Forum: Kultur
Interview mit Frank Witzel: "Deutschland hat eine Tradition der Verdrängung von Schul
DPA

Der neue Roman des Buchpreis-Gewinners Frank Witzel handelt von Deutschland direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Mechanismen von damals erkennt der Autor heute wieder, insbesondere im NSU-Prozess.

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allessuper 02.09.2017, 20:56
30. Ganz einfach.

Zitat von anark
Die Sehnsucht nach dem "Schlußstrich" ist bei vielen Deutschen anscheinend noch tief verwurzelt. Es geht bei diesem Thema mitnichten um Selbstzerfleischung und Masochismus. In dem Zusammenhang ist es vielleicht mal ganz interessant, einen christlichen Befürworter des Schlußstrichs mal zu fragen, warum knapp zweitausend Jahre nach der Kreuzigung eines gewissen Jesus Christus es nicht auch langsam an der Zeit wäre, diesen Vorgang aus unserer Erinnerung zu streichen.
weil wir immer noch mit den Folgen konfrontiert werden. Was glauben Sie, warum Frau Merkel in Griechenland mit Nazis verglichen wurde? Und glauben Sie ernsthaft, dass in Holland, Italien, Frankreich und anderswo alles vergessen wurde? Es sind Traumata über mehrere Generationen, die wir da verursacht haben. Da wir uns weigern zu fühlen und mitzufühlen sind wir nicht einmal in der Lage, dies zu verstehen - geschweige denn zu begreifen. Menschen sind nun einmal komplexe Wesen. Wenn Sie in das Land reisen, werden Sie sicher nicht damit offen konfrontiert. Aber etwas Mehr Tuchfühlung bringt das Alte eben doch wieder auf den Tisch. Es gibt verschiedene Arten, Verantwortung zu übernehmen, aber unser schlichtes Denken verhindert eben Komplexität und wir versuchen alles mit entweder-oder zu erklären. Hier gibt es so etwas wie Verantwortung auf individueller Ebene (und natürlich sind nach dem Krieg Geborene nicht verantwortlich) und Verantwortung auf nationaler Ebene, als Land oder Volk oder wie auch immer Sie das benennen wollen. Und um die geht es dann. Wenn Sie einmal das Thema mit den jeweiligen Nachbarländern haben sollten, dann lohnt es sich, Fragen zu stellen. Dann erst werden Sie auch Antworten dazu erhalten.

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Cochrane 02.09.2017, 21:00
31. @allessuper

Die Relativierung des Holocausts ist in Deutschland verboten, daher ist es schwierig, Ihre Frage zu beantworten. Lesen Sie das Le Livre Noir de Communisme, in der dessen deutscher Version auch Herr Bundespräsident a.D. Gauck Co-Autor ist, da werden die Opfer in der Sowjetunion auf ca. 80 Mio. (darunter 1,4 Mio. Volksdeutsche) beziffert, und im Mao-China auf ca. 60 Mio. Opfer. In den Kriegshandlungen der beiden Opium-Kriege kamen wohl so um die 20 Mio. Chinesen ums Leben, und die Belgier massakrierten gegen den diplomatischen Protest von Bismarck so um die 14 Mio. Kongolesen. Das hat sich im Kongo bis heute noch nicht wirklich gebessert, außer daß die externe Einflußnahme aktuell von den USA und Frankreich ausgeht. Wie wäre es einfach mal mit ein bißchen mehr historischer Bildung, dann braucht man auch weniger blöde Fragen stellen.

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herwescher 02.09.2017, 21:04
32. Das Maximum der Aufarbeitung ist überschritten ...

... da hat der Autor recht.

Dafür lässt sich auch ein Zeitpunkt angeben: Im Jahre 1972 gab es im Fernsehen mit 42 Sendungen in einer Woche über das 3. Reich und den Weltkrieg einen Rekord.

Durchaus beachtlich, wenn man bedenkt, dass es damals nur drei Sender gab ...

In den Schulen fuhr man allerdings auch die Beschäftigung mit diesen Themen zurück. Von einer gesteuerten Aktion zu reden, wäre jedoch unredlich: Der Rückgang von 6 Jahren Beschäftigung im gesellschaftlichen Bereich mit den Themen von 1933-45 auf heute nur noch 5 Jahre in den Gymnasien basiert hauptsächlich auf der
G12-Reform.

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fortelkas 02.09.2017, 21:37
33. "Wie viel Nationalsozialismus

....damals in die junge Bundesrepublik hineinfloss:" Das ist ein Schlüsselsatz in diesem Interview. Und wieder schäumen Teile des Forums und sondern zum Teil nur Zynismus ab, oder ist es einfach nur Dummheit? Das sei alles so nicht wahr: Kein anderes Land hätte schließlich so viel über die jüngste Vergangenheit diskutiert. Diskutiert schon, nur nicht ehrlich und kompromisslos aufgearbeitet. Zwei Beispiele. Im Auschwitz-Prozess sind einige, aber nur einige, Täter verurteilt worden. Der damalige Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte enorme Mühe, diesen Prozess überhaupt in Gang zu bringen und wurde dafür auch noch in der eigenen Behörde angefeindet. Einige aber nur einige Täter wurden verurteilt, der größte Teil ist nie belangt worden. Der aller- größte Teil der Täter im NS-Justizapparat konnte nach dem Krieg reibungslos wieder Karriere machen, immer nach dem Motto des Hans-Karl Filbinger: "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein." Es wäre heute noch viel zu tun. Die Täter von damals sind heute fast ausgestorben (viele völlig unbehelligt), aber die historischen Quellen gibt es noch. "Vestigia terrent" - Die Spuren schrecken. Bis heute.
Erwin Fortelka

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chalchiuhtlicue 02.09.2017, 22:02
34. Realitätsflucht bei Autoren?

