Forum: Kultur
Kriegsende 8. Mai 1945: Es waren die Deutschen, nicht die Nazis
DPA/ WDR

Helmut Schmidt sagt, dass er kein Nazi war, und die Republik atmet auf. Dabei führt der Altkanzler nur vor, wie sich mancher aus der Tätergeneration doch noch retten will.

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pimperle.wichtig1 08.05.2015, 21:20
70. Wieviel Mut braucht man heute...

um Helmut Schmidt und Ähnliche anzuklagen?
Einige Foristen haben schon in diese Richtung kommentiert: Es ist leicht heute darüber zu richten und sich moralisch erhaben zu fühlen.

Wollen wir mal einen Vergleich ziehen? Mit dem Mut, der Energie und der politischen Einsicht, die man in der Nazizeit gebraucht hätte, um gegen HJ, Soldatenrekrutierung etc aufzubegehren, könnte man in unserer Zeit z.B. gegen den Völkermord in Ruanda aktiv handelnd aufbegehrt haben. Oder gegen die Flüchtlings-/ Asylpolitik (aktuell Mittelmeer).
Haben Sie da jemanden gesehen/ sehen Sie da jemanden???
Da schreibt oder spricht man lieber klug und ach so moralisch anspruchsvoll in irgendwelchen Medien.
Die Meinungsäußerung, selbst die provokative Anklage ist heute doch nicht mehr als kuscheliges Kaffeehausgeplapper - völlig ohne persönliche Konsequenzen (von Chalie Hebdo mal in dramatischer Weise abgesehen). Man kann sich sogar einer gewissen moralischen Elitegemeinschaft angehörig fühlen - ach was sind wir doch so viel weiter heute...!???
Wenn man damals gegen Nazis war, war man sozial isoliert und seiner körperlichen und seelischen Unversehrtheit nicht mehr sicher.
Also: wer heute sich damit vergleichen möchte, den möchte ich bitte kämpfen sehen für Syrienflüchtlinge, gegen Ausbeutung in/ von Afrika, gegen 1001 himmelschreiende Notzustände in der Welt.
Ansonsten einfach mal die Klappe halten und sich seines politischen Couch-Potato-Dasein bewusst werden.

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Narsil 08.05.2015, 21:20
71. Alle Nazis, alle schlecht?

"...1933 in die HJ eingetreten, Ostfront, Westfront, 1942 noch fest "auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung", wie sein Vorgesetzter schrieb - wenn das einen nicht zum Nazi macht..." = automatisch Nazi?

_In der HJ sein. Bitte das Wort korrekt lesen, Hitler-*Jugend*. Wenn man also als Kind oder Jugendlicher, aus Gründen, die man heute individuell schwer bis gar nicht identifizieren kann, in diese Organisation eintritt, ist man aufs Leben als Nazi gebrandmarkt. Dass die HJ Freizeitaktivitäten bot, die sehr interessant sein könnten für politisch unaufgeklärte junge Menschen, vergessen wir mal. Einflüsse von aussen sollte man wohl auch nicht ignorieren. Kinder und Teenager sind *bis heute* und so ziemlich überall beliebte Ziele für extreme Organisationen aller Art, man denke nur an die, die aus der BRD in den Nahen Osten in den Jihad ziehen - und das, wo heutige Generationen Zugang zu deutlich mehr Informationen haben, und es eigentlich besser wissen müssten.
In diesem Fall haben wir einen 15-Jährigen Helmut Schmidt...

_War an Ost- und Westfront... Ohne weitere Informationen sagt das gar nichts aus. Millionen Deutscher waren sehr zu bemittleidende Soldaten im kalten russischen Winter, einige davon haben sich daneben benommen (Exzesse wie man sie in brutalen Kriegen kennt, übrigens auch in Stalins Armee zu finden), einige waren an Kriegsverbrechen oder gar an Verbrechen gegen die menschlichkeit beteiligt. Nicht alle. Wie viel hat wer getan, wie viel hat wer mitbekommen und wer war relativ ahnungslos? Wer soll das heute beurteilen, aber kollektiv alle zu Nazis zu machen, weil sie in diesem Krieg waren, ist falsch, dumm und kontraproduktiv um solche Schrecken in Zukunft zu vermeiden.
Ich sage es mal kurz : 1939-1945 deutscher Soldat gewesen zu sein ist weder eine Schande, noch macht es einen automatisch zum bösen verbrecherischen Nazi. Es schliesst auch nicht aus, dass man es war - ich will hier auf keinen Fall den alten Mythos der unschuldigen Wehrmacht auffrischen. Doch alle unsere Väter, Grossväter und Urgrossväter pauschal zu verurteilen, wo manche nur das Pech hatten zur falschen Zeit geboren zu sein, ist eine Gegenwahrheit und wird uns in Zukunft nicht helfen.

