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Musik-Doku "Marianne & Leonard - Words Of Love": Sie Sekretärin, er Popstar
Piece of Magic Entertainment

Der Dokumentarfilm "Marianne & Leonard - Words Of Love" erzählt von Leonard Cohens großer Liebe und wie sie seine Karriere beeinflusste. Regisseur Nick Broomfield ist dabei persönlich verstrickt.

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vera gehlkiel 07.11.2019, 19:30
1.

Seit ich mich als junge Frau mit einem gewissen Anspruch an Eigenintelligenz auf wirkliche Musen der Weltgeschichte wie Hannah Arendt und Simone der Beauvoir eingelassen habe, kommt mir diese bekiffte Hoffnung, aus Selbsterfuellung in eine Liedzeile genamedropped zu werden, so hausfrauenselig infantil vor, wie IHM seine Lieblingsmuffins zu backen, wenn er vom Fussballtraining kommt. Musentum ist Instandbesetzung einer halbfertigen oder halb zerfallenden Ruine, keine Dienstleistung an lebensunsicheren Spätpaennaelern. Musentum kann grausam sein, wie das Beispiel der schönen Helena beweist, der ersten aller Musen, zu deren Huldigung Homer Leichenberge des vergeblichen Maennerwahnsinns schon neben den Eingang zur europäischen Hochkultur auftuermte.

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Schattenriss 07.11.2019, 20:58
2.

Zitat von vera gehlkiel
Seit ich mich als junge Frau mit einem gewissen Anspruch an Eigenintelligenz auf wirkliche Musen der Weltgeschichte wie Hannah Arendt und Simone der Beauvoir eingelassen habe, kommt mir diese bekiffte Hoffnung, aus Selbsterfuellung in eine Liedzeile genamedropped zu werden, so hausfrauenselig infantil vor, wie IHM seine Lieblingsmuffins zu backen, wenn er vom Fussballtraining kommt. Musentum ist Instandbesetzung einer halbfertigen oder halb zerfallenden Ruine, keine Dienstleistung an lebensunsicheren Spätpaennaelern. Musentum kann grausam sein, wie das Beispiel der schönen Helena beweist, der ersten aller Musen, zu deren Huldigung Homer Leichenberge des vergeblichen Maennerwahnsinns schon neben den Eingang zur europäischen Hochkultur auftuermte.
"Muse" und "Eigenintelligenz" schließen sich doch aber nicht aus, Geschätzteste? Es ist ohnehin nichts Herabsetzendes daran, einen anderen Menschen zu Formen der Kreativität zu inspirieren, aber think of Marianne Faithfull, die für die Rolling Stones bzw. Mick Jagger ja genau das war, Muse, die aber selbst einen solchen badass-Werdegang zu verzeichnen hat, daß heute noch Gestalten wie Nick Cave & Warren Ellis alles stehen und liegen lassen, wenn Madame zu Neuschöpfungen ruft. Manchmal muß die Muse es neben dem Wunder ihrer Präsenz auch zu, ähm, konkreten Handreichungen kommen lassen: den Song "Sympathy For The Devil" verdanken wir eigentlich dem Umstand, daß Marianne damals Jagger Bulgakows ultragroßartigen Roman "Der Meister und Margarita" in die Hand drückte.

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Papazaca 08.11.2019, 08:20
3. Können Frauen auch männliche Musen haben? Nur so eine Idee ...

Was ist denn Eigenintelligenz? Marianne hat Cohen scheinbar dazu motiviert, Cohen zu werden. Und das ist hausfrauenselig infantil? Hmm... Wieso war Cohen eine halbfertige Ruine? Auf das Vokabular wäre ich jetzt nicht gekommen.

Und Helena war die erste Muse? Ich habe das anders in Erinnerung, Muß mal Homer fragen, was er wirklich meinte.

Muse oder nicht, Freunde, die ihre Freunde motivieren, ihr Potential auszuschöpfen, wünscht sich doch jeder, oder? Der Begriff Muse
impliziert oft, auch in diesem Fall, eine eher dienende Funktion.
Stimmt aber sicher oft nicht, starke Frauen sind wahrscheinlich eher selten die passiven Heimchen am Herd.

Wünscht sich nicht jeder Freunde mit analytischen Fähigkeiten, die einen motivieren, sich selbst zu verwirklichen? Und ganz unabhängig davon, ob dieser Freund Mann oder Frau ist. Ist es auch denkbar, das Frauen männliche Musen haben? Oder läßt das weder die Sprache noch die Wirklichkeit zu?

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philosophus 08.11.2019, 08:59
4. @ 1.

Ich finde nichts verwerfliches jemand als "Muse" zu verehren. In Gegenteil: sein eigenes Ego zu senken um "Raum" zu lassen für andere, ist höchst menschlich. Wir alle, leben schliesslich FÜR etwas, am besten für jemanden. Eine "Muse" zu haben, ist überhaupt der Beweggrund für etwas zu leben, für etwas zu kämpfen oder etwas zu schaffen. Anders kann ich mir ein Leben NICHT vorstellen. Muse beflügelt. Die Griechen haben sie als Kunst-Göttinen geschätzt und geliebt und hatten neun davon: eine für jede Kunstrichtung. Ohne die "Muse" in uns, hätten wir auf allen vieren gekrochen... soweit so gut !...

