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Neubau-Architektur: Viele bauen hässliche Häuser, das ist fatal
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Fertighäuser sind praktisch und günstig - aber sind sie auch schön? Obwohl Menschen ästhetische Vielfalt brauchen, wohnen wir immer banaler, sagt der Architekturphilosoph Christian Illies.

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u-bahner 26.08.2018, 18:25
40.

Zitat von stebetojas
Immer wieder, wenn ich vor aktuellen Bauten stehe, frage ich mich: Wäre das nicht auch in schön gegangen? Hässlich-banal sind nicht nur die Einfamilienhäuser sondern ist auch der Geschossbau, bei welchem man die geringen Mehrkosten für Schönheit viel eher einkalkulieren könnte. Georg Winter z.B. hat in Hamburg-Eimsbüttel für lediglich 10 % mehr ein Stadthaus im Gründerzeitstil realisiert (s. FAZ "Eintönige Neubauten"). Das wird man sich auch in 100 Jahren noch anschauen können. Aber selbst bei den EFH sollte ästhetisch mehr drin sein. Schaut man sich die Siedlungshäuschen aus den 50ern an, die dem zurecht geschmähten "Flair 113" durchaus ähneln, so genügten damals kleine Details wie Sandsteinsimse, um diese Häuser auch heute noch ansehnlich erscheinen zu lassen. Und wenn der Geschmack schon nicht bei den Bauherren und Investoren ist, so sollte er von den Baubehörden verordnet werden - Georges-Eugène Haussmanns Paris lässt grüßen. Aber dazu müsste ja wenigstens bei den Baubehörden Geschmack sein.
Ich fürchte, Sie liegen falsch. Das Pseudo-Gründerzeithaus eines Herrn Winter aus Hamburg wird man in 100 Jahren nicht mehr anschauen können, weil die stilbildende Hülle aus 28 cm dickem Styropor mit Dekorelementen im Gründerzeitstil besteht (siehe haus-der-zukunft-hamburg.de, Download, Broschüre). Eine solche Fassade kann im Gegensatz zum Gründerzeit-Original nicht altern, sondern wird nach wenigen Jahrzehnten schäbig. Darüber hinaus sind diese WDVS-Fassaden wunderbar brennbar und stellen in den Innenstädten ein unverantwortliches Brandrisiko dar.

Bauträger wie Herr Winter bewerben ihre Projekte gezielt, um mit den Sentimentalitäten, die sie bei den Mietern/Käufern auslösen, ihren Gewinn zu maximieren - mehr nicht.

Das Problem liegt insgesamt darin, dass die heute geforderten und gewünschten Wärmedämmstandards eine solide Konstruktion der Fassade kaum noch bzw. nicht mehr wirtschaftlich zulassen. Die Dämmung muss außen liegen, möglichst dick und möglichst weich sein. Das ist nicht vereinbar mit der eigentlich dringenden Notwendigkeit, dauerhaft und solide zu bauen. Früher war es in den Häusern viel kälter, bzw. es wurde nur die Küche wirklich geheizt, daher hat die einfache und solide Bauweise von damals funktioniert. So will aber heute keiner mehr leben.

Vielleicht wäre es ein Lösungsansatz, interessant gestaltete Steinhäuser zu bauen, die im Sommer schön asusehen und bei denen die Wärmedämmung nur im Winter "angelegt", "vorgeklappt" wird o.ä. Allerdings wäre das nach derzeitigem Recht weder zulässig noch (so vermute ich) irgendwie wirtschaftlich und funktional sinnvoll darstellbar.

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max-mustermann 26.08.2018, 18:51
41.

Ob ein Haus hässlich ist oder nicht ist eine rein subjektive Frage des eigenen Geschmacks, was dagegen wirklich fatal ist sind Häuser an denen sich Architekten ausgetobt haben.
In der Regel völlig alltagsuntauglich, die Zuschnitte der Räume oft abenteuerlich, tausend Ecken und Winkel die die Ausenfläche künstlich vergrößern und damit den Energieberdarf in die Höhe treiben. Generell spielen Langzeitkosten für aufwendige Reinigungsarbeiten (Stichwort große Glasflächen) und Instandhaltung der technischen Spielereien für Architekten keine Rolle schließlich müssen sie die ja nicht bezahlen.
Wenn mann sich dann noch anschaut was heute schon "einfache" Häuser in Deutschland kosten dann kann mann solchen Träumern wie diesem Philosophen ob seiner Spinnereien nur noch den Vogel zeigen.

