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Nazibegriffe heute: "Sprache ist kein Gift"
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Viele Wörter wurden von den Nationalsozialisten geprägt. Sollte man sie deswegen nicht mehr nutzen? Der Journalist Matthias Heine ist der Frage auf den Grund gegangen.

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dasfred 23.03.2019, 14:51
1. Insider Thema

Uns im mittleren und höheren Alter sind gewisse Begriffe geläufig, die wir eindeutig mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen. Die nächste Generation hat noch weniger Überblick, was schon mal in eindeutiger Absicht verwendet wurde. Bleiben noch die Rechten, die ihre Inspiration auch heute noch aus einschlägiger Nazi-Literatur beziehen. Ein großer Teil der Worte hat nicht mehr überlebt. Das meiste ist wieder in die Umgangssprache mit neuem Begriffsinhalt zurückgeflossen und nur noch Germanisten und Sprachwissenschaftlern bekannt. Auch wenn sich eine deutsche Tageszeitung bemühte, mit iherm "Das wird man ja noch mal sagen dürfen" die Grenzen wieder einzureißen.

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mag-the-one 23.03.2019, 15:02
2. Seltsam....

...dann, dass es in allen "Umwertungs"-Prozessen zunächst über die Sprache geht. Da sollte man vielleicht mal Nietzsche lesen, sich über Linguistik informieren, über "Framing" und "Nudging" nachdenken oder Orwell rekapitulieren. Selten so wenig Substantielles zum Thema gehört, und das von einem Journalisten. Nicht umsonst sind die Bücher von Klemperer über LTI und von Sternberger "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" so lesenswert, weil durch die entsprechende Sprache auch das Denken kontaminiert wird. Das Denken geht - jedenfalls in der Regel - dem Handeln voraus, fördert also dann die Handlungsbereitschaft. Nicht umsonst haben sich die Nazis mit der entsprechenden Propaganda und der rhetotischen Vorbereitung ihrer Untaten soviel Mühe gegeben.

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widower+2 23.03.2019, 15:07
3. Unwort

Bestimmte Begriffe lassen doch recht zuverlässig auf die Gesinnung Desjenigen schließen, der sie verwendet. Zum Beispiel "Gutmensch". Wer diesen Begriff abwertend gebraucht, muss nicht zwangsläufig rechtsradikal sein, ist es aber häufig genug. Dumm ist er auf jeden Fall.

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s-achte 23.03.2019, 15:12
4. Ich weiß nicht recht,

für meinen Geschmack macht es sich der Kollege etwas einfach. Es geht ja nicht nur um die Worte an sich, sondern eben vor allem um die (Um)deutung der Worte, besonders im Kontext. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich eine Folk-gruppe im schwäbischen hatte und wir freiheitlich, kritische Texte und Lieder finden wollten. Also machten meine damalige Freundin und ich uns auf und haben das Volksliedarchiv in Freiburg durchforstet. Viele gute Lieder, z. b. auch rotwelsche und welche aus Bauernkriegszeiten, die eigentlich alles andere als Nazi Gedankengut transportieren wollten. Meine Mutter hat uns dann das Material fast komplett zerrissen, weil praktisch alles von den Nazis mißbraucht wurde. Wie würde er das beurteilen?

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Dr. Kilad 23.03.2019, 15:18
5. Sprache muss man im gesellschaflichen & historischen Kontext sehen

Hier ist Matthias Heine nicht überzeugend, weil sich sowohl eine Bedeutung ändern kann als auch eine Übernahme der dahinterstehenden Ideologie zum Ausdruck bringt. "Untermensch" heute unterscheidet sich in seiner Bedeutung von der NS-Zeit nicht. Man braucht diesen Begriff nicht, aber er existiert in seiner Bedeuitung auch heute. Um historische Situation zu beschreiben, benotigt man diese Begriff gerade nicht, wohl aber zur Darstellung des NS-Ideologie. Was Heine überhaupt nicht kapiert: Es kommt nicht auf den Begriff, sondern seine Bedeutung an. Statt "Rassismus" kann man auch Rechtspopulismus sagen - die Bedeutung ändert sich nicht. Allerdings hat da Sprache durchaus eine Macht: Sie kann die Ideologie verharmlosen.

