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"New York Times": US-Verleger verkündet Ende der Print-Ära

Arthur Sulzberger Jr., Verleger der "New York Times", hat auf einem Kongress angekündigt, die gedruckte Ausgabe der legendären Zeitung einstellen zu wollen. Wann das geschehen wird, ließ er offen. Zu Spekulationen, dies könne 2015 schon der Fall sein, äußerte er sich nicht.

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darkmaan 10.09.2010, 01:36
10. kein großer Verlust

Zitat von Europa!
Das Verschwinden der gedruckten Zeitungen wäre ein riesiger Verlust für die Demokratie, für unsere Kultur, für die Wahrheit und unser Denken. Die schnellen, interaktiven Nachrichten aus dem Netz sind eine feine Sache. Aber so lange man sie nicht gedruckt vor sich hat, sind sie nicht mehr als Gerüchte, die spurlos wieder verschwinden können, wenn irgendwem nicht gefallen.
Dafür wird es und gibt es ja schon Internet Archive, bei denen man auf die alten online Ausgaben zugreifen kann. Bibliotheken müssen sich dann halt auch ganz auf elektronische Speicherung einstellen. Eine Zeitung wirft man nach ein paar Tagen in den Müll. Vor ein paar Jahren noch war es ein großer Aufwand überhaupt alte Nachrichtenartikel zu fineden. Heutzutage ist dies dank Internet kein großes Problem mehr.

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Wintermute 10.09.2010, 08:42
11. Ausdrucken? :)

Zitat von Europa!
Die schnellen, interaktiven Nachrichten aus dem Netz sind eine feine Sache. Aber so lange man sie nicht gedruckt vor sich hat, sind sie nicht mehr als Gerüchte, die spurlos wieder verschwinden können, wenn irgendwem nicht gefallen.
Die druckfrisch riechende Zeitung neben den Croissants auf dem Tisch in allen Ehren - aber wenn Ihnen die Flüchtigkeit des Mediums missfällt, können Sie a) lokal speichern oder b) ausdrucken. Selbst bei einem interessanten Artikel pro Tag würde das den Papierverbrauch pro Leser wahrscheinlich auf ein Tausendstel senken ...

Was natürlich das Problem des Geschäftsmodells und der Finanzierung einer Redaktion nicht löst.

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Wintermute 10.09.2010, 08:57
12. Quo vadis, Zeitung?

Der Zeitung als einem gräulichen Papierberg, dessen Herstellung und Verbreitung teure Ressourcen kostet und die Umwelt schädigt, weine ich keine Träne nach. Internet gibt es im Jahr 2010 fast überall (auch mobil) für kleines Geld, und auf der Couch empfehlen sich das iPad und andere Leichtgewichte als Lesegeräte. Man werfe zum Beispiel einen Blick auf Flipbook, da macht die Lektüre Spaß.

Was ich hingegen schon heute vermisse, ist hochwertiger Journalismus. Redaktionen, die mehr leisten als Meldungen umformulieren. Kommentare, die nicht bloß Meinungsbilder sind, sondern überzeugend Standpunkte vermitteln. Ein Kulturteil, der mich auf Neues bringt. Usw.

All das kostet Geld. Und dieses Geld ist online offensichtlich mit Anzeigen kaum zu erwirtschaften, wenn tausend Konkurrenten Vergleichbares anbieten.

Ich mache mir darüber immens Sorgen.

Die Musikindustrie - als Negativbeispiel - ist für ihren langsamen Tod selbst verantwortlich. Sie hat ihre Kunden gegängelt (DRM), verschaukelt (Preisgestaltung) und kriminalisiert. Gute Musik zu machen, kostet nicht viel Geld; eine CD-fähige Produktion kann man mit viel Schweiß, Blut, Tränen und dem Budget eines etwas besseren Familienurlaubs hinbekommen. Dafür braucht niemand einen selbstverliebten A&R und große Marketingbudgets. Der Wille zur Tournee und eine überzeugende Onlinepräsenz können reichen; den Rest erledigt (hoffentlich) das Netz.

Für Zeitungsarbeit gilt all das leider nicht.

Zeitungen und Nachrichtenmagazine brauchen Archive, Rechercheure, Korrespondenten in aller Welt, Fotografen und Edelfedern, die man gerne liest. Sie brauchen auch Rechtsabteilungen, die sicherstellen können, dass eine freche, mutige Redaktion nicht ganz schnell Maulkörbe von den Mächtigen bekommt, denen eine "vierte Macht" nicht passt.

