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Linkenschelte : Rückwärts und viel vergessen
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Soll die SPD "unsere Heimat" gegen Migranten verteidigen? Und ist die Postmoderne schuld am Aufkommen "alternativer Fakten"? Eine Antwort auf die beiden letzten SPON-Kolumnen von Jakob Augstein und Christian Stöcker.

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Margaretefan 05.04.2017, 11:59
140. Ein Fels in der Brandung...

...ein Licht am Ende des Tunnels, genau das sind Frau Stokowskis Kolumnen.

Neben dem ehrenwerten Sascha Lobo und der nicht minder ehrenwerten Sybille Berg für mich die geradlinigsten Menschen, die auf Spiegel Online ihre Sicht auf die Dinge zum Besten geben.

"Im Zweifel links"- Kolumnist Jakob Augstein, leidet für mich seit längerer Zeit schon an einer Sinnkrise. Aus meiner Sicht zweifelt er mittlerweile eher am Linkssein als dass er sich im Zweifel für links entscheidet.

Nationalistisches Denken mit (psoydo)linkem Gedankengut zu paaren zu versuchen, birgt Gefahren, die unschön aus dem Ruder laufen können. Ein Jakob Augstein, davon gehe ich zumindest aus, ist sich dieser Gefahr ganz sicher bewusst. Ich hoffe, dass er nur überarbeitet ist. Ist ja auch nur ein Mensch und eben nicht das Maß der Dinge.
Vielleicht täte ihm mal eine mehrmonatige Auszeiz gut, in der er sich auf Reisen in ferne Länder begibt, dort möglichst viele Menschen trifft und seine Heimat mal für diese Zeit Heimat bleiben lässt. Ich könnte mir vorstellen, dass ihm das helfen kann, das Gespenst des aufkeimenden Nationalismus zu vertreiben um wieder die lange Zeit von mir sehr geschätzte Geradlinigkeit zu erlangen.

Was unser Land am Wenigsten braucht, sind hier lebende Menschen, die unterschiedliche Rechte wegen ihrer Herkunft haben. Solche Denkansätze lösen keine Probleme. Weder theoretisch noch praktisch. Probleme, die kein Mensch bezweifelt, lassen sich nur auf Augenhöhe lösen oder zumindest verbessern. Von "auf Augenhöhe" kann nur die Rede sein, wenn alle die gleichen Rechte genießen und eben nicht nach ihrer Herkunft von vornherein ausgegrenzt und mit weniger Rechten versehen werden.

Demokratie ist leider furchtbar anstrengend. Geschenkt kriegt man die nicht. Wenn's wie augenblicklich mal schwierig ist, darf nicht der Fehler gemacht werden, den scheinbar einfachsten Weg zu gehen. Immer weiter an den der Vernuft wegen, weil wohlüberlegten, guten und deshalb selbstverständlich sein sollenden, aber hart erkämpften Grundrechten rumzudoktern, ist ein großer Fehler, denn Probleme löst eine solche Herhangehensweise nicht. Das ist nur weniger anstrengend, als den nicht über den Tellerrand schauende Schreihälsen entgegenzutreten.

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Bondurant 05.04.2017, 12:01
141.

Zitat von Pride & Joy
Diese Strukturen sind dynamisch und sie lassen sich dadurch ändern, dass Menschen diese überwinden wollen. Solange sie sich wohlfühlen und das nicht wollen, gibt es für mich keinen Grund dort einzugreifen.
Abgesehen davon, dass Sie mal erkären sollten, was an jahrhundertelang beachteten und noch heute gelebten Traditionen real "dynamisch" sein soll: Das ist sicher keine linke Position. Die Linke nämlich hat schon die klassische Kleinfamilie als "Keimzelle des Faschismus" zum Feind erklärt und ganz aktiv zu bekämpfen unternommen, völlig unabhängig davon, ob sich deren Mitglieder "wohl fühlten". Erst recht muss das für stammesähnliche Großfamilien gelten, in denen der Patriarch das Sagen hat. Wenn Sie mir da erklären, dagegen sei nichts zu unternehmen, solange die Clan-Mitglieder das nicht wollten, weichen Sie den Problemen aus und dürfen sich nicht wundern, wenn "alte Werte", die man längst für überwunden hielt, quasi durch die Hintertür wieder gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden (müssen).

