Forum: Kultur
Leben in der Ödnis: Nichts tun, alles hassen
Jens Büttner/ DPA

Keine Arbeit, kein Geld, kein Sommer: Wer in kleineren oder mittleren Orten aufwächst, kennt den Moment, in dem Langeweile körperlich wird. Er ist die Keimzelle von Hass - und muss deshalb bekämpft werden.

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ontwoone 12.05.2019, 09:50
110. Ich aber!

Ich weiß wie es wäre, wenn die Menschen, die in diesen Orten leben, ihre Heimat komplett selbst verwalten würden. Selbst über das Budget entscheiden. Sie wissen am besten, was sie brauchen, um zufrieden zu sein. Kultur, Schulen, Ärzte, Läden, Internet, Verkehrsverbindungen, Gärten, Klubs, und sie geben leer stehende Häuser an Menschen ab, die Ideen für ihren Ort haben, oder an junge Familien. So wäre es!
Danke Frau Berg, gut erfasst. Schönen Sonntag, mit Traum im Kopf!

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rosenrot367 12.05.2019, 09:55
111. Na ja.....

Frau Berg möchte natürlich provozieren und ich denke, sie meint es gar nicht so....Aber wie die wütenden Kommentare zeigen, hat sie einen Nerv getroffen! Jeder hat die Möglichkeit, aus seinem Leben das Beste zu machen. Dass es "auf dem Lande" langweilig und in der Großstadt super ist, finde ich zu pauschal und ist eine persönliche Entscheidung. Was bringt es, wenn man z.B. aus dem beschaulichen Hameln, Rinteln oder Celle nach Hannover-Linden, Hannover-Stöcken oder Hannover-Mühlenberg zieht? Vielleicht mehr Party - aber auch die Schattenseiten einer Großstadt: Kriminalität, Drogen, Obdachlosigkeit u.ä. Fazit: soll jeder selber entscheiden, wo er leben möchte - ob Land oder Großstadt, beide haben Vor- und Nachteile, Frau Berg!

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tom2strong 12.05.2019, 09:57
112. Hm, ich glaub das ist Quatsch

In der Stadt gibt es sicher mehr Ablenkung und Möglichkeit dazu. Es ist aber womöglich nur der Blick des Stadtmenschen auf die Provinz. Das ist unterkomplex. Die Frage ist was der angesprochene Mensch braucht und wie er es sich besorgt. Dabei kann Mangel an etwas auch zu etwas Schönem werden. Der Mangel an Ablenkung könnte zu Konzentration führen. Langeweile zu Eigeninitiative. Mit Konzentration und Eigeninitiative lassen sich eine Menge cooler Sachen machen. Zum Beispiel (ah, köstlich) in die Stadt ziehen...

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demokrat2 12.05.2019, 10:04
113. Mehr "Depression" geht nicht.

Das ist schon krank. Ich bin selbst in einem "kleinen Dorf" groß geworden, habe aber derartiges nie empfunden. Im Gegenteil auf "unserer Straße" war jeden Tag Action. Da wurde Fussball gespielt, Stöckchen geworfen, der Bach gestaut, übersprungen und gebadet, Hütten gebaut und wilder Westen gespielt. Langeweile gab es nicht. Wir waren kreativ genug, um die nicht aufkommen zu lassen. Heute geht das natürlich anders. Es ist reduziert auf das Handy, dass andere Möglickeiten bietet, wie zum Beispiel lernen. Das ist heutzutage einfacher und keinesfalls langweiliger. Etwas mehr Optimusmus bitte.

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uwe.eberhardt 12.05.2019, 10:06
114. das gute an "Provinzkindern"

die Kindheit in der schwäbischen Provinz habe ich sehr unbeschwert erlebt. Zum nächsten Baggersee (oder Freibad) mussten wir 12km radeln. Dafür konnte in meiner Schulklasse jeder schwimmen und Radfahren. Geometrie und Stochastik wurde auch in der Oberstufe unterrichtet - und das Abitur wurde ohne "Social-Media-Mimi" bestanden.
Und ja - wie so viele - bin auch ich in die Großstadt für das Studium und Karriere gezogen.
Aber mittlerweile wohne ich wieder in einer kleineren Kreisstadt. Denn ich wünsche allen Kindern, dass sie unbeschwert mit dem Rad biken können, dass sie Bewegung und "Abenteuer mit Freunden" in der Natur erleben - und von ihren Eltern auch das schwimmen erlernen. Unbewegliche "Fastford-Kinder" die mit Smartphones ruhig gestellt werden - habe ich in der Großstadt zu Hause erlebt. Insofern fahre ich lieber täglich 45km ins Büro und biete meinen Kindern eine schöne Kindheit in der Provinz. Umweltpolitisch sind wir Pendler nicht "korrekt" - schön, jetzt könnte ich im Gegenzug sagen: die Autorin dieser "redaktionellen Provinzposse" kann sich vermutlich die hippe Altbauwohnung in der Großstadt leisten - aber mit 3 Kindern bevorzuge ich das Pendeln - und lebe zum Kindeswohl gerne in der Provinz. Und meine Kinder besuchen das Gymnasium und sind vor Langweile nicht von Hass geprägt - liebe Autorin.

