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Kino-Drama "Kriegerin" : Ihr Kampf

So erschreckend aktuell kann Kino sein:*Das Drama*"Kriegerin" erzählt von einer*"Nationalen Aktivistin" in Ostdeutschland, die ihre*rechtsextreme Gesinnung ungehindert ausleben kann. Newcomerin Alina Levshin spielt diese Rolle*einfach*mitreißend.

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Frietjoff 18.01.2012, 18:31
1. Hört sich interessant an!

Ein paar Sachen sind mir aufgefallen:

1. Die großflächigen SS- und Hakenkreuz-Tattoos an regelmäßig sichtbaren Körperstellen. Sind die unter (ost)deutschen Nazis wirklich verbreitet?

Ich stamme selbst aus dem Land, in dem der Film anscheinend spielt (siehe Ärmelabzeichen der Polizisten) und besonders in den 90ern gehörten Nazis dort zum Straßenbild. Es gab sie im Wohngebiet (vor meiner Haustür zogen fast regelmäßig Naziaufmärsche vorbei) und in der Schrebergartenkolonie der Eltern (wo sie durch permanent und laut gedudelte Nazimusik auffielen). Diese Leute gaben sich schon klar als Nazis zu erkennen, achteten aber geradezu peinlich genau darauf, nicht einfach entfernbare, GG-widrige Symbole zu vermeiden. So konnten die Dorf- (Gartenkolonie) sowie Stadtteil- (zu Hause) -Polizisten nämlich vorgeben, keine Handhabe gegen die Nazis zu haben. Tätowiert wie die Darsteller hätten sie nämlich angezeigt werden müssen.

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Goldschwund 18.01.2012, 19:10
2.

Zitat von Frietjoff
Ein paar Sachen sind mir aufgefallen: 1. Die großflächigen SS- und Hakenkreuz-Tattoos an regelmäßig sichtbaren Körperstellen. Sind die unter (ost)deutschen Nazis wirklich verbreitet? Ich stamme selbst aus dem Land, in dem der Film anscheinend spielt (siehe Ärmelabzeichen der Polizisten) und besonders in den 90ern gehörten Nazis dort zum Straßenbild. Es gab sie im Wohngebiet (vor meiner Haustür zogen fast regelmäßig Naziaufmärsche vorbei) und in der Schrebergartenkolonie der Eltern (wo sie durch permanent und laut gedudelte Nazimusik auffielen). Diese Leute gaben sich schon klar als Nazis zu erkennen, achteten aber geradezu peinlich genau darauf, nicht einfach entfernbare, GG-widrige Symbole zu vermeiden. So konnten die Dorf- (Gartenkolonie) sowie Stadtteil- (zu Hause) -Polizisten nämlich vorgeben, keine Handhabe gegen die Nazis zu haben. Tätowiert wie die Darsteller hätten sie nämlich angezeigt werden müssen.
Da ich den Film bereits sehen konnte, hilft Ihnen das vielleicht weiter: Bei "öffentlichen Auftritten", also dann, wenn sich die Filmfiguren außerhalb ihres Umfeldes bewegen, sind die grundgesetzwidrigen Symbole mit großen Pflastern abgeklebt. Das ist durchaus realistisch und wird in diesen Kreisen auch im "wirklichen Leben" so gehandhabt. Offiziell können Sie solchen "Körperschmuck" in deutschen Tätowierstuben ohnehin nicht erwerben. Auf so etwas würde sich kein seriöser Tätowierer einlassen. In unseren Nachbarländern wird das häufig anders gesehen.

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niska 18.01.2012, 19:23
3.

Zitat von sysop
So erschreckend aktuell kann Kino sein:*Das Drama*"Kriegerin" erzählt von einer*"Nationalen Aktivistin" in Ostdeutschland, die ihre*rechtsextreme Gesinnung ungehindert ausleben kann. Newcomerin Alina Levshin spielt diese Rolle*einfach*mitreißend.
Die Promo für diese Perle des deutschen Films ist ja bisher ganz an mir vorbei gegangen.
Nach den Trailer muss ich sagen: Da ist der Kinobesuch Pflicht.

Das Thema scheint realistisch und nicht linksideologisch verbrämt aufbereitet zu sein.

Und Levshin ist einfach so präsent auf der Leinwand.
Schon bei IAdV hat sie so bedrückend, erdrückend glaubhaft gespielt.
Ein absolutes Ausnahmetalent. Zauberhaft und schauspielerisch begnadet. Das sind die Allerwenigsten.

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niska 18.01.2012, 19:25
4.

Zitat von Goldschwund
Da ich den Film bereits sehen konnte, hilft Ihnen das vielleicht weiter: Bei "öffentlichen Auftritten", also dann, wenn sich die Filmfiguren außerhalb ihres Umfeldes bewegen, sind die grundgesetzwidrigen Symbole mit großen Pflastern abgeklebt. Das ist durchaus realistisch und wird in diesen Kreisen auch im "wirklichen Leben" so gehandhabt. Offiziell können Sie solchen "Körperschmuck" in deutschen Tätowierstuben ohnehin nicht erwerben. Auf so etwas würde sich kein seriöser Tätowierer einlassen. In unseren Nachbarländern wird das häufig anders gesehen.
Und taugt der Film, oder lässt der Trailer mehr hoffen als er tatsächlich bringt?

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Goldschwund 18.01.2012, 19:40
5.

