Forum: Kultur
Jazz-Initiativen: Hilfe zur Selbsthilfe
Thomas Rabsch

11.500 Euro verdienen deutsche Jazzer durchschnittlich im Jahr - eine erschreckende Zahl. Auch aus diesen finanziellen Gründen schließen sich Musiker in Kollektiven zusammen.

Seite 1 von 2
chaps 19.07.2015, 11:05
1. Auch andere Musiker verdienen wenig

Was allerdings alarmierend ist, ist dass immer weniger Jazz-Platten gekauft werden. An den Streaming-Diensten wird es nicht liegen, die werden von den Teenies und Pop Fans gebucht. Da werden sich Gabalier und Helene Fischer nun wohl durchsetzten.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
twister-at 19.07.2015, 12:09
2. Seltsame Zahlen

"Ihre Lebenslage wurde als "hoch prekär" beschrieben. Zahlen für Deutschland lieferte bislang die Künstlersozialkasse (KSK): 7500 Jazz-, Pop- und Rockmusiker unter den KSK-Mitgliedern haben ein Jahreseinkommen von rund 11.500 Euro und liegen damit "dramatisch unterhalb des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung". "

Das heißt also, dass 7.500 Jazz und andere Musiker, die bei der KSK versichert sind, ein Jahreseinkommen von rund 11.500 haben. So weit so gut, aber:
wer sich woanders über Wasser hält, ist nicht über die KSK versichert, d.h. über ihn besteht kein Wissen. Wieviele Jazzmusiker sind unter den Rock-Pop-Jazz-Musikern? Wie viele Jazzmusiker von allen aktiven Jazzmusikern sind bei der KSK?

Davon zu reden, dass aus dieser Zahl ein "der Jazzmusiker verdient 11.500 Euro im Jahr durchschnittlich" extrahiert werden kann, ist aber falsch.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
twister-at 19.07.2015, 12:27
3.

Zitat von chaps
Was allerdings alarmierend ist, ist dass immer weniger Jazz-Platten gekauft werden. An den Streaming-Diensten wird es nicht liegen, die werden von den Teenies und Pop Fans gebucht. Da werden sich Gabalier und Helene Fischer nun wohl durchsetzten.
hm, war denn Jazz nicht immer, verglichen mit Rock, Pop usw, eher wenig verkaufbar?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
flachatmer 19.07.2015, 12:28
4. Zwei Typen am Taxenstand...

...dem einem schauen Drumsticks aus der Tasche, der andere hat einen Gitarrenkoffer in der Hand. Wer ist der professionellere Musiker?

Der Taxifahrer.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
gerchla63 19.07.2015, 12:47
5. Ich liebe Jazzmusik, aber...

...ich ärgere mich regelmäßig bei Jazzkonzerten über Big-Band-Leiter, die dem Publikum selbst beim Applaus nur den Rücken zeigen und über sonstige Jazzmusiker, die beim Applaus nicht mit der Wimper zucken, geschweige denn sonst dem Publikum irgend eine Geste des Dankes zeigen. Das wäre ja auch uncool...
Und ich stelle fest, das zahlreiche Musiker keinen blassen Dunst von den Verwertungsgesellschaften GVL und GEMA haben. Das wäre ja uncooler Verwaltungskram. Sie geben ihr Masterband irgend einem Label-Fuzzi auf dessen LC-Nummer, wissen aber nicht, dass derjenige dann regelmäßig ihre GVL-Tantiemen kassiert. Jeder Handwerksmeister lernt in der Ausbildung die Grundlagen des Rechnungswesens und der Selbstvermarktung. Musiker aber werden in Deutschland brillant musikalisch ausgebildet, viele andere Voraussetzungen werden sträflich missachtet. Schade drum. MfG, ein Jazzliebhaber.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
chaps 19.07.2015, 14:54
6. Stimmt!

Zitat von twister-at
hm, war denn Jazz nicht immer, verglichen mit Rock, Pop usw, eher wenig verkaufbar?
Es gab und gibt weniger Jazz-Liebhaber als Pop und Rock Fans. Wenn es aber mit den Verkäufen und Auftritten immer weniger wird, stirbt die Vielfalt im Jazz und in der Musik allgemein. Der Jazz wird im Radio oder im Fernsehen halt nur auf späten Sendezeiten oder in Spartenprogrammen gespielt. Kinder bekommen heute bei der musikalischen Ausbildung kaum mit, dass es so etwas wie Jazz gibt. Etwas mehr Jazz-Förderung bei den ÖR Fernseh und Radioanstalten wäre nicht schlecht. Dafür könnte man einmal im Monat Volksverdummungsmusiksendung ausfallen lassen und Jazz bringen. Die Privatsender können ja dann die Volksmusik und den Schlager spielen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
twister-at 19.07.2015, 15:56
7.

