Forum: Kultur
"Metropolis"-Weltpremiere in Berlin: So kalt, so gut

Berliner sind hart im Nehmen: Zur Premiere der restaurierten Fassung des Stummfilmklassikers "Metropolis" lud die Berlinale zum Public Viewing ans Brandenburger Tor. Dass eisige Minusgrade herrschten, war dem Outdoor-Publikum egal - schließlich stimmten Kulisse und Filmgenuss.

Seite 1 von 3
Björn Borg 13.02.2010, 10:47
1. Auch achtzig Jahre später noch aktuell

Die heute politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen sollten sich das Motto des Films an den Spiegel stecken:

Zwischen Hirn und Hand sollte das Herz sein.

Beitrag melden
Jottenn 13.02.2010, 12:41
2. ohne Koch wär es perfekt...

Großartige Idee diesen Film outdoor zu zeigen, dazu auch noch auf arte für Menschen wie mich, die nicht in Berlin leben. Hernn Koch hätte man sich allerdings schenken können, denn gerade er verkörpert nicht viel von den Idealen des Films....

Beitrag melden
avollmer 13.02.2010, 12:42
3. Klassischer Freud

Zitat von Björn Borg
.
Ich/Es/Über-Ich-Modell

Verhaltens- und Psychotherapie für alle Banker und Heuschrecken-Manager und es wird gut.

Beitrag melden
Monark 13.02.2010, 13:05
4. Metropolis

Bitte entschuldigen Sie meine Haarspaltereien.

Zitat von Björn Borg
Die heute politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen sollten sich das Motto des Films an den Spiegel stecken: .
Korrekt lautet das Zitat:

Der Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.

Fitz Lang war zunächst mit diesen "rührenden" Aspekten des Drehbuchs, das seine Frau Thea von Harbou geschrieben hatte, gar nicht so glücklich. Wenn man den Film als zeitgenössischen Kommentar zu den damals in Deutschland herrschenden Klassenkämpfen betrachtet, dann mahnt er sehr zur Zurückhaltung. Die Arbeiter zerstören während ihrer Revolte die wichtigste Maschine von Metropolis und berauben sich damit ihrer eigenen Lebensgrundlage. Im Zeitzusammenhang der 20er Jahre ist das ein eher konservativer Kommentar.

Ich habe "Metropolis" in der restaurierten Komplettfassung gestern auf arte gesehen. Vieles an der Geschichte fand ich (aus meiner heutigen Sicht zumindest) doch ein bisschen naiv - aber diese Bilder!

Fast ein Jahrhundert später beeindrucken sie immer noch. Lang war wirklich ein Genie, dem Kino um Jahrzehnte voraus.

Beitrag melden
fear_less 13.02.2010, 13:20
5. Metropolis

Zitat von Björn Borg
Die heute politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen sollten sich das Motto des Films an den Spiegel stecken: .
Dieser gleich zu Anfang des Films eingeblendete Sinnspruch und Leitmotiv des Films, "Zwischen Hirn und Hand muss Herz sein!" hat voll eingeschlagen.

Gebückt laufende, wie an Fußfesseln gekettete Massen von Maschinenmenschen in dunkler Einheitskleidung... die Arbeiter in der Tiefe.

Und oben? Die Oberen Hundert! Jauchzen, Hüpfen, weiße schicke Kleidung, fröhliche Menschen. Das Leben ist schön! Die "Leistungsträger" auf der Höhe.

Und kein Almosen übrig für die (alleinerziehende) Frau aus der Tiefe mit den vielen bettelnden Kindern.

Dieser Film hat seine Aktualität nie verloren. Und einen besseren Zeitpunkt für diese Aufführung hätte es nicht geben können. Die Menschen begreifen die Botschaft, denn sie leben sie. Vor 10-20 Jahren wäre sie so nicht angekommen.

Sohn zum Vater, mit Blick auf die gigantischen Bauten von Metropolis:

"Wo sind die Menschen, deren Hände deine Stadt erbauten?"

Vater zum Sohn:

"Wo sie hingehören! In die Tiefe."

Sohn zum Vater:

"Und wenn die in der Tiefe einmal aufstehen gegen dich?"

Beitrag melden
ThumAndreas 13.02.2010, 15:30
6. Metropolis

Ich hatte das Glück, der Premiere in der Alten Oper in Frankfurt am Main beiwohnen zu können.
Inmitten der dort anwesenden Klientel konnte man als Bettelstudent im 3. Semester schon mal das Gefühl bekommen, als Arbeiter unrechtmäßig in den Garten der Söhne vorgedrungen zu sein. Roland Koch ist vor Ort übrigens ähnlich frostig empfangen worden wie am Brandenburger Tor. Es sollten allerdings die einzigen Buh-Rufe des Abends bleiben.

Der Film selbst war grandios, was jedoch nicht in erster Linie an den neuen Szenen lag, sondern an dem Material, das ohnehin schon vorher bekannt war. Der Gewinner der ergänzten Fassung ist eindeutig der Schmale - was für eine grandiose Figur! Die Hel-Szene oder den Fiebertraum endlich vollständig und ohne ergänzende Zwischentitel sehen zu können, war auch sehr eindrucksvoll.
Alles in allem ein ergreifendes Erlebnis - nicht zuletzt dank der Musik -, das ich bestimmt nie vergessen werde. Einen besonderen Effekt hatte es, nach der Aufführung ins Freie zu treten und sofort die Skyline des Bankenviertels vor Augen zu haben, neben der die Alte Oper verschwindend klein wirkt. Ich hoffe, ich war nicht der Einzige, der dabei an G-Bank und den Neuen Turm Babel denken musste...

