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Neubau-Architektur: Viele bauen hässliche Häuser, das ist fatal
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Fertighäuser sind praktisch und günstig - aber sind sie auch schön? Obwohl Menschen ästhetische Vielfalt brauchen, wohnen wir immer banaler, sagt der Architekturphilosoph Christian Illies.

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kindchen 26.08.2018, 20:08
50. Ehrlich gesagt, ...

... das abgebildete Fertighaus "Flair 113" finde ich sehr schön. Es ist angenehm schlicht und unaufdringlich, ohne irgendwelchen geschmacklosen Verzierungen. Es heißt, eine Sache ist vollständig, wenn man nichts mehr weglassen kann, und dafür ist dieses Haus ein gutes Beispiel. Gewissermaßen ein perfektes Haus.

Und es läßt viel Spielraum für individuelle Ausgestaltung: Man könnte es in unterschiedlichen Farben anstreichen oder den Vorgarten individuell bepflanzen. Es bildet gewissermaßen einen neutralen Hintergrund für die Individualität der Bewohner. Nunja, und falls diese Individualität nicht gegeben ist, nützt auch ein aufdringlich gestaltetes Haus nicht.

Und aus Bild 4 werde ich nicht ganz schlau. Soll das nun ein Beispiel für guten oder schlechten Geschmack sein? Ich würde es als das zweite nehmen, aber ich fürchte, es ist umgekehrt gemeint. Dieser Innenraum will doch einfach nur aussehen.

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susuki 26.08.2018, 21:06
51. 3-Druck

In 10 Jahren sind die CNC-Fräsen und 3D-Drucker in der Lage die Elemente eines Hauses zu drucken.

Ein Halbrelief der Ahnen oder griechischer Tempel können dan ohne Aufpreis mit in der Fassade gedruckt werden.

Wird spannend werden.

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az150 26.08.2018, 22:41
52. Über Wiederholung und Bauen nach Katalog

Was Herr Illies da von sich gibt, zeigt, dass er mit seiner "Philosophie" zwar so manche Ursache für sein Unbehagen durchaus richtig erfasst hat, aber andererseits überhaupt keine Ahnung von architektonischer und städtebaulicher Gestaltung und den zugrundeliegenden Kriterien und Zusammenhängen hat. Zunächst einmal äußert er sich sehr undifferenziert zum höchst umfangreichen und vielfältigen Komplex städtischer Architektur. Da muss man schonmal genauer eingrenzen wovon man eigentlich redet - und wovon nicht: Einfamilienhaussiedlungen, Mietwohnungssiedlungen, Mischgebiete aus Wohnen und Gewerbe, städtische Geschäfts- oder Bürohäuser, Innenstadt- oder Vorstadtarchitektur, Städtebau oder Architektur im engeren Sinn? Das Beispiel der Fertighaussiedlung mit dem Gegenbeispiel der Altstadt von Erlangen zu kontern: Den Gedankensprung muss man erstmal hinkriegen! Auch die Gründerzeitviertel oder Neuschwanstein sind da nicht wirklich vergleichbar. Aber wo Herr Illies sich doch so am Prinzip der Wiederholung reibt: Ein geeigneteres Vergeichsobjekt zur Fertig- oder Reihenhaussiedlung von heute wären sicherlich die englischen Arbeitersiedlungen der Gründerzeit: Kilometerlange Reihung von immer gleichen Reihenhäuschen aus wunderschön gealtertem Ziegelmauerwerk. Hübsch und pittoresk, würde ich sagen, wenngleich bautechnisch und in Fragen der Grundrissgestaltung, sowie der Wohnungsgröße, wahrscheinlich nicht mehr wirklich auf dem Stand unserer Zeit. Ein wenig eintönig sind diese Straßen auch, aber: Die Wiederholung ist spätestens seit den alten Griechen eines der wichtigsten architektonischen Gestaltungsmittel, denn sie bringt Ruhe und Ordnung und erzeugt dadurch einen eigenen Charakter gegenüber der Unruhe ständigen Wechsels. Ein gekonnt dosiertes Maß an Eintönigkeit macht durchaus Sinn und ist nicht die Ursache von Geschmacklosigkeit und Unbehagen. Was uns an der Wiederholung moderner Prägung so zu schaffen macht, ist eher ihr Ausmaß, oder wenn die Ästhetik einer Fassade nur in ihrer schon hundertmal gesehenen "faszinierenden Struktur" oder einem modischen Bauteil besteht, während auf eine angemessene Fassung, Proportionierung, Einordnung oder Material- und Farbgestaltung verzichtet wird. Illies Kritik an mangelnder Ortsbezogenheit der Gestaltung und nicht alternden Bauwerksoberflächen kommt da den tatsächlichen Problemen schon eher auf die Spur. Auch seine Kritik am Bauen nach Katalog ist nicht ganz verkehrt. Ich bezweifle allerdings, dass infolge der Industrialisierung des Baugewerbes, heute noch genug planerische und handwerkliche Kultur vorhanden ist, um der Designerware der Kataloge regelmäßig etwas materiell Gleichwertiges und gestalterisch Besseres entgegenzusetzen. Wir dürfen nicht vergessen: Auch die beliebten Gründerzeitfassaden unserer Großstädte sind meist nichts anderes, als zusammenaddierte Entwürfe nach Formenkatalog. Erst dadurch war das gigantische Bauvolumen dieser wenigen Jahrzehnte überhaupt möglich.