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Pride & Joy 05.04.2017, 12:09
142. konstruktive Kritik bitte

Zitat von sponcon
Wir leisten uns ein dem Artikel 20 GG widersprechenden Sozialstaat. Der Schwache soll vom Stärkeren gestützt werden. Nicht mal das klappt in unserer Gesellschaft. Viele können sich aus den gesetzlichen Kassen verabschieden oder weniger zahlen, weil sie mehr verdienen (Beitragsbemessungsgrenze). Wir leisten nicht einmal innerhalb unseres Staates die für Viele notwendige Hilfe. Für Andere können wir es uns leisten?
Bisher haben wir einen funktionierenden Sozialstaat. Wenn auch Mängel bestehen, z.B. dieser, dass Schäuble kürzlich 30 Mio aus der Arbeitslosenversicherung abgezweigt hat, um Sprachkurse zu finanzieren, die dann teilweise in's Leere liefen. Das ist zu verurteilen und deshalb vote ich dafür, dass die bestehende GroKo abzuwählen ist.

Hier aber eine Neiddebatte daraus zu konstruieren, dafür stehe ich nicht zur Verfügung!

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Bondurant 05.04.2017, 12:17
143. Aha

Zitat von Margaretefan
Was unser Land am Wenigsten braucht, sind hier lebende Menschen, die unterschiedliche Rechte wegen ihrer Herkunft haben. Solche Denkansätze lösen keine Probleme.
Was ist denn mit den Menschen, die - tatsächlich - hier leben, das aber nicht dürften (= ausreisepflichtige Ausländer, z.Zt etwa 400.000)? Die Frage ist ernst gemeint.

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vera gehlkiel 05.04.2017, 12:21
144. @Revolutscher

Zitat von Revolutscher
Es wäre alles viel einfacher wenn Migranten überwiegend Linke wären, dann dürften es auch mehr als 25% sein. Die Mehrzahl – zumindest bei uns im Ruhrgebiet – sind aber konservativ bis rechtsradikal, meistens religiös bis fundamentalistisch, haben einen sehr verklärten Heimatbegriff und können mit linken Werten wenig anfangen. Und wir Biodeutschen kämpfen nicht mit den Migranten gegen das Kapital sondern gegen die Migranten um das Kapital.
Ich bin nicht direkt im Ruhrgebiet aufgewachsen, sondern irgendwo gegenüber von Duisburg, in mehreren kleinen Käffern. Und meine Familie war, obzwar rein "biodeutsch" und zugleich halb Links, anständige Sozialdemokratie, eine Aussenseiterfamilie. Das lag zum einen daran, dass mein Vater ein freischaffender Kreativer war, zum anderen, dass wir Vorreiter des heute nicht mehr so unüblichen Broken-Home-Konzeptes waren, und ich so gut wie komplett ohne Mutter aufwuchs. Ich hatte trotz meiner Vagabundenkindheit aber sehr schöne Zeiten, wir sind sehr eng miteinander gewesen, mein älterer Bruder etwa war mein treuer Ritter, bis ich aus der Schule kam, und hat immer alle verkloppt, die mich verkloppen wollten, etc. - das lief oft bei den Arrivierten, auf die wir aber schon auch ziemlich neidisch waren, sogar schlechter. Natürlich hoffte ich als kleines Mädchen auf ein Pony und eine rosa Prinzessinnenhölle, musste mir aber öfters die sauberen Unterhosen von meinem grossen Bruder ausborgen, von daher gibt es Leerstellen in meiner Kindheit, die ich erst später in einer Phase der "Nachreifung" überwand. In der ich ziemlich egoistisch, unduldsam, fast zwanghaft auf der Suche nach Tabubrüchen und sprachlich tendentiell radikal schnoddrig war, und alles ganz ohne Migrationshintergrund. Verklärt habe ich auch vieles, übrigens, und tue das manchmal bis heute. Ich neige schon dazu, auch in kitschigen Filmen hemmungslos zu heulen, wenn ich durch etwas getriggert werde. Das Tableau, auf dem meine ganz schön schwierige Kindheit stattfand, war die im rapiden Verfall begriffene Arbeiter- und Zechensiedlungskultur dieser Gegenden, wo die Menschen interessanter Weise oft klingende Namen aufwiesen wie Olschewski, Przybilla, Kolasinski. Und Nachfahren von strengen, ihre polnische oder schlesische Heimat stets verklärenden, religiös fast fundamentalistischen, sehr einfach denkenden Menschen waren. Und sich auch "zu meiner Zeit" noch weiterhin an Helden orientierten, die Podolski oder Schimanski hiessen.