Kein Land auf dieser Welt hat seine Vergangenheit so intensiv aufgearbeitet wie Deutschland! Viele Staaten wie USA, GB, Russland, Israel, Japan, China, Türkei etc. haben die Verbrechen ihrer Vergangenheit nicht nur nicht aufgearbeitet, sondern verleugnen diese völlig! Was Deutschland allerdings hat, ist eine Tradition der Nestbeschmutzung.

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Gwylim 02.09.2017, 22:36
35. Wir ?

Zitat von allessuper
Wie wäre es mal damit, mit diesen ekelhaften Vergleichen aufzuhören und uns einfach wirklich endlich anzuschauen, was WIR getan haben? Es geht um Angriffskriege, es geht um Kolonien, und es geht (bei uns) um systematischen Völkermord. Niemand sollte "stolz" auf seine Heimat sein, denn es gibt keinen Grund dazu. Man kann froh sein, da oder dort geboren zu sein. Aber stolz dürfen Sie auf Ihre eigene, persönliche Leistung sein. Sonst gar nicht. Da sind wir genau beim Nichtdenkenkönnen angekommen.
Warum immer wieder dieses große "WIR" ? Sind Sie so alt? Oder steht es in einem Zusammenhang zur Erbsünde? Ich war jedenfalls vor 70 -90 Jahren noch nicht geboren und verbitte mir daher Ihr "WIR".
Sie sehen "ekelhafte Vergleiche" und Relativierungen ohne, dass Sie anscheinend bedenken, dass Ihre Perspektive sehr wahrscheinlich nicht die einzig Richtige sein kann.
Niemand muss "stolz" auf ein Land sein nur weil er bemerkt, dass die Deutschen sehr wohl eine besondere Erinnerungskultur haben IM VERGLEICH zu fast (?) allen anderen Ländern.
Wie andere Foristen Ihnen schon geantwortet haben gibt es sehr wohl noch andere abschreckende Beispiele menschlicher Brutalität und Grausamkeit und nur Haarspalter wie Sie streiten sich überhaupt darüber, wer denn jetzt der Schlimmste war.
Wenn man sich auch nur ein wenig mit menschlicher Geschichte befasst hat, weiss man, dass die Graumsamkeit nicht von den Deutschen erfunden wurde.
Ich habe das Gefühl, dass Sie auf einer 2-dimensionalen Skala der Radikalität auf der linken Seite genau so Nahe am Rand zu verorten sind wie Ihre Erzfeinde auf der rechten Seite und der Toleranz und der Gerechtigkeit einen genauso großen Bärendienst erweisen wie die glatzköpfigen Idioten die in ihren Vorstellungen wahrscheinlich auch für Gerechtigkeit kämpfen, aber genausowenig wie Sie begreifen, dass es EINE Gerechtigkeit und Wahrheit niemals geben kann.
Und wie andere Foristen auch würde ich dem Interwievten gerne mal ein paar Fragen stellen zu seiner anarchoromantischen Vorstellung von Ordnung und ihm (und auch Ihnen) die Lektüre von "Black Earth" empfehlen.

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JKStiller 02.09.2017, 22:37
36. Der Mann hat einen Knall

Sein Assoziationsvermögen in Ehren, auch seine Erinnerungswut, dazu noch seine synaptische Leistung. Alles wirklich theoretisch toll durchdacht, nur die Geschichte der Menschheit und seiner Völker plus soziologisch nachweisbar immer auftretende Verwerfungen in totalitären Zeiten mal eben weggewischt wie Restgedanken. Erstens konnte Deutschland nach dem Krieg gar nicht anders als die Arbeit in und an der Demokratie aufnehmen, weil der Druck Europas nach der Entscheidung der USA, aus dem Land eine Zuglokomotive für den Kontinent zu machen, schon viel zu groß war. Mit Auszeit war da nichts. Zweitens ist die Verdrängung von Schuld eine für alle Völker seit jeher lebenswichtige Reaktion als Garantie für das eigene Überleben nach einer selbst verursachten Katastrophe. Einzig über die Besonderheit des Holocaust als nie da gewesenes Verbrechen kann man sich einigen, nicht jedoch über das, was ein Tätervolk danach zu tun gehabt hätte. Nimmt man es genau mit der Schuld, hätte Deutschland nämlich ausradiert werden müssen und es gäbe heute keine Deutschen mehr. Es ist nicht passiert, und das ist auch gut so. Die heutigen Nachfahren stehen in ihrer Mehrheit für das Erbe dieses Völkermords ein, halten die Schuld fest und lassen sie nicht in Vergessenheit geraten. Ich persönlich bin einer davon. Wenn Frank Witzel von Verdrängung der Schuld spricht, kann er - auch in der jüngeren - Geschichte der Menschheit ganz andere Verbrecher finden, die im Namen ihres Volkes grausamste Dinge begangen haben und bis heute nicht einen Gedanken an Aufarbeitung verschwenden. Tradition hat in Deutschland nur eins für mich: Menschen wie Herrn Witzel ohne Not das Wort zu erteilen.

