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Helfer-Syndrom: Der Selbsthass der Deutschen

Helfen ist gut, helfen ist edel. Aber warum haben die Menschen das nicht schon lange vor dem Eintreffen der Geflohenen getan?

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halbstark 07.02.2016, 11:35
170. Selbstliebe?

Das plötzliche Helfersyndrom vieler Menschen ist doch eher eine (vermeindlich) sinnfüllende Life-Syle-Attitüde. Dass täglich etwa doppelt so viele Menschen verhungern wie Flüchtlinge nach Deutschland kommen, interessiert ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Krieg in Syrien (und anderswo) schon seit Jahren tobt und kein einziger hier ankommender Flüchtling von Deutschland "gerettet" wird: Zwischen D und Syrien liegen einige sichere Staaten. Nun aber genug der nüchternen Fakten, jetzt darf selbstverliebt weiter"gerettet" werden.

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event.staller 07.02.2016, 11:39
171. Hilfe von

Zitat von nobody_incognito
Vernunft wäre ein Ausweg, den Teufel einfach verhungern lassen. Aber bevor es dann so weit wäre, würde er sich bestimmt nicht passiv sienem Schicksal ergeben. Also wird es an der Nemesis und ihren Schicksalsgöttinen sein, die gerechte Ordnung herzustellen.
Nur: Nemesis, die Göttin der Gerechtigkeit, mitsamt ihrer Begleiterin Aidos, der Göttin der Scham und des
Respektes, tummeln sich fernab im Olymp. Um mehr Ordnung im Durcheinander hierzulande zu schaffen, müssen wir das aber selbst in die Hände nehmen. Sich dabei an Recht und Respekt zu halten, fällt offensichtlich Einigen ziemlich schwer.

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juergen.mayer1985 07.02.2016, 11:58
172. Einfach nur ein Hype

Im Grundsatz hat der Artikel schon recht, ich finde jedoch die Erklärung, dass die Deutschen sich selbst hassen, Unsinn. In eigentlich jedem Land sind die sozial schwachen dem Normalbürger ziemlich egal. Das ist leider normal.
Die Flüchtlingkrise hat jedoch plötzlich eine Politik zum Anfassen geschaffen und eine nationale Einheit beschworen. Ein nationales Großereignis, an dem man teilhaben wollte. Bei der Fußball-WM war ja auch plötzlich jeder Fußballfan.
Ich will das deutsche Engagement nicht runtermachen. Im Gegenteil. Ich kann nur die Theorie des deutschen Selbsthasses nicht mehr hören. Die ist schlicht falsch und spielt nur den Rechten in die Hände.

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Haudegen 07.02.2016, 12:07
173. Die Deutschen sind selbst Schuld an dem Flüchtlingsstrom...

so oder ähnlich liest man es in diversen Stellungnahmen. Angeführt werden dazu die deutschen Waffenexporte, die ja schließlich zu Kriegen und Destabilisierungen in der Welt geführt haben. Völlig außen vor bleibt dabei die Tatsache, das ein wehrhaftes Volk nicht so ohne Weiteres angegriffen wird - somit Waffen infolge der Abschreckungswirkung auch den Frieden gewährleisten. Deutschland und die Nato haben das selbst im Zuge des kalten Krieges mit dem Warschauer Pakt erfahren. Doch das "sich selbst ans Kreuz nageln" ist so perfekt in vielen deutschen Bürgern konditioniert, so das ein Hinterfragen der "Bücklingsmoral" gar nicht mehr möglich ist. Dessen ungeachtet ist es aber richtig so zu helfen, das nicht noch mehr Leid und Not entsteht - und auch so zu helfen, das die Armut im eigenen Land nicht vergessen wird. MfG.

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globus1 07.02.2016, 12:26
174. 2. These zum Helfersyndrom - Der Fernsehkonsum

Seit Jahren wächst der tägliche Fernsehkonsum kontinuierlich an und liegt schon nahe im Bereich von 4 Stunden pro Tag. Gleichzeitig geht das Vereinssterben weiter, das heißt, das viele auch nicht wissen, wieviel Kraft und Zeit aufzuwenden ist, um selbst etwas auf die Beine zu stellen.
Was waren und sind die Lieblingssendungen der Deutschen? Erfolgreich in Deutschland sind und waren:
Die Schwarzwaldklinik, die Rettungsflieger, Medicopter 117 - Jedes Leben zählt, die Bergretter, Hallo Robbie ( früher Lassie oder Flipper). Wer ständig solche und ähnlliche Sendungen gesehen hat und sich immer wieder anschaut, der ist schon ansteckungsgefährdet, ein Helfersyndrom zu bekommen und den Überblick darüber zu verlieren, wie man das Elend der Welt dazu in eine realistische Beziehung bringt.

