Forum: Kultur
Heinz Erhardt zum 100.: Der sympathische Untertan

Humor und Deutschland, das passt nicht zusammen. Dabei gab es lange vor Blödelbarden und Berufszynikern einen Konsenskomiker und Kleinbürger-Poeten, der dem Volk mit leichtem Witz und onkelhaftem Charme die schwere Nachkriegszeit erleichterte: Heinz Erhardt.Eine Ode zum 100. Geburtstag.

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WolfgangCzolbe 19.02.2009, 18:37
10. Heinz Ehrhardt

1946, nach der Flucht, ich war zehn Jahre alt, hing ich mit den Ohren am Volksempfänger in einem winzigen Zimmer, in Hamburg-Osdorf, zusammen mit meiner Oma und hörte oft den "Bunten Abenden" des NWDR zu. Der Höhepunkt war immer für mich als Kind der Beitrag von Heinz Ehrhardt.

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aqualung 19.02.2009, 19:27
11. so'n Schelm aber auch....

Zitat von henrikheitmann
Heinz Erhardt ist und bleibt für mich persönlich der größte deutsche Komiker aller Zeiten. Seine Verse, seine Gedichte, sein Spiel,seine Akribie, seine Zynik und sein Wortwitz machen ihn einzigartig.(...)
"der grösste deutsche Komiker aller Zeiten"- naja, da müsste man auch schon noch über Valentin, Finck u.a. nachdenken. Zynisches ist mir von Erhardt eigenlich nicht bekannt - lass mich aber gerne eines Besseren belehren.

Das "Grosse Heinz Erhardt Buch" war Ende der 60er in jungen Jahren Pflichtlektüre - zum Schluss war es komplett zerlesen.

So seh ich Erhardt auch durchaus in der Tradition von Wilhelm Busch (der konnte halt auch noch zeichnen) und Ringelnatz (der war noch'n Zacken verdrehter).

Erhardt war halt eben auch Konsens-Komiker - der nette, gute, witzige Onkel.

Die gräuslichen Filme, die um ihn herum zusammengeschustert hat - da hätte er eigentlich Besseres verdient gehabt.

Nichtsdestotrotz - ich hab' ihn in guter Erinnerung. Die werd' ich heute abend mal'n büschen auffrischen und gucken, ob die alte Magie noch wirkt.

Außerdem bin ich gespannt, wie sich die Ina so macht zur "Prime-Time"...

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Achim 19.02.2009, 19:30
12. Maden in Germany

Es gab durchaus auch politische Texte von Heinz Erhardt:

Flecke

Gott, voller Weisheit, hehr und mild
schuf uns nach seinem Ebenbild
Gewiß, wir Menschen sind gescheit,
doch wo ist unsre Menschlichkeit?
Erscheint uns jemand edel, groß,
so täuscht das: er verstellt sich bloß!
Erst wenn er Böses tut und spricht,
zeigt er sein wahres Angesicht! -

Um obiges nun zu beweisen,
laßt alphabetisch uns verreisen,
dann kann man sehn, was so geschah!
Wir fangen vorne an, bei A !!!

A (Amerika)

Amerika, du Land der Super-
lative und dort, wo James Cooper
zwar seinen “Lederstrumpf” verfaßte,
man aber die Indianer haßte,
weshalb man sie, halb ausgerottet,
in Reservaten eingemottet,
sich dafür aber Schwarze kaufte,
sie schlug und zur Belohnung taufte,
doch heute meidet wie die Pest,
sie aber für sich sterben läßt-
wie beispielgebend stehst du da
für Menschlichkeit! O USA!

B (Briten)

Jedoch auch sie, die vielen Briten,
die Schott- und Engländer, sie bieten
für unser Thema Menschlichkeit
so manchen Stoff seit alter Zeit!
Nur waren’s statt Indianer Inder,
die sie ermordeten, auch Kinder;
und ähnlich Schreckliches erfuhren
danach die Iren und die Buren,
die man durch den Entzug des Fetts
verschmachten ließ in den Kazetts!
Jedoch bei Völkern, welche siegen,
wird sowas immer totgeschwiegen…

C (Christen)

Dann wäre da, bar jeden Ruhms,
so manche Tat des Christentums,
die, eben wegen seiner Lehre,
am besten unterblieben wäre!
Man denke da zum Beispiel an
Inquisition zuerst und dann
an Waffensegnung mit Gebeten,
um andre Gläubige zu töten!
Auch dieses: lieber Menschenmassen
verelenden und hungern lassen,
statt man Geburtenreglung übe-
auch das zeugt nicht von Menschenliebe!

D (Deutschland)

Nun: Wollt ihr, daß im Alphabet
es mit dem D jetzt weitergeht?
Ist es nicht besser, wenn ich ende?
Wascht nur in Unschuld eure Hände
und greift, kraft eigenen Ermessens,
zum güt’gen Handtuch des Vergessens…

Doch hilft das Waschen nicht und Reiben:
Die Flecke bleiben!

