Forum: Kultur
"#Nazis raus": Die deutscheste Debatte überhaupt
DPA

Der Tweet einer TV-Journalistin hat Anfang des Jahres einen teils abstrusen Streit ausgelöst. Vor allem aber hat er gezeigt, wie man in einer solchen Debatte falsch abbiegen kann.

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Olaf Köhler 16.01.2019, 14:42
120.

Zitat von 10tel
Ich widerspreche Ihrem Kommentar nicht, bin aber etwas gestolpert über Ihre Nennung des Begriffes Rassismus in Bezug auf die Religion. Ich halte wenig davon, den Begriff Rassismus auf religiöse Intoleranz auszuweiten, obwohl ich durchaus weiß, dass es von einigen Seiten so genannt wird. Religiöse Intoleranz geht zumindest aus meiner Sicht in großen Teilen von religiösen Menschen selbst aus, das ist in den großen Büchern der Religionen genau so angelegt und war in der Geschichte genau deshalb der Grund für Kriege, Folter und unermessliches Leid. Religiöse Fundamentalisten, die auch zu Gewalt im Namen ihrer Religion greifen, gibt es leider immer noch, in Deutschland ist das aber eigentlich nicht mehr üblich. Natürlich wird der Eine oder Andere jetzt sofort die Kopftuchdebatte als Gegenargument aufführen. Das ist für mich eine Debatte um den öffentlichen Raum in Deutschland, mit Argumenten auf verschiedenen Seiten. Den Begriff Rassismus würde ich gerne etwas strenger formulieren, sonst wird er irgendwann beliebig und für jede Form von Intoleranz anwendbar.
Klar: Es gibt genau eine menschliche Rasse, wenn man die Menschheit insgesamt als "Rasse" bezeichnen will. Es gibt keine weiße, braune, grüne oder pinke Rassen.

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bronck 16.01.2019, 15:10
121. Das schöne am Wort "Nazi"

Das schöne am Wort "Nazi" ist, dass man damit in zwischen alles und jeden titulieren kann, der einem persönlich nicht in den Kram passt, dessen Meinung man ablehnt oder dessen Nase einem nicht gefällt.
Mit NAtionalsoZIalismus muss das nichts mehr zu tun haben. Vor allem weil regelmäßig Faschisten gemeint sind und keine Nazis im eigentlichen Sinne.

Korrekt wäre also festzuhalten, dass man den Faschismus und Faschisten ablehnt (was ich im übrigen auch tue).

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vera gehlkiel 16.01.2019, 15:14
122.

Vielleicht sollten die Enkel und Urenkel der Täter, wenn es um die Definition dessen geht, was ein Nazi zumindest dem Verdacht nach sein könnte, einfach mal zuhören, was Opfernachfahren dafür halten. Wer ganz speziell auf den Antisemitismus abstellt, der angeblich "nur" tatsächliche Judenfeindlichkeit umfasst, kann sich etwa von Michel Friedman (bekanntlich ein Wertkonservativer, ganz bestimmt kein Linker!) dahingehend belehren lassen, dass "Antisemitismus" in der Tat identisch mit "Menschenfeindlichkeit" ist. Womit, das muss wohl hoffentlich nicht eigens erwähnt werden, natürlich nicht der weltabgewandte Einsiedler gemeint ist, der in seiner "splendid Isolation" und sorgsam gepflegten Misogynie ein genialisches Prinzip des Antipodischen als solchem aufbietet, über das wir gemeinsam gut schmunzeln können (Nehmen wir z.B. mal Peter Sloterdyk, diesen hypomanischen Widergänger der Filmfigur Professor Rath aus "Der blaue Engel"). Sondern der aggressive Einheger und Einteiler, der Menschen sortenrein nach Geschlecht, Glauben, geschichtlicher Herkunft und/oder politischer Überzeugung aufgeteilt und separiert haben will, um dann von einer erhöhten Warte aus zu definieren, was "zu uns" passt, was nicht. Sprich: der strukturelle Antisemitismus braucht gar keine "Juden", ein "Türke" tut es zur Not auch!

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waddehaddeduddeda 16.01.2019, 15:16
123.

Zitat von Lavitaebella
...zu einer bescheuerten Diskussion deren Grundlage eine simpler, richtiger (und ironischer) Tweet war...man möchte den Kolumnisten und Kommentatoren zurufen: runter vom Gas eurer Selbstüberschätzung und raus aus den Twitter-Blasen der permanenten Erregung. Bauchatmen wäre angesagt. Die Diskussion hat alleinig den Rechten genutzt. In diesem Sinne: Nazis raus! Bussi
Wenn die Diskussion den Rechten nutzt und Grundlage der Diskussion ein 'ironischer' Tweet ist, wäre die logische Folgerung den ironischen Tweet wegzulassen.

Jedenfalls wenn man den Rechten NICHT helfen will.

