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Pelham vs. Kraftwerk: Das bedeutet das Sampling-Urteil
DPA

Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Songs ist kaum hörbar, aber im Streit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham geht es trotzdem um eine Grundsatzfrage. Der Überblick.

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OberWutBuerger 31.05.2016, 13:44
1. Kunstform

Die Collage lebt davon aus bestehender Kunst neue Kunst zu schaffen. Die Collage ist eine anerkannte Kunstform und in dem Sinn ist es doch so, dass seit Mozart keine neue Tonfolge und/oder Rhytmus mehr erfunden wurde und aus diesem Grund nur einer Recht auf Entschädigung hätte. Wolferl.

Im Ernst: Ich halte es für zulässig wenn kleine Sequenzen verwendet werden aber es ist absolut unumgänglich, dass der Urheber benannt wird.

Co-Autor des Titels ist und bleibt Kraftwerk.
Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Das ist wie beim Zitieren. Zitate müssen auch ordentlich gekennzeichnet werden. Bei Rhytmen mag die Sequenz noch so kurz sein. Natürlich muss man nicht die erste Verwendung des Wortes "und" als Zitat kennzeichnen aber Melodien und Rhytmen sind ja wohl was ganz Anderes.

Zu lascher Umgang mit dem Urherberrecht ist unerträglich aber aus jedem Dreck Kapital schlagen zu wollen auch.

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Spantax 31.05.2016, 13:51
2. marginal?

Wenn der Beitrag des Parts von Kraftwerk wirklich so marginal ist, wie man es uns hier erzählt, frage ich mich, warum man nicht darauf verzichten konnte. Und wenn er es nicht ist, frage ich mich, warum man nicht dafür bezahlt und so dem Urheber die Anerkennung zollt, die ihm gebührt.

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Notenleser 31.05.2016, 13:52
3. Aus musikologischer Sicht sehr problematisches Urteil

Ich finde, daß die höchsten Richter hier ziemlich überfordert waren, weil sie die musikalischen Implikationen ihrer Entscheidung sehr wahrscheinlich nicht übersehen konnten. Wie wäre denn wohl entschieden worden, wenn Richard Wagner urheberrechtlichen Anspruch auf seine typischen Harmoniewendungen oder ein anderer auf bestimmte von ihm entdeckte melodische "Snippets" erhoben hätte? Einerseits hängt die Weiterentwicklung der Musik eng mit der Möglichkeit zusammen, Ideen von Vorgängern aufzugreifen. Andererseits machen eben diese Besonderheiten, die ein Komponist er- oder gefunden hat, das Eigentümliche seines Schaffens natürlich aus, und oft läßt sich dies auf bestimmte "Snippets" harmonischer, melodischer oder auch rhythmischer Art reduzieren.

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hmutt 31.05.2016, 13:55
4. Was für ein Glück

Was für ein Glück, dass es zu Zeiten von Barock und Klassik noch kein Urheberrecht moderner Art gab. Gerade zu Zeiten Bachs war es üblich und gehörte im wahrsten Sinne des Wortes zum guten Ton, fremde Stücke in eigenen Kompositionen zu verwenden und so auch dem Original Tribut zu zollen. Da waren natürlich Musiker auch noch fest angestellt und es gab keine Musikindustrie, die den letzten kreativen Funken auslöscht, um ihrer Beliebigkeit das Feld zu bereiten.
Dass ein zweisekündiger Geräuschfetzen schützenswert sein soll ist so absurd, dass man es gar nicht glauben kann. Da könnte man auch jeden Satz, der jemals gesagt wurde urheberrechtlich schützen. Die Folge wäre...Stille. Und das ist auch das, was die Tralala-Industrie zur Folge hat, eine kreativlose Stille, die so laut ist, dass es weh tut.
Wie bei den Patenten, es geht nicht mehr darum, wer innovativ ist, sondern wer die meisten Allerweltspatente hält, um die Konkurrenz auszuschalten.