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Käptn Horn 08.11.2019, 11:00
5. Travelling lights

Ich bin davon überzeugt, dass Marianne viel mehr für Leonard Cohen war, als eine Stichwortgeberin oder Muse, in dem Sinne abgewertet wie Bloomfeld das zeitgeistmäßig beklagt. Ich glaube zum Beispiel, dass einer der Songs auf "You Want It Darker" ihr gewidmet ist, oder sich zumindest mit der vermuteten Bedeutung, die auch "Words Of Love" behauptet, auseinandersetzt: "Traveling Light" ist, denke ich nicht ohne Grund von Leonard und Adam Cohen mit Bouzouki Klängen griechisch umgesetzt. Und auch der Text lässt sich so lesen, dass er die alte und vermutlich in gewisser Weise einzigartige Liebe zu Marianne Ihlen nochmal zitiert: "It’s au revoir / My once so bright / My fallen star". Das ist nochmal "So long Marianne", aber eben nicht "Mach' s gut", sondern "Auf Wiedersehen. See you down the road"
Das Motiv ist ja uralt: Die Suche nach einem Teil, einer Seelenhälfte, die uns durch unsere Geburt in diese Welt verloren gegangen ist, und die uns als Mensch ganz machen kann. Und tragischerweise auch wieder verloren gehen kann, wie bei Orpheus, oder wie bei Leonard und Marianne; vielleicht verloren gehen muss, weil das in dieser Welt als Beziehung gar nicht realisiert werden kann. Und dennoch viel mehr ist, als eine Chimäre oder das Produkt unausgelebter sexueller Wünsche. Eine romantische Vorstellung, sicher, vielleicht sogar naiv, wenn man an nichts anderes glaubt, als an Triebkräfte, Macht und Ohnmacht. Aber auf der anderen Seite eben auch die Dynamik, die so jemanden wie Leonard Cohen und, als Seelenverwandte Marianne Ihlen hervorgebracht hat. Undenkbar zur Zeit, in einer Welt, in der sich Beziehungen in der Regel auf die Ökonomie von vermeintlichen Vor- und Nachteilen reduzieren.
Die Frage ist, ob sich Cohen am Ende seines Lebens nicht noch von diesen Vorstellungen verabschiedet hat, zumindest auf Marianne Ihlen bezogen. So heißt es in der letzten Strophe von "Travelling Light": But if the road / Leads back to you / Must I forget / The things I knew / When I was friends / With one or two / Traveling light like / We used to do
Schließlich hat er ja auch auf dem Mount Baldy dann Erfahrungen gemacht, die so gar nichts mehr mit dem Popstar zu tun hatten, für den er sich als junger Mensch entschieden hat. Und auch "It Seemed The Better Way" lässt sich so interpretieren: "Sounded Like The Truth / But It's not the truth today"

Ich bin gespannt auf den Film

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vera gehlkiel 08.11.2019, 11:20
6. @Papazaca

Insofern wir über Kunst reden, anstatt nur die banale Wirklichkeit, ist der Bereich Muse selbstredend streng genderneutral. Max Frisch hat seine Weltkarriere als Schriftsteller, wenn ich das richtig interpretiere, als Muse von Ingeborg Bachmann gestartet, Yves Montand die seine als Chansonnier und Schauspieler als diejenige von Edith Piaf. Was die Muse aber eindeutig von der Sekretärin unterscheiden sollte ist, dass ihre ganze Energie dem Werk gilt, nicht dem Künstler. Dass sie den Künstler schamlos entblößt, wenn es der Wahrheitsfindung dient. So wie de Beauvoir sich mit Sartres selbstquaelerischem Wunsch nach schriftstellerischer Unsterblichkeit auseinandersetzte und dies überwand. Wie Yoko Ono Lennons Prolo- Machismo veröffentlichte, und Arendt Heideggers 'Reines Denken' als Ausflucht eines Feiglings, sowie die schöne Helena bei Homer die Korruption der griechischen Goetteroligarchie auf den Punkt bringt...

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vera gehlkiel 08.11.2019, 11:37
7. @Schattenriss & philosophicus