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olli0816 12.05.2019, 10:12
115. Die Umgebung ist nur die Auslage

Ausschlaggebend ist doch, wie leer ich mich selber fühle. Ob ich da in McPom in einem gottverlassenen Dorf oder in Monaco im Hotel de Paris sitze ist ganz einerlei. Wie man an den Kommentaren lesen kann, scheint es viele Leute zu geben, die ganz glücklich auf dem Lande leben, weil da die Dinge sind, die ihnen die größte Freude bereiten. Das gleiche gilt doch für viele Städter auch, denen die Stadt genau das bietet, was sie gerne in ihrem Leben haben möchten.

Aber das sind alles Äußerlichkeiten, die man mit zunehmenden Alter abgegrast und wo man aus Gewohnheit das eine oder andere wertschätzen gelernt hat. Das sind die Leute, die sich nicht leer fühlen. Sie haben ihre Lieblingsdinge entdeckt, sind hoffentlich mit ihren Lieblingsmenschen zusammen (das schaffen leider ganz viele Leute nicht) und fühlen sich ungeachtet des Ortes mit ihrem Leben wohl.

Ja, die Gesellschaft vereinsamt, verändert sich immer schneller, wird individueller, allerdings längst nicht härter auch wenn man den Eindruck bei manchen Artikeln bekommen könnte, dass es andersherum wäre. Rein materiell haben die Leute wesentlich weniger Sorgen als vor 50 Jahren, trotz Billigjobs oder H4. Die vielgepriesenen größeren Familien entsprechen bei manchen Leuten heute auch eher einer Idealvorstellung. Jeder hatte seine Rolle und Aufgaben und wehe, Du bist ausgebrochen. Die Abhängigkeiten waren viel größer, auch Eheschließungen bedeuteten Abhängigkeiten und das hat sich zum großen Teil gewandelt. Jeder muss selber überlegen, was er mit seinem Leben anstellt. Das ist der große Unterschied zu damals: Es gab da nichts zu überlegen, nur zu funktionieren.

Der Artikel von Frau Berg zeigt mir, dass sie eben nicht genug überlegt hat, was sie mit ihrem Leben machen möchte. Was wichtig für sie ist, welche Gewohnheiten sie lieb gewinnen kann und welche Leute sie gerne um sich hätte. Ja, wenn man das nicht macht fühlt man sich einsam und leer. Ich spreche auch aus eigener Erfahrung, da ich solche Phasen auch durchlebt habe und im kleinen immer wieder durchlebe. Das gehört zu unserem individuellen Leben mit sehr vielen Möglichkeiten dazu. Wenn man es erkannt hat, kann man was dagegen tun. Auch in der tiefsten Provinz.

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domino3116 12.05.2019, 10:13
116. Oh, ich habe verstanden. Ich bin ein ostdeutscher Provinzrassist.