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a.totok 31.05.2016, 13:56
5.

irgendwann ist melodisch alles durchgekaut. man kann nicht immer neues schaffen.

ansonsten lasse ich ein rechenzentrum willkürlich alle kombinationen an melodien durchkomponieren und veröffentliche diese dann unter meinem namen.

direkt aus einem original zu klauen ist dennoch eine schweinerei. nachzuempfinden dagegen nicht. es soll aber schon selbstgemacht sein und nicht eins zu eins aus einem archiv geklaut, ohne sich zu vergewissern, ob es überhaupt im öffentlichen bereich liegt.

aber wir als gesellschaft müssen auch hier herantreten und endlich mal den zeitlichen schutz auf ein verträgliches niveau ändern. geistiger eigentum darf auch nicht ewigen schutz genießen - selbst der tod des erschaffers kümmert die rechteverwerter nichts.

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Hofnarr1 31.05.2016, 14:00
6.

Pelham hat also das Sample ohne Wissen über dessen Herkunft verwendet, aha. Sofern er keine freie Sample-Bibliothek verwendet hat, muss ihm klar gewesen sein, dass es sich um urheberrechtlich geschützte Werke handelt. Er ist schließlich Berufsmusiker. Warum hat er das Sample verwendet? Er hätte ja etwas Eigenes "basteln" können; Kopieren ist aber einfacher.
Wenn ich nicht weiß, wem etwas gehört, lasse ich die Finger davon. Und wenn ich es weiß, frage ich um Erlaubnis. So einfach ist das.

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chestbaer 31.05.2016, 14:03
7. Endlich

Gutes Urteil und gut erklärt. Man muss ja auch realisieren, dass der Raum möglicher kurzer Tonabfolgen und Rhythmen endlich ist. Wenn ich mir diese gewissermaßen patentieren kann, darf bald keiner mehr Musik machen ohne Angst zu haben, eine Tonfolge zu verwenden die irgendwer schon mal irgendwo benutzt und geschützt hat.

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SchmidtPe 31.05.2016, 14:04
8. Musik beruft sich immer auf bereits Erschaffenes

Eine bestimmte rhythmische Phrasen zu "patentieren", würde die Entwicklung der Musik zu Stillstand bringen. Selbst revolutionär neue Stücke nehmen immer Anleihen bei bereits bekannten Werken. Dass hier ein Sample genutzt wird, statt den Beat einfach in 5 Minuten nachzuprogrammieren, ist nur ein Stilmittel. Die Entscheidung des BVG finde ich richtig.

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Mister Stone 31.05.2016, 14:05
9. Geklaute Kunst?

"Es wäre natürlich nicht gut, wenn jemand käme, das Gleiche nochmal macht, und dann einen Riesen-Hit landet"

Smudos Logik ist bestechend: Rapper - wie er - dürfen Teile aus fremden Kunstwerken sampeln (= Musikteile klauen und verwerten) und daraus einen kommerziellen Riesen-Hit basteln. Findet Smudo gut.
Aber das aus den Samples (= aus dem Geklauten) zusammengenagelte neue "Kunstwerk" darf dann nicht (ohne Erlaubnis des ersten Samplers) gesampelt werden, jedenfalls nicht, wenn dann daraus ein neuer Riesen-Hit entsteht. Aha, geiles Kunstverständnis...

Ich persönlich verachte das Sampeln von Teilen anderer Kunstwerke und betrachte es als Kunst-Diebstahl. Ich toleriere aber die Verarbeitung der Samples ebenso als "anerkannte Kunstform" wie z.B. Collagen aus geklauten Gemälden.

Pelham sagt, er könne "seine Kunst" bei einem Verbot nicht mehr ausüben, weil seine Kunstform elementar vom Sampeln fremder Kunst abhinge. Wenn das die Messlatte ist...
Man kann auch aus gestohlenen Autos oder gestohlenem Geld oder geraubtem Schmuck ein Kunstobjekt erstellen und - wenn man will - sich auf diese Kunstform beschränken.
Die Frage ist aber, ob man es deshalb auch erlauben sollte. Weil es Kunst ist? Weil der Künstler bei einem Verbot "seine Kunst" nicht mehr ausüben können würde?

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