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Nobelpreisträger Peter Handke: Der bessere Feind
Barbara Gindl/ apa/ DPA

Peter Handke bekommt den Literaturnobelpreis 2019 - trotz aller Verklärungen, trotz aller Gegner, die sich der Österreicher gemacht hat. Er hat ihn sich verdient mit seinem wahrhaftigen Werk. Eine Gratulation.

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Tom Joad 10.10.2019, 16:33
1. Handke?

Ich habe "Die Angst des Torwarts beim Elfmeter" gelesen oder zumindest versucht zu lesen (schon der Titel ist leider Mist) und kann diesbezüglich nur auf ein Reich-Ranicki-Zitat zurückgreifen: "Ich habe mich ganz fürchterlich gelangweilt." Meiner Meinung nach ist die Entscheidung für Handke als Literatur-Nobelpreisträger noch weniger nachvollziehbar als die für Bob Dylan.

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air.zrakovic 10.10.2019, 16:46
2. Big Fail zur Auswahl

Peter Handke unter anderem gesagt, dass "sich die bosnischen Muslime selber umgebracht haben, um es anschließend den Serben in die Schuhe zu schieben"!

Mehr gibt es zu Peter Handke nicht zu sagen.

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vera gehlkiel 10.10.2019, 17:03
3.

Bisschen komisch, das ganze Gewicht hier auf die skandalöse Rechtfertigung eines perfiden Schreibtischtaeters durch einen weltabgwandten Literaten/Philosophen zu legen. Ich denke, wer von relevanter Kunst redet, muss von Reue reden & vom 'Verwirktsein' bestimmter Ansprüche anhand relevanter Fakten im Kontext des Werkes selbst. Handkes Geschreibsel und Gestammel zu Milosevic war für mich kein Deut mehr wert, als wie wenn man Howard Carpendale was zu Nelson Mandela fragt. Wuetig ichsuechtige Verneiner der öffentlichen Wahrheitsfimmeligkeit können sich selbst im Nachgang sowieso kaum als würdige Preistraeger im Rahmen einer wahrheitsfimmeligen Verleihung abbilden, und zu Handkes regressivem Beharren auf seinem höchst privaten Milosevic und seiner zahllosen Opfer passt sowieso irgendwie keinerlei Apologie eines Journalisten. Das ist ein doch augenfälliger Widerspruch in sich. Mit dem "trotzdem" Nobelpreis bin ich sogar einverstanden, Handke schreibt ganz schlicht und einfach saugut, und seine radikale "Abkehr vom Abenteuer" ist zwar schon eine Erfindung Sartres von vor ca. hundert Jahren ("Der Ekel"), aber weiterhin wert, im Hinblick auf radikale Reduktion statt auf die sich etwa bei Knausgard ansammelnden Kilometer Text untersucht zu werden. Das ist gesellschaftlich doch relevant genug!

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Salomo 10.10.2019, 17:09
4.

Zitat von air.zrakovic
Peter Handke unter anderem gesagt, dass "sich die bosnischen Muslime selber umgebracht haben, um es anschließend den Serben in die Schuhe zu schieben"! Mehr gibt es zu Peter Handke nicht zu sagen.
Air.Zrakovic erinnert zu Recht daran: Peter Handke wurde eine Verharmlosung, wenn nicht sogar Leugnung der serbischen Kriegsverbrechen im Jugoslawienkrieg vorgeworfen:

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/handke-debatte-versuch-ueber-das-geglueckte-kriegsverbrechen-a-419661.html

Im Jugoslawienkrieg und im Kosovokrieg hatten alle Seiten Dreck am Stecken, keine Seite hatte zum Schluss eine weiße Weste. Es gab aber nicht wenige Beobachter und Korrespondenten, unter denen Konsens herrschte, dass Serbien der Hauptanteil anzulasten war.