Beitrag melden
pax 13.02.2010, 17:41
7. Großartiger Film

Zitat von sysop
Berliner sind hart im Nehmen: Zur Premiere der restaurierten Fassung des Stummfilmklassikers "Metropolis" lud die Berlinale zum Public Viewing ans Brandenburger Tor. Dass eisige Minusgrade herrschten, war dem Outdoor-Publikum egal - schließlich stimmten Kulisse und Filmgenuss.
Ein großartiger Film, der wirklich Spaß gemacht hat.

Interessant ist vor allem das Hirn-Herz-Hand Thema, welches so deutlich vor Augen führt, wie anti-demokratisch das Denken der damaligen Zeit war und (hier im Forum offenbar) noch bis heute zu vernehmen ist.

Es ist erstaunlich , wie der hier so gut gemeinte deutsche Idealismus nur 5 Jahre später geschichtlich zwingend seinen konsequenten Höhepunkt findet.

Wer weiß wieviel Menschen heute noch einen Mittler mit gutem Herzen als Messias verehren würden.

Beitrag melden
ELIASS 13.02.2010, 18:11
8. Der Artikel ist einfach nur ärgerlich...

Mein kritischer Kommentar um 12:00 ist wohl zu heftig ausgefallen.
Deshalb nunmehr etwas behutsamer formuliert:
Dieses besondere Ereignis hätte eine tiefer gehende Betrachtung verdient.
Klar, es war kalt und die Menschen schützten sich mit Kleidung und Alkohol dagegen.
Aber das ist belanglos. Das Publikum zeigte seine Abneigung gegen Herrn Koch mit lautstarken Protesten. Die Autorin glaubt darin eine Art politischer Unreife des Publikums zu erkennen und kommentiert das so: "...Mit einer Mischung aus politischem Protest und Sowieso-dagegen-sein findet der Abend seinen unerwarteten emotionalen Höhepunkt..." Aber, anstelle es bei dieser lakonischen und auch belanglosen Feststellung zu belassen, wäre es interessanter gewesen, wenn sie danach gefragt hätte, warum denn die Menschen trotz dieser Kälte einem 80 Jahre alten Film mit soviel Interesse begegnen. Daß sich Leute einen Film anschauen, ist keine Nachricht wert. Dafür umso mehr: Welche Emotionen regten sich bei ihnen an dem "...unerwarteten emotionalen Höhepunkt"?
Eine weitere wichtige Frage kommt der Autorin zwar in den Sinn: "...Fragt sich nur, ob manche die Zwei-Klassengesellschaft, die Lang zeigt, auch auf sich beziehen." Eine sehr interessante Frage. Aber warum stellte sie diese nicht den Besuchern des Films, anstelle bloß zu berichten, daß sich die Besucher mit Glühwein warmhalten.

Wie hätte Lang auf einen solchen Artikel zur Neuaufführung seines Films reagiert, der die Elemente des menschlichen Größenwahns; der globalen Gigantomanie; den Zuschnitt und die Anpassung des menschlichen Daseins auf das Gewinninteresse, bis zu Beherrschung des Genoms; die Steuerung und Überwachung des Daseins von zentraler Stelle durch Kontrollpulte und Monitore; also dies alles, so treffend beschreibt und überzeichnend das vorweg nimmt was unserer Zivilisation und Wirtschaft so zu schaffen macht?
Das wird man wohl noch sagen dürfen!

Beitrag melden
Ronno 13.02.2010, 19:10
9. "Avatar" der 1920er-Jahre

Zitat von Monark
Ich habe "Metropolis" in der restaurierten Komplettfassung gestern auf arte gesehen. Vieles an der Geschichte fand ich (aus meiner heutigen Sicht zumindest) doch ein bisschen naiv - aber Fast ein Jahrhundert später beeindrucken sie immer noch. Lang war wirklich ein Genie, dem Kino um Jahrzehnte voraus.
Ja, da wurde damals schon "Metropolis" das gleich vorgeworfen wie nun "Avatar": Der Plot passt locker auf den Rand eines grosszügig bedruckten Bierdeckels und die Botschaft ist doch arg dick aufgetragen: Aber... WOW!! Diese Bilder!!
Habe ihn gestern zum erstem mal überhaubt auf Arte gesehen mit dem anfänglichen Gefühl, dass ich wohl nach 10 Minuten abschalten werde, da ich mit Stummfilmen eigentlich gar nichts anfangen kann... und plötzlich war der Film vorbei. Was? Das waren gut 140 Minuten? Der war doch nur gefühlte 60 Minuten lang.
Ein wenig gewöhnen musste ich mich an die theatralischen Gesten und die übertriebene Mimik, die etwas opernhaft wirkte, aber dann riss er mich mit, der Film und gerade als SF-Fan sah ich andauernd, wo andere grosse Filme ihre Inspirationen herhatten: Da ist "Bladerunner" mit seinen Stadkulissen und mitsamt seinen Replikanten mit drin, "Dark City", etwas von "eXistenZ", die wuchtigen, unterirdischen Maschinen aus "Forbidden Planet" und...und..und..!
Ja! Der muss mit in meine DVD-Sammlung! Und zwar in dieser vollständigen Version!

Beitrag melden
Seite 1 von 3
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!