Forum: Kultur
Öffentliche Entschuldigungen: Tut mir ja sooo Leid
Leonhard Foeger/ Reuters

Wer etwas falsch gemacht hat, bittet um Verzeihung - so weit die Theorie. Doch in der Praxis läuft das oft anders: Entschuldigt wird sich für vermeintlich verletzte Gefühle statt für Fehlgriffe.

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dvs 21.05.2019, 16:51
90. Gefühlig

Die ersten, die jede Kritik nicht als Kritik, sondern als Ausdruck der entgleisten Gefühlslage des Kritikers interpretierten, waren doch eigentlich Feministinnen, oder nicht? Oft noch mit dem Hinweis, dass an den eigenen Ansichten ja was dran sein muss, wenn die Gesichszüge des Gegenübers die Form verlieren. Der hat nur Angst um seine Privilegien, die nur Angst um ihre Pfründe, jener fühlt sich auf den Schlips getreten usw. usf. Insofern - same procedure as every year. Interessanter finde ich da schon die Frage, wie die oft komplett unverfroren behauptete Gefühlslage des Kritikers (fake news, gegen die sich zu wehren sehr schwer ist) bewertet wird. Es ist nämlich gar nicht selbstverständlich, dass der Rückzug des Adressaten (es tut mir ja so leid) erfolgt, genausogut kann es Anlass zu triumphierendem Nachsetzen sein - insofern, schlicht ein Machtspiel. Derjenige findet das Spiel doof, der glaubt, gerade die Macht auf seiner Seite zu haben, aber nicht, weil er es doof findet, sondern weil er Nachsetzen möchte.

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nobody_incognito 21.05.2019, 16:57
91.

Zitat von ray05
Nämlich um Ehrlichkeit um der Ehrlichkeit willen. Darum geht's der Kolumnistin vermutlich. Diese Kantsche Unterkategorie ist absolut cool. :)
Im Sinne Kants wäre es dann sicherlich auch zwischen "Ehrlichkeit" und "Wahrheit" zu unterscheiden. Da kommt es dann zu einem wechselwirkenden Lernprozess mit gleichzeitiger Verinnerlichung des Erlernten, bei welchem Vorgang man sich einer authentischen Vernunft annähern kann. Also wenn es sowas wie "angeborene Vernunft" gibt, dann liegt sie mal im Bereich der Lernfähigkeit, denn auslernen tut man in der wahrheitsoffenen Wirklichkeit "wahrscheinlich" eh nie. Wichtig wäre die Prämisse, dass es sowas wie "Wahrheit" überhaupt gibt und dass Ignoranz derselbigen unweigerliche Konsequenzen hat.

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Ambrosicus 21.05.2019, 17:07
92.

Dass Strache sich bei seiner Frau entschuldigt, fand ich seltsam. Aber dank dieses Artikels verstehe ich es jetzt besser: Es ist Teil der Erzählung vom vermeintlich besoffenen Imponiergehabe, mit der er seine Aussagen kleinreden will. Dazu gehört dann natürlich die Entschuldigung bei seiner Frau, natürlich öffentlich, damit das einen positiven Einfluss auf seine einfach gestrickten Anhänger ausübt. Die Entschuldigung als Lüge in einer Lüge.

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lexrab 21.05.2019, 17:13
93. Na und?

In gefühlt jeder zweiten Kolumne bezichtigt Frau Stokowski die Männer im allgemeinen, Frauen zu unterdrücken, zu diskriminieren und im schlimmsten Falle zu vergewaltigen. Als Mann, der all das nicht tut, bin ich in meinen Gefühlen verletzt. Weder hat Frau S. für diese groben Gefühlsverletzungen bisher öffentlich um Entschuldigung gebeten, noch solche Beschuldigungen unterlassen, bzw. gar bereut. Frau S. bitte nicht immer mit dem Finger auf andere zeigen, auch mal an die eigene Nase fassen!

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carn 21.05.2019, 17:29
94. Das etwas nervtötende Entschuldigungsgelaber

von wegen verletzter Gefühle - die eigentlich wenig Problem darstellen sollten, schließlich sollten erwachsene selbstständige Menschen damit umgehen können, wenn ihre Gefühle hier und da nicht mit öffentlich gesagtem kompatibel sind -

geht meiner Ansicht nach zum Teil auch darauf zurück, dass die Öffentlichkeit und die Empörungsmaschinerie, gerade auch online,

zu DÄMLICH und/oder UNFÄHIG ist,

das Konzept eines fairen Diskurses zu verstehen.