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luiasogi 16.01.2019, 15:19
124. Ich bin nun auch ein Nazi

Weil ich mit Bekannten einen Gedankenaustausch im Cafe über Rechts, Links, AfD und Migration geführt habe. Ich vertrete aus meiner Sicht eine möglichst differenzierte Meinung.
Ich sagte, dass ich Menschen nie danach beurteile , was sie sind, wer sie sind, welche Religion sie haben, ob sie schwarz oder weiss sind.
Ich beurteile Menschen ausschließlich danach, wie sie zu mir und zur Gesellschaft sind.
Das ist reine Erziehungssache!
Ich würde niemals AfD wählen, weil ich nicht so geschichtsvergessen bin, als dass ich nicht wüsste, wohin Hass gegen Minderheiten zwangsläufig führt.

ABER, dass ich auch nicht will, dass jedes Jahr eine Grossstadt zuwandert. Nicht alle passen hierher. Ich will nicht, dass sich Deutschland drastisch!! verändert.
In 2, 3 Generationen ist Deutschland nicht mehr das Land wie wir es kennen.
Schon jetzt gibt es Schulklassen, in denen nur 2, 3 muttersprachlich deutsche Kinder sind.
Jetzt könnte man ja über meine 2 Aussagen diskutieren.
Nein, eine örtlich bekannte Grüne am Nebentisch fühlte sich berufen, mir Naziansichten und AfDsprech vorzuwerfen und mit solchen diskutiert sie nicht.
Rechte Ideologen hätten mir wahrscheinlich der AfD Kritik wegen, links/grün versifftes Gedankengut vorgeworfen.

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Tobias Tan 16.01.2019, 15:33
125. Ausgerechnet hier völlig egal

Also, Frau Stokowski hat doch einige Aspekte gut argumentiert allerdings muss ich auch sagen, dass diese Diskussion doch völlig "überintellektualisiert" wird.
Im Allgemeinen wird doch völlig klar was mit diesem Slogan gemeint ist. Raus mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Aus den Köpfen.
Wir könnten auch anfangen und den Begriff Nationalsozialmus völlig neu verstehen zu versuchen. Nicht als fremdenfeindliches politisches System sondern als System zu Kosten- und Priviliegenkontrolle. Ganz ohne den schrecklichen geschichtlichen Background des Holocaust. Macht man aber nicht. Genau deswegen weil es so nicht geht. Weil wir eben eine Geschichte haben. Das wir diesen Slogan nun versuchen in alle Einzelteile zu zerlegen und analysieren ob und wie er nun richtig oder falsch zu verstehen ist - obsolete. Dieses "geflügelte Wort" ist doch schon in den Neunzigern in unser allgemeines Verständnis gegen Fremdenhass übergegangen und sollte nicht weiter diskutiert werden. Das klingt ansonsten wirklich wie eine Anbiederung an den neuen "Nationalsozialismus" den die AFD oder die IB versuchen zu etablieren. Ich verstehe nicht warum die Anhänger dieser Bewegung plötzlich verlernt haben aus Fehlern zu lernen.
Ist Angst wirklich so eine große Macht, dass wir über sie unseren Verstand ausschalten müssen? Ja, es wurden bestimmt einige Fehler gemacht in den letzten 3-4 Jahren. In der Flüchtlingspolitik. Aber noch viel mehr in anderen Bereichen der Politik. Bildung, Digitalisierung, Umwelt, Verkehr.... Zusammengenommen bilden diese Themen eine sehr viel größere Bedrohung für unsere zukünftige Gesellschaft trotzdem versteht niemand diese Themen in den Vordergrund zu holen und mit den drohenden Konsequenzen dieser Fehlentwicklungen aufzuzeigen was wirklich angepackt werden müsste. Denn eine Sache wird uns sicher nicht bereit für die Zukunft machen: Die Diskussion über einen dreißigjährigen Slogan.

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wahrsager26 16.01.2019, 15:34
126. An Vera gehlkiel. Nr124

....was zu uns passt! Das war und ist auf uns gemünzt! Sind Sie sich dessen so sicher, das andere Kulturen,ja selbst Volksgruppen bei uns das so sehen ? Oder gibt es da knallharte Abgrenzungen hin zur eigenen Kultur? Klar,es ist eine beliebte Methode nur uns Rassismus vorzuwerfen aber wie halten es andere Kulturen? Gibt es da belastbare Aussagen? Danke

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Claes Elfszoon 16.01.2019, 15:49
127. Soweit so ...