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opagila 02.09.2017, 22:40
37.

Da will ein Schlaumeier den Deutschen aufzeigen, wie schlecht sie sind. Wie einige Foristen schon erwähnten, gibt es kaum ein Land auf der Welt, das sich in diesem Umfang seiner Vergangenheit stellt und stellte . Hat der Herr mal nachgefragt, was seine Eltern und Großeltern in dieser Zeit gemacht haben? Wahrscheinlich waren sie Widerstandskämpfer . Wie in der DDR. Alle haben mitgemacht aber keiner war dabei. Alles nur fades Geschreibsel.

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fortelkas 02.09.2017, 23:04
38. Ich habe es eigentlich nicht für möglich gehalten,

.....was sich teilweise auf diesem Forum abspielt. Da kommt wieder die alte völlig verblödete Leier von der deutschen Neigung zur Nestbeschmutzung. Und dann werden die Staaten, die auch schon Kriegsverbrechen begangen haben, fein säuberlich aufgezählt: Das ist ja nur noch peinlich! Ich fange an, mich dafür zu schämen, dass ich Deutscher bin!
Erwin Fortelka

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toskana2 02.09.2017, 23:23
39. eschatologische Instanz

Zitat von allessuper
wenn nicht alle bisherigen Kommentare der Foristen zeigt, wie sehr Herr Witzel mit seiner Wahrnehmung richtig liegt, denn sie belegen exakt passend und konform seine Analyse und Wahrnehmung. Es scheint sich hier niemand bewusst zu sein, dass WIR hier, in diesem Land die Greueltaten initiiert haben - und nicht die anderen. (Das zu Forist 1). Das Manische oder Masochistische ist keine Antwort auf das Problem, mit anderen Worten nicht weil jemand sich mit etwas befasst, heißt es auch, dass etwas bearbeitet wurde und wird. Es ist nur eine narzißtische Antwort und offenbar ist sich niemand mehr einer realen Schuld bewusst (das geht an Forist 2). Mit dem, was Forist 3 schreibt kann ich leider nichts anfangen. Forist 4: siehe Forist 1. Und das mit dem "Schund" spricht genau für die heutige Grundhaltung "bloß nicht denken". Diese Gedankenlosigkeit, dieses Klischeehafte im Ausdruck, dem wahrscheinlich ein absoluter Mangel an Vorstellungskraft zugrundeliegt, was natürlich eine totale Unfähigkeit zu Mitgefühl nach sich zieht, hat ja Hannah Arendt sehr treffend beschrieben "vor der das Wort versagt und das Denken scheitert". Siehe auch Forist 5. Der Gedanke, jemand würde nur wegen Verkaufszahlen ein solches Thema angehen, sagt viel mehr über Sie aus als über den Autor Witzel. Forist 6 bemüht sich, aber im Grunde bekommen wir hier genau dieses Denkunvermögen vorgeführt. Und Forist 7 sei auf 1 und 4 verwiesen. Die völlige Verharmlosung von einem systematischen Umbringen von Millionen Menschen zeigt bis heute, dass nichts, aber auch gar nichts verarbeitet wurde. Man wundert sich, ob es ein Forist vielleicht noch schafft, sich so richtig als Opfer darzustellen. Im Grunde haben wir einem ganzen Volk Geist, Humor und Intelligenz beneidet, und wir haben versucht, es so auszulöschen, dass wir nicht mit unserer eigenen Geistlosigkeit konfrontiert werden können. Diese Denkfähigkeit aber fehlt uns heute mehr denn je. Da hilft kein Kompensieren mit Geld und Materielles.
"wie sehr Herr Witzel mit seiner Wahrnehmung richtig liegt,"

Richtig Herr "allessuper"!
Es handelt sich um Wahrnehmungen.
Um Ihre um seine und um meine.
Wie aber kommen Sie dazu Ihre "Wahrnehmung"
anderen aufzwingen zu wollen?!

Wer sind Sie überhaupt?
Ein Psychoanalyse-Koryphäe, der seinen Patienten,
hier den Foristen, Noten über ihren Psychozustand erteilt?!

Oder haben Sie etwa die geschichtliche Wahrheit für sich gepachtet
oder halten Sie sich für die eschatologische richterliche Instanz
oder gar für König Salomon?

Ich empfehle Ihnen etwas mehr Bescheidenheit und Demut
- im Grunde, was Sie so kategorisch wie aufdringlich Andersfühlenden
und Andersdenkenden so empfehlen!

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