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Neues Album von Nick Cave: Ist das schon Heilung oder noch Verdrängung?
Matt Thorne

Sicher ist: Wie auf "Ghosteen" hat man Nick Cave and the Bad Seeds noch nie gehört. Unsicher ist: Ob das angesichts von schmalzigen Chorälen und Synthies sonderlich begrüßenswert ist.

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zauberpeter 04.10.2019, 20:47
1. Unerträglich, leider

Das Album geht gar nicht. Skeleton Tree war noch zu erklären, Ghosteen leider nicht mehr. Ich werde Nick und Combo trotzdem weiter lieben.

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ostfildernboy3 04.10.2019, 21:58
2.

Was soll man da sagen, man hat bei dieser Rezension das Gefühl da will einem ein Blinder die Farben erklären. Mal abgesehen davon, dass Teile schlichtweg falsch sind (Skeleton Tree war schon vor dem schrecklichen Unglück fertiggeschrieben) wünscht man sich einfach, das Menschen die von der Tiefe des Lebens kein Verständnis haben darüber nicht auch noch selbsterhöht zu schreiben versuchen. Es braucht diesen seelenlosen Manierismus hier einfach nicht.

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Gattuso 04.10.2019, 22:14
3. Tolle Rezension

Ich finde solche Rezensionen unerträglich, die meinen das Album für alle künftigen Hörer stellvertretend schonmal vorab als per se schlecht zu bewerten. Der Autor glaubt eine Deutungshoheit für sich zu beanspruchen, ich glaube das Recht hat er nicht.

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voll 04.10.2019, 22:22
4. Sternzeichen Jungfrau

Nick Cave ist mit seinem neuen Album endgültig angekommen. Hört fortan die Stimme seines Analytikers am Kopfende. O. T.: "not an angel, to be sure"!
Mach's gut, alter "pretty post-punk junkie".
Nach der traumatischen Erfahrung kehrt das dissoziierte später als innere ?Stimme? zurück. Und jede Stimme ist verbunden mit einem Gefühl.

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heissSPOrN 05.10.2019, 00:17
5.

"Murder Ballads" war das letzte Cave-Album, das mich komplett überzeugen konnte. Habe mir zwar noch einige wenige Alben danach gekauft, die hab ich aber immer weniger ertragen können. Hab dann allenfalls mal rein- und schnell wieder weggehört. Wenn heute noch Nick Cave, dann hör ich mir seine alten Platten an...

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Schattenriss 05.10.2019, 00:20
6. Ghosteen

Beim ersten Hören: drei Songs lang leichte Gegenwehr, zu sehr abgelenkt durch den laufenden Chat der Weltbevölkerung bei der "Global Premiere", zu irritiert noch vom Cover - ja, es sieht aus wie rausgerissen aus einer Publikation der Zeugen Jehovas. Beim zweiten Hören war mir klar, daß ich diesen elenden Sarkasmus und Zynismus, oder auch (danke #2) diesen "seelenlosen Manierismus" einfach nur noch satt habe, wie er auch in diesem Artikel in Begriffen wie "Kummerkastenonkel" oder "Mut zum Schmalz" zum Ausdruck kommt.

"Cave ist seit jeher Symbolist" - ? Ja. Auch. Aber was "Ghosteen" doch besonders kennzeichnet, sind diese Momente ernsthaftester Einfachheit, die das genaue Gegenteil von Symbolismus sind. Schon im ersten Song: "And I love you", wie ein Mantra. Im zweiten Song: "They are parting the cities, those bright burning horses", all die Bilder einer persönlichen Apokalypse, und dann, erneut: "And I'm by your side and I'm holding your hand". - Mit Warren Ellis hat Nick Cave seinen eigenen Brian Eno, die musikalische Atmosphäre auf "Ghosteen", der *drone* analoger Synths, erinnert mich sehr an Enos Ambient-Serie der späten Siebziger. Cave bewegt sich in Sphären, die ähnlich weit entfernt von allem sind wie die Isolation des späten Scott Walker, aber "Ghosteen" ist die Suche nach dem Weg zurück, und er ist dabei umgeben von "spirit guides" (Elizabeth Aubrey im NME). Die sind überall auf "Ghosteen", umschweben den Trauernden wie Traumfragmente. Trauer, schier endloses Leid, völlige Desorientheit, und dann, Moment ernsthaftester Einfachheit: mein Baby kommt nach Hause mit dem 17 Uhr 30-Zug. Liebe, sich festhalten um des lieben Lebens willen.

Wenn vorab erklärt wird, daß "Ghosteen" ein "migrating spirit" ist, darf dann bei einem wie Nick Cave der Song "Ghosteen" beginnen mit "I am beside you"? Ja. Jetzt schon. Es ist immer noch der Mann, der auf demselben Werk (in "Fireflies") eine kosmologische Zeile anbringt wie: "A star is just the memory of a star." Was kann man da anderes dahinterschreiben als: wow.

