Forum: Kultur
#MeToo: Warum ist es so still in Deutschland?
AFP

Reden ist der Anfang von Politik und von gesellschaftlicher Veränderung. Über sexuelle Übergriffe wird in Deutschland aber nicht geredet. Dabei können wir es uns nicht leisten, diesen historischen Moment zu vergeuden.

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Nordstadtbewohner 26.11.2017, 11:46
1. Weil Ross und Reiter nicht klar benannt werden

"Warum, frage ich mich mal wieder, ist dieses Land eigentlich so, so zäh, so verbissen, so voller Angst?"

Dieses Land ist nicht voller Angst, sondern viele Menschen in Deutschland verfolgen sehr wohl die #MeToo-Debatte. Dabei stellen sie fest, also zumindest in meinem Umfeld, dass Ross und Reiter in Deutschland nicht klar benannt werden. Es gibt nur diffuse Anschuldigungen, Namen der möglichen Täter werden nicht genannt. Einige Journalisten erfinden fiktive Täter-Opfer-Beziehungen wie auch hier auf Spon, wo eine Journalistin etwas von Gastronomen erzählt, die "Koks gegen Blowjob" tauschen, oder Galeristen, die Künstlerinnen sexuell bedrängen oder Architekten, die Frauen abfüllen und sich dann an ihnen vergehen. Dass das nur wenig mit der Realität zu tun hat, merken nicht wenige Menschen im Alltag in Deutschland.

Das Schweigen, welches Sie, Herr Diez, außerdem ansprechen, ist auch ein Resultat der Erkenntnis, dass die politisch-mediale Öffentlichkeit, also Journalisten und Politiker, bei diesem Thema eine extrem starke Meinungs- und Deutungshoheit ausüben und den Gerechtigkeits- und Wahrheitsbegriff für sich allein beanspruchen.

Dazu kommt:

"Über sexuelle Übergriffe wird in Deutschland aber nicht geredet."

Das stimmt. Ich erinnere mich nur an die Geschehnisse an Silvester 2015/16 in Köln, als die politisch-mediale Öffentlichkeit, zu der Sie auch gehören, tagelang geschwiegen haben und dann nur zögerlich berichteten. Letztlich verkörpern auch Sie damit das, was Sie an anderen kritisieren. Genau das dämmert vielen Menschen in Deutschland und das Schweigen ist die Konsequenz.

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dibbi 26.11.2017, 11:48
2.

Wäre es möglich, dass das Problem bei uns gar nicht in dem Umfang präsent ist wie in den Vereinigten Staaten?

Sicherlich gibt es auch hier Sexismus und verwandte Widerwärtigkeiten, aber vielleicht sind wir hier auch Aufgeklärt genug um nicht auf jeden vermeintlich gut gemeinten Pöbelzug aufzuspringen.

Auch wenn Herr Weinstein ein Arschloch sein mag, so wäre es immer noch an einem ordentlichen Gericht das festzustellen.
In Amerika ist das eben anders. Da zählt ein ordentliches Gericht nichts, da zählt nur, wer am lautesten auf Twitter rumblökt...

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tiefenrausch1968 26.11.2017, 11:50
3. Zögernd

Ich habe auch überlegt, ob ich dazu etwas auf Facebook poste. Habe mich aber dagegen entschieden. In Amerika gibt es ja diesen öffentlichen Bekenntniswahn, der aus dem Protestantismus herrührt. Ich bin aber katholisch. Da geht man höchstens zum Pfarrer in die Beichte. Haha. Ausgerechnet! Obwohl ich das Konzept des Schweigens im Bereich des sexuellen nicht zielführend finde, denke ich, dass Opfer ein Recht auf Privatheit haben. Sollen sich doch mal die Täter outen. Man könnte sie ja dazu ein wenig motivieren. Durch die ein oder andere Weise.

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interessierter Laie 26.11.2017, 11:54
4. Die Frage ist wer sollte reden wie?

reicht es, wenn ein paar Promis demonstrativ einige Geschichten zum besten geben und einige tausend Menschen über die sozialen Medien ihren Senf dazu geben. Ich denke nein. Denn in ein paar Wochen wird wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben und es wird nichts bleiben außer dem Lieblingssatz des Pädagogen: Gut dass wir drüber geredet haben. Reden sollte man vorher in den Familien, Unternehmen, Vereinen und Behörden. Und zwar mit dem Ziel etwas zu vereinbaren. So könnte vielleicht mehr bleiben als ein paar Titelblätter. Ein paar neudeutsche Action Items, ein paar quick wins und ein paar Prozessveränderungen, die dazu führen, dass sich die Kultur ändert. Dazu braucht es keine Lautstärke.