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karabas 05.04.2017, 12:40
145.

Zitat von Revolutscher
Es wäre alles viel einfacher wenn Migranten überwiegend Linke wären, dann dürften es auch mehr als 25% sein. Die Mehrzahl – zumindest bei uns im Ruhrgebiet – sind aber konservativ bis rechtsradikal, meistens religiös bis fundamentalistisch, haben einen sehr verklärten Heimatbegriff .....
amusant und zutreffend! Die Linke bilden sich ein, durch ihre (bedingungslose) Solidarität mit den Schwächeren (Migranten) diese als politische (Kampf-)Masse einsetzen zu können. Nur geht es nach hinten los.

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Pride & Joy 05.04.2017, 12:49
146. Die Linke müßte ihre Scheuklappen ablegen und der Tatsache ins Auge blicken, daß die Menschheit nicht auf einen Klassenkrieg zusteuert, sondern auf einen Religionskrieg, den es zu verhindern gilt.

Hallo Kit Kerber,
ich kann Ihren Beitrag nur unterschreiben und schätze ihre konstruktive Kritik.

Sie haben recht, die Linke hat Angst der Realität in's Auge zu blicken und versteckt sich gerne hinter ihren Ideologien und "heiligen Kühen" und Endlosdebatten. Marx führt hier eben so wenig weiter wie es andere Philosophen tun werden, hinter denen man sich noch ducken könnte.

In den aktuellen Fragestellungen geht es um nüchterene Analytik und das Austauschen von Fakten. In einem Satz: nicht das Reden über xy, sondern das Handeln mit xy führen hier zum Ziel.

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vera gehlkiel 05.04.2017, 12:54
147. @Kit Kerber