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ontwoone 23.03.2019, 15:31
6. Typische Muster auch hier

Mittlerweile werden viele Begriffe benutzt, die man bei kritischer Betrachtung besser nicht verwendet werden. Das machen vor allem viele Journalisten gerne. Solange die meisten Verwender, sowie Leser es nicht merken, bleibt es leise. Der übliche Grund dafür ist meistens mangelnde Allgemeinbildung, nicht Bosheit oder Absicht. Es gibt aber auch in diesem Beitrag wieder so eine typisch deutsche Formulierung. Da ist einer Jude und deswegen kann und darf er kein Nazi sein. 1. geht es bei dem Thema nicht um echte Nazis, sondern um die wie auch immer geartete Verwendung von Nazivokabular. Das kann auch einem Juden passieren, sogar absichtlich. Sage ich, dass ich etwas gegen z.B. Türken habe, kommt von Deutschen sofort der Einwand, dass es doch nicht erlaubt sei, da man ja selber Ausländer ist. Also nur die Deutschen haben das naziverbriefte Recht Vorbehalte gegen andere Kulturen zu haben. Hier ist mehr Naziwurzel enthalten als in jedem Wort der Nazis. Wir die Deutschen und ihr die Rasse der Ausländer. So eine Einstellung, die durch das o.a. Verhalten gezeigt wird, ist quer durch die deutsche Gesellschaft täglich zu beobachten. Aber am meisten bei denjenigen, die sich wegen einer Urlaubserfahrung mit einer bestimmten Kultur, so ein bisschen, gemein macht und diese dann bis auf das äußerste kritiklos verteidigt. Nach dem Motto: ich war da, alle sooo freundlich und immer gastfreundlich und das letzte Hemd würden sie einem geben. Vor allem die, die am wenigsten haben, geben dort am meisten. Und grüßen tun die auch. Und so wechselt das Spiel immer hin und her und kritisiert werden nur die Anderen. Das Nazisein ist wie mit Alkohol und Drogen, man kann nur versuchen abstinent zu bleiben, los wird man es nicht mehr.

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blue_surfer77 23.03.2019, 15:31
7. Paranoid.

Wenn man die formulierung "riesenreich im osten" nicht mehr verwenden soll, bloß weil es in hitlers mein kampf vorkommt, ist das paranoid. Wieso sollte man hitler die sprachhoheit über diese redewendung überlassen? Genau das tut man aber, wenn man die schere im kopf derart die sprache beschneiden lâsst. Das sollte eigentlich gerade einem "Sprachexperten" einleuchten.

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d-m-einezeitverschwendend 23.03.2019, 15:37
8. DDR - gleichgeschaltet

Falls mein gedaechtnis nicht truegt, wurde die terminologie nicht gerne von der westlichen presse auf die DDR medien und parteien angewandt?

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freigeistiger 23.03.2019, 15:40
9. Inhalt vor politischem Korrektismus

Es kommt auf den Inhalt von Wörtern an. Nur weil sie von Nationalsozialisten oder anderen Diktaturen gebraucht worden sind können sie kein Tabu sein. Es sollte aber eine gute Portion Sensibilität an den Tag gelegt werden. Tabu ist natürlich sie im gleichen Sinn wie in Diktaturen zu verwendeten. Mit verkrampfter Vermeidung verstärkt man die Wirksamkeit. Durch die neue gute Benutzung nimmt man den Nazis die Deutungshoheit. Das wirkt viel stärker. ____ Dass man um Nazibegriffe einen Bogen machte war richtig, um ein neuen Geist zu gestalten. Das hat sich aber so verselbstständigt, dass nur noch reflexhaft darauf reagiert wird, und das dann für Kompetenz gehalten wird.

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