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bumbum 26.11.2017, 12:06
5. ...ja, ich bin genervt.

Der eigentliche Inhalt dieses Artikels ist erstaunlich dünn. Ich versuchte die thematische Dringlichkeit in meinem Bekanntenkreis zu erörtern. Die Frauen darunter konnten die Brisanz absolut nicht nachfolziehen und sexuelle Belästigung war bisher in ihrem eigenen Leben keine Problematik mit der sie selber konfrontiert waren. Ich bleibe dem Thema offen gegenüber aber es hat für mich nicht mehr den dringenden Stellenwert wie es in dem Medien publiziert wird.

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Phil2302 26.11.2017, 12:12
6. Mit wem reden?

Die Frauen in meinem Umfeld kennen das nun einmal nicht. Keiner weiß, wie viele Frauen wirklich betroffen sind, wenn jeder Autor auf SPON eine andere Definition davon hat, was nun grenzüberschreitend ist und was nicht. Außerdem haben viele keine Lust, sich an einer Diskussion zu beteiligen, so ein falscher Blick schon als Sexismus angesehen wird. Ich meine, ich muss mir ja nur den Anfang des Artikels durchlesen und ich habe schon keine Lust mehr, über das Thema zu diskutieren. "Richtige" Linke, soso, und die sind dann qua Einstellung alles gute Menschen. Die FDP wollte natürlich gar nicht richtig diskutieren, die wollten von Anfang an nicht. Aber im nächsten Artikel wieder schreiben, dass Parteien sich verbiegen und ihre Wahlversprechen nicht halten. Wer soll das ernst nehmen?

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eremit123 26.11.2017, 12:14
7. Grund

Weil diese Frage in Deutschland zwangsläufig mit einer Diskussion über kulturelle Werte und Veränderungen verbunden wäre, welcher sich die deutsche Politik nicht stellen will, desshalb.

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nic 26.11.2017, 12:17
8.

Zitat von Nordstadtbewohner
"Warum, frage ich mich mal wieder, ist dieses Land eigentlich so, so zäh, so verbissen, so voller Angst?" Dieses Land ist nicht voller Angst, sondern viele Menschen in Deutschland verfolgen sehr wohl die #MeToo-Debatte. Dabei stellen sie fest, also zumindest in meinem Umfeld, dass Ross und Reiter in Deutschland nicht klar benannt werden. Es gibt nur diffuse Anschuldigungen, Namen der möglichen Täter werden nicht genannt. Einige Journalisten erfinden fiktive Täter-Opfer-Beziehungen wie auch hier auf Spon, wo eine Journalistin etwas von Gastronomen erzählt, die "Koks gegen Blowjob" tauschen, oder Galeristen, die Künstlerinnen sexuell bedrängen oder Architekten, die Frauen abfüllen und sich dann an ihnen vergehen. Dass das nur wenig mit der Realität zu tun hat, merken nicht wenige Menschen im Alltag in Deutschland. Das Schweigen, welches Sie, Herr Diez, außerdem ansprechen, ist auch ein Resultat der Erkenntnis, dass die politisch-mediale Öffentlichkeit, also Journalisten und Politiker, bei diesem Thema eine extrem starke Meinungs- und Deutungshoheit ausüben und den Gerechtigkeits- und Wahrheitsbegriff für sich allein beanspruchen. Dazu kommt: "Über sexuelle Übergriffe wird in Deutschland aber nicht geredet." Das stimmt. Ich erinnere mich nur an die Geschehnisse an Silvester 2015/16 in Köln, als die politisch-mediale Öffentlichkeit, zu der Sie auch gehören, tagelang geschwiegen haben und dann nur zögerlich berichteten. Letztlich verkörpern auch Sie damit das, was Sie an anderen kritisieren. Genau das dämmert vielen Menschen in Deutschland und das Schweigen ist die Konsequenz.
Richtig und gut geschrieben!

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noalk 26.11.2017, 12:22
9. Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür

Wenn ich etwas ändern will, muss ich bei mir selbst anfangen. Das gilt natürlich auch für Berufsgruppen und Branchen. Ist es Zufall, dass die Diskussion in den USA, ausgehend von der Causa Weinstein, erst mal die Filmbranche überschwemmte und dann in andere Bereiche flutete? Gegenvorschlag, Herr Diez: Wenn das Phänomen Sexismus ubiquitär ist, dann fangen Sie vielleicht mal in Ihrer eigenen Zunft an, zum Reden zu animieren. Vielleicht schwappt das dann auch in andere Bereiche über.

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