_Beim letzten Punkt nur kurz : was ein Vorgesetzter 1942 über Jemanden schreibt scheint mir kaum relevant. Wie soll ein Offizier an der Front so genau wissen, wie jeder Soldat so tickt? In einer Diktatur verstellen sich die Menschen, und zu bestimmen, wer während des Regimes "nur so tut" und wer das hinterher nur behauptet ist schwer bis unmöglich. Schmidt kann sich verstellt haben, oder auch nicht, wie wollen wir das sagen?


Zu guter letzt scheint mir eines sicher : unsere Gesellschaft sollte besser sein, als eine willkürliche Diktatur, auch jeder Einzelne, auch im öffentlichen Diskurs. Gerade deshalb ist es dumm, in einem Artikel solchen Unsinn zu verbreiten. Rechtsstaatlichkeit beruht auf Recht, und nur wer sich etwas zu schulden hat kommen lassen, darf verurteilt werden - auch in den Medien.
Anmerkung : eine Verantwortung zur Geschichte, vor allem bei den älteren Generationen, besteht natürlich.

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streetkarver 08.05.2015, 21:29
72. maße mir kein Urteil an

Wenn ich sehe wieviel in Deutschland schief läuft trotz Demokratie (Staatsverschuldung, Rentenlüge, Eurolüge, Bildungslüge) obwohl das kein Wähler wollte, maße ich mir kein Urteil an über Menschen, die in einer Diktatur lebten.
Das Prinzip "Erbsünde" würde ich selbst dann nicht akzeptieren, wenn es weltweit für alle gelten würde.
Es gibt Institutionen, die damit seit Jahrhunderten vorzügliche Geschäfte gemacht haben.

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flowpower22 08.05.2015, 21:32
73. lächerlich und extrem unreif

Zitat von f_aus_m
..genau wie dieses "ich habe nix gewußt" auf den Keks. Ein im Krieg bereits erwachsener Mann, der aus dem Bildungsbürgertum stammt, sich aus Gefahren herauszuhalten weiß, unzweifelhaft Überblick und Führungsqualitäten hat(te), wußte nicht was lief? Mein Großvater war höherer Beamter in Hamburg und wußte im Grundsatz was los war (und war Gott sei Dank nicht dabei). Also Schmidt, stell Dich nicht auf die Stufe derer, die zu dumm, zu jung, zu feige und zu verlogen waren, um zu wissen.
Wann hat denn Schmidt je behauptet von nichts gewusst zu haben? Er habe den Namen Ausschwitz erst nach Kriegsende gehört und das ist wohl auch so.

Schmidt hat selber Dörfer unter Feuer genommen und steht zu seiner Schuld. Auch wenn er sagt sich nicht dafür zu schämen kein Held gewesen zu sein.

Auch Leute wie Böll waren als Soldat an der Ostfront. Es ist schon lustig, wie Leutchen, die diese Zeit nicht durchstehen mussten, sich hier moralisch erheben. Warum kriecht wohl ein Soldat aus dem Schützengraben in den sicheren Tod? Weil sein Leutnant ihn ganz herzlich darum bittet.

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leserkommentator 08.05.2015, 21:36
74. Der Kommentar wird der Thematik nicht gerecht

Dieser Kommentar wird dem Thema nicht wirklich gerecht.

Es ist immer leicht, in der Generation der Nachgeborenen, der in Freiheit, Demokratie und Wohlstand Aufgewachsenen, über ältere Menschen zu richten.

Es gab nach dem Krieg tausend- und millionenfach die Ausrede, an Krieg und Völkermord seien nur ein paar Nazis ganz da oben beteiligt gewesen und dafür verantwortlich, obwohl sich die Schuld auf gar nicht so wenige Deutsche verteilte. Vielleicht brauchte die Gesellschaft diesen kollektiven Selbstbetrug. Den Opfern wurde es keineswegs gerecht. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit haben in größerem Umfang erst die später Geborenen gesucht.

Dennoch darf dieses ehrliche Suchen nach der Wahrheit, nach Verwantwortung und auch Schuld nicht dazu führen, jetzt alles besser über die Verhältnisse damals wissen zu wollen.

Eine dienstliche Beurteilung zu zitieren, um zu begründen, dass Helmut Schmidt ein Nazi gewesen sei, ist vollkommen abwegig. Wer die Funktionsweise in Dikaturen kennt, muss wissen, dass so etwas einfach bei denen in der Beurteilung stand, die nicht aufgefallen sind.

