Forum: Kultur
Neues Album von Nick Cave: Ist das schon Heilung oder noch Verdrängung?
Matt Thorne

Sicher ist: Wie auf "Ghosteen" hat man Nick Cave and the Bad Seeds noch nie gehört. Unsicher ist: Ob das angesichts von schmalzigen Chorälen und Synthies sonderlich begrüßenswert ist.

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Hudson, Jane 08.10.2019, 08:51
20. Ist das denn so schwer?

Die Verarbeitung einer Tragödie macht nicht immun gegen Kritik. Leid ist nicht sakrosankt, wenn es zu Markte getragen wird. Das kann es immer nur sein, wenn es in der Person verbleibt. Es ist ein Elend mit den Emotionalisierungen auf Basalniveau.

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Papazaca 08.10.2019, 09:15
21. Trauer und Kunst

Zitat von max_forster
Der Vater, der um seinen Sohn trauert, ist also ein Kummerkastenonkel. Aber immerhin, er hat ja "durchaus Humor" dabei. Danke für euer Verständnis, Spiegel Online! Ansonsten kann ich mich nur Ostfildernboy anschließen. Musik sollte mit dem Herz gehört werden, nicht mit dem Intellekt.
Der Ausdruck Kummerkastenonkel ist wirklich unnötig. Die Auseinandersetzung der Musikkritik mit Kunst, die Trauer zum Thema hat, ist aber notwendig.

Und da gibt es keine absoluten Wahrheiten. Was für manche künstlerisch überzeugend ist, ist für andere Kitsch. Menschen gehen eben unterschiedlich mit Trauer um. Wenn der gegenseitige Umgang von Verständnis geprägt ist, sehe ich da kein Problem.

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Hudson, Jane 08.10.2019, 12:45
22. Frieden und Einfalt

Wenn am Ende dann doch alles egal ist, muss man dafür unbedingt Verständnis haben. Denn auch dieses ist völlig egal. Aber wenigstens voller Verständnis.

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JohnC. 08.10.2019, 21:05
23.

Das Nick Cave seine Trauer öffentlich künstlerisch verarbeitet, muss man respektieren. Das Rezensenten und Rezipienten das künstlerische Ergebnis dann kritisieren, ist aber ebenso zu akzeptieren. Ich habe die Bestellung der CD nach mehrmaligen Hören des Albums per Stream jedenfalls storniert. Ich kann mit "Ghosteen" gar nichts anfangen, empfinde das Ganze unmusikalisch, eintönig und langweilig.

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karl-wanninger 09.10.2019, 21:50
24.

Ghosteen ist ein mutiges und reifes Werk eines großen Künstlers. Ich würde Ghosteen als Nick Caves "American Recordings" bezeichnen, denn genau wie Johnny Cash hat hier auch Nick Cave zu sich selbst gefunden und gemacht, was ihm wichtig war. Ich kann verstehen, dass es sehr zwiespältig aufgenommen wird, aber wenn man Cave für diese Stücke tadelt, dann sollte man sich die Frage stellen, ob man ihn jemals verstanden hat.

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ambulans 16.10.2019, 10:13
25. stellvertretend

Zitat von Schattenriss
Näher als an "Tears In Heaven" scheint mir "Ghosteen" an David Lynchs "Twin Peaks". Ein Tod als Ausgangspunkt; bei allem Horror, bei allem Surrealismus, bei allem Drift ins Übernatürliche und Bizarre, bei aller *quirkiness* - sorry, mir fällt grad kein geeignetes deutsches Wort als Übersetzung ein, "Schrulligkeit" trifft es nur annähernd - durchzieht eine überwältigende Traurigkeit die Serie. Die emotionalen Ausbrüche der Charaktere in "Twin Peaks" - Zusammenbrüche unter dem Leid, Weinen, Schreien - sind herzzerreißend, immer verweilt die Kamera lang auf ihnen, es gibt eine Szene, in der eine Schauspielerin (Lara Flynn Boyle), erfaßt von eben dieser überwältigenden Traurigkeit, verstärkt durch die Musik, die gerade zu hören ist im "Roadhouse", tatsächlich in Tränen ausbricht; all dies ist das Gegenteil von Kitsch, weil all dies, wie bei Cave, Resultat virtuos zusammengesetzter / komponierter Bilder ist, die, wenn wir uns darauf einlassen, außergewöhnliche Reaktionen auch in uns provozieren. Wenn "Kitsch" der allzu einfache Weg ist, Gefühle auszudrücken, dann fällt mir da auch eher "Tears In Heaven" ein, aber mein Respekt vor dem Song als Trauerarbeit wäre zu groß, um das nun groß zu kritisieren. Als Begegnung mit dem Unfaßbaren jedenfalls ist "Ghosteen" ähnlich genreübergreifend und komplex wie "Twin Peaks".
@schattenriss, @papazaca u.a. - schönes forum mit interessant-verschiedenen beiträgen. nick cave hat einen schweren (persönlichen) verlust erlitten und zu ertragen; das wird ihn sein weiteres leben leider begleiten (andere haben derartiges ebenfalls erlebt). man sollte ihn als künstler eher über sein gesamtes werk beurteilen - ein mensch (ver-)ändert sich in bald vierzig jahren intensiven lebens und wirkens nun mal; man wird eben älter - und manchmal sogar auch weiser. nachdem leonard cohen "seinen" literatur-nobelpreis leider nicht bekommen hat (dafür aber dieser knödel-sänger mit der unsäglichen mundharmonica), ist nick cave mein natürlicher kandidat, wenns man wieder soweit sein wird. sentimentalität ist nicht unbedingt mein ding, aber manchmal ertappt man sich schon, dass man unmittelbar darauf reagiert; ein beispiel: tim hardins "homecoming concert" (ca. 1980), seine stimme war bereits gebrochen, er war körperlich ein wrack und kehrte zurück in seine heimat, von wo aus er einst aufgebrochen war, um seine welt zu "erobern". "if i were a carpenter" etwa treibt mir (bei gelegenheit) heute noch die eine oder andere träne ins auge ...

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