Forum: Kultur
Neunziger-Nostalgie: Als die Leute noch Leute waren

Helmut Kohl regierte, es gab Sperrstunden, und Frauen hatten fettige Haare: In den Neunzigerjahren ging es so friedlich zu, dass man sich heute in die Vergangenheit sehnen möchte.

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MatthiasPetersbach 23.01.2016, 15:58
1.

Das erste Mal, daß mir ein Text gefällt.

Ja, früher waren Leute noch Leute. Und die Id*oten waren sicher nicht weniger - aber sie wussten nix voneinander.

Heute muß man Menschen und Originale mit der Lupe suchen, scheint es. (Stimmt zwar nicht - die kommen nur nicht vor).

Ich freue mich über jeden französischen/deutschen/skandinavischen/anderen Film, in denen Leute mit Ecken, Kanten, abstehenden Ohren und schiefen Zähnen vorkommen. Den Rest kann man schlicht vergessen. Uninteressante Gestalten.

Dieses ständige Selbsterziehen und -optimieren führt schlicht in die Belanglosigkeit.

PS: Auch Bowie war mit seinen originalen Zähnen um Längen attraktiver als mit seinem Gebiss….

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nönönönö 23.01.2016, 15:58
2. schön beschrieben...

Die Gegenwart ist immer schlechter, als sich nachträglich im Rückblick herausstellt...

Oder: Früher war alles besser scheint für alle Zeiten zu stimmen...

Oder arbeitet unser Gedächtnis eventuell einfach nur einfach selektiv und speichert eher Positive?

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mglenewinkel 23.01.2016, 16:00
3. die anderen Neunziger?

Irgendwie schreibt Frau Berg über andere Neunziger, als diejenigen die ich erlebt habe.

Vielleicht liegt es auch am Altersunterschied. Nur mal kurz Hoyerswerda zu nennen. Das sind Geschehnisse welche die Neunziger Jahr mit prägten und heute wieder da sind.

Dann hatten wir noch ein gewisses Lebensgefühl, HipHop, Techno, Raves, Ecstasy, Prince von BelAir, quietschbunt in Pastel, DotCom und der Wirtschaftsliberlismus, der uns dahin geführt hat, wo wir heute sind, mit unserer Flexibilität, welche eine Vorrausplanung unmöglich macht.

Die Nachwirkungen des Zusammenbruch der Sovjetunion und das sich die Welt anfängt immer schneller zu drehen.

Ich finde, sie beschreiben eher die Achziger aber da war ich ein Teenager und hab sie nicht aus der Warte eines Erwachsenen erlebt.

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rikoa 23.01.2016, 16:04
4. Das erste mal...

... das ich Frau Berg halbwegs zustimmen kann. Bis auf die üblichen frotzeleien gegen Männer. Rückblickend waren die 90er wirklich ein eher ruhiges Jahrzehnt.

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Peer Pfeffer 23.01.2016, 16:07
5. Sehnsucht nach dem plüschigen Wohnzimmer 90er

Ja, die Sehnsucht, dass wieder "heile Welt" ist, so wie früher, als die Probleme der Globalisierung irgendwo anders ausgefochten wurden und wir die Nutznießer waren. Aber es geht nie rückwärts, liebe Zeitgenossen, immer nur vorwärts. Wir haben jetzt auch die Rechnung zu bezahlen, das Boot ist noch nicht voll, alles andere wäre Zechprellerei.

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walldemort 23.01.2016, 16:07
6.

Es war aber auch das Jahrzehnt der Übergriffe von Mölln, Rostock, Hoyerswerda und Co. Für Minderheiten also doch bereits ein Jahrzehnt der Angst.

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event.staller 23.01.2016, 16:10
7. Erinnerungs-Verklärung

Liebe Frau Berg, daß Sie damals als Jugendliche die Welt so schrecklich fanden, ist genauso übertrieben, wie Sie aus heutiger Sicht die 90er Jahre verklären. Die "Leute" dieser Zeit werden in Florian Illies‘ Buch als die "Generation Golf" beschrieben, die sich - kurz gesagt - nur um ihr eigenes Wohlergehen kümmern. Auch wenn heute noch vielen Leuten das Hemd näher ist als die Hose, hat sich doch inzwischen mehr Nachdenklichkeit entwickelt. Aber vielleicht wird Ihnen in weiteren 15 Jahren das heutige Jahrzehnt wieder viel schöner erscheinen, als es wirklich war.

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jan07 23.01.2016, 16:25
8.

Fettige Haare sind für mich nicht das, was ich primär mit den 90ern verbinde. Ferkel gab und gibt es in jeder Epoche. Aber es war ohne Zweifel ein Jahrzehnt des Übergangs. Es trennt die Zeit vor und nach Einführung von Handy und Internet, zwei Erfindungen, die unser aller Leben gravierend verändert haben. Und längst nicht nur zum Besten. Da kann ich Frau Berg nur beipflichten. Heute denke ich manchmal mit Wehmut an die Zeit, als man eben nicht immer und überall erreichbar war. Ein fragliche Stück Fortschritt....

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nobody_incognito 23.01.2016, 16:33
9. Gefühlte Wahrheit

Hat vllt. damit zu tun, dass man in der Kindheit und Jugend die Dinge anders und unbekümmerter wahrnimmt. Für mich waren die 60er und 70er Jahre der gefühlte Höhepunkt. Aber auch rational betrachtet würde ich es als einen Höhepunkt geistig-moralischer Entwicklung sehen. Spätestens ab Mitte der 80er begann ein rapider Abstieg in jeglicher Hinsicht - Kunst, Kultur, Philosophie, Weisheit im Allgemeinen. Nur die Technik macht Fortschritte und der Überwachungsstaat bzw. die Finanzderivate. Also es ist eine Verschiebung vom mündigen selbstgesteurerten Menschen hin zum geldgesteuerten und totalüberwachten, ganz nach dem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Ist Kontrolle auf Dauer machbar und energieeffizient? Wäre Vertrauen nicht doch besser, wenn es denn machbar wäre?

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