Schmidt hat sich nie als Widerstandskämpfer bezeichnet. Aber Schmidt war auch kein Täter. Er trägt wie alle Soldaten, die unter Hitlers Befehl andere Länder überfallen und sich gar am Vernichtungskrieg gegen den Osten beteiligt, eine Mitverantwortung. Aber die Soldaten hatten keine wirkliche Wahl. Das ist übrigens ganz anders als bei SS-Leuten, die durchaus die Beihilfe zum Mord in Konzentrations- und Vernichtungslagern hätten vermeiden können.

Um so mehr beeindrucken die, die es doch gewagt haben, Widerstand zu leisten. Den anderen aber vorzuwerfen, dass sie es nicht getan haben, geht fehl, wenn der Vorwurf von solchen kommt, die nie vor dieser Situation standen.

Die entscheidende Frage ist, ob sich jemand unter en obwaltenden Umständen anständig verhalten hat. Ich sehe nicht, warum das auf Schmidt nicht zutreffen sollte.

Auch Walser hat recht, wenn er von Schande spricht. Auch ich als lange nach dem Krieg Geborener empfinde Scham, wenn ich Auschwitz oder andere Orte des deutschen Verbrechens, des Genozids, besuche, weil ich Deutscher bin.

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Iggy Rock 08.05.2015, 21:40
75. Man will nichts gewusst haben

Die Kernideologie der Nazis war nicht Deutschland, es war der Rassismus, das konnte jeder wissen, der es wollte. Man konnte vielleicht überhören und übersehen, dass Juden, Sinti und Roma, Kommunisten und Sozialdemokraten, Regimegegner und Homosexuelle, zusammen mit wirklichen Straftätern aber auch anderen "unpassenden Personen" in Lagern verschwanden und umgebracht wurden, man konnte aber nicht behaupten, nicht zu wissen, wie diese Diktatur funktionierte.
Die Frage wäre, ob man sich durch Mitläuferschaft mitschuldig gemacht hat.

Nach der "Befreiung" wollte niemand in Deutschland Nazi gewesen sein, noch nicht einmal diejenigen, die ein Parteibuch hatten, das hat vor allem die Allierten irritiert. Da fragt man sich wirklich, wie sich diese Verbrecherbande so halten konnte, wenn alle gegen sie waren.
Die Wahrheit ist, dass die Mehrheit mitgemacht hat, bis zum Untergang und auch noch viele Jahrzehnte später "die guten Seiten" am NS-Regime beschwörte. Die bösen Nazis waren schließlich nur diejenigen, die man nach Krieg verurteilte, nicht die vielen kleinen Denunzianten und Befehlsempfänger, die ab 1933 entweder ihr Hirn abgeschaltet haben oder es einfach hinnahmen, was geschah.

Schmidt war gewiss genauso vom Nationalsozialismus fasziniert, angetan und durch NS Propaganda beeinflusst wie Grass oder andere seiner Generation. Das als eigenen Fehler anzusehen und sich diesen einzugestehen, haben nur die Wenigsten geschafft.

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hubertrudnick1 08.05.2015, 21:43
76. Widerstandskämpfer

Zitat von busytraveller
Ja und? In die HJ kamen alle, an die Front auch. War er NSDAP Mitglied? Hat er aktiv für Hitler geworben? Wo ist seine Schuld? Das er der falschen Generation angehörte. Das wahrscheinlich. Kollektivschuld. Schuld ist aber immer individuell. Die Gnade der späten Geburt. Kohl hat es richtig gesagt. Zu früh geboren, Pech gehabt, von den Selbstgerechten danach schuldig gestempelt. Meist von Leuten, die noch nicht einmal ihrem Chef die Meinung sagen können. Vielleicht schadet das ja der Karriere. Die damals aber mussten alle Widerstandskämpfer sein. Mindestens. Und selbst dann darf man nicht zu spät gebombt haben (Stauffenberg). Sonst bleibt da irgendwo ein Zweifel. Tja, so ist die Welt, so ist der Mensch. Er wird sich nicht ändern. Ob er nun Dietz heißt, oder anders.
Imgrunde ist der Mensch kein Widerstandskäpfer, die meisten passen sich der Macht und der Zeit an und gehen den Weg des geringsten Widerstandes und das tun wir Menschen seit dem es uns gibt.
Gegen den Strom schwimmen nur immer sehr wenige und die werden dann von den übrigen dafür verachtet und bekämpft, der Deutsche ist nicht anders, als andere sich auch verhalten würden.
Man muss als Deutscher anerkennen, dass wir die Schuld an all den Auswüchsen des Faschismus tragen, wir können uns da nicht mit heraushalten, es waren ja nur einige die die Schuld auf sich geladen hatten.
Wir sollten daraus Lehren tragen und dafür sorgen, dass nicht erneut Mächtige ihre Machtspiele mit welchen Begründungen austragen können, denn es wird sie immer wieder geben, die alle in den Dreck und Verderben stürzen, auch heute sind wir davor nicht gefeit, um sauber durch die Zeit zu kommen.

