Forum: Kultur
Kunstfreiheit: Solidarität mit einer Wand
DPA/ASH Berlin/David von Becker

Da läuft etwas falsch: Der demokratische Vorgang um ein Gedicht an einer Hochschule führt zu Faschismusvorwürfen, während im Fall der Gewaltvorwürfe gegen Dieter Wedel der große Aufstand ausbleibt.

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Freier.Buerger 30.01.2018, 17:26
1. zwei verschiedene Dinge

1.) Gedichte übermalen ist wie Bücher verbrennen. Letzteres wurde auch von einer demokratisch gewählten Regierung veranlasst. Also nicht jeder demokratische Prozess kann zur Entschuldigung von Schweinereien herangezogen werden.
2.) Wir leben in einem Rechtsstaat. Wenn Wedel gegen Normen und Gesetze verstoßen hat, dann gehört er angeklagt und verurteilt. Bis dahin git er als unschuldig.

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peterw 30.01.2018, 17:29
2. Unterschied

Frau Stokovski versteht nicht, dass es in einem Fall um ein Gedicht (und nicht um den Autor) und im anderen Fall um einen Regisseur (und eben nicht um das Kunstwerk, einen Film) geht. Die Kunst ist zu verteidigen ebenso wie das Verhalten des Regisseurs zu verurteilen ist.

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wjr69 30.01.2018, 17:35
3. Demokratie?

Man kann sich aber fragen ob der link(sextrem)e AStA, der gerade mal von 7 % der Wahlberechtigten gewählt wurde, sich demokratisch legitimiert fühlen darf. Man stelle sich mal vor, wenn bei einer ähnlich niedrigen Wahlbeteiligung nur rechte Hochschulgruppen gewählt worden wären - man hätte schon deswegen alle Forderungen des ASTA - soweit gesetzlich möglich - ignoriert. Stattdessen macht sich die Hochschulleitung zum Vollzugsorgan von Linksextremisten. Ob bei einer Abstimmung unter allen Studenten tatsächlich eine Mehrheit für die Entfernung des Gedichts gestimmt hätte, würde ich bezweifeln. Selbst Frau Stokowski scheint ja nicht vollständig von der frauenerniedrigenden Wirkung des Gedichtes überzeugt zu sein. Mit dem Vergleich zu Wedel macht sie das, was sie ihren Gegnern immer vorwirft: Derailing.

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Nordstadtbewohner 30.01.2018, 17:40
4. Vorwürfe vs. Beweise/ rechtskräftige Urteile

Man sollte in beiden Fällen deutlich unterscheiden: Die Vorwürfe gegen Dieter Wedel sind in erster Linie eben nur Vorwürfe, aber keine gerichtsfesten Beweise, die zu einem Gerichtsurteil geführt haben. Solange das der Fall ist, gilt auch für Herrn Wedel die Unschuldsvermutung, auch wenn er nicht gerade das ist, was man einem sympathischen Menschen nennt. Gerade beim Fall Jörg Kachelmann hat sich doch gezeigt, dass man nicht blindlings Beschuldigungen folgen sollte, sondern nur Beweisen und Gerichtsurteilen.

Was die bemalte Wand mit dem Gedicht angeht: Was Sie, Frau Stokowski, als demokratischen Vorgang bezeichnen, sehe ich mit mehr Abstand. Als ich selbst ein Student war, zeichneten sich die Studierendenausschüsse nicht gerade durch Basisdemokratie aus. Dort hatten Studenten das Sagen, die im Gegensatz zu anderen bis heute keinen Hochschulabschluss haben, weil zu beschäftigt waren, anderen Studierenden die eigene Meinung aufzuzwingen.