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aqualung 19.02.2009, 19:39
13. Auf Thema antworten

Zitat von Achim
Es gab durchaus auch politische Texte von Heinz Erhardt: Flecke Gott, voller Weisheit, hehr und mild schuf uns nach seinem Ebenbild Gewiß, wir Menschen sind gescheit, doch wo ist unsre Menschlichkeit? Erscheint uns jemand edel, groß, so täuscht das: er verstellt sich bloß! Erst wenn er Böses tut und spricht, zeigt er sein wahres Angesicht! - Um obiges nun zu beweisen, laßt alphabetisch uns verreisen, dann kann man sehn, was so geschah! Wir fangen vorne an, bei A !!! A (Amerika) Amerika, du Land der Super- lative und dort, wo James Cooper zwar seinen “Lederstrumpf” verfaßte, man aber die Indianer haßte, weshalb man sie, halb ausgerottet, in Reservaten eingemottet, sich dafür aber Schwarze kaufte, sie schlug und zur Belohnung taufte, doch heute meidet wie die Pest, sie aber für sich sterben läßt- wie beispielgebend stehst du da für Menschlichkeit! O USA! B (Briten) Jedoch auch sie, die vielen Briten, die Schott- und Engländer, sie bieten für unser Thema Menschlichkeit so manchen Stoff seit alter Zeit! Nur waren’s statt Indianer Inder, die sie ermordeten, auch Kinder; und ähnlich Schreckliches erfuhren danach die Iren und die Buren, die man durch den Entzug des Fetts verschmachten ließ in den Kazetts! Jedoch bei Völkern, welche siegen, wird sowas immer totgeschwiegen… C (Christen) Dann wäre da, bar jeden Ruhms, so manche Tat des Christentums, die, eben wegen seiner Lehre, am besten unterblieben wäre! Man denke da zum Beispiel an Inquisition zuerst und dann an Waffensegnung mit Gebeten, um andre Gläubige zu töten! Auch dieses: lieber Menschenmassen verelenden und hungern lassen, statt man Geburtenreglung übe- auch das zeugt nicht von Menschenliebe! D (Deutschland) Nun: Wollt ihr, daß im Alphabet es mit dem D jetzt weitergeht? Ist es nicht besser, wenn ich ende? Wascht nur in Unschuld eure Hände und greift, kraft eigenen Ermessens, zum güt’gen Handtuch des Vergessens… Doch hilft das Waschen nicht und Reiben: Die Flecke bleiben!
Dieses Werk war - soweit ich mich erinnere - in oben erwähntem Buch nicht beinhaltet. War 'ne Lizenzausgabe - BuchClub oder so was. Sollte man eine solche Auswahl Zensur nennen ?

Na egal - das lässt ihn einem Kästner ebenbürtig erscheinen.

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marypastor 19.02.2009, 19:40
14. Erhardt

[QUOTE=weisswas;3386084

ohne ideologiekritische auseinandersetzung konnte ich über ihn lachen und ich sehe ihn - sogar - heute noch gerne.
ob wir stolz auf ihn sein sollen? ich persönlich denke schon. er verkörpert im positiven sinne den neuanfang der "brd" und repräsentierte auf eine sympathische art das wirtschaftswunder.[/QUOTE]

Schliesse mich Ihnen an. Ich gehoere noch zur Kriegsgeneration und habe alle Komiker von vor bis nach dem Krieg, von Lingen bis Ruehmann, noch life gesehen. Alle haben zu Ueberwindung der Nachkriegstzeit beigetragen. Stolz konnte man auf Erhardt vielleicht nicht, er war ein Produkt seiner Zeit, aber man sollte ihn so lassen wie er war und nicht da jetzt ruminterpretieren.

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The_Laser 19.02.2009, 20:18
15. Erhardt-Filme

Zitat von The_Laser
Dass Reinhard Mohr mal einen Artikel verfasst, dem ich zustimmen kann, hätte ich nie gedacht. Dann soll er sich mal heute Abend die Heinz-Erhardt-Gala ansehen statt Maybrit Illner.
Ich sehe gerade, dass sich die beiden Sendungen gar nicht überschneiden, also müssen wir morgen bei SPON wohl doch wieder eine überflüssige TV-Kritik zu Illner lesen. ;-)

Zu den Erhardt-Filmen, die sind in der Tat eher schwächer als Erhardt live, ähnliches gilt aber auch für Otto, Didi etc.

