat wahrscheinlich schon in der Sandkiste den Schwächeren das Schäufelchen weggenommen. Selbst die Gnade, in eine Reiche Familie geboren zu werden, berechtigt nicht, Ärmeren das Dach über dem Kopf zu nehmen um es anderen Begüterten mit Gewinn zu verkaufen. Früher hatte jedes Dorf seinen Gemeinbesitz an Wald und Wiesen, der für alle da war. Wann hat es eigentlich angefangen, die Gemeindewiesen dem Stärksten zu übereignen? Wofür brauchen Düsseldorfer Anwälte Seen und Wälder in Ostdeutschland? Dieses Land krankt am Egoismus der Starken, die sich über die gesetzlichen Regularien zum Ausgleich hinwegsetzen. Die sich über Generationen alles angeeignet haben und für den Unterhalt des verbliebenen öffentlichen Sektor nicht zubezahlen, sondern nur ihr Geld gegen Zinsen verleihen. Die dann wieder von den Abgehängten aufzubringen sind.

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im_ernst_56 26.08.2018, 23:32
71. Ostberlin

In Berlin, Hauptstadt der DDR, wäre das, was der Bar Babette widerfährt, nicht möglich gewesen. Allerdings hätte es die Bar Babette und vieles andere, was wir heute als unverzichtbaren Teil der Berliner Stadtkultur ansehen, nicht gegeben. Ich kann nur wiederholen, was ich öfter geschrieben habe: Wer ständig, wie Herr Diez, den Kapitalismus kritisiert, muss irgendwann mal die Alternative formulieren und sich dann auf die Diskussion über die Vor- und Nachteile dieser Alternative einlassen.

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paola48 26.08.2018, 23:49
72. Was ist daran neu?......

Wenn alle etwas von einem endlichen, nicht beliebig vermehrbarem Gut, das zunächst günstig ist wollen, dann wird es teuer oder muß (in immer kleineren Portionen) zugeteit werdenl. Das gilt für Wohnungen in Szene Vierteln, Touristische "Geheimtips", Kunst... .einfach allem. Günstig ist nur, was ( noch ) niemand will. Auch in Berlin kann man preiswert leben, wenn man in Marzahn wohnt und die heutigen Szeneviertel waren günstig, weil damals noch niemand dort wohnen wollte.
Das Gejammer darüber ist geradezu reaktionär, da man vergangenen Verhältnisse wiederherstellen oder zumindest arg konservativ mit dem Wunsch diese Verhältnisse zu konservieren.

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sid.bertelsmann 26.08.2018, 23:49
73. ja.

und "susis grotte" - meine top 80er style disse in einem stuttgarter vorort musste auch gerade schliessen. wo soll ich jetzt noch beim feierabend-bierchen "pur" und alte "toto"-hits hören? ja es ist wirklich schlimm georg, diese welt geht geht vor unseren augen den bach runter.

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Ein Stein! 27.08.2018, 01:25
74. Ich komme vor Lachen nicht in den Schlaf!

Kurz vorweg:
Ich lebe seit meiner Kindheit in Berlin.
Beruflich bin ich sehr häufig mit Fragen nach irgendwelchen Einrichtungen, Institutionen, Sehenswürdeigkeiten und Ähnlichem konfrontiert.
Ohne zu zögern kann ich Ihnen sagen, wo sich das Mauerdenkmal, das Holokaustmahnmal, die Stasi-Gedenkstätte, aber auch das Hotel Berlin, der Botanische Garten oder das Berlin Hilton befinden.
Ich könnte diese Liste beliebig verlängern, möchte jedoch die Leser nicht langweilen.
Warum überhaupt diese Aufzählung?

[Zitat]
"legendäre Bar Babette..."
[/Zitat]

Legendär?
Es ist überhaupt das erste Mal, dass ich von der Existenz dieser Einrichtung erfahre, kannte ich vor diesem Artikel nicht einmal den Namen, geschweige denn deren Angebot.
Und das bei oben geschildertem Hintergrund.
Da ich selbst das im Artikel erwähnte "Café Moskau" kenne, was sich in unmittelbarer Umgebung befinden soll, denke ich, dass meine Wissenslücke auf Irrelevanz basiert.
Herr Dietz, geht Ihnen Ihre Stammkneipe verloren?
Schade für Sie.
Übrigens hat mein Lieblingsimbiss auch unlängst geschlossen.
Schade für mich.