Zitat von chaps
Es gab und gibt weniger Jazz-Liebhaber als Pop und Rock Fans. Wenn es aber mit den Verkäufen und Auftritten immer weniger wird, stirbt die Vielfalt im Jazz und in der Musik allgemein.
Da stimme ich zu, allerdings betrifft dies nicht nur Jazz, sondern auch viele andere Musikgenres - heavy Metal, Grunge, Sachen wie Cocteau Twins usw. usf. Da gibt es vieles - ich wuesste jetzt nicht, wieso Jazz da eine Sonderbehandlung bekommen sollte.

Was die "Volksverdummungsmusikendungen" angeht: ich halte es für recht arrogant und überheblich, Menschen, die Volksmusik mögen. so zu bezeichnen bzw. auch die Musiker dahinter. Warum diese Grabenkämpfe? Es muss ja nicht auf Beleidigung des einen Genres hinauslaufen, wenn andere gefördert werden soll(t)en - ein Miteinander wäre wichtiger. Die (nicht nur musikalische) Vielfalt solte mehr gefördert werden, aber leider wird dies wohl eher Sache von privaten Initiativen werden, bzw. es wird Aufgabe dieser Iitiativen sein, das Interesse zu wecken und auch politisch engagiert zu sein, um mehr Interesse und letztendlich damit dann auch mehr Förderung zu ermöglichen - nur Lamento nutzt leider nichts.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
chaps 19.07.2015, 16:22
8. Tut mit leid

Zitat von twister-at
Was die "Volksverdummungsmusikendungen" angeht: ich halte es für recht arrogant und überheblich, Menschen, die Volksmusik mögen. so zu bezeichnen bzw. auch die Musiker dahinter. Warum diese Grabenkämpfe? Es muss ja nicht auf Beleidigung des einen Genres hinauslaufen, wenn andere gefördert werden soll(t)en - ein Miteinander wäre wichtiger.
schauen Sie sich mal diese Sendungen an. Da gibt es Gruppen, denen man anmerkt dass sie als Kunstprodukt geschaffen wurden, um Geld zu verdienen. Und das betrifft die Meisten. die Musik ist dermaßen primitiv und die Texte sind von dümmlichster Natur. Ich mag auch Grunge und Portishead, Nick Cave und so weiter und möchte auch solche Musik gefördert sehen, da gebe ich Ihnen ja recht. Aber bei dem Kram im Mutantenstadel bin ich unversöhnlich. Es handelt sich nicht mal um echte Volksmusik, es ist volkstümliche Schlagermusik. Hören Sie sich die Amigos, etc. mal an.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
quintilius01 19.07.2015, 16:36
9. Jazz Prekariat

Zunächst einmal würde ich - wie einer meiner Vorredner - die Datenbasis bezweifeln. Wer als Jazzmusiker einen Job in einer Musikschule (ob privat oder öffentlich) hat, wird nicht bei der Künstlersozialkasse auftauchen, ebenso wie viele andere, deren Brot- und Butterberuf ihnen eine Existenz als Jazzmusiker ermöglicht. Verbleiben die Berufsanfänger und andere, deren Einkommen aber nichts über den Durchschnitt der ganzen Branche aussagt.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es etliche Jazzer, von denen jeder einzelne ein eigenes Häuschen hat und definitiv nicht darben muss.

Was mich persönlich, der ich jahrelang (ehrenamtlich!) in Jazzclubs und anderswo Auftrittsmöglichkeiten für Musiker organisiert habe, aber maßlos geärgert hat, ist die teilweise vorhandene Arroganz dieser Klientel, die sich oft zu fein sind, selbst einen Auftritt zu organisieren, hart über die Gagenhöhe, Hotelkostenübernahme, Essen & Trinken verhandeln und zum Schluss nicht mal ein Dankeschön für diejenigen übrig haben, die in ihrer Freizeit und aus Enthusiasmus solche Konzerte oder kleine Festivals teils unter Einsatz auch eigenen Geldes organisieren. Auch weil Ansprüche und Leistung mittlerweile manchmal meilenweit auseinanderliegen und man sich nicht für "Nobodys" mit "Weltstarallüren" (2013er Absolvent einer dtsch. Musikhochschule hat im Vertrag eine Klausel stehen, dass er mit einem neuwertigen Mercedes C-Klasse oder Audi A4 vom Bahnhof abgeholt werden muss, als Piano nur einen max. 7 Jahre alten Steinway) zum Affen machen und eigenes Geld und Zeit opfern will, gibt es immer weniger Auftrittsmöglichkeiten. Und dieser Trend wird sich fortsetzen.
Daher finde ich die Kollektive eine gute Idee, auch damit sich die Damen und Herren Musiker mal mit den Kosten beschäftigen, die ein Konzert über die Gage hinaus verursacht. Die Faustregel "Gage mal 2,5" ist eher konservativ.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 2