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Lebenslauf-Roman : Die Scheinwahrheiten unserer Biografien
Christoph Soeder/ DPA

Wünsche, Hoffnungen, Karriere - weil ihr Leben ins Leere läuft, bastelt sich eine Mittfünfzigerin ihre eigene Welt und Biografie. Ihre Melancholie schildert Judith Kuckart in "Kein Sturm, nur Wetter".

Europa! 12.07.2019, 12:30
1. Entwicklungsideologie

Es sei ein Schwachpunkt, dass sich Heldin nicht "weiterentwickelt", mein der Rezensent? Wie oft muss man sich dieses blöde Dogma noch anhören? Es ist nun mal so, dass sich manche Menschen eher nicht entwickeln (in bestimmter Hinsicht gilt das vielleicht sogar für alle). Dass sich Romanfiguren "entwickeln" müssten, ist eine dümmliche Ideologie aus der Mottenkiste der Pädagogik. Und für diesen Roman ist es offensichtlich der zentrale Punkt, dass die Heldin sich NICHT entwickelt. Somit drängt sich der Verdacht auf, dass der Rezensent dieses offenbar hochinteressante Buch nicht verstanden hat.

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Newspeak 12.07.2019, 14:59
2. ...

Haha, ich kenne das Gefuehl. Gefuehlt machen alle anderen Karriere, nur man selbst nicht. Man darf sich aber da nicht doppelt taeuschen. Man sieht von den Anderen nur den Erfolg, nicht die Opfer, die sie dafuer bringen. Nicht den unglaublichen Stress, der mit Kindern, Haus, Karriere einhergeht. Nicht die gescheiterten Beziehungen in 20 Jahren. Nicht die Krankheiten eines stressigen Lebens, die solche Leute irgendwann einholen. Gehoert aber alles mit dazu. Man muss sich von diesen Bewertungen frei machen. Wir Menschen werden erstmal zu keinem besonderen Zweck auf diese Welt geboren. Zuerst geht es einmal nur um die Befriedigung der existentiellen Beduerfnisse. Solange die erfuellt sind, warum sich uebermaessig beschweren? Man entkommt den gesellschaftlichen Anspruechen sicher nicht so einfach, aber wenn man es schafft, dann stelle ich mir das als eine grosse Befreiung vor. Im Grunde sieht man das auch. Wann sind Menschen am nettesten im Leben? Doch meistens als Kinder und als Rentner. Dann sind die gesellschaftlichen Zwaenge noch nicht da, oder weg, und man kann einfach nur leben. Ich denke, das Problem dieser Welt sind nicht die Leute, die sich nicht entwickeln wollen, ganz im Gegenteil.

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