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Nazibegriffe heute: "Sprache ist kein Gift"
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Viele Wörter wurden von den Nationalsozialisten geprägt. Sollte man sie deswegen nicht mehr nutzen? Der Journalist Matthias Heine ist der Frage auf den Grund gegangen.

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quark2@mailinator.com 23.03.2019, 15:49
10.

Vielleicht ist es eine Generationenfrage, oder auch, wieviel man sich mit den Verbrechen der Nazis beschäftigt hat. Ich bekommen jedenfalls immer eine Art elektrischen Schlag, wenn jemand meint, "Jedem das Seine", oder wenn mal wieder die Rede von Kampftagen ist. Am Schlimmsten stößt mir die Formulierung auf, bei der irgendwas "bis zur Vergasung" betrieben wird. Es mag sein, daß Menschen derartige Worte einfach unreflektiert gewohnheitsmäßig benutzen und sich nichts Böses dabei denken. Aber wenn der eigene Kopf die Verbindung herstellt, dann wirkt sowas unglaublich gefühllos und zumindest unbedacht. Was wir hierzulande brauchen, ist ein positiver Aufbruch in eine bessere Gesellschaft, ein Gefühl vorwärts zu kommen, wie es im Moment vielleicht die Chinesen haben. Aus solcher Euphorie heraus ergeben sich dann hoffentlich mal neue Sprachmuster und dieses linguistische Erbe der Nazizeit wird mal verschüttet.

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mambres 23.03.2019, 15:53
11. Lingua Tertii Imperii

Ich wundere mich immer wieder, dass das grundlegende Standardwerk zu dem Thema, das noch heute bzw. gerade heute außerordentlich lesenswerte Buch "Lingua Tertii Imperii - Die Sprache des Dritten Reiches" des Philologen Victor Klemperer nie erwähnt wird. Hier ist u.v.a. auch zu lesen, woher z.B. der Begriff "Festung Europa", den die (AfD-) Frau von Storch so gern und mit Überzeugung gebraucht, stammt. Und für alle, die meinen "Das wird man ja noch sagen dürfen", ein Zitat aus dem Buch: "Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da."

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Betrayer 23.03.2019, 15:55
12. Befreit die Sprache

Sowas ist typisch deutsch, anderen etwas zu unterstellen aufgrund ihrer Ausdrucksweise. Ich finde es nicht angemessen, Menschen anhand ihres Wortgebrauchs in Schubladen zu stecken. Vielen ist die historische Bedeutung entweder nicht geläufig, oder sie sind schlicht und ergreifend nicht so behaftet mit dieser Kleinkariertheit, jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Lasst die Leute doch sprechen wie sie wollen, Taten sind das, was zählt.

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Afro-Mzungu 23.03.2019, 16:06
14.

Zitat von s-achte
für meinen Geschmack macht es sich der Kollege etwas einfach. Es geht ja nicht nur um die Worte an sich, sondern eben vor allem um die (Um)deutung der Worte, besonders im Kontext. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich eine Folk-gruppe im schwäbischen hatte und wir freiheitlich, kritische Texte und Lieder finden wollten. Also machten meine damalige Freundin und ich uns auf und haben das Volksliedarchiv in Freiburg durchforstet. Viele gute Lieder, z. b. auch rotwelsche und welche aus Bauernkriegszeiten, die eigentlich alles andere als Nazi Gedankengut transportieren wollten. Meine Mutter hat uns dann das Material fast komplett zerrissen, weil praktisch alles von den Nazis mißbraucht wurde. Wie würde er das beurteilen?
Eine gute Frage nach einer zutreffenden Feststellung.
Diese Debatte ist, speziell wie sie hier in Deutschland oft geführt und in "sozialen Medien" oft instrumentalisiert wird, insgesamt etwas lächerlich.
Insbesondere dann (aber nicht nur), wenn es um Begriffe geht, die gerade nicht in der NS-Zeit kreiert, sondern in dieser Zeit lediglich in einen anderen Kontext gesetzt wurden.
"Betreuen" ist ein schönes Beispiel. Es kommt eben bei vielen dieser "vergifteten" Begriffe eigentlich nur und ausschließlich auf den Kontext an, in dem sie gebraucht werden.
Auch wenn es Menschen gibt, die allein an einem Gebrauch bestimmter Wörter, auch ohne jeden Kontext, eine Gesinnung meinen erkennen oder unterstellen zu können.

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Leser_01 23.03.2019, 16:09
15.

Der tägliche Nazi-Artikel aus der Rurbik "Pawlow lässt grüßen". Im britischen Guardian gibt es dafür sogar ein eigenes Segment.

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freigeistiger 23.03.2019, 16:21
16. Gutmensch

Zitat von widower+2
Bestimmte Begriffe lassen doch recht zuverlässig auf die Gesinnung Desjenigen schließen, der sie verwendet. Zum Beispiel "Gutmensch". Wer diesen Begriff abwertend gebraucht, muss nicht zwangsläufig rechtsradikal sein, ist es aber häufig genug. Dumm ist er auf jeden Fall.
Gutmensch bezeichnet einen naiven Altruismus. Oft verbunden mit Selbstüberhöhung. Die das kritisieren sind ja die Bösen. Mittlerweile gibt es geradzu einen Wettbewerb, welche Sondergruppe noch möglicherweise benachteiligt sein könnte. Auch Mainstream-Themen haben Konjunktur.

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curiosus_ 23.03.2019, 16:27
17. Und alle Jahre wieder..

..grüßt das Murmeltier.

Wobei sich meine Einstellung diesbezüglich auch nach über 5 Jahren nicht geändert hat.

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keine-#-ahnung 23.03.2019, 16:27
18. "Worte können sein wie winzige Arsendosen ...

Zitat von mambres
Ich wundere mich immer wieder, dass das grundlegende Standardwerk zu dem Thema, das noch heute bzw. gerade heute außerordentlich lesenswerte Buch "Lingua Tertii Imperii - Die Sprache des Dritten Reiches" des Philologen Victor Klemperer nie erwähnt wird. Hier ist u.v.a. auch zu lesen, woher z.B. der Begriff "Festung Europa", den die (AfD-) Frau von Storch so gern und mit Überzeugung gebraucht, stammt. Und für alle, die meinen "Das wird man ja noch sagen dürfen", ein Zitat aus dem Buch: "Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da."
... sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da."

Wenn Klemperer in der Sprachwissenschaft eine ähnliche Expertise hatte wie in Chemie und Toxikologie ... sollte man auf seine Thesen eher nur geringen Wert legen ... :-)

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Afro-Mzungu 23.03.2019, 16:32
19.

Zitat von Sysyphos unkaputtbar
[13. SPON verweigert die Diskussion um "Gutmensch"] Feiglinge !
Ja, musste ich auch feststellen. Mein ursprünglicher Beitrag kam auch erst nach einer "Entschärfung" durch den Filter.
Wobei - es würde in diesem Zusammenhang eh nur wieder eine Diskussion entbrennen, die schon 1000 Mal geführt wurde. Daher etwas sinnlos, zumal man die Tatsachen zu diesem Begriff leicht recherchieren könnte.
Ist halt ein Begriff, der als ein besonderes Exemplar von vielen Menschen eher als auf den Bauch als auf die Ratio gezielt wahrgenommen wird.
Anders, als es bei einer grundsätzlichen Betrachtung vermeintlich "vergifteter " Begriffe der Fall zu sein scheint.

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