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Andre232 19.02.2009, 20:24
16. Konventionen, Konventionen

Zitat von aqualung
[I] Die gräuslichen Filme, die um ihn herum zusammengeschustert hat - da hätte er eigentlich Besseres verdient gehabt.
Naja, da steht Erhardt nicht allein dar: Mir fallen z.B. die für ihre Zeit anarchischen Marx-Brothers ein. Ohne superkitschigen Liebesplot zw. all-american boy und all-american girl mit 3 Sekunden Kussszene und rührseligen bis lächerlichen Musik- bzw.Musicaleinlagen (ausser von den Brüdern selbst)wollte man die Jungs anscheinend auch nicht ungefiltert aufs Publikum loslassen -vielleicht nicht ganz passend der Vergleich, dennoch spielte in beiden Fällen der Zeitgeist die tragende Rolle, nicht das künstlerische Geschick - woran sich meines Wissens auch bis heute nix geändert hat ;).

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Daniele 19.02.2009, 20:34
17. Noch ´n Beitrag

Zitat von Michael Giertz
Leider bin ich zu jung und auch auf der falschen Seite der Mauer aufgewachsen, um das zu bestätigen.
Ich glaube, man kann gar nicht zu jung sein, ich bin geboren, als Heinz Erhardt starb. Im gleichen Jahr.
Natürlich kann auch ich den Zeitgeist nur erahnen, aber die Botschaft Heinz Erhardts war eindeutig: Lach mal wieder!

Zum Artikel: Nicht schlecht, aber ehrlich gesagt, man kann ein paar Satzverknotungen auch gerne einfacher gestalten, und sich mehr auf die Großartigkeit der zu beschreibenden Person beziehen, als auf die der eignen Satz-Kreations-kunst!
Wie heisst es so schön: Der intelligente Mensch schafft es, mit einfachen Worten schwierige Sachverhalte zu erklären.
Der Kleingeist verschleiert das einfachste zur Wissenschaft!



Zitat von Michael Giertz
Ich sollte mal wieder mir einem Erhardt-Film anschauen :)
Das sollten wir alle;) Ein HOCH auf Heinz Erhardt!!

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Daniele 19.02.2009, 20:39
18. Heinz - sonst keins!

Zitat von The_Laser
... Zu den Erhardt-Filmen, die sind in der Tat eher schwächer als Erhardt live, ähnliches gilt aber auch für Otto, Didi etc.
Nun, dass kommt darauf an. Die Klaumauk-Filme der Ende 60er/Anfang 70er Jahre waren wirklich sehr schwer verdaulich, ohne ihn ungenießbar!
Aber die älteren Streifen, zumeist noch in schwarz/weiss, waren wesentlich besser und mehr von seiner Art und seinem Wortwitz geprägt.
Was den Wortwitz angeht, ist in keinster Weise mit Busch und Co vergleichbar.
Damit war er einzigartig! Nicht besser, und nicht schlechter.

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anselmi 19.02.2009, 20:45
19. Marx vs. Erhardt

Zitat von Andre232
Naja, da steht Erhardt nicht allein dar: Mir fallen z.B. die für ihre Zeit anarchischen Marx-Brothers ein. Ohne superkitschigen Liebesplot zw. all-american boy und all-american girl mit 3 Sekunden Kussszene und rührseligen bis lächerlichen Musik- bzw.Musicaleinlagen (ausser von den Brüdern selbst)wollte man die Jungs anscheinend auch nicht ungefiltert aufs Publikum loslassen
Das wollte und konnte man sehr wohl, als die vier noch bei der Paramount unter Vertrag standen. Paramount war seit je ein Studio, in dem die Konventionen eher lax gehalten wurden. Nicht umsonst erlebten auch Lubitsch, Billy Wilder und Preston Sturges ihre Blütezeit bei diesem Studio.

Erst mit dem Wechsel zur MGM, dem Mainstream-Studio schlechthin, mussten sich die verbliebenen drei Brüder dem Massengeschmack unterordnen. Hinzu kamen die verschärften Zensurgesetze des Hays Code. Ihr erster MGM-Film "A Night At the Opera" gehört noch in die erste Liga der Marx-Bros.-Filme. Alles was danach kam, kann man getrost vergessen.

Heinz Erhardt hatte das Pech, dass es im BRD-Kino Adenauers keine Paramount gab. Alles war Mainstream. Und der bestand aus Eiapopeia im Heile-Welt-Gewand. Während es im seriösen Genre einige Regisseure gab, die sich dem Einheitsbrei entzogen (Staudte, Käutner, Harnack, später Wicki), war der einzige Maverick unter den Lustspiel-Experten Curt Goetz - und der besetzte halt nur sich selbst.

Wobei ich zur Ehrenrettung Erhardt sagen muss, dass die Passagen, die er solo bestreiten konnte, die Glanzlichter seiner Filme waren. Und "Natürlich die Autofahrer" an der Seite Trude Herrs zählt zu den wenigen Glanzlichtern unter den 50er Jahre-Komödien.

Wirklich schlimm fand ich immer den Ausverkauf seines Images in peinlichen Nebenrollen in noch peinlicheren Filmen. Zuvörderst seien hier die beiden Karl-May-Schinken genannt, in denen er zu sehen war.

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