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u-bahner 26.08.2018, 18:53
42.

Zitat von neogener
Ästhetik ist eben KEINE Frage des Geldes, wie es viele der Forumsteinehmer hier meinen. Mit ein wenig Gespür für Schönheit lässt sich auch mit sehr geringem Einsatz schon viel erreichen. Nur leider haben viele heute kaum mehr ein Gespür für Ästhetik / Schönheit und Individualität passend zur jeweiligen Umgebung. Das sieht man schon an so trivialen Dingen, wie die Gärten in vielen Neubaugebieten heute erscheinen. Völlig trostlos! Und das hat nichts mit Geld zu tun, wenn vor dem schmucklosem Eigenheim dann gleichzeitig ein fetter SUV parkt. Hauptsache pragmatisch und austauschbar. Auch passt eine im griechischem Stil errichtetes Einfamilienhaus nicht in ein Neubaugebiet in Norddeutschland genauso wenig wie in ein bayerisches Dorf oder in eine Altbausiedlung in Berlin .... Ich gebe dem Kommentator zu 100 % Recht. Wo bleibt die Ästhetik bei der modernen Stadtplanung?
Ästhetik spielt in der gesamten Gesellschaft keine Rolle mehr, und genau deshalb sieht es bei uns so bescheiden aus, wie es eben aussieht. Schauen Sie in die Schulhefte eines Zweitklässlers von 2018 und von, sagen wir, 1898. In ersteren werden Sie unästhetisches, ungelenkes Gekrakel sehen, in letzteren sauber geschriebene fast kalligraphische Kunstwerke.
Aber wer will, dass unsere Kinder so lernen wie 1898? Sich so kleiden? So leben? Ästhetik beruht immer auch auf Ordnungsprinzipien, auf Regeln, auf Fleißarbeit, auf Sich-Zeit-Nehmen. Alles Dinge, die wir heutzutage abgrundtief verachten und keinesfalls zurückhaben wollen.
Ich glaube, wir müssen uns eingestehen, dass in einer individualisierten, vernetzten, entwurzelten, mobilen, schnellebigen, toleranten und alles hinterfragenden Welt kein Platz für eine Ästhetik ist, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen. Die "Ästhetik" eines Gewerbegebiets ist unserer Lebensweise viel näher. Die Ästhetik, vielleicht besser gesagt Optik der Jetztzeit ist regelfrei, chaotisch, laienhaft, billig, schnell und reproduzierbar.
Wahrscheinlich haben wir noch keine Antwort auf die Frage gefunden, wie (bzw. ob) die Jetztzeit ästhetisch funktionieren kann. Ein Blick in die heutigen Neubaugebiete zeigt nur, dass wir die Fehler der Nachkriegszeit (deren Architektur wir im Ganzen überhaupt nicht schätzen) nahezu 1:1 wiederholen und das noch nicht einmal merken (billige Bauweise ohne dauerhaftes ästhetisches Potenzial; Geschmacksverirrungen bis hin zum Kitsch). Im Unterschied zur Nachkriegszeit existiert immer weniger originale und unverbastelte, gestalterisch hochwertige Altsubstanz, die der Gegenwart und der Zukunft zeigen könnte, wie nachhaltig und ästhetisch es offenbar auch einmal ging.
Eine Lösung, wie ressourcenschonend, dauerhaft und bezahlbar gebaut werden kann, scheint in weiter Ferne. Vielleicht könnte neue Technologie helfen (3D-Druck im Bauwesen; Nutzbarmachung der Kernfusion zur Lösung des Energieproblems), vielleicht auch alte (Reduktion der Ansprüche an Wohnkomfort und Sicherheit). Die Zukunft wird es zeigen.