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ars+mundi 07.02.2016, 12:28
175. stimmt doch gar nicht

In Deutschland war das Amt des ehrenamtlichen Helfers schon immer sehr weit verbreitet. Man macht selbst nur nicht so viel Aufhebens drum. Ich selbst war im Ausland bei der Flüchtlingshilfe aktiv, andere vor Ort. Und wiederum etliche unterstützen Senioren, Jugendliche, Obdachlose, ausgesetzte Tiere, Umwelt, etc. Dass das neu sein soll und die Deutschen (Helfer) sich so hassen, halte ich für ziemlich schlechte Recherche. Was die Flüchtlingshilfe betrifft, war es aber nun mal leider auch notwendig, ein politisches Signal aufgrund der offenen und sehr lauten Rassisten zu setzen.

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walter kuckertz 07.02.2016, 12:35
176. Unsinn

Es wurde schon immer geholfen, auch ehrenamtlich, oder was haben sie in der Vergangenheit getan? DRK, Malteser, Johanniter, Caritas Innere Mission, ASB, Paritätischer Wohlfahrtsverband, soll ich weiter aufzählen? Es wurde nur nicht wahr genommen, weil die meisten es nicht wahr nehmen mussten. Gott sei Dank, Aber jetzt haben wir zusätzlich Millionen hilfsbedüftige Flüchtlinge... Hilfe einfach als "Selbstbefriedigung" abzutun, das ist doch ein wenig zu billig. Verteufeln Sie lieber die, die insbesondere aus Hass und Menschenverachrung abseits stehen!

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Hank Hill 07.02.2016, 12:39
177. @uksubs

I beg to differ. Ich bin nach dem Krieg in Westdeutschland aufgewachsen. Uns wurde in der Schule jede "nationale Regung", die noch garnicht vorhanden war, ausgetrieben. Wir sollten wenn wir ins Ausland fahren "Botschafter eines neuen friedlichen Deutschlands" sein. Hat auch gut funkioniert. Unsere KZ Vergangenheit hat unausgesprochen wie ein Stein auf uns gelastet. Ich bin als junger Mensch oft in England und danach beruflich viel in den USA gewesen. Dort hat mir immer ein Zusammengehörigkeitsgefühl imponiert welches ich von hier nicht kannte. Und das hatte auch mit Nation zu tun, die es bei uns nicht gab. Hier gab es nur Wirtschaftswunder, Spießigkeit, Kleingeistigkeit. Dem bin ich bis heute entflohen, obwohl ich heute wieder in Deutschland lebe. Verfassung und Wertekanon gibt es auch in anderen Ländern. Nur kommt bei uns zuerst die Einigkeit, dann das Recht und erst am Ende die Freiheit. Übrigens waren die UKSubs damals eine ganz gute Gruppe.

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teacher20 07.02.2016, 13:00
178. Helfersyndrom (Fortsetzung)

Zitat von teacher20
Der "unbekannte Flüchtling" wird (symbolisch durchaus entlarvend ausgedrückt in einem "Selfie", das Merkel mit einem solchen machte) sicherlich (wenn auch unbewusst) bei vielen bisher noch nicht ehrenamtlich Engagierten zur "Projektionsfläche" des eigenen gutmenschelnden Narzissmus und zur Selbstvergewisserung in Zeiten des Selbstzweifels - vor allem, wenn materiell gut Situierte im durch die Werbung erzeugten (prozentual kaum der Realität entsprechenden) "Idealbild" des aktiven "jungen Alten" kein ausreichendes Lebensziel mehr erblicken.
Und noch etwas kommt hinzu: Das Ausleben dieses Helfersyndroms ist durchaus ambivalent.