"Hat sich jemals jemand durch Ersticken an Wattebäuschen umgebracht? Dieses Album kommt der Erfahrung ziemlich nahe." - Überall hagelt es 5 von 5 Sternen, oder 10 von 10, nur in Deutschland, jenem Land, aus dem musikalisch mittlerweile überhaupt nichts mehr von irgendeiner Bedeutung kommt, wo alles Pose ist und die "natürliche" Spontaneität die allergrößte Pose, wo nirgendwo ein wirklich echter, ergreifender Tonfall im künstlerischen Ausdruck zu hören ist, ausgerechnet hier maßt man sich an, sich über dieses absolute Wagnis von Kunstwerk mit ein paar abgebrühten Sentenzen erheben zu wollen?

Was für ein Privileg, so ein Werk hören zu dürfen.

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Hamletta 05.10.2019, 02:17
7. Ehrlichkeit

Ich bin dankbar dass es unterschiedliche Meinungen gibt und der nicht enden wollende "Oh so beautiful"-Chor auch mal durchbrochen wird der alles in den Himmel lobt was Nick von sich gibt. Ich brauche niemanden der mir meine Meinung vorkaut - das ich dieses Album nicht mag ist mir auch bewusst ohne das jemand anderes es rezensiert und selten habe ich so alberne Aussagen gelesen wie bei dieser Veröffentlichung. Von es sei nur etwas für Erwachsene weil Humor jetzt bei Cave nicht mehr aktuell sei bis hin zu nur herzlose Menschen erkennen die Schönheit nicht.

Sind wir nun wirklich im Sektentum angekommen oder reden wir hier noch immer über Kunst und das man sie nicht immer mögen muss, insbesondere dann wenn man solch platten Kitsch nicht von seinem Lieblingskünstler gewöhnt ist und man sich fragt was aus einem der im eigenen Wertespektrum zu den besten Poeten der Rock- und Popgeschichte zählt da rausgeblubbert kommt und warum es so dermaßen flach ist? Auch die Frage ob es nicht besser wäre seine Trauerarbeit für sich etwas privater zu halten kommt auf.

Und vor diesem Hintergrund ist es eine erfrischende Abwechslung eine Kritik zu lesen die dem eigenen Empfinden als jahrzehntelanger Fan mehr ähnelt als die Lobeshymnen auf dieses Machwerk was meiner ganz persönlichen und bescheidenen Meinung nach das schlechteste ist was er mit den Bad Seeds (bzw mit-ohne Bad Seeds) je gemacht hat und es ist eine ebenso legitime Meinung wie die, das es ein grossartiges masterpiece ist. Aber ich lasse mir auch nicht diktieren das ich etwas gut zu finden habe wenn ich nicht als seelenloser Kieselstein bezeichnet werden möchte.

Ich bleibe ihm dennoch treu und ich werde mir auch die nächsten Alben anhören. Aber das hier ist eine herbe Enttäuschung.

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Papazaca 05.10.2019, 05:37
8. Muß Trauer künstlerisch wertvoll sein

Eine schwierige Situation: Ein Künstler verliert seinen Sohn. Er versucht danach, seinen Schmerz auch künstlerisch zu bewältigen. Eine Ausnahmesituation. Dann kommt ein Musik-Kritiker und ist in einem Zwiespalt.
Muß Trauer künstlerisch wertvoll sein? Natürlich nicht. Jeder hat das Recht, auf seine Art zu trauern.
Nur wenn man Trauer zur Kunst wird, unterliegt sie den Parametern der Musikkritik.

Letztlich geht es auch um die Frage, ist das die erwartete Nick Cave Musik oder ist das eine Trauermusik, die wir von ihm so nicht erwarten. Darf Trauer auch gefühlsüberladen, ja kitschig sein? ja, sie darf. Aber ein Kritiker hat dann auch die schwierige Pflicht, diese Gratwanderung kenntlich zu machen. Wer möchte in seiner Haut stecken?

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Hudson, Jane 05.10.2019, 11:02
9. Selbstverständlich muss Trauer künstlerisch wertvoll sein

Selbstverständlich muss Trauer künstlerisch wertvoll sein, wenn sie von einem Künstler kommt. Die großen englischen Elegiendichter litten darunter, ihren Betrauerten auszubeuten für Worte, die ihn verewigten in höchster Kunst. Sie litten an ihrer Liebe, die es ihnen nicht ermöglichen konnte los zu lassen. Cave ist ein Kitschier, der sich endlich zu sich selbst bekennen kann - weil es nichts mehr zu verlieren gibt. Das ist zwar keine Kunst, aber wenigstens konsequent. Kylie flattern Sie mal durchs Gebüsch. Très jolie!

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