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oddy 26.08.2018, 18:57
43. Schönheit=Ästhetik

Meiner Meinung nach hat Schönheit etwas mit ästhetischem Empfinden zu tun. Gerade in der Architektur kommt es in erster Linie auf dir Fähigkeit an, ein gutes Gespür für Proportionen zu entwickeln und umzusetzen. Wenn man das nicht hat, dann kommt eben leider nur Mittelmaß heraus. Ich finde es auffallend, wie wenig Gespür vor allem Planer von Fertigteilhäusern an den Tag legen. Die Grundrisse mögen praktisch und funktional sein, die äußere Hülle, das Gesicht des Gebäudes, wird genauso behandelt. Und dabei ist das für das äußere Erscheinungsbild eines Gebäudes das Entscheidende. Das, was uns umgibt und was uns prägt. Am auffälligsten finde ich es jedesmal, wenn ich über die Grenze nach Dänemark oder Holland fahre. Dort sind mit einfachen Mitteln schöne, weil gut proportionierte Fassaden zu sehen. Und das geschieht mit einfachen Mitteln. Keine ausgefallenen Details oder teure Extras. Das wäre hier genauso möglich. Aber es fehlt dieses Empfinden. Ich widerspreche auch dem Autor, dass Wiederholungen gleichzusetzen sind mit Monotonie und Langeweile. Falsch. Es gibt unzählige Beispiele von Gebäuden, die gerade durch die Reihung von Elementen kraftvoll wirken. Reihung ist auch in der Kunst ein gern verwendetes Mittel. Ich finde eine gleichmäßige Reihenhaussiedlung viel gelungener als eine herkömmliche Neubausiedlung, in der sich jeder Besitzer versucht zu verwirklichen und dann doch nur ein Sammelsurium aus völlig verschiedenen Gebäuden entsteht. Wiederholung kann einen Ort auch Identität geben.

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cobaea 26.08.2018, 19:04
44.

Zitat von u-bahner
Ich fürchte, Sie liegen falsch. Das Pseudo-Gründerzeithaus eines Herrn Winter aus Hamburg wird man in 100 Jahren nicht mehr anschauen können, weil die stilbildende Hülle aus 28 cm dickem Styropor mit Dekorelementen im Gründerzeitstil besteht (siehe haus-der-zukunft-hamburg.de, Download, Broschüre). Eine solche Fassade kann im Gegensatz zum Gründerzeit-Original nicht altern, sondern wird nach wenigen Jahrzehnten schäbig. Darüber hinaus sind diese WDVS-Fassaden wunderbar brennbar und stellen in den Innenstädten ein unverantwortliches Brandrisiko dar.... Vielleicht wäre es ein Lösungsansatz, interessant gestaltete Steinhäuser zu bauen, die im Sommer schön asusehen und bei denen die Wärmedämmung nur im Winter "angelegt", "vorgeklappt" wird o.ä.
So sehr ich Ihnen im ersten Teil zustimme, so sinnwidrig finde ich den letzten. Zuerst einmal finde ich es wenig sinnvoll, heute Häuser zu bauen, die so tun, als ob sie 130 Jahre alt wären. Wir kleiden uns doch heute auch nicht wie vor 130 Jahren, wir leben völlig anders. Wir sollten doch schlau genug sein, auch für Bauten eine zeitgemäss ansprechende Form zu finden.
Isolation wiederum nur im Winter anzubringen, ist sinnwidrig. Denn sie soll ja nicht nur bei Kälte dafür sorgen, dass der Energiebedarf niedrig bleibt, sondern auch bei Hitze dafür sorgen, dass die Wohnung nicht so heiss wird, dass man befürchtet, im eigenen Saft gedünstet zu werden. Dann nämlich werden Klimaanlagen installiert, die den Energieverbrauch in die Höhe treiben.

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mantrid 26.08.2018, 19:15
45. Meckern ohne Alternativen?

