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Netzkritiker James Bridle: Sie verstehen das Internet nicht? Gut für Sie!
Mikael Lundblad

Informatiker James Bridle sagt, Algorithmen richten eine "Verwüstung" in unserem Denksystem an. Er fordert, dass der Mensch sich unabhängig vom Netz macht - geht das?

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Butterpfanne 02.10.2019, 18:13
1. Warum "falsch" ?

"Man könnte aber auch sagen: Der Autopilot handelte genau so menschlich falsch, wie er programmiert war."
Ist doch gut, dass das Auto nicht nach 1000 Versuchen "auf die Idee kommt" doch über die durchgezogene Linie zu fahren.

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Zitrone! 02.10.2019, 19:33
2.

Zitat von Butterpfanne
Ist doch gut, dass das Auto nicht nach 1000 Versuchen "auf die Idee kommt" doch über die durchgezogene Linie zu fahren.
Ist das gut? Ich stand mal in einer Fahrstunde vor einem ähnlichen Problem: Rechts parkte einer, an dem ich nicht vorbeikam, ohne über eine durchgezogene Linie zu fahren. Der Fahrlehrer forderte mich schließlich auf, doch daran vorbeizufahren, und zwar, wie er wörtlich sagte: "Wenn Sie schon drüberfahren, dann satt -- und nicht knapp vorbeidrücken." DAS fand ich gut, und richtig.

Zum Artikel: Ich sehe das ein wenig anders. Das inzwischen angesammelte Wissen überfordert die Menschen offensichtlich, weshalb immer mehr an "Denkleistung" (das Verarbeiten von Information) an Maschinen übertragen wird. Leider führt das mittelfristig (in vielen Bereichen heute schon), dazu, dass der Mensch das eigene Denken dann ganz bleiben lässt -- man ist ja faul. Aber erst dann entsteht das Problem.

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quark2@mailinator.com 02.10.2019, 19:52
3.

Ich mag zwar nicht mit allem einverstanden sein, aber an einer Stelle gebe ich dem Mann recht: Wenn man nicht sehr aufpaßt, unterwandert das Netz die Demokratie an der Stelle, wo die Rede vom mündigen Bürger ist. In der Vergangenheit war Publizieren ziemlich teuer, der Wissenserwerb entsprechend aufwendig und wurde daher sorgfältig gehandhabt. Das Web hat das Publizieren so billig und den Zugang so einfach gemacht, daß die Kontrollinstanzen ökonomisch zu Belastung wurden und wegfielen. Das ist einerseits gut, weil man an jede Menge Rohmaterial kommt, aber auf der anderen Seite auch schlecht, weil immer mehr falsche Informationen kursieren und niemand mehr da ist, der das nennenswert korrigiert. Im Gegenteil, es bringt diversen Seiten Vorteile, sich zu beteiligen. Gerade jene, die eigentlich dazu angehalten wären, haben eigene Interessen, daß der Zugang zur "Wahrheit" nicht zu leicht wird. Wahrheit wäre hier eine Dastellung im Web, die beim Empfänger eine Vorstellung hervorruft, die so nah wie möglich mit der objektiven Realität übereinstimmt.

Ich stimme auch zu, daß wir dabei sind, unsere Lebensprozesse so umzubauen, daß sie ohne Strom nicht mehr zu retten wären. Immer weniger Redundanz, Reserven, konservative Auslegung ... Sowas rächt sich irgendwann und ich hoffe, es ist woanders. Danach wird man hoffentlich lernen, daß Effizienz (max. Profit) nicht das einzig richtige Optimierungskriterium sein kann.

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Hudson, Jane 02.10.2019, 19:53
4. Intelligenz dient immer der Faulheit

Alexa: Schon im alten Rom dürften die Sklaven mehr gewusst haben, als ihre Herrschaft. Während sie ihre Herrschaft bedienten, erfuhren sie alles aus belauschten Gesprächen und mussten deren Inhalte nur noch miteinander verbinden. Danke Siri.

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quark2@mailinator.com 02.10.2019, 20:54
5.

Zitat von Hudson, Jane
Intelligenz dient immer der Faulheit Alexa: Schon im alten Rom dürften die Sklaven mehr gewusst haben, als ihre Herrschaft. Während sie ihre Herrschaft bedienten, erfuhren sie alles aus belauschten Gesprächen und mussten deren Inhalte nur noch miteinander verbinden. Danke Siri.
Bitte nicht Wissen mit Intelligenz verwechseln. Letztere kann man leider nicht erlauschen.

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TS_Alien 02.10.2019, 22:19
6.

Viele Menschen wollen gar nicht wissen, wie ein Computer oder ein Computernetz funktionieren. Dabei kann man die grundlegenden Prinzipien jedem Interessierten in wenigen Minuten vermitteln. Es hätte auch einen Nutzen: Wissen schützt vor Gefahren.

