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Literatur - Was lohnt es noch, zu lesen?

Bücher sind populär, über Bücher wird gestritten, manchmal werden Bücher noch verboten, sogar im Fernsehen erzielen Literatursendungen ("Lesen!") nach wie vor ansehnliche Quoten. Gute Zeiten für belletristische Literatur? Oder haben es literarische Texte heute schwerer denn je, inmitten der PR-Gewitter ihr Publikum zu finden? Gibt es noch die Lust auf den unbekannten Text oder ist gängige Literatur fast nur noch leicht verdauliche Häppchenware für Party-Smalltalk?

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Ty Coon 19.06.2011, 11:58
23110.

Zitat von klappertopf
Vor allem ist Hesse einer, der F.Nietzsche verinnerlicht hat. kein Buch von Hesse ist komischer als der "Steppenwolf, da der "veritable Mörder" ausgelacht wird. Die Strafe für Harry ist, dass er gnadenlos ausgelacht wird. Diesen Humor verstanden nur Nietzsche, Grabbe und eben H.Hesse.
Ich hab den "Steppenwolf" gelesen und fand ihn langweilig. Das kann Hesse besser. Aber bei Harry und Hermine bin ich hellhörig geworden: Hat J. K. Rowling da etwa Anleihen genommen? :)

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Der demographische Viktor 19.06.2011, 12:02
23111. Diese Zeit produziert nur Durchschnitt oder bleibt darunter

Zitat von sysop
Bücher sind populär, über Bücher wird gestritten, manchmal werden Bücher noch verboten, sogar im Fernsehen erzielen Literatursendungen ("Lesen!") nach wie vor ansehnliche Quoten. Gute Zeiten für belletristische Literatur? Oder haben es literarische Texte heute schwerer denn je, inmitten der PR-Gewitter ihr Publikum zu finden? Gibt es noch die Lust auf den unbekannten Text oder ist gängige Literatur fast nur noch leicht verdauliche Häppchenware für Party-Smalltalk?
Wir durchleben derzeit eine Epoche des Niveauverlustes auf allen Ebenen. Es wird eine Weile brauchen, bis das Niveau der 60er und 70er Jahre wieder erreicht wird.

Als junger Mann, politisch und literarisch interessiert, tingelte ich mit Günter Grass und Willy Brandt (es war irgendein Wahlkampf) durch die Probstei (damals war noch völlig offen, wer von uns Dreien einmal die beiden Nobelpreisträger sein würden ;)

Heute beschimpfen die Medien Politiker als Lügner... und belächeln die großen inzwischen greisen Literaten wie z.B. Grass und Lenz wie alles was älter als 40 ist. Ich finde, die heutige Zeit gehört in die Klapse. Sie bringt absolut nichts Großes hervor, sondern produziert nur Durchschnitt oder bleibt darunter.

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easystreets 19.06.2011, 12:48
23112.

Zitat von Der demographische Viktor
Als junger Mann ... tingelte ich mit Günter Grass und Willy Brandt ... durch die Probstei ... Ich finde, die heutige Zeit gehört in die Klapse. Sie bringt absolut nichts Großes hervor, sondern produziert nur Durchschnitt oder bleibt darunter.
Ihr namedropping hebt das Niveau nun aber auch nicht. "Mein Haus, mein Wagen, meine Frau", oder was soll das werden?

Zitat von Ty Coon
Ich hab den "Steppenwolf" gelesen und fand ihn langweilig. Das kann Hesse besser. Aber bei Harry und Hermine bin ich hellhörig geworden: Hat J. K. Rowling da etwa Anleihen genommen? :)
Zwischen Hesse und Wendezeitatmosphäre. Was ist langweilig am Steppenwolf, dass Hesse sich ins Erzkonservative wagt und dort einen Hebel ansetzt? Was ist langweilig an Kunderas "Der Scherz", dass Kundera fast schon wissenschaftlich einen Exkurs in die böhmische und mährische Volksmusik unternimmt?

Der moderne und ins Ökonomiesystem Eingepaßte, zwangsläufig eingepaßt, nutzt nachher die Kunst, um sich aus den Zwängen zu befreien, in die die Ureinwohner nie gelangt sind. Als Klaus Kinsiki bei Fitzcerraldo seine szenischen Wutausbrüche ich-feierte, erkannten ihn die Indianer als so sehr gefährlich, dass sie Werner Herzog fragten, ob sie Kinski nicht umbringen sollen. Die hätten es getan, ihn umgebracht, wenn Herzog es ihnen erlaubt hätte. Es wäre aus ihrer Sicht kein Mord gewesen, sondern ein reiner und selbstverständlicher Akt der Natur und mit ihr und in ihr ein Beseitigen dessen, was sie als eine Gefahr für ihre Seele betrachteten; wie sie ein Krokodil als eine Gefahr für ihren Körper sehen. Ähnlich wie bei Hesses Goldmund, der den, letztlich eiskalt, betrachtet man es juristisch-gesellschaftlich-moralisch, tötet, der ihm seinen Goldtaler stehlen will.

Nietzsche anzuführen ist gefährlich. Nietzsche ist ein sozial Gescheiterter. Nietzsche hatte sich überhoben. Irgendwie auch widernatürlich, sich zu überheben. Westliche Kunst als ein Gift, mit dem ein Gift zu bekämpfen versucht wird. Kunst als Hamsterrad.

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Ty Coon 19.06.2011, 12:51
23113.