Bei begrenzten Budgets geht Nutzwert vor Ästhetik und dabei muss möglichst viel Haus auf möglichst wenig Grundstück unterkommen. Bei diesen Vorgaben scheitert die überwältigende Anzahl der Architekten mit ihren Lösungsansätzen jämmerlich. Und wer will schon eine lichtdurchflutete Wohnung mit großzügigen Glasflächen, wenn die Bude im Sommer zur Sauna mutiert, weil die Sonne erbarmungslos durch die Scheiben brennt? Der offene Übergang vom Wohnzimmer zur Küche ist nur so lange toll, wie niemand Brathering haben möchte und Dunstabzugshaube und Geschirrspüler lärmgedämmt sind. Wo sind denn die Architektenhäuser, die es von Nutzen und vom Preis dem hier als Negativbeispiel angeführten Fertighaus aufnehmen können? Mit viel Kohle kann jeder Idiot toll bauen.

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cobaea 26.08.2018, 19:19
46.

Zitat von kritischergeist
...Wer Schönheit haben will findet sie oft beim Kauf eines Altbaus aus der Gründerzeit. Diese Häuser haben Stil und Charakter weil bauen damals preiswerter war und mehr Raum für Schönheit lies.
Wo kommt nur die Meinung her, in der Gründerzeit sei das Bauen preiswerter gewesen als heute? Wer konnte denn um 1870 - also in der Kernzeit der Gründerzeit - eine Einfamilienhaus (EFH) bauen? Dazu musste man richtig Geld haben. Die meisten Leute, die sich heute ihr evtl. normiertes EFH bauen, hätten damals nicht die geringste Chance gehabt, sich so etwas bauen zu können. Die heute so geliebten Altbauten mit den hohen Decken und den Parkettböden waren a) in Mehrfamilienhäusern und b) für besser verdienende Bürger - weshalb viele dieser Wohnungen ursprünglich auch ein winziges Zimmer dazu hatten - für das Dienstmädchen. c) Sind die heutigen Raumansprüche deutlich grösser als die damaligen. Wo damals Familien mit einem halben Dutzend Kinder wohnten, lebt heute eine Familie mit maximal 2 Kindern. d) Der Handwerker, der damals in diesen Häusern als Geselle arbeitete, verdiente so wenig, dass er mit seiner Familie in einer Wohnung wohnte, bei der er schon froh war, wenn er für die Toilette nicht über den Hof musste. e) Wer sich damals solch ein Haus alleine für seine Familie bauen konnte, der könnte sich auch heute ein individuelles, schönes Haus leisten.

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evalotta 26.08.2018, 19:36
47. Arroganter Snob!

Klar hätte ich vor 16 JAhren etwas netter gebaut.

Aber erstens: Es gab total beknackte Bauvorschriften wie Farbe, Firstrichtung, Material usw.
Und zweitens. Warum Geld für nutzloses Design ausgeben, das nach 5 Jahren überkommen und hässlich ist? Womöglich verbietet dann der Architekt einem noch, das selbst anzupassen...

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blechbratscher 26.08.2018, 19:52
48. Zuvorderst:

es gibt sone und solche Architekten und Bauherren. Genauso wie es sone und solche ästhetisch mehr oder weniger gelungenen Autos gibt. Bei der Wahl für das eine oder andere Objekt entscheiden Geldbeutel und Geschmack des Käufers. Im Vergleich zu anderen Nachbarländern ist es schon auffällig, dass in Schland das unschöne Mittelmaß in den letzten Jahren überhand nahm. Stil und Geschmack sind sicher Ansichtssache, aber viele private Neubauten zeugen von zu wenig davon. Ästhetik setzt sich am Ende auch beim Wiederverkauf finanziell durch. Nicht zu vergessen, dass regional angepasst gebaut werden sollte. Aber da fehlt leider vielen Deutschen das Fingerspitzengefühl.

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Zapallar 26.08.2018, 19:57
49.

Zitat von apotheka
Lasst junge kreative Architekten zu frei verhandelbaren Honoraren ran, dann bewegt sich was (hoffentlich nicht das Haus :-))
Na dann lassen Sie doch junge kreative Anwälte Sie vor Gericht vertreten und junge kreative Ärzte Ihre OP durchführen, alles zu frei verhandelbaren Honoraren natürlich (meistens gewinnt der günstigste) ... was gelten schon Erfahrung und Fortbildungen, wenn man alles über Geld und Honorare regeln kann :)

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