All das kriegt man nicht für ein paar Pfennig.

Ich würde hierfür gerne einen adäquaten Preis bezahlen - aber ich sehe kein Geschäftsmodell, das von diesem diffusen Wunsch einer Minderheit zu solide finanzierten Online-Zeitungen führt.

Wie geht es weiter?

Wenn der letzte SPIEGEL-Redakteur für immer das Licht ausgemacht hat, die SZ insolvent und die NYT hinter einem Paywall verschwunden ist ... werden wir feststellen, dass dpa-Meldungen alleine auch nicht froh machen.

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dr. kaos 10.09.2010, 11:02
13. Titellose Zeitungen...

Zitat von sysop
Arthur Sulzberger Jr., Verleger der "New York Times", hat auf einem Kongress angekündigt, die gedruckte Ausgabe der legendären Zeitung einstellen zu wollen. Wann das geschehen wird, ließ er offen. Zu Spekulationen, dies könne 2015 schon der Fall sein, äußerte er sich nicht.
Ich habe Ende der 60er als kleiner Junge in NYC gelebt, und die Sonntagsausgabe der NYT (und das New Yorker) waren DIE Leseerlebnisse der Zeit (Wobei ich beim New Yorker eher die Cartoons mochte).
Sicherlich ist es bereits heute einfacher, mit einem elektronischen Gerät und einer passen Funkverbindung prinzipiell _alle_ Nachrichten dieser Welt zu bekommen, egal ob 'Sack Reis in China umgefallen' oder 'Teebeutelexplosion in Londoner Coffee-Shop' oder auch _wichtige_ Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

Aber es fällt mehr und mehr auf, dass gerade in Internet alle Nachrichten zu einem Thema gleich sind. Warum?

Es wird nicht mehr recherchiert. Wann hat der Spiegel den letzten GROSSEN Aufmacher gehabt, der von anderen Medien noch nicht publiziert wurde? Wo sind die Aufklärungsjounalisten á la Rudolph Augstein oder Henri Nannen geblieben?

Sie sitzen an ihren Schreibtischen, lesen irgendwas im Netz nach, redigieren eine <hier beliebige Nachrichtenagentur einsetzen> Meldung und liefern alle nur den gleichen Scheiß. Das betrifft aber genauso die lokalen Printmedien. Sie bestehen zu 50% aus Anzeigen/Werbung, zu 4 Seiten aus Wirtschaft, zu 4 Seiten aus politischen dpa-Meldungen, und wenn überhaupt ein Kommentar, dann bestenfalls eine Spalte 20 Zeilen, mit einem kleinen 'du du du ts ts' am Ende.

Ich kaufe deswegen schon lange keine gedruckten Zeitungen/Zeitschriften mehr, da bereits alles Wochen vorher im Netz steht. Einzige Ausnahme bilden zwei exzellente Fachzeitschriften aus dem Eisenbahn- und dem Güterverkehrsbereich, die ihre Artikel eben NICHT online veröffentlichen. Aber dafür bin ich bereit, auch mal 10€uro pro Ausgabe hinzulegen.

Da weiß ich, haben sich FACHredakteure um Sinn und Inhalt bemüht und ihre Fakten an den richtigen Stellen nachgeprüft. Ich kann davon ausgehen, dass diese Leute ihr Arbeitsgerät beherrschen und gelegentlich auch mal Korrekturlesen. Und z.B. wissen, wie man die automatische Rechtschreibung am PC einschaltet, was gerade bei SpOn nicht immer der Fall ist.

Natürlich ist die NYT eine Institution in Amerika, genau wie z.B die FAZ in Deutschland. Aber es wird tatsächlich so werden, wie von vielen befürchtet: Einige Mächtige werden den Agenturen in die Feder diktieren, was zu kommunizieren ist, und die allergrößte Masse der Volontäre wird das unreflektiert in die verbliebenen Restzeitungen übernehmen. Und die wenigen 'Starjournalisten' (gibts überhaupt noch eine/n?) werden einen Teufel tun, irgendwelche Machenschaften aufzudecken, denn das wäre möglicherweise Ende der Karriere oder gar des Lebens.

Das wird das Ende der Meinungsfreiheit sein, denn man wird Meinungsgebildet sein ohne großartige Alternativen zur selbstständigen Informationsbeschaffung.

George Orwell hatte aus seiner Sicht 1984 als Zielzeitpunkt für diese Vision genannt. Vielleicht wirds 40 Jahre später, bis wir soweit sind, und hoffentlich erlebe ich es gar nicht mehr.

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