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Papazaca 26.08.2018, 23:14
53. Sind Häuser wie das Flair 113 Schuld ....

an dieser verwirrten Diskussion? Hat uns diese "Umgebung" mental geprägt? Ich habe selten so eine diffuse Diskussion erlebt. Kosten, die Architekten sind an vielem Schuld, Ironie, in dieser Diskussion wird alles vertreten. Irgend was muß passiert sein. Muß man das jetzt alles verstehen?

Eines ist aber offensichtlich: Die Kluft zwischen den wirklichen Architekten und den "Amateur-Architekten" ist riesig. Gewinner ist das "Durchschnittsglück" Flair 113. Na ist doch schön. Da bekommt jeder, was er sich gewünscht hat.

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divStar 26.08.2018, 23:18
54. Schön...

... dass der Herr hier ausführt was ER als schön empfindet ("Nicht alles, was jemand schön findet, ist schön. Für mich drückt sich Schönheit eher im Geschmack aus und der ist bildbar und auch verderbbar."). Nicht nur, dass man stets auf die Kosten schauen muss weil die Regierung - statt die Menschen, die bauen wollen, irgendwie zu fördern - diese eher noch ausnimmt (durch z.T. absurde Gesetzgebungen). Da bleibt weder Zeit noch Geld für irgendwelche Individualitäten.

Außerdem liegt Schönheit im Auge des Betrachters. Und natürlich gilt auch, dass man das Haus eher weniger oft von außen sieht (als von innen). Wenn es also innen gewisse "Twists" gibt, die dem Ganzen Individualität verleihen, dann braucht man sich ums Äußere nicht unbedingt kümmern - warum auch?! Es muss funktional sein, innen gut und außen passabel aussehen.
Nachhaltig bauen ist oft viel teurer und es tut viel mehr weh wenn man es irgendwann doch abreißt.

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janfred 27.08.2018, 00:53
55. Guter Geschmack hat nichts mit Geld zu tun

Schönheit kommt auch durch feine Details zustande. Aber wirklich ein Auge dafür um etwas schönes zu krieren haben die wenigsten.
MAn kann auch ein Haus wie auf dem ersten Foto richtig reizvoll gestalten. Mit der Auswahl der Pflanzen, mt ein paar Farbtupfern an der Fassade. Die richtige Haustür. Und wenn dann alles zusammen stimmig ist, wird man bei so einem 08/15 Haus auch sagen: wirklich schön. Und man braucht nur ein Gartenzwerg aufzustellen und alles ist im ....
Bei der Inneneinrichtung ist es dann noch wichtiger. Schlisslich halten die Eigentümer sich ja darin auf. Da gibt es wirklich Leute, die vom Design oder von Kunst nicht den blassesten Schimmer haben, die aber rein Gefühlsmäßig das Auge fürs Schöne haben. Genaugenommen ist der Innenarchitekt viel wichtiger, wenn es um schöne Häuser geht. Weil auch die beste Architektur nutzlos ist, wenn der Bewohner kein Gefühl für Schönheit und der passenden Ausstattung hat und sich keinen Innenarchtekten leisten kann oder will.