Zitat von philosophus
Ich finde nichts verwerfliches jemand als "Muse" zu verehren. In Gegenteil: sein eigenes Ego zu senken um "Raum" zu lassen für andere, ist höchst menschlich. Wir alle, leben schliesslich FÜR etwas, am besten für jemanden. Eine "Muse" zu haben, ist überhaupt der Beweggrund für etwas zu leben, für etwas zu kämpfen oder etwas zu schaffen. Anders kann ich mir ein Leben NICHT vorstellen. Muse beflügelt. Die Griechen haben sie als Kunst-Göttinen geschätzt und geliebt und hatten neun davon: eine für jede Kunstrichtung. Ohne die "Muse" in uns, hätten wir auf allen vieren gekrochen... soweit so gut !...
Ich finde speziell "So long Marianne" ein verächtliches Lied. Der scheiternde Versuch eines penetranten Gottsuchers, in sein Werk etwas von dem "Flow" des "Goin Goin, Gone" Bob Dylans hinein zu bekommen. In Wahrheit geht es aber anscheinend nur darum, dass die Angebetete ihn samt Hotelrechnung hat sitzen lassen, und er vor der Heimkehr zur kanadischen Mama halt noch ein Lied schreibt... Ich bin ganz ausdrücklich für das Konzept Muse, und das sagt auch schon mein Eingangspost, allerdings nicht dafür, dass man es wirklich allem ueberstuelpt, was aus dem hohen Nebel der Sixties/Seventies noch mal nach vorn drängt... Wobei der flüchtige Nebelfetzen halt oft nur eine abgestandene Marihuanaschwade ist... Ich weiß nicht viel von Cohen, aber dieses berühmte Lied ist definitiv eine Katastrophe... Ich meine im Ohr zu haben, der Mann habe viel viel Besseres gemacht...

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Papazaca 08.11.2019, 11:39
8. Papa als Muse. Die Güter wären sicher einverstanden

Zitat von vera gehlkiel
Insofern wir über Kunst reden, anstatt nur die banale Wirklichkeit, ist der Bereich Muse selbstredend streng genderneutral. Max Frisch hat seine Weltkarriere als Schriftsteller, wenn ich das richtig interpretiere, als Muse von Ingeborg Bachmann gestartet, Yves Montand die seine als Chansonnier und Schauspieler als diejenige von Edith Piaf. Was die Muse aber eindeutig von der Sekretärin unterscheiden sollte ist, dass ihre ganze Energie dem Werk gilt, nicht dem Künstler. Dass sie den Künstler schamlos entblößt, wenn es der Wahrheitsfindung dient. So wie de Beauvoir sich mit Sartres selbstquaelerischem Wunsch nach schriftstellerischer Unsterblichkeit auseinandersetzte und dies überwand. Wie Yoko Ono Lennons Prolo- Machismo veröffentlichte, und Arendt Heideggers 'Reines Denken' als Ausflucht eines Feiglings, sowie die schöne Helena bei Homer die Korruption der griechischen Goetteroligarchie auf den Punkt bringt...
Liebe Vera, wenn das so ist, wäre ich gerne ihre Muse. Ich würde nur an DAS WERK denken, an iIHR Werk. Und ihnen auch nicht auf die Pelle rücken. Ich würde mich aber ab und zu räuspern, vielleicht sogar mal PIEP sagen. Oder laut husten. Oder Sie ab und zu zum Lachen bringen.

Sie strengen sich oft einfach zu sehr an . Die Götter wären sicher einverstanden.

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Schattenriss 09.11.2019, 01:22
9.

Zitat von vera gehlkiel
Ich weiß nicht viel von Cohen, aber dieses berühmte Lied ist definitiv eine Katastrophe... Ich meine im Ohr zu haben, der Mann habe viel viel Besseres gemacht...
Klar. "Avalanche", von Nick Cave gleich 2x gecovert. Überhaupt sagte Nick Cave: "Leonard Cohen was the first one I discovered by myself. He is the symbol of my musical independence." Männliche Muse für einen Mann, quasi. Ich höre Cohen gar nicht oft, und auch sehr ausgewählt, aber wenn, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg bzw. schiebt mir Boden unter die Füße bzw. beides zugleich. "I said to Hank Williams 'How lonely does it get?' / Hank Williams hasn't answered yet / But I hear him coughing all night long / A hundred floors above me in the Tower of Song" - "So you can stick your little pins in that voodoo doll / I'm very sorry, baby, doesn't look like me at all" - allein für "Tower of Song" muß man ihn 7 Jahre lobpreisen. "I can't forget but I don't remember what" - meine Parole, aber ich weiß nicht für was. Vor allem: "There is a crack in everything, that's how the light gets in". Cohen kann ganz außerordentlich das sein, was der Angelsachse "annoying" nennt, aber er wiegt das andernorts spielend auf.

Ob die Muse ihre Energie auf das Werk, nicht den Künstler richten muß? Schon wären wir wieder bei der Frage, ob sich Werk und Künstler trennen lassen. Shaftesbury, Third Earl, 1671 - 1713, hat in "A Letter concerning Enthusiasm" folgendes getan: Enthusiasmus als "Divine Presence" beibehalten, aber das "Divine" runtergefahren. Niemand glaube mehr an die Existenz von Musen, aber zweifellos wird der Genius durch "such a Presence" beflügelt. Selbst bewegt zu sein ist Voraussetzung dafür, andere bewegen zu können, und die "Muse" ist vor allem einfach ein Gegenüber, das bewegt, den Enthusiasmus in Fluß hält, die (künstlerische) Inspiration. Glaub', die Muse muß gar nichts, aber sie kann alles, weil ihr Sein so vielgestaltig ist.

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