Zitat von niska
Und taugt der Film, oder lässt der Trailer mehr hoffen als er tatsächlich bringt?
Ich kenne Ihren Filmgeschmack nicht, aber für mich hat er funktioniert. Er belehrt nicht und serviert auch keine Patentrezepte - die es bei diesem Thema ohnehin nicht gibt. Es sind die Details, die diesen kleinen Film so groß machen. Schon der Soundtrack weiß zu verblüffen. Ich war im Kino der festen Überzeugung, dass man hier einfach ein wenig Nazirock unterlegt hat...was rechtlich ja durchaus problematisch gewesen wäre. Stattdessen wurden hier wohl eigene Songs komponiert und eingespielt, die beängstigend authentisch wirken. Manchmal wirkt der Film fast dokumentarisch und er schafft es, dass man für eine Person, bei deren reinen Anblick man im "echten Leben" vermutlich die Straßenseite wechseln würde, Mitgefühl bis zum bösen Ende entwickelt. Ja, er reitet auch hier und da auf Klischees herum, das muss man einräumen, aber er hat keine Längen und nimmt einen gefangen. Die Optik ist radikal (gut) und das Spiel von Frau Levshin sollte man gesehen haben.

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niska 18.01.2012, 19:51
6.

Zitat von Goldschwund
Ich kenne Ihren Filmgeschmack nicht, aber für mich hat er funktioniert. Er belehrt nicht und serviert auch keine Patentrezepte - die es bei diesem Thema ohnehin nicht gibt. Es sind die Details, die diesen kleinen Film so groß machen. Schon der Soundtrack weiß zu verblüffen. Ich war im Kino der festen Überzeugung, dass man hier einfach ein wenig Nazirock unterlegt hat...was rechtlich ja durchaus problematisch gewesen wäre. Stattdessen wurden hier wohl eigene Songs komponiert und eingespielt, die beängstigend authentisch wirken. Manchmal wirkt der Film fast dokumentarisch und er schafft es, dass man für eine Person, bei deren reinen Anblick man im "echten Leben" vermutlich die Straßenseite wechseln würde, Mitgefühl bis zum bösen Ende entwickelt. Ja, er reitet auch hier und da auf Klischees herum, das muss man einräumen, aber er hat keine Längen und nimmt einen gefangen. Die Optik ist radikal (gut) und das Spiel von Frau Levshin sollte man gesehen haben.
Danke. Dann gehts am WE also ins Kino.

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Kvasir 18.01.2012, 23:08
7. "Fikive" DNVP

Eine kleine Anmerkung an die Redaktion...

Die in ihrem Artikel als "fiktiv" bezeichnete DNVP gab es tatsächlich. Es handelt sich um eine nationalkonservative Partei aus der Zeit der Zeit der Weimarer Republik. Insbesondere ihr Vorsitzender Alfred Hugenberg hatte durch verschiedene Verwicklungen mit der NSDAP eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der sogenannten Machtergreifung, war aber keine dezidiert Nationalsozialistische Partei.

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Frietjoff 18.01.2012, 23:30
8. Hmm

Zitat von Goldschwund
Bei "öffentlichen Auftritten", also dann, wenn sich die Filmfiguren außerhalb ihres Umfeldes bewegen, sind die grundgesetzwidrigen Symbole mit großen Pflastern abgeklebt.
Das ist natürlich naheliegend. Ich frage mich nur, wie viele Nazis das auf sich nehmen und z.B. den ganzen Sommer am Baggersee mit riesigen Pflastern herum laufen. Was nützt ein Tattoo, dass niemand sehen kann? Außerdem lässt sich dieselbe menschenfeindliche Botschaft doch sicher auch mit unzähligen, gerade noch GG-konformen Tattoos übermitteln – und zwar mit erheblich höherer Außenwirkung.

Ich glaube gern, dass es hin und wieder ultrafanatische Nazis gibt, die das alles auf sich nehmen, nur um intern mit »Originalsymbolen« protzen zu können, aber ob das wirklich typisch ist – insbesondere, wenn es sich wie bei der Hauptdarstellerin um Menschen handelt, die der Ideologie noch nicht endgültig verfallen sind.

Das deckt sich halt so gar nicht mit meinen Erfahrungen mit den Nazis in meiner Umgebung. Die waren in der Gruppe zwar extrem gefährlich und haben gern den Arm hoch gerissen und »Sieg Heil!« gebrüllt – aber vor Mutti oder Oma hatten sie dann doch Schiss. (Zumindest mussten sie die Illusion aufrecht erhalten, dass sie eigentlich »liebe Jungs« sein, das alles nur eine Phase wäre und sie schon keine »richtigen Nazis« wären.) Eine eindeutige und permanente Selbstkennzeichnung wäre da nicht in Frage gekommen.
Aber gut, wenn Nazis sich so eindeutig kennzeichnen wollen, sollen sie es machen. Dann weiß jeder, woran er bei denen ist – und niemand sollte sich heraus reden können, er hätte nicht gewusst, wie gefährlich diese Leute wirklich sind.

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h.hass 19.01.2012, 09:45
9.

Wenn ich lese, dass die fiese Nazi-Braut plötzlich Gewissensbisse kriegt und zur Sozialtante mutiert, werde ich schon mal misstrauisch - hört sich für mich so an, als würde hier eines der typischen Läuterungs-Dramen präsentiert, die alle nach derselben - ausgeleierten - Dramaturgie funktionieren: Zunächst wird ein absoluter Kotzbrocken als Protagonist eingeführt, der im Laufe eines langen Läuterungsprozesses zu sich selbst und seiner Menschlichkeit findet.

Auch der aktuelle französische Film "Ziemlich beste Freunde" funktioniert ja nach diesem Schema, und die Hollywood-Filme, die genauso funktionieren, kann man gar nicht mehr zählen.

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