1. Nur derjenige, der "überlegen" ist (der also nicht selbst zum "Rand der Gesellschaft" gehört), indem er über genügend finanziellen Freiraum verfügt, um auch frei von allem Profitstreben (das "menschlich" gesehen ohnehin obszön wäre) "zugeben" zu können und/oder über ausreichend Freizeit, ist in der Lage NACHHALTIG zu helfen.
Damit ist er, ob er will oder nicht, gegenüber dem depravierten Flüchtling zunächst einmal in der Lage des "Patron". Das ist ihm/ihr mehr oder weniger bewusst und erzeugt Unbehagen, weil er/sie es ja mit ihrem Gleichheitsideal und seinem/ihren Streben nach einer "gerechten Welt" nicht vereinbaren kann.
EXPLIZIT schließt sich das Erwarten von Dank von Seiten der Flüchtlinge damit aus. Dass er IMPLIZIT aber "erwartet" wird (was sich bei den rührenden - in der Presse veröffentlichten - Szenen zeigt, wenn eines der vergleichsweise wenigen Flüchtlingskinder ein Bild von geringem MATERIELLEN Wert - für die uneigennützigen Helfer malt), zeigt sich besonders dann, wenn "Undankbarkeit" (die dann v.a. als „menschlich Enttäuscht-Sein“ niederschlägt) von Seiten der Flüchtlinge in Frauenverachtung durch junge männliche Flüchtlinge oder der Verweigerung der Aufnahme angebotener Speise auftritt. Die Schuld bei sich selbst zu suchen - ein häufiger Reflex angesichts der "Schuldsozialisation" vieler Angehöriger der betroffenen Alt-68er Helfergeneration - nämlich mit sich zu hadern, man habe auf die kulturell-religiös bedingten Speisegewohnheiten von Muslimen nicht ausreichend Rücksicht genommen, "löst" das Problem nur bedingt und keineswegs nachhaltig.

2. Neben dem sich materiell auslebenden Helfersyndrom tritt (als intendiertes Nebenprodukt) das geistig-erzieherische vor allem derjenigen, die im Dunstkreis von Horckheimer/Adorno und Drogen sozialisiert wurden. Nun ist die 68er-Bewegung der Nachklapp eines fehlinterpretierten und missverstandenen Marxismus, der wiederum die Nachgeburt der Aufklärung darstellt. Von diesem aufklärerisch-denkerischen Restbestand mag sich das Konzept vom „edlen Wilden“ erhalten haben, den es durch die Verbesserung der materiellen Lage (hier kommt das marxistische „das Sein bestimmt das Bewusstsein“ ins Spiel) „demokratisch“ zu integrieren gilt.
Im Konzept vom Flüchtling als „edlem Wilden“ (und Opfer des Westens) paaren sich wiederum aufklärerischer und marxistischer Paternalismus, der aber – obwohl er nur das Beste für das zu erziehende Subjekt will – trotzdem ein Dilemma darstellt.

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53er 07.02.2016, 13:35
179. Wow,

eine wirklich gut recherchierte Kolumne von Sybille Berg.
Da kann ich nur zustimmen und vielleicht um einen Gedanken erweitern. Nicht nur die Bürger lassen nicht gerade mit Glück besudelte Menschen im Regen stehen, sobald es sich um Deutsche handelt, auch die Politik hat jegliches Helfergen verloren, sobald es sich um ärmere Bevölkerungsschichten in Deutschland handelt. Der Glaube, dass das einfach nur Faulenzer sind, hat sich tief in viele deutsche Gehirnwindungen gegraben. Aber so ist es nicht, spätestens seit Einführung von Hartz IV. Dies ist auch mit der Grund warum Hartz IV mittlerweile zu einem viel größeren Teil aus Forderungen besteht und das Fördern immer mehr unter den Tisch fällt. Ich gestehe, es war für mich sehr amüsant, die vielen Helfer zu sehen, wie sie sich z.B. am Münchner Bahnhof drängelten um die Neuankömmlinge zu begrüßen. In der Mehrzahl handelte es sich bei den Asylsuchenden um Menschen, die zumindest die Überfahrt bezahlen konnten. Viele Landsleute mussten aber aus Geldmangel im Kriegsgebiet ausharren. Wo waren diese Helfer, wenn es um Obdachlose, Kranke und glücklose Deutsche ging?
Hat irgend ein Prominenter oder Politiker jemals daran gedacht, einen Obdachlosen in seine 300qm-Villa einzuladen? Vermutlich nicht (Frank Zander löblichst ausgenommen) es wäre auch Spiegel keine Schlagzeile wert gewesen. Zu Weihnachten eine kleine Spende, das war´s.

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