Forum: Kultur
Kunstfreiheit: Solidarität mit einer Wand
DPA/ASH Berlin/David von Becker

Da läuft etwas falsch: Der demokratische Vorgang um ein Gedicht an einer Hochschule führt zu Faschismusvorwürfen, während im Fall der Gewaltvorwürfe gegen Dieter Wedel der große Aufstand ausbleibt.

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vera gehlkiel 30.01.2018, 18:02
10.

Das demokratische Auswahlverfahren an der Hochschule hin oder her, die Intention, Gomringer habe sich des Sexismus schuldig gemacht, sollte man dennoch auf breiter Front diskutieren, und wieso eigentlich nicht. Ich finde das hochinteressant, gerade deshalb, weil ich dieses Gedicht überhaupt nicht so "harmlos" finde, und auch die öffentliche Darlegung an einer hohen Wand, sodass es weithin sichtbar und lesbar ist, und also Interesse förmlich herausfordert, mir gut gefällt. Fassadenkunst ausnahmsweise mal nicht rein dekorativ, dies haben wir viel zu selten, vor allem ausserhalb des halblegalen Bereichs respektive sog. alternativen Milieus. Dass dieses Gedicht soviel Aufregung verursachen kann, ist doch eindeutig ein Argument dafür, es dort zu belassen, und somit eine Neubewertung ursprünglicher Renovierungspläne vorzunehmen. Anscheinend ist es mal ein Stück politisch relevanter Kunst, und man hat sie ja schon, braucht sie nicht mal teuer einzukaufen. Wedel hingegen, sowieso höchst überschätzt nach meinem Dafürhalten, bildet hier keinen angemessenen Kontrast. Dass dieser monomanische Schreihals auch ein biederständig-reaktionäres Weltbild im Bezug auf Frauen hat, konnte man bereits anhand seiner Produktionen, besonders anhand dieser von schlecht gefilmter Gewaltlust nur so strotzenden unsäglichen Milieu-Klischeeanhäufung namens "Der König von St-Pauli" bis zum Abkotzen bewundern, wenn man den Abschaltknopf nicht rechtzeitig fand. Puh, näh, will ich gar nicht drüber nachdenken, dass junge Schauspielerinnen hierzulande so schlechte Berufsaussichten haben, dass sie sich sogar für solche Machwerke der Gefahr aussetzen müssen, von irgendwelchen Wedels et al gedemütigt zu werden. Gomringer, übrigens, werde ich immer verteidigen. Ich fühle mich von seiner Ansprache als Frau im Zweifel sogar geehrt, und nicht etwa zum Objekt seiner Unterwerfungsphantasien gemacht. Objekt einer reinen Begierde innerhalb der Erotik dieser Welt zu sein, wie sie zuweilen eben unvermittelt auftauchen kann, ist etwas davon grundsätzlich Verschiedenes. Das Gedicht spielt gerade mit der Macht des Subjektiven, mit der berückenden Dynamik, mit welcher wir aus der völligen Abstraktion des geschriebenen Wortes suggestiv starke Bilder erzeugen können.

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heinzmueller155 30.01.2018, 18:06
11. Da gibt es vielleicht einen direkten Zusammenhang..

Kleines Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, es wird eine unfassbar riesige Debatte geführt, weil irgend jemand ein Gedicht als frauenverachtenden sexuellen Übergriff empfindet. Bei näherer Betrachtung denkt jeder, der noch halbwegs bei Sinnen ist: Was für ein Quark - das hat doch mit Übergriffen nichts zu tun.
Was wird wohl die Reaktion sein, wenn das nächste mal von angeblichen Übergriffen die Rede ist?

Im Ernst: Aktionen wie die in Sachen Gomringer-Gedicht oder die teilweise absurden Beiträge in der #metoo-Debatte schaden den berechtigten Anliegen vieler Frauen - auch denen im Fall Wedel.

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dukeofwellington 30.01.2018, 18:07
12. Kann man nur den Kopf schütteln, zweimal

... und wieder mal wird getan, als sei Herr Wedel bereits rechtskräftig verurteilt. Liebe Journalisten, wir haben einen Rechtsstaat, erstmal gilt : es gibt aktuell nur Vorwürfe und kein Urteil. Also bitte, bitte, bitte: einfach mal den Mund halten und Hysterie runterfahren. Solche Vorverurteilungen stehen SPON nicht gut zu Gesicht. Zum Gedicht : zu der Farce muss man nichts kommentieren. Glückliche Uni, glückliches Land, wenn das unsere Sorgen sind

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irrenderstreiter 30.01.2018, 18:08
13.