Ich komm aus der Sozialdemokratie, die mir irgendwann natürlich zu eng wurde. Die Kneipenhinterzimmer, das endlose Diskutieren, wenn mein Vater uns Kinder mit dahin schleppte, weil wir dort zu Abend assen, keine Familienzusammenkunft ohne endloses Politisieren - ich hasste es! So wurde für mich, als ich langsam erwachsen wurde, die radikale Linke zu einer weit aufgestossenen Tür. Ich dachte, wenn ich Marxens "Das Kapital" und Sartres "Das Sein und das Nichts" komplett auswendig lerne, wird eine leuchtende Spur sich vor mir auftun, die meinen Lebensweg beschreibt. Ich war seit jeher schnell entflammbar und meinte, eine Art Negativliste von Autoren und Denkern, die nicht dazugehören dürfen, wäre nicht schlecht. Auf der stand damals natürlich auch ein Foucault, ganz bestimmt Popper, von dem sogar die Rede ging, er sei der Lieblingsphilosoph von Helmut Schmidt, etc.pp. Damals hätte ich mir ohne weiteres einen Molli geschnappt, wäre ich in die richtigen Kreise geraten, bewahrt davor haben mich eher Leute, die mir schwerst auf den Keks gingen, aber doch wirksam wurden, wie mein älterer Bruder und seine Freunde. Ich möchte aber betonen, dass die Wildheit in mir war, und sie nicht Sartres Schuld gewesen ist. Ich entdeckte Autoren, die in einer bestimmten dogmatischen Linkskultur keine Chance hatten/haben, etwa Russell, und die besagten Foucault und Popper. Und darüber entdeckte ich, dass es gar nicht "die Linke" gibt, es sie auch nicht geben kann, geben soll, geben darf. Aber es dennoch nicht aus der Mode kommen muss, Links zu sein. Links sein ist für mich, sich selbst zu definieren, Wahrheit(en) nicht zu suchen, sondern zu finden, Selbsthinterfragung zu einem Lebensprinzip zu machen, aber auch, sich bewusst und verantwortungsvoll zu entscheiden, wenn es praktisch geboten ist. Dazu gehört essentiell die Demokratie und der aktiv herbeigeführte, bewusst gesuchte Kompromiss. Beides ist nun einmal das Gegenteil des Fundamentalismus. Für mich ist der grosse Antipode dieser Fundamentalismus. Zu ihm neigen Industriebosse, genauso wie religiöse Führer. Und leider auch nicht so wenige Linke. Aber Links sein ist eben auch wie römisch katholisch sein. Etwas, aus dem auszusteigen schlechterdings unmöglich ist, jedenfalls für mich!

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darkace82 05.04.2017, 13:05
148. Klassenkrieg? Religionskrieg? YXZKrieg?

Also abgesehen davon, dass es mir immer noch schwer fällt einzusehen, warum sich soviele Menschen einen nächsten grossen Krieg herbeiwünschen und ihn herbeizureden versuchen, sind diese Levels Unsinn. Der Klassenkrieg im Sinne von Arbeiter gegen herrschende wird es heute so im Westen nicht mehr geben, da es diese strikt getrennten Gruppen so gar nicht mehr gibt. Und Religionskriege sind ebenso unsinnig. Zum einen weil es dazu klassischerweise 2 Religionen gegeneinander bräuchte. Und zumindest der Westen ist schon lange nicht mehr religiös genug deswegen Kriege zu führen. Kriege hätten und haben fast immer völlig andere Hintergründe. Macht, Einfluss, Kontrolle. Religion, Ethnie oder sonst was waren höchstens die Motivatoren für die, die als Fusssoldaten kämpfen müssen. Verteidigen der Freiheit am Hindukusch motiviert den Soldaten eben mehr als geopolitische Fragen. Es wird keinen Religionskrieg geben. Sorry...

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Pride & Joy 05.04.2017, 13:07
149.

Zitat von Bondurant
Abgesehen davon, dass Sie mal erkären sollten, was an jahrhundertelang beachteten und noch heute gelebten Traditionen real "dynamisch" sein soll: Das ist sicher keine linke Position. Die Linke nämlich hat schon die klassische Kleinfamilie als "Keimzelle des Faschismus" zum Feind erklärt und ganz aktiv zu bekämpfen unternommen, völlig unabhängig davon, ob sich deren Mitglieder "wohl fühlten". Erst recht .....
Ich hatte angenommen, dass Sie diese "Transferleistung" selber bewerkstelligen könnten. Da diese Entwicklung sich auch bei uns langsam über Jahrhunderte vollzog, können wir nicht erwarten, dass es hier "Ad hoc" erfolgen soll.

Ich drücke mich auch vor nichts, sondern habe ein anderen Menschenbild als Sie es haben. Ich empfinde unser Verständnis sich über andere erheben zu können als übergriffig.

Wir haben doch aus der Kolonialzeit Schlüsse gezogen, oder nicht? Wer hat den die Probleme der entwurzelten Menschen, die jetzt in Reservaten, resp. Ghettos leben, grundsätzlich verursacht und durch welches Handeln?

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