Auf dem Bild 3 dann die Möchtgerndesignerhäuser, eines wie das andere. In der Menge nur noch potthässlich. Alles muss weiss sein. Ein paar Edelstahlbauteile sind auch obligatorisch. Aber wenn man mal besoffen nach Hause will, findet man sein eigenes Haus nicht mehr auf Anhieb. Natürlich passt an so ein Haus auch kein Naturgarten. Wem sowas gefällt, dem gefallen auch ein paar Basaltfindlinge eingebettet im Kiesbett. Pflanzen nur wenn sie weisse Blätter haben und einen Edelstahlschimmernden Stamm.

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stereotyp72 27.08.2018, 01:15
56.

Zitat von Papazaca
... Klar ist ein Hausbau teuer, kompliziert und langwierig. Aber wenn man mehr haben will, wird alles schwieriger. Und dann entscheiden sich viele eben für die einfacherer Lösung. Und das ist oft die simple Wahrheit.
Die Fertigteile werden seit Jahrzehnten in Fabriken von Robotern gebaut, das ist nicht so teuer und kompliziert, aber der Fiskus und die Aktionäre wollen Gewinne sehen. Dass die Baubehörde in manchen Gegenden sogar die Farbe der Fassaden und Dächer vorgibt, erinnert ziemlich an die Planwirtschaft der DDR. Eine WBS 70 Wohnung hatte damals auch eine genormte Miete, m.W. unter 100 Mark warm, incl. aller Nebenkosten.

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stereotyp72 27.08.2018, 01:50
57.

V.a. in Süddeutschland waren zeitweise offenbar asymmetrische Bauweisen beliebt, evtl. weil in der Nachkriegszeit viel improvisiert und ohne Planung gebaut wurde. Mir sagte ein alter Handwerksmeister: "Früher wurde alles nach dem Golden Schnitt gebaut". Es gab also schon immer Grundregeln der Ästhetik, die aber der Laie selten kennt.

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janfred 27.08.2018, 03:20
58. Irrtum

Zitat von cobaea
Wo kommt nur die Meinung her, in der Gründerzeit sei das Bauen preiswerter gewesen als heute? Wer konnte denn um 1870 - also in der Kernzeit der Gründerzeit - eine Einfamilienhaus (EFH) bauen? Dazu musste man richtig Geld haben. Die meisten Leute, die sich heute ihr evtl. normiertes EFH bauen, hätten damals nicht die geringste Chance gehabt, sich so etwas bauen zu können. Die heute so geliebten Altbauten mit den hohen Decken und den Parkettböden waren a) in Mehrfamilienhäusern und b) für besser verdienende Bürger - weshalb viele dieser Wohnungen ursprünglich auch ein winziges Zimmer dazu hatten - für das Dienstmädchen. c) Sind die heutigen Raumansprüche deutlich grösser als die damaligen. Wo damals Familien mit einem halben Dutzend Kinder wohnten, lebt heute eine Familie mit maximal 2 Kindern. d) Der Handwerker, der damals in diesen Häusern als Geselle arbeitete, verdiente so wenig, dass er mit seiner Familie in einer Wohnung wohnte, bei der er schon froh war, wenn er für die Toilette nicht über den Hof musste. e) Wer sich damals solch ein Haus alleine für seine Familie bauen konnte, der könnte sich auch heute ein individuelles, schönes Haus leisten.
Es wurden schon immer Einfamilienhäuser auch für einfache Familien gebaut. Natürlich außerhalb der grossen Städte. Die Tatsache ist aber, dass von den einfachen Häusern kaum noch welche stehen. Fälschlicherweise sagt ein Forist, vor hundertfünfzig Jahren wurde alles so schön im Gründerhausstil gebaut. Diese Häuser sind, wenn sie immer in schuss gehalten wurden, auch heute noch sehr schön. Der Aufwand, der in hundert Jahren für Instandhaltung betrieben wurde ist aber enorm. Die armen Leute haben in einfachen Häusern gelebt. Kleine Zimmer, niedrige Decken, das Klo hinter dem Haus. Manche diser primitiven Häuser stehen heute noch. Es wurde mit den Jahren den geänderten Verhältnissen angepasst. Das bedeutet, erst später wurden elektrische Leitungen verlegt, nach der Holzofenfeuerung kamen Ölofen, später auch Zentralheizung. Die Bäder wurden ins Haus verlegt. Häuser wurden erst später ans Abwassersystem angeschlossen. Das typische Gründerzeithaus war auch zu der Zeit alles andere als günstig in der Herstllung.