Die Debatte zum Thema wird neuerdings vor allem von extremen Standpunkten bestimmt.
Wogegen sich die Gesellschaft wehren sollte.

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Icki 30.01.2018, 18:08
14. "Ich habe von keiner Solidaritätsaktion gehört" - Doch, die gibt es

U.a. hat der BFFS (Bundesverband der deutschen Film- und FernsehschauspielerInnen) hat eine anonyme Meldeadresse eingerichtet: Bundesverband Schauspiel e.V. (BFFS)
Tel.: 030 / 225 02 79 30
ZITAT:
Wir möchten Sie bitten, nachfolgend Ihren Fall zu schildern. Ihre Schilderung ist wichtig und wird streng vertraulich behandelt. Mit Ihrem Bericht über Ihren Fall helfen Sie uns, einen Überblick zu erhalten, in welchem Umfang in welcher Art Kolleginnen Opfer werden, wer die Täter sind, …
Schildern Sie uns anonym Ihren Fall
Ihr Bericht hilft uns, die gesammelten Vorfälle auszuwerten und gibt uns wichtige Informationen an die Hand, um als Berufsverband auch an branchenpolitischen Mechanismen mit den anderen Verbänden zu arbeiten, damit sexuelle Belästigung, Missbrauch und Sexismus an Ihrem Arbeitsplatz ein no go werden.

Gut so!

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thiak 30.01.2018, 18:09
15. vom Sinn und Unsinn einer Diskussion

Wieso sollte ich mit der Autoren über einen Straftäter diskutieren, wo in der Bewertung Einigkeit herrscht? Darum kümmern sich jetzt Gerichte. Diskussionen lohnen, wenn sie zu neuen Ergebnissen führen. Bitte nicht eine sinnvolle Diskussion mit unsinnigem Euchauffieren verwechseln!

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categorical 30.01.2018, 18:19
16. Whataboutism

Man kann sich sowohl über das eine wie das andere Thema aufregen. Beide sind aber nur schlecht vergleichbar. In einem geht es um die Kunstfreiheit in einem breiteren Kontext, die Wand ist hier nur Ausdruck einer anhaltenden Debatte der "Culture Wars". Im Übrigen ist dieses "Missverhältnis der Solidarität" vermutlich mehr eine gefühlte Wahrheit als alles andere. Allein hier auf Spiegel Online habe ich zahlreiche Artikel zum Fall Wedel gesehen. Nur sehr wenige über das Gedicht an der Hauswand. Aber Hauptsache, man findet wieder einmal einen Grund, ein vemeintliches Missverhältnis zu Lasten armer, gequälter Frauen festzustellen. Das passt zum Zeitgeist.

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viwaldi 30.01.2018, 18:25
17. Ganz schlechte Idee

Die Freiheit von Kunst und Forschung mit dem Fehlverhalten eines Regisseurs zu vergleichen oder zu verknüpfen ist totaler geistiger Dünnpfiff. Diese Kolumne ist fast immer schwach, jetzt ist sie auch noch dämlich und schändlich.

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tok1 30.01.2018, 18:27
18.

Nein, Frau Stokowsky, es geht keineswegs in beiden Fällen um Kunstfreiheit, wie Sie sehr wohl wissen. Was soll der billige Rabulismus? Die Frage, was Kunst sagen darf bzw. welche Freiheiten des Ausdrucks ihr zustehen, hat rein gar nichts mit der sexuellen Gewalt zu tun, der manche Schauspielerinnen ausgesetzt waren oder sind. Oder sehen Sie den Unterschied vielleicht doch nicht? Das würde erklären, warum Ihnen die Aufregung über den Asta-Brief so übertrieben vorkommt. Sie ist nicht übertrieben. Sie ist die Reaktion auf das Symptom einer unglaublichen Anmaßung.

https://virchblog.wordpress.com/2018/01/27/mona-lisa-soll-uebermalt-werden/

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frenchie3 30.01.2018, 18:29
19. Ich wart jetzt mal drauf

daß ein Kind zeugen (mit einer Frau) als sexistisch gilt. Dann ist klar daß Wände mit solchen Schmierereien (eine Frau bewundern) unbedingt sofort gesprengt werden müssen

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