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cpt.z 30.01.2018, 17:48
5. Gesellschaftlicher Konsens

Man muss das alles nicht gut finden, aber es sieht doch so aus, als ob es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dass wenn es ums Gedichte übermalen geht, eine deutliche Grenze überschritten ist. Dabei geht es nichtmal speziell um das Gedicht, es geht um das "verbieten" von etwas, das allgemein nicht als anstößig empfunden wird, weil Einzelne sich daran stoßen. Dem gegenüber wird hier die #metoo Debatte gestellt. Doch diese Debatte ist nie im Kern der Gesellschaft angekommen. Auch hier scheint die vorherrschende Meinung zu sein, dass wenn den Frauen Unrecht angetan wurde, dann gibt es dafür den Rechtstaat, der für Gerechtigkeit zu sorgen hat - und wenn der nichts tut, dann - und nur vielleicht dann, würde es auch einen Aufschrei geben. Weil die bösen Vergewaltiger ja immer ungeschoren davon, aber der Steuerhinterzieher/Falschparker...etc. Der Unterschied hat auf der einen Seite damit zu tun, dass viele Leute ja schon die Augen rollen, wenn das Wort "Gender" nur fällt. Oft in der Erwartung, gleich zu hören: "Was man jetzt nicht mehr tun/sagen darf." Auf der anderen Seite eben auch damit, was als öffentlich (Gedicht an Hauswand) und was als privat (sexuelle Belästigung) betrachtet wird.

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DerAndereBarde 30.01.2018, 17:55
6. Urteile und Vorurteile

Zitat von peterw
Frau Stokovski versteht nicht, dass es in einem Fall um ein Gedicht (und nicht um den Autor) und im anderen Fall um einen Regisseur (und eben nicht um das Kunstwerk, einen Film) geht. Die Kunst ist zu verteidigen ebenso wie das Verhalten des Regisseurs zu verurteilen ist.
Ihrer Kritik am Ansatz der Kolumnistin stimme ich im Grunde zu...

ABER das Verhalten des Regisseurs ist (vom unpersönlichen Subjekt) keinesfalls zu verurteilen; das wäre üble Nachrede oder zumindest billige Empörung. Der Verurteilung durch Qualifizierte hat gefälligst ein ordentliches Verfahren vorauszugehen.

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larry_lustig 30.01.2018, 17:58
7. Kachelmann schon vergessen?

Auch da haben Femministinnen den Beschuldigten(!) vorverurteilt...

Bis heute vermisse ich die genauso öffentliche Entschuldigungen, wie die Vorwürfe von damals z.B. von einer Alice Schwarzer...

Nebenbei verstehe ich nicht, wieso die Frauen sowas erst nach den Verjährungsfristen medienwirksam einfällt......

Die akute Drucksituation war doch nach dem Filmprojekt vorbei, da hätte man schon handeln können.....

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Cyberfeld 30.01.2018, 17:59
8.

Ja das sind zwei verschiedene Baustellen wenn man das Gedicht von Eugen Gomringer liest ist es für mich ihm Stiel der Romantik geschrieben sind jetzt alle Romantischen Texte sexistisch ? Zumindest das scheint die Asta dort zu implizieren. Die Art zu schreiben ist vielleicht altbackent aber es ist auch Ausdruck von Individualismus. Auf gut Deutsch das geht schon Richtung Bücherverbrennung hinter dem scheinbar ein fanatische Feminismus steht.

Aber in der tat wäre einfach ein neuer Dichterwettbewerb gestartet gewesen und die alten Texte überschrieben geworden weil sonst kein Platz da wäre , dann wäre das was anderes , weil dann wäre es Pragmatismus ihm Gegensatz zu außer Kontrolle geratener Idealismus.

Es geht also nicht um das Gedicht selbst sondern um das keilen als Normal Bürger und das reißt ihm, weil es wird zu oft gemacht während ihm es um Soziale Absicherung , Löhne und Renten geht oder wie wäre es mal mit wirklich neuen Produkten die das Leben erleichtern ich sah keine mehr seit den 80ern

Das heißt der Bürger selbst ist Pragmatismus

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kantor71 30.01.2018, 18:00
9. Aber natürlich!

Aber natürlich muss man sich über diesen Versuch der Kunstzensur aufregen. Wir leben im Land der Bücherverbrenner, und "entartete Kunst" auf der einen sowie "Wehret den Anfängen!" auf der anderen Seite sind Begriffe, die man schon mal gehört haben sollte.

In der anderen Ringecke haben wir die (bisher unbewiesenen) Vorwürfe gegen einen Mann, die sich entweder vor Gericht bewahrheiten oder als haltlos herausstellen werden. Normal denkende Menschen bewahrt schon die meines Wissens nach auch im Falle von Sexismusvorwürfen noch nicht offiziell abgeschaffte Unschuldsvermutung davor, hier hysterisch zu hyperventilieren.

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