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WeissAuchAllesBesser 27.08.2018, 01:38
75. Schön geschrieben, inhaltlich aber ein Offenbarungseid

Ende der 90er musste ich mir innerhalb weniger Jahre mehrfach einen neuen Friseur suchen; immer weil es den alten Friseur nach Berlin gezogen hatte. "billiges Leben", "tolle Clubs", "ständige Veränderung", immer waren es die selben Argumente.

In dieser Zeit wurden die Grundlagen für die heutige "Gentrifizierung" in Berlin gelegt, und die Auslöser von damals beschweren sich über die Folgen eines Prozesses den sie selbst in Gang gesetzt haben. Vor 14 Jahren wurde der Umstand gefeiert, dass Lokalitäten in Berlin von heute auf morgen verschwinden oder entstehen konnten. Und heute geiselt man den "Kaputt-Mach-Kapitalismus", nur weil sich die 1000-jährige Kulturrevolution nach 14 Jahren einen neuen Treffpunkt suchen muss.

Scheinbar ertragen nicht einmal jene, die die Gentrifizierung anprangern das, was Berlin vor 20 Jahren noch ausgemacht hat. Sie werden eben auch älter, und dabei spießiger als jeder zugezogene Schwabe...

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BrunoGlas 27.08.2018, 02:00
76. Gesetze gibt es zuhauf ....

... aber Investoren interessieren Gesetze einfach nicht. Hier bei uns in der Prenzlauer Allee (Nähe Kollwitzplatz, Bezirk Pankow) steht das Paradebeispiel eines nicht funktionierenden Milieuschutzes. Haus mit 40 Mieteinheiten steht unter Denkmalschutz, in dem Haus selbst wohnt u. a. der Grünen-Stadtbaurat von Friedrichshain-Kreuzberg, der in seinem Bezirk wirklich rabiat gegen Investoren vorgeht. Sonst wohnen viele Freiberufler im Hause, u. a Deutschlands bekannteste Philosophin, mehrere Architekten, Maler, usw.

Das Pankower Äquivalent des Stadtbaurats von Friedrichshain-Kreuzberg, ebenfalls Grüne, sah aber schulterzuckend zu, wie sich ein Investor aus Serbien das Haus krallte - dessen Unterfirmen in 2014 in einen Millionenskandal wegen Schrottimmobilien verwickelt waren, samt Verurteilung ehemaliger Partner. Mittlerweile sind die von Altmietern belebten Wohnungen zum großen Teil an neue Eigentümer verkauft, und die ekeln die Altmieter trotz des auf 10 Jahre gesetzlich fest geschriebenen Milieuschutzes aus den Wohnungen raus - jeder Tag ein neues Einschreiben im Briefkasten, Drohung z. B. zum Küchenrückbau, Drohung mit Rechtsanwälten und mehr.

Eingekauft haben sich Neueigentümer aus Moskau, eine Designtante aus Schweden, ein Private Equity Investor. gemeldet bei seinem Vater der Nähe von Augsburg, der aber in Wahrheit in London wohnt., dann Amerikaner und viele mehr. Alles Leute, die aus ihren neuen Wohnungen ein Mehrfaches an Rendite rausschlagen wollen, wo keiner der Altmieter nochmals mithalten kann.

Die Bar Babette steht nicht für ein Einzelfall, sie ist nur das Symptom dafür, dass ein Rechtsstaat in der Form, für den das Grundgesetz eigentlich ursprünglich geschrieben wurde, nicht mehr existiert. Tatsächlich gibt es eine Minderheit, die ohne Skrupel. sogar in völliger Unkenntnis der Gesetze, die von der Allgemeinheit und dem Staat, geschaffenen Stadtressourcen für ihre Zwecke bis auf den letzten Tropfen ausbeuten. Die Folge, es müssen außerhalb Ersatzressourcen und massive Infrastruktur neu aufgebaut werden. Viele Biografien scratchen in heftige Knicke, Menschen verarmen. Wieso dann noch manche der rechten Forentrolle meinen, man solle doch flexibel sein, einfach irgendwo anders hinziehen, ist mir ein Rätsel.

