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Österreichische Verhältnisse: Die ungewollte Nation
Herbert Neubauer/ APA/ DPA

Österreich ist ein traumatisiertes Land, ein Rumpfstaat, übrig geblieben nach dem Ende der Doppelmonarchie. Die Kontroversen von damals wirken bis heute nach - es ist eine zerrissene Republik auf der Suche nach Identität.

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guttifan 22.05.2019, 19:55
1. Geschichtsstunde

Übersehen wird oft, dass Österreich bis 1866 ein deutscher Staat war wie jeder andere (Preußen, Bayern, Baden, Sachsen) mit zusätzlich eben der Tatsache, dass das Herrscherhaus, die Habsburger, auch Herrscher waren über Ungarn, das heutige Tschechien, Kroatien, Bosnien und andere. Lange wurde darum gerungen, ob das sich abzeichnende neue deutsche Reich unter preußischer Führung unter diesen Bedingungen Österreich mit umfassen konnte (großdeutsche Lösung), oder eben ohne Österreich samt Anhängseln begründet werden sollte (kleindeutsche Lösung). Letztere setzte sich durch. Im Grunde haben viele der jetzigen Österreicher - das wird aus vielen Gesprächen deutlich - es immer noch nicht verdaut, dass sie dem großen deutschen Staat nicht beitreten durften. Damals wie heute war bzw. wäre aus Gründen des Gleichgewichts mit dem Einverständnis der übrigen Europäer nicht zu rechnen.

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Neapolitaner 22.05.2019, 19:56
2. Wenn Tirol 1814 bei Bayern verblieben wäre

dann wäre es wohl auch heute Teil Bayerns (allerdings hätte Bayern Teile Frankens nicht) und niemand würde bemerken, dass Tirol "eigentlich zu Österreich gehört". Umgekehrt gehört Wien zu Böhmen und Mähren. So ist ein Kompromiss-Staat entstanden, als Folge zahlreicher europäischer Teilungen übriggeblieben, weitaus eher süddeutscher Teilstaat als eigene Nation. Die Auflösung des Habsburger Reiches, für Österreich eine Tragödie, wurde von den Alliierten im Vertrag von St. Germain 1919 verfügt. Verständlich, dass viele in Österreich "national" wählen - ändern kann das nichts.

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StefanB. 22.05.2019, 19:58
3. Bitte durchatmen

Lieber Spiegel, jetzt ist aber bitte mal wirklich Zeit fürs Durchatmen. Ihre Analysen greifen leider zu kurz. Ich bin 47, gebürtiger Österreicher, lebe und arbeite sowohl in DE als auch in AT. Somit kenne ich naturgemäß beide Länder ausgesprochen gut. Als Marketer muss ich mich zudem auch beruflich laufend mit der deutschen und österreichischen Seele auseinandersetzen. Und ja, es stimmt: noch in meiner Jugend WAR Österreich ein traumatisiertes Land. Meine Großeltern wuchsen noch in der Monarchie auf, waren damit Bürger einer europäischen Großmacht. Man stelle sich vor: es gab sogar österreichische Seestreitkräfte! Die Reduktion auf "Deutsch-Österreich" 1918 tat ihnen natürlich in der Seele weh. hat sie gekränkt - heute erleben wir ein analoges Trauma bei den Briten, die der Verlust ihres "Empires" ebenso schmerzt. Wie würde Deutschland wohl auf den Verlust von 90 Prozent seines Staatsgebietes reagieren? Nun das große Aber und gleichzeitig der Dank an unsere Altvorderen: die Lehrpläne im Bildungssystem der 70er und 80er-Jahre haben in Österreich einen ausgezeichneten Job gemacht und uns Kindern eine gemeinsame nationalstaatliche Identität eingeimpft. Basierend auf dem Staatsvertrag, auf den politischen Erfolgen Österreichs (Kreisky), dem steten wirtschaftlichen Aufschwung und dem sozialpartnerschaftlichen Konsens wuchs eine Nation heran. Und ist es als "Vielvölkerstaat" heute mehr denn je. Mit allen Stärken und Schwächen einer entwickelten Demokratie. Klingt langweilig? Ist aber so.