Ein Nobelpreisträger sollte nicht nur in seiner preisgekrönten Disziplin herausragen, sondern er sollte auch frei von ethisch äußerst angreifbaren öffentlichen Äußerungen sein, wenn er als nobelwürdig gelten soll. Dies ist kein Statement über Handkes dichterische Qualitäten (da ich in moderner Literatur nicht besonders bewandert bin), aber seine Serbien-Auslassungen haben bei mir - bildlich gesprochen - einfach Bauchschmerzen hinterlassen.

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marijo111 10.10.2019, 17:16
5. Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte ...

Der Nobelpreis geht an den Duz-Freund des größten europäischen Schlächters der letzten 30 Jahre. Gratulation! Man schaue sich bitte ein paar Kommentare und Interviews aus den 90ern dieses verwirrten Herrn mal an ... unfassbar!

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cybion 10.10.2019, 17:23
6. Kaspar

Wer Handke in seiner frühen Schaffensphase nicht - auf welche Weise auch immer - rezipierte, lebte an der Zeit vorbei. Dass man 16-Jährige für den Umgang mit Grammatik und Sprachstrukturen fast begeistern konnte - zumindest aber zur Reflexion über das Medium Sprache anregte - ist seinem Werk "Kaspar" zu verdanken. Das alleine verdient schon eine besondere Auszeichnung - von Bob Dylan wollen wir gar nicht erst anfangen.

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Jane A. 10.10.2019, 17:30
7. Arthur Miller und Reich-Ranicki hatten Recht!

Arthur Miller soll einmal gesagt haben: „Um von den Kritikern als gut beurteilt zu werden, muss ein Buch vor allem eines sein: langweilig.“ Anscheinend haben die Juroren des Nobelpreiskomitees nach dieser Devise Handke als Preisträger ausgewählt. Nicht nur Reich-Ranicki hat sich beim Lesen zumindest eines Werks von Handke gelangweilt!
Frau Olga wer? soll zumindest in Polen recht bekannt sein, hierzulande haben auch passionierte Leser*innen meist noch nie von ihr gehört. Ich hatte auf die großartige Margaret Atwood gesetzt- aber sie schreibt wohl zu unterhaltsam (s.o.).

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m.jakobs 10.10.2019, 17:58
8.

Es war der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere Staatssekretär im Verteidigungsministerium der Regierung Helmut Kohls, der von den Amerikanern (in seiner Eigenschaft als Vizepräsident der OSZE) erfuhr, dass die Kriege in Jugoslawien von den USA unter Einsatz der CIA, die hierfür unter anderem Osama bin Laden mit seinen Leuten von Afghanistan nach Bosnien transferierten (der Chef-Terrorist wurde dort auch von einem ZDF-Chefredakteur am Hof des bosnischen Präsidenten bemerkt) inszeniert wurden, weil ein vereintes Jugoslawien nicht ins geostrategische Konzept der USA passte und das Land deshalb in Kleinstaaten zerstückelt werden musste.
Warum zB. wurde die Industrie Jugoslawiens im Krieg durch Bombardements vernichtet?
Wofür die Vergiftung großer Teile der Bevölkerung durch Uranmunition, die bei dem Krieg eingesetzt wurde?

Hier noch zur Beleuchtung der Dinge eine Dokumentation des WDR - sowas gibts leider immer erst, wenn nichts mehr zu reparieren ist: https://www.youtube.com/watch?v=ZtkQYRlXMNU

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mark.muc 10.10.2019, 18:06
9. Der Literaturnobelpreis ist kein Friedensnobelpreis

Natürlich hat Handke den Preis verdient. Seine politischen Fehltritte ändern nichts daran. Manche Kommentare gemahnen mich an Lichtenbergs Aphorismus: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch? Sicher fallen einem immer auch andere Namen ein. So wäre es seinerzeit noch begrüßenswerter gewesen, wenn Handkes Landsmann Thomas Bernhard diesen Preis erhalten hätte, wenngleich er diesen Preis wohl ausgeschlagen hätte. Und selbstverständlich kann hier niemand schon wegen der Bindung an seine Muttersprache im Weltmaßstab urteilen.

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