Ein fairer Diskurs liefe wie folgt:

A zu B: "Das war nicht in Ordnung, weil ..."
B zu A: "Ok, das kann ich insoweit nachvollziehen/nicht nachvollziehen, weil ...; ich hatte so gehandelt, weil ... und dachte das sei in Ordnung, weil ..."
A zu B: "Unter Berücksichtigung, was du dir dabei gedacht hast, und unter Berücksichtigung der Umstände und der Motivation, modifiziere ich meine Kritik/belasse sie gleich, weil ..."
B zu A: "Ok, dann habe ich insoweit einen Fehler gemacht, wie ..."
Azu B: "Ok, gut ists."

Tatsächlich läuft aber aufgrund der DÄMLICHKEIT/UNFÄHIGKEIT der Diskurs wie folgt ab:

A zu B: "Das war nicht in Ordnung, weil ... ENTSCHULDIGE DICH JETZT SOFORT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!"
B zu A: "Ok, das kann ich insoweit nachvollziehen/nicht nachvollziehen, weil ...; ich hatte so gehandelt, weil ... und dachte das sei in Ordnung, weil ..."
A zum Rest der Welt: "B IST MORALISCHER ABSCHAUM, DENN ER SIEHT SEINE SCHULD NICHT EIN, SONDERN VERSUCHT SICH ZU RECHTFERTIGEN!!!!! REDET NICHT MEHR MIT B!!!!! GEBT B NICHT DIE HAND!!!!!! RUINIERT IHN!!!!"


Folgerichtig ist es für B in der geschilderten Situation viel rationaler eine Entschuldigung anzubieten, die ehrlich und zutreffend (es ist ja z.B. wirklich unbeabsichtigt und bedauerlich, wenn eine Werbung schlecht ankommt und mehr Gefühle verletzt als das beworbene mit einem positiven Gefühl zu verbinden; das will man als Werbender wirklich nicht, beabsichtigt es auch meist nicht und bedauert es wirklich; man bleibt also ehrlich) und bei der A dann irgendwie nicht mehr viel dagegen sagen kann und die A nicht mehr zum Aufhetzen eines Online-Mobs nutzen kann.

Die unerwünschte Nebenfolge ist natürlich, dass sich vorsätzliche Missetäter das Muster abschauen und so den Kopf aus der Schlinge ziehen.

Die Lösung wäre natürlich, wenn die Öffentlichkeit erwachsen würde und lernen würde damit umzugehen, dass man einen kritisierten auch anhört und seine Verteidigungsworte fair beurteilt, anstatt gleich aus dem Versuch einer Rechtfertigung eine weitere schlimme Tat herbeizureden und den Online-Mob weiter anzuheizen.

Es steht SPON und seinen Autoren frei, hier als gutes Vorbild voranzugehen.

Bis dahin müssen wir leider mit diesem dämlichen Entschuldigungsgelaber leben, denn anders kann man sich - ohne ein möglicherweise unwahres und unzutreffendes Schuldeingeständnis - nicht vor einem Online-Mob sicher schützen.

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klichti 21.05.2019, 18:19
95.

Zitat von jinroh
Die Menschen die sich über das verhalten von Strache aufregen sind entweder Heuchler oder Weltfremd! Man könnte in jedem Land der Welt an jedem Tag mit Politikern aller Parteien solche Videos drehen!
Oh, liebes Kind, das glaubst Du doch nicht wirklich, oder? Sonst müßte man dringend eine Pflegschaft für Dich beantragen, weil Du ein so holzschnittartiges Weltbild hast, daß Du de facto lebensuntüchtig wärst. Oder könntest Du Dir unser aller geliebte Merkel besoffen protzend und balzend und so hanebüchene Sprüche raushauend vorstellen? Die Hauptfrage, die sich mir nach der Betrachtung des Videos gestellt hat: Verdammt, Donald Trump ist kein Ausreißer, die Infantilen und Enthemmten sind tatsächlich ein echter Menschenschlag, nicht nur einzelne total aus dem Rahmen fallende Ausreißer. Wie kann man sowas vor den Wählern verbergen? Wer wählt so wen? Gut, nach den letzten Wahlen in den USA kann man sagen, so etwa die Hälfte der Bevölkerung, traurig, aber wahr.

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Margaretefan 21.05.2019, 18:22
96. @ #93 von lexrab

Ich würde bei Ihrer Ausführung auf ausgeprägtes Strache-Syndrom tippen.

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ray05 21.05.2019, 18:53
97.

Zitat von jinroh
Die Menschen die sich über das verhalten von Strache aufregen sind entweder Heuchler oder Weltfremd! Man könnte in jedem Land der Welt an jedem Tag mit Politikern aller Parteien solche Videos drehen!
Hat das Dein Papa gesagt? :)

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