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spon_2277428 22.05.2019, 19:59
4. Wie wirklichkeitsfremd, diese Analyse!

Meine Mutter kommt aus Österreich, mein Vater aus Deutschland. Fast alle Ferien, zahlreiche Urlaube und einige Dienstreisen haben mich nach Österreich gebracht. Ich hatte sogar einen Kollegen aus Wien. Von innerer Zerrissenheit, was die nationale Identität betrifft, ist kaum ein Land dieser Welt entfernter als Österreich. Ich empfehle jedem die eigene Anschauung vor Ort bei nächstbester Gelegenheit...

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Tom Joad 22.05.2019, 20:02
5. Zur Vertiefung

Ein interessanter Artikel. Wer mehr erfahren möchte über das Österreich der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, dem sei die Autobiografie "Die Welt von Gestern - Erinnerungen eines Europäers" von Stefan Zweig hiermit wärmstens empfohlen.
(Zweig ist für mich "der beste" deutschsprachige Schriftsteller. Wie kein anderer verbindet er höchste sprachliche Präzision mit atemberaubender erzählerischer Geschwindigkeit.)

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kahabe 22.05.2019, 20:03
6. Richtig!

Ungewollt, die Republik Österreich. Weil, man wollte als Deutscher zum Deutschen Reich. Die Siegermächte haben es schlicht und einfach verboten nach dem Ersten Weltkrieg. Und das führte zu 1938 mit all dem Jubel, den es bald nicht mehr geben durfte; und der heutigen Zerrissenheit. Meint ein oller deutscher Piefke, der aus ganzem Herzen Europäer ist. Was wohl nur auf dem Kontinent geht.

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karmi1001 22.05.2019, 20:12
7. Österreich ist nicht viel anders entstanden als das heutig Deutschland

Nämlich durch Zusammenbruch eines grösseren Reiches. Daraus kann man nicht den Schluss ziehen dass es an Identifikation mit der Repuplik fehlt. Die ist in Österreich nicht geringer als in der BRD.
Wechselnde parlamentarische Machtverhältnisse ergeben sich nicht aufgrund einer "Zerissenheit" sonder durch demokratischen Wechsel.
Die unterschiedlichen politischen Vorlieben in den österreichischen Bundesländern sind ähnlich wie in Deutschland ein Spiel demokratischer Kräfte.
Wien mit seinen knapp 2 Millionen Einwohnern ist die sechstgrösste Stadt in den 28 Staaten der EU, also keinesfall eine der kleineren wie im Artikel behauptet. Urbane Wähler haben andere Bedürfnisse als die Bevölkerung am Land. Daraus eine unterschiedliche Einstellung zur Republik zu konstruieren ist weit hergeholt, bzw. trifft nicht zu.

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Pinon_Fijo 22.05.2019, 20:17
8.

> Die Alliierten hatten es zerschlagen.
Die Zerschlagung der KuK-Monarchie war auch eine der dämlichsten Ideen in der Geschichte der Menschheit.
Der größte Dank dürfte allerdings den Ungarn gelten, an deren Egoismus eine Gleichstellung der anderen Reichsteile (Böhmen/Tschechien, Kroatien usw.) verhinderte; an den Österreichern an sich ist eine weitergehende Reichseinigung nämlich nicht gescheitert, wenngleich sie sich von den Ungarn das politische Geschehen nicht so sehr hätten diktieren lassen dürfen.

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bestrosi 22.05.2019, 20:18
9. Traditionen woraus?

Mich würde interessieren, wie sich diese "langen Tentakeln" denn über die Jahrzehnte weiter vererben (!). Schließlich leben heute keine Österreicher mehr, die die 20er, geschweige denn das KuK-Reich, bewusst erlebt haben. Ist es der Schulunterricht, sind es die Zeitungsberichte, ist es die familiäre Erzählung an Festtagen oder die Prachtbauten der Wiener Ringstraße? Welcher Österreicher sagt denn heute bewusst: "Ach ja, wir (!) waren ja mal ein großes Reich, da bin ich aber heute deprimiert"?

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