Zitat von Bondurant
beim Foristen michaelmilega nicht nur um die Unterscheidung zwischen neo und alt. Er sagte: heute gibt es bestenfalls neo-nazis, die sich die "gute alte zeit" unter ihrem führer herbeisehnen. ein paar tausend vielleicht. vielleicht etwas mehr. politisch unbedeutend. genau das ist eben die Frage. Wenn Sie dagegen schreibend andeuten, bei Gauland & Co. sei die "Ideologie identisch", dann wüsste man schon gern, was Sie unter nationalsozialistischer Ideologie verstehen. Meiner Meinung nach gehört dazu zum einen der feste Glaube an eine "jüdische Weltverschwörung" und zum anderen die Bereitschaft, gegen diese mit genozidaler Gewalt vorzugehen. Das sehen Sie wo? - Dagegen ein paar gewöhnliche Rassisten gleich zu Nationalsozialisten zu machen, das ist ziemlich fahrlässig.
... gut. Ich habe aber selbst die Erfahrung gemacht, dass bekennende Mitglieder der AfD genau diese "Jüdische Weltverschwörung" als gegeben ansehen und sogar, lediglich leicht verschleiert, den Holocaust relativieren. Ich weiß nicht wieviele das sind, ich habe so etwas von der Führungsmannschaft noch nicht gehört, es ist jedoch auffällig, dass einfache Mitglieder ohne Funktion, versuchen diese Verschwörungstheorien in Diskussion zu plazieren.
Andererseits bin ich bei Veranstaltungen von Linksautonomen (fast schon tätlich) angegriffen worden, weil ich 1. pro-israelische Positionen vertreten habe und 2. einige Lebens -und Sterbensbeschreibungen von Holocaust-Opfern zusammen mit israelischen Zivilopfern von Anschlägen, dargestellt habe. Beide politischen Haltungen bzw, Parteien, die diese bedienen, kommen mir seither äußerst suspekt vor. Dass für die einen die Parole "Nazis raus" stimmig und richtig ist, steht für mich außer Frage, aber wie sieht es bei den anderen aus, die sich einer ähnlichen Haltung und gleicher Methoden bedienen?

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dannyinabox 16.01.2019, 15:58
128. Ein kleiner Gedanke

Ich finde es immer wieder interessant das Man Nazis mit Nazi-Methoden bekämpfen will bzw. Methoden der damaligen NSDAP. Dabei wollte man sich doch abgrenzen und "besser" sein als die Leute gegen die man ist. Mittlerweile ist klar das auch die Linken nichts anderes als Leute sind die gerne drauf hauen. Noch 2016 hat das Statistische Amt erklärt das 4x mehr Straftaten von links verübt werden als von rechts doch es geht subtiler. Gemessen an der Unterstützung durch Unternehmen, Medien und Politik dürfte es eigentlich gar niemand mehr geben der Kritik am System äussert. Also entweder ist das das heutige Regime total ineffektiv oder selber mit Nazi Methoden unterwegs. Somit wäre es auch unmöglich Nazis "raus" zu kriegen weil die die gegen Nazis sind letztlich dieselben Mittel einsetzen.

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spon_4_me 16.01.2019, 16:14
129. @ Vera Gehlkiel (# 129):

Ihr Beitrag leidet für meine Begriffe unter dem gleichen Defekt wie die zahllosen Kommentare der vielen rechtgesinnten (no pun intended), sich als Hüter der Demokratie gerierenden Kolumnisten und Foristen des SPON. Ich will Ihnen auch gern sagen, was mich an diesen plakativen "Nazis raus" so stört: 1) Es gibt gar nicht so viele in diesem Land. Genauso wenig, wie es so arg viele waschechte Rassisten oder Misogynisten gibt. 2) Die Besetzer der moralischen Kommandohöhen erschaffen und perpetuieren diese sog. "Nazis", und weil es so wenig echte gibt, weichen sie den Begriff auf, machen ihn möglichst breit und umfassend, bis er am Ender fast nichts mehr beschreibt und eigentlich durch ein beliebiges Schimpfwort ersetzt werden könnte. Unter Verweis auf die furchtbarsten Verbrechen, für deren bevorstehende oder auch nur denkbare Wiederholung es allerdings heutzutage weder eine Ideologie noch den wirtschaftlich-gesellschaftlichen Nährboden gibt, wird ein Popanz geschaffen, um die eigene Hysterie begründen und nähren können. Und 3) Frau Stokowski hat zwar Recht, dass sich komplizierte politische Botschaften nur schlecht auf ein Plakat schreiben lassen. Die Bezeichnung "Nazi raus" (wahlweise "Afdler", "Trumpist", "Putin-Troll") ist aber nicht die Vereinfachung eines solchen komplizierten Sachverhalts auf ein populär vermittelbares Niveau, sondern in meinen Augen ein Mittel, Leute, deren Meinung oder Haltung einem nicht passt, zum Schweigen zu bringen oder sie in einen dauernden Rechtfertigungsmodus zu versetzen, in dem sie jeden Satz mit "ich bin übrigens nicht xy" beginnen müssen. Mit anderen Worten: Derartige Parolen dienen dazu, den Dialog, jedenfalls den intellektuell wagemutigen Dialog, der auch verwegenen Meinungen Raum und Stimme geben mag, zu verhindern. Ich gestehe offen, dass ich immer weniger Lust habe, über dieses Stöckchen zu springen. In Zeiten, in denen Leute ernsthaft glauben, einander die Welt in Twitter-Feeds erklären zu können, mag ich mit meiner Ansicht anachronistisch wirken. Aber gerade die Verbrechen, die im 3. Reich an an den Juden begangen wurden, berühren mich in direkter und tiefer Weise; ich bin es leid, diesen Thema durch Assoziation mit zeitgenössischen Sperrigkeiten wieder und wieder als kommunikative Neutronenbombe missbraucht zu sehen.

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