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wanniii 27.08.2018, 02:34
77. Öffentlicher Raum?

Die Bar Babette in Berlin soll schließen, ...weil es der Besitzer, so will - und das ist mehr als schade, es ist ein Beispiel für den Verlust von öffentlichem Raum...Privatbesitz kann nur so lange 'öffentlich' sein, wie es der Besitzer zuläßt. Ob es nun Millionäre, Investoren etc. sind, die für eine gewisse Zeit, unter gewissen Umständen etc. den Zutritt öffentlich machen, bedeutet noch lange nicht, daß Besucher ein Recht auf die Öffentlichkeit haben. Öffentlich zugänglich ist nur, was der Stadt bzw. dem Land gehört und dem Allgemeinwohl dient (Park, Schwimmbad) und dies auch nur bei Beachtung der jeweiligen Hausordnung! "Die Stadt entsteht aus einem Gefühl von Gemeinsamkeit, die verloren geht, wenn Öffentlichkeit zu Privatbesitz wird. Gemeinsamkeit ist der Anfang von Veränderungen". "Städte wachsen" weil sie Arbeitsplätze und Möglichkeiten bieten, die das Land nicht kann oder hat, "Gefühl von Gemeinsamkeit" gibt es nur unter Gleichgesinnten (clubs, ethnische Gruppen etc.), "Gemeinsamkeit" kann auch der Anfang von Trennung und Radikalisierung sein!

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lab61 27.08.2018, 03:32
78.

Zitat von kaiservondeutschland
Laut Diez soll es ein Menschenrecht auf bezahlbaren Wohnraum geben. Dem kann ich zustimmen, wenn man hinzufügt, dass der Wohnraum irgendwo sein kann. Diez scheint aber Wohnraum in Berlin zu meinen. Soll es also ein Menschenrecht (Rechtsträger ist jeder Mensch auf diesem Planeten) auf bezahlbaren Wohnraum in Berlin und anderen Metropolen geben?
Ja. Richtig.
Der Mensch muss irgendwo wohnen. I.d.R. nicht unzumutbar weit von seiner Arbeitsstelle entfernt. Sonst sucht er sich nämlich eine andere, die nicht so weit e ist von seine Wohnort.

Nun stellen Sie sich vor, dass nur 25 oder 30% aller, in Berlin arbeitenden Arbeitnehmer nicht mehr zur Arbeit kommen, weil es ihnen zu weit ist, oder ihre Miete so teuer ist, dass die sic von ihrem schmalen Gehalt nicht mehr leisten können.


Stelen Sie sich nur das Geheule der Arbitgeber vor. m Besten noch direkt der Vermieter, die ihre Wohnungen immer teuer verieten, ihren Büroangestellte, die ihre Wohnunen verwalten, und de Hausmeistern, die die äuser in Odnung halten, aber nicht genug Geld zahlen, damit die sich auch, z..B. einen von seinen angenotenen Wohnungen zur Miete leisten können. Dan hat r niemanden mehr, der sein Geschäft am Laufen hält.

Na, den öcte ich dann mal hören.

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dirkcoe 27.08.2018, 04:07
79. Was ich nicht verstehe

ist das Folgende. Wer bereit ist für ein Wohnklo horrende Miete zu zahlen, gerne 5 Mal um den Block fährt bis er sein Auto parken kann um dann seine Einkäufe schön weit zu schleppen, Wer eine Luftqualität akzeptiert die man nur als unterirdisch bezeichnen kann - der hat doch den Gipfel der Glückseligkeit bereits erklommen. Er wohnt in der geliebten Stadt. Leute jetzt werdet Mal nicht unverschämt und erwartet auch noch Kultur statt Kommerz.

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