Zitat von Der demographische Viktor
Wir durchleben derzeit eine Epoche des Niveauverlustes auf allen Ebenen. Es wird eine Weile brauchen, bis das Niveau der 60er und 70er Jahre wieder erreicht wird. Als junger Mann, politisch und literarisch interessiert, tingelte ich mit Günter Grass und Willy Brandt (es war irgendein Wahlkampf) durch die Probstei (damals war noch völlig offen, wer von uns Dreien einmal die beiden Nobelpreisträger sein würden ;) Heute beschimpfen die Medien Politiker als Lügner... und belächeln die großen inzwischen greisen Literaten wie z.B. Grass und Lenz wie alles was älter als 40 ist. Ich finde, die heutige Zeit gehört in die Klapse. Sie bringt absolut nichts Großes hervor, sondern produziert nur Durchschnitt oder bleibt darunter.
Naja, einerseits stimme ich Ihnen aus ganzem Herzen zu, andererseits verstehe ich nicht, warum Sie ausgerechnet den Schaumschläger Günter Grass so in Schutzhaft nehmen. So 'nen Langweiler wie Günter Grass möchte ich nichtmal als Opapa haben ...

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klappertopf 19.06.2011, 14:08
23114. Die Selbstanalyse eines H. Hesse

Zitat von Ty Coon
Ich hab den "Steppenwolf" gelesen und fand ihn langweilig. Das kann Hesse besser. Aber bei Harry und Hermine bin ich hellhörig geworden: Hat J. K. Rowling da etwa Anleihen genommen? :)
Der "Steppenwolf" ist ein völlig authentisches Werk. Hier gibt Hesse viel von seinen Seelenkonstellationen preis. In ihm finden sich Reminiszenzen an Goethe, Grabbe, Mann, Rilke und an das Gilgamesch Epos. Es ist ein Buch für jene, welche sich gerne mit den Abgründen der Psyche beschäftigen.

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klappertopf 19.06.2011, 14:40
23115. Über die Langeweile

Zitat von Ty Coon
Ich hab den "Steppenwolf" gelesen und fand ihn langweilig. Das kann Hesse besser. Aber bei Harry und Hermine bin ich hellhörig geworden: Hat J. K. Rowling da etwa Anleihen genommen? :)
H.Hesse hat über den Wert des Bücherlesens folgenden Aphorismus verfasst:

Die Bücher sind nicht dazu da, unselbständige Menschen noch unselbständiger zu machen, und sie sind noch weniger dazu da, lebensunfähigen Menschen ein wohlfeiles Trug- und Ersatzleben zu liefern. Im Gegenteil, Bücher haben nur einen Wert, wenn sie zum Leben führen und dem Lebenden dienen und nützen, und jene Lesestunde ist vergeudet, aus der nicht ein Funke von Kraft, eine Ahnung von Verjüngung, ein Hauch von neuer Frische sich für den Leser ergibt.

Der "homo consumens" neigt dazu, sich zu langweilen. Seine oral-rezeptive Erwartungshaltung lässt keinen Platz für eine
tiefere Erarbeitung psychischer Probleme. Er ist für das rasche und instante Vergnügen zu haben. Er will sich nicht plagen und er will unterhalten sein. Da können Bücher wie der "Steppenwolf" nicht die richtige Lektüre sein. Das sehe ich ein.

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Ty Coon 19.06.2011, 15:25
23116.

Naja, für Küchenpsychologie bin ich nicht gern zu haben, die überlasse ich den Profis. Ich habe Hesse zuerst mit zwölf gelesen, und er war lange Zeit mein Lieblingsschriftsteller. Googeln Sie mal nach "Hesse-Bashing" und Sie werden erstaunt sein, wieviel man dazu inzwischen findet. Nein, Hesse hat mich geprägt wie kein Zweiter, und der Literaturnobelpreis war mehr als verdient. Hätte er ihn nicht bekommen, man hätte wohl einen eigenen Preis für ihn erfinden müssen.

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I'm a Substitute 19.06.2011, 15:37
23117.

Zitat von klappertopf
H.Hesse hat über den Wert des Bücherlesens folgenden Aphorismus verfasst: Die Bücher sind nicht dazu da, unselbständige Menschen noch unselbständiger zu machen, und sie sind noch weniger dazu da, lebensunfähigen Menschen ein wohlfeiles Trug- und Ersatzleben zu liefern.
Insoweit hat Hermann Hesse sicher Recht... - wie schade, daß der überwiegende Teil der Bücher, die Hesse selbst geschrieben hat, irgendwie solch ein wohlfeiles Trug- und Ersatzleben zu liefern und seine Protagonisten so gänzlich ohne einen Funke[n] von Kraft, eine Ahnung von Verjüngung, ein Hauch von neuer Frische bleiben...

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Ty Coon 19.06.2011, 16:12
23118.

Nee, Hesse hatte nicht "Recht", sondern "recht". Leute, Euer Grammatikverständnis ist wirklich verbesserungswürdig! Wenn ich irgendwo "Recht haben" oder "Schuld sein" lese, verliere ich sofort das Interesse. In der Grundschule schon nicht aufgepaßt, später beim Abitur dilettiert; was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

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flowpower22 19.06.2011, 16:31
23119. --

Zitat von sysop
Bücher sind populär, über Bücher wird gestritten, manchmal werden Bücher noch verboten, sogar im Fernsehen erzielen Literatursendungen ("Lesen!") nach wie vor ansehnliche Quoten. Gute Zeiten für belletristische Literatur? Oder haben es literarische Texte heute schwerer denn je, inmitten der PR-Gewitter ihr Publikum zu finden? Gibt es noch die Lust auf den unbekannten Text oder ist gängige Literatur fast nur noch leicht verdauliche Häppchenware für Party-Smalltalk?
<<Strafbataillion 999>> von Heinz Günther Konsalik ist ein absolutes Muss!

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