Als Student konnte ich mir nichts Besseres vorstellen, als in der Hochschul- und Bezirksstadt an meiner Hochschule eine Assistentenstelle zu bekommen. Es hat nicht so geklappt, ich wurde zur Auffüllung des Arbeitskräftepools in eine wirklich entfernte Landgegend geschickt - Arbeitskräftelenkung in der DDR eben. Ich versuchte mein Ziel trotzdem zu erreichen. Während andere Arbeitskollegen in der Kneipe saßen und Skat spielten, saß ich in meinem Schreibtisch und absolvierte ein Zusatzfernstudium. Man schickte mich außerdem, da man mich als Arbeitskraft nicht in der ländlichen Gegend verlieren wollte, mit fast 27 Jahren zur NVA für 18 Monate.
Danach verließ ich den Landstrich und - kam wieder in eine ländliche Gegend. Irgendwann, ich war schon über 30, musste ich einmal mitten im Winter wieder einmal in meine geliebte Hochschulstadt. Auf einer eine Hauptstraße überspannende Fußgängerbrücke trödelte ein Kind mit dem Schulranzen spät am Nachmittag irgend wohin, wahrscheinlich nach Hause. Mitten auf der Brücke blieb es stehen und schippte mit dem Fuß etwas dreckigen Schnee auf die darunter liegende mit Lauge freigetaute Fahrbahn - ich begann zu begreifen: "Winterfreuden" eines Großstadtkindes.
Heute erfreue ich mich jedes Mal an dem Anblick der Landschaft, wenn ich aus der Großstadt in meine Kleinstadt in Ostachsen zurückkehre. Frisches Grün überall, blühende Obstbäume und die deutsch-tschechischen- polnischen Berge beweisen mir, dass ich spät, aber noch nicht zu spät meine wahre Heimat gefunden habe. Ja, einen Parkplatz finde ich auch noch re!ativ problemlos. Was ich damit sagen will? Jeder muss seinen eigenen Platz finden, und manchmal dauert die Suche danach etwas länger. Heute bin ich über meine verschlungenen Lebenspfade nicht etwa verbittert, sondern weiß, dass das für mich alles einen Sinn hatte. Wenn für Frau Berg der Lebensmittelpunkt irgendeine größere Stadt in der Schweiz ist, dann ist das auch gut. Wenn sie es noch größer braucht, soll sie nach Kalkutta oder Peking gehen, aber uns hier nicht verspotten, weil wir aus welchen Gründen auch immer hier im Osten Deutschlands auf dem Lande leben. Wir verbitten uns das, weil wir aus ihrer Sicht Provinzrassisten sind.
Und nun noch ein deutliches Wort an die "Frau"Sybille: Einerseits regen Ihre Kolumnen zum Nachdenken und auch zum Widerspruch an. Das ist an sich nicht schlecht. Warum müssen Sie uns aber in Ihren Texten so unvermittelt mit Ihren sexuellen Vorlieben und Problemen belästigen? Fehlt Ihnen etwas, das Sie kompensieren müssen? Oder denken Sie, dass das modern ist? Sie tun mir ganz einfach leid, wie alle die, die sich Künstler nennen und in jeder Produktion einen Geschlechtsverkehr vorführen müssen. Ist das etwa der von Spengler beschworene "Untergang des Abendlandes"?
Liebe ALGORITHMEN des Spon! Das musste ich mal sagen. Verzeiht mir das, aber ich musste das einmal loswerden. Vielleicht druckt ihr das und helft so, das kulturelle Niveau in diesem Land wieder etwas zu normalisieren beziehungsweise anzuheben. Einen schönen Sonntag wünsche ich!

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wahnbert 12.05.2019, 10:14
117. Jetzt hört mal alle

hier rum zu mörgeln, kauft jetzt endlich Frau Berg's Buch, dann ist der Zweck des Beitrages erfüllt. Dann habt ihr auch etwas spannendes zu lesen , sowohl in der prekären Dorfödnis als auch in der intellektuellen Urbanität.

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alphanumeric 12.05.2019, 10:20
118. brillanter Text

Ich find Frau Sibylle einfach ausgezeichnet, der obige Text hat literarische Qualität. Und trotz der ganzen Anfeindungen immer Ihre Geschichten rauszuhauen, das hat Größe. Man kann sich an der sprachlichen Umsetzung erfreuen, durch das Bild wandern und das Gefühl nachspüren, was sie beschreibt. Wenn man in einer schönen Kleinstadt lebt und rundum glücklich ist, muss man sich ja nicht angegriffen fühlen. Ich finde dieses oftmals säuerliche Rumgemäkel einfach lästig und dumm. Selbst wenn man nicht einverstanden mit einer Aussage ist, kann man sie doch einfach als pluralistischen Zugewinn nehmen, der den Wahrnehmungsreichtum steigert. Frau Sibylle macht es niemandem Recht sondern ist ganz eigen in Ihrer Art - und das finde ich großartig!

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Dieter Koll 12.05.2019, 10:31
119. ach Frau Berg....

die Ödnis, aus der sie stammen, hat Ihnen augenscheinlich nachhaltig geschadet. Warum sind eigentlich alle Drogendealer in der Großstadt, wenn das Kundenparadies doch auf dem Land liegt? Und was ist den besoffenen Pennern? Warum "leben" die in den Großstädten und nicht auf de Land?
Nur weil Sie sich ohne Dauerbelustigung von außen nicht beschäftigen können, bedeutet das nicht, dass es allen so geht.
Im Grunde ist es doch eher so, dass sich die gestressten Großstädter nach Ruhe und Gelassenheit sehnen....

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