In anderen Bereichen sind viele Menschen auch nicht wissbegieriger. Jeden Tag setzen sich alleine in Deutschland Hunderttausende Menschen hinter das Steuer eines PKW, obwohl sie keine Ahnung von Fahrphysik bzw. Physik haben. Da ist es kein Wunder, dass es jeden Tag etliche Unfälle gibt.

Ich halte viele Menschen für derart unwissend, dass es gar keinen Unterschied mehr macht, ob sie blöd sind oder nicht. Der Beweis für meine These sind die vielen Menschen, die sich für Esoterik begeistern können.

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ArmeOhren 02.10.2019, 22:20
7. Moeglichkeiten

Ich glaube, ein weiteres aber nah verwandtes Problem fuer den modernen Menschen ist auch die Ueberforderung mit Moeglichkeiten: Es stehen uns heute zu fast jedem Zeitpunkt mehr Informationen, mehr Wissen und mehr Entscheidungsmoeglichkeiten zur Verfuegung als wir jemals verarbeiten koennen. Da es in der menschlichen Natur liegt, sich stets fuer die beste aller Moeglichkeiten entscheiden zu wollen, kann man daher eigentlich nur verlieren. Das kann eine kleine harmlose Sache sein (wenn man sich dabei ertappt, wie man seine Zeit damit verschwendet, Rezensionen fuer 20 verschiedene Produkte bei Amazon zu studieren auf der Suche nach dem einen Killer-Argument), aber auch ziemlich schwerwiegend, wenn man anfaengt sein ganzes Leben in Frage zu stellen, weil man das Gefuehl hat, auf die falsche Karriere gesetzt, Chancen verpasst oder sich nicht so umfassend informiert zu haben, wie man gekonnt haette. Oder weil es immer irgendetwas gibt, dass man eigentlich noch recherchieren, wissen, tun koennte / muesste und alles nur einen Klick entfernt ist. Ich glaube, die Tatsache, dass die Faelle von Depression in den Industrielaendern ansteigt, obwohl es uns objektiv immer besser geht, ist nicht zuletzt auch dieser Tatsache geschuldet.

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Newspeak 02.10.2019, 22:42
8. ....

Ich finde die Kritik zu billig. Ein autonomes Auto zu konstruieren, das funktioniert, ist im höchsten Masse herausfordernd. Das erste Elektronenmikroskop hatte eine schlechtere Auflösung, als ein klassisches Lichtmikroskop. Hätte man deshalb damals jede weitere Entwicklung stoppen sollen? Heute kann man mit den optimierten Nachfolgern Atome "sehen". Was hat der Kritiker denn der Menschheit anzubieten, ausser schlechter Stimmung?

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TS_Alien 02.10.2019, 23:13
9.

Zitat von ArmeOhren
Ich glaube, ein weiteres aber nah verwandtes Problem fuer den modernen Menschen ist auch die Ueberforderung mit Moeglichkeiten: Es stehen uns heute zu fast jedem Zeitpunkt mehr Informationen, mehr Wissen und mehr Entscheidungsmoeglichkeiten zur Verfuegung als wir jemals verarbeiten koennen. Da es in der menschlichen Natur liegt, sich stets fuer die beste aller Moeglichkeiten entscheiden zu wollen, kann man daher eigentlich nur verlieren. Das kann eine kleine harmlose Sache sein (wenn man sich dabei ertappt, wie man seine Zeit damit verschwendet, Rezensionen fuer 20 verschiedene Produkte bei Amazon zu studieren auf der Suche nach dem einen Killer-Argument), aber auch ziemlich schwerwiegend, wenn man anfaengt sein ganzes Leben in Frage zu stellen, weil man das Gefuehl hat, auf die falsche Karriere gesetzt, Chancen verpasst oder sich nicht so umfassend informiert zu haben, wie man gekonnt haette. Oder weil es immer irgendetwas gibt, dass man eigentlich noch recherchieren, wissen, tun koennte / muesste und alles nur einen Klick entfernt ist. Ich glaube, die Tatsache, dass die Faelle von Depression in den Industrielaendern ansteigt, obwohl es uns objektiv immer besser geht, ist nicht zuletzt auch dieser Tatsache geschuldet.
Da ist etwas dran. Bei bestimmten Produkten im Online-Kauf (z.B. Schuhe, Computer) geht es mir ähnlich, da kann ich stundenlang vergleichen und wichten. Das mache ich aber nur, wenn ich wirklich Zeit habe. Merkwürdigerweise hängt das bei mir kaum vom Preis ab.
Neuwagen kaufe ich auch schon einmal in unter einer Stunde, wenn der Händler ein gutes Angebot auf dem Hof stehen hat.

Wer viel weiß, muss nicht mehr (viel) recherchieren. Außer bei Themen, bei denen man nicht so viel weiß.

Ansonsten sollte man ein gesundes Maß an Entscheidungskraft an den Tag legen. Die meisten Entscheidungen sind gut, selbst wenn man nicht alle Informationen hat.

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