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brendan33 08.05.2015, 21:49
77. Diez macht es sich zu einfach

Moralisch haben wohl alle Deutschen Schuld auf sich geladen. Ich - in den 60er Jahren geboren - trage auch das Blut eines Wehrmachtsoffiziers in mir. Im Sinne des ZDF-Dreiteilers haben wohl die nachfolgenden Generationen "unserer Mütter und unserer Väter" diese Last zu tragen. Nur einige entledigen sich dieser Last, indem sie besonders lautstark oder besonders bedeutsam auf andere zeigen, deren Schuld anklagen und sich in diesem Moment natürlich automatisch moralisch völlig unangreifbar machen. Das macht nicht nur Diez so. Auch Augstein, die gesamte Führungselite der Linken und viele Andere wählen diesen einfachen Weg der Flucht nach vorne.

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franziskus.2 08.05.2015, 21:50
78. Kollektive Schuld ?

Mein Vater war Kriegsdienstverweigerer aus religiösen Gründen. Nur wer an ein Leben nach dem Tode glaubt bringt diesen Mut und persönlichen Egoismus auf. Mein Vater hat nur überlebt, weil ein menschlicher SS-Offizier Gnade vor Recht hat angewandt hat. Er hat meiner Mutter nach mehrfachen Gefängnisaufenthalten gesagt: "Ihr Mann hat Glück, weil er 6 Kinder hat". Mein Vater hat mit seinem religiösen Fanatismus die ganze Familie und auch das Umfeld gefährdet. Verwandt oder freundschaftlich verbunden mit einem Volksverräter war zu allen Zeiten, egal in welcher Herrschaftsform,
nicht angenehm. z

Auch heute ist es sehr bequem zu allen Verbrechen zu schweigen, siehe Guantanamo. Lieber beschäftigt man sich mit den ominösen Nazis Es soll ja noch ein paar Überlebende geben. Die sind auch wahnsinnig gefährlich. Wenn die erst einmal anfangen, Raketen zu bauen wie Wernher von Braun oder in den diplomatischen Dienst eintreten, wie die Weizsäcker, dann wird es wirklich gefährlich. Wehret den Anfängen.

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brennstein 08.05.2015, 21:55
79. Schwer erträglich

Ich glaube gerne, dass H. Schmidt persönlich nichts Verwerfliches getan hat, es sei denn, man bewertet das Wegschauen anders. Es kann doch keinen ernsthaften Zweifel geben, dass ein intelligenten Mann wie Helmut Schmidt bewusst weggeschaut haben muss, um nichts sagen zu müssen zu unsagbar grausamen Verbrechen, die in der Geschichte ihresgleichen suchen. Die Art und Weise, wie sich hier ein alter Mann von Schuld reinwaschen möchte, ist letztlich ziemlich. Ohnehin nervt es, Schmidt ständig als vermeintlich moralische Instanz vorgesetzt zu kriegen. Ja, Schmidt war ein ganz ordentlicher Kanzler, ja, wir Deutschen konnten mit ihm ganz zufrieden sein, es gab zweifellos schlechtere. Aber nein, stolz auf ihn muss man nicht sein, im Gegenteil, anders als sein "Parteifreund" Brandt es war, ist Schmidt ein Feigling, einer, der Verantwortung wegdrückt auf jene Täter, die gefoltert und gemordet bzw.dies befohlen haben. Er hätte sagen können, nein, auch ich hatte nicht den Mut, dagegen aufzustehen, auch ich bin mitgelaufen wie die Millionen anderen. Das wäre immerhin ehrlich gewesen. Diez hat recht, es ist schwer erträglich, dass diese alten Männer (und auch Frauen) wie Schmidt ohne Widerspruch alle Schuld von sich weisen dürfen, obwohl wir es doch besser wissen. Sicher ist Schmidt nicht in einer ähnlichen Rolle wie etwa der furchtbare Richter Filbinger, der aktiv das. schreckliche Geschäft der Nazis verrichtete. Aber auch Schmidt hat Schuld auf sich geladen. Möge Gott ihnen allen gnädig sein.

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