Definitiv kann man auch heute noch nach Gründerzeit oder Jugendstil bauen. Und auch alle heutigen Vorschriften einhalten. Das würde sich aber kaum einer leisten wollen. Für mich als Maurermeister wäre es der absolute Traum, eine Jugendstilvilla nachzubauen wenn Geld keine Rolle spielen würde. Natürlich würde man auch an diesem Haus nicht ein kilogramm Styropor brauchen. Es gibt durchaus mineralische, baubiologische Baustoffe und Möglichkeiten, um ein Haus nach heutigen Wärmedämmvorschriften zu bauen. Jeder, der das anzweifelt, sollte sich mal mit zu ökologisch - baubiologischen Bauweisen informieren.

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janfred 27.08.2018, 03:38
59. noch ein Irrtum

Zitat von blechbratscher
es gibt sone und solche Architekten und Bauherren. Genauso wie es sone und solche ästhetisch mehr oder weniger gelungenen Autos gibt. Bei der Wahl für das eine oder andere Objekt entscheiden Geldbeutel und Geschmack des Käufers. Im Vergleich zu anderen Nachbarländern ist es schon auffällig, dass in Schland das unschöne Mittelmaß in den letzten Jahren überhand nahm. Stil und Geschmack sind sicher Ansichtssache, aber viele private Neubauten zeugen von zu wenig davon. Ästhetik setzt sich am Ende auch beim Wiederverkauf finanziell durch. Nicht zu vergessen, dass regional angepasst gebaut werden sollte. Aber da fehlt leider vielen Deutschen das Fingerspitzengefühl.
In eigentlich allen Ländern Europas ist das Durchschnittshaus viel primitiver gebaut. Schauen sie sich doch die normalen Häuser in Holland oder Belgien an. Und auch im Mittelmeerraum wohnt der Durchschnitts Hausbesitzer viel einfacher. Ich kann das als Maurermeister beurteilen. Ein paar Beispiele wären: es wird sehr oft ohne Keller gebaut. Wasser und auch Elektroinstallation ist oft nicht unter Putz verlegt. Kleinere und weniger Räume.
Warum haben wir in Schland die niedrigste Rate an Wohneigentumbesitzern? Selbst im Armenhaus Bulgarien gibt es mehr Eigenheimbesitzer als bei uns.
Fast jeder, der bei uns ein Haus baut, der möchte damit auch repräsentieren: schaut her, ich habs geschaft. Also Angeberei, bzw. Angst, die Nachbarn könnten schlecht über einen reden. Man kann durchaus ein Haus billiger bauen, ohne dass es dadurch nicht schön wäre. Die Details machen es aus. En schöner Ziergarten, bei dem man wohlüberlegt die Blütezeiten der Pflanzen berücksichtigt wird als Eyecatcher von einer einfacheren, kleineren Bauweise ablenken. Und wer ein Auge für das Schöne hat - leider die Wenigsten - der kann auch mit einfachen Mitteln, das innere des Hauses sehr schön gestalten. Mit viel Liebe zum Detail und mit etwas handwerklichen Geschick. Ein schönes Haus kann man nicht beim Architekten bestellen, da wäre dann der Innenarchitekt wichtiger. Es nutzt auch nichts Unsummen für Accessories auszugeben, wenn man sie nur planlos im und ums Haus verteilt. Oder es übertreibt.

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