Forum: Kultur
Politik ohne Fakten: Das gefühlte Zeitalter
Stiftung Warentest

"Postfaktisch" wurde zum Wort des Jahres gewählt, weil es einen "tiefgreifenden Wandel" beschreibe. Diese Begründung ist bereits postfaktisch: Tatsächlich wurde schon immer mit gefühlten Wahrheiten Politik gemacht.

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ambulans 13.12.2016, 14:16
1. plötzlich

reden sie jetzt alle von "hybris" (was bedeutet das noch einmal?) und werfen (fleichhauer & steingart vs martin schulz - ohne abitur!) mit ihrer gefühlten bildung nur so um sich - was die gesellschaft für deutsche sprache da von sich gegeben hat, ist reichlich dünn: "postfaktisch" entspricht ziemlich genau "post truth" - und das wurde auf dieser insel da bereits im sommer auserwählt. viel besser finde ich da doch den beitrag einer kulturhistorisch nicht zu unterschätzenden minderheit beim gebrauch unserer gemeinsamen deutschen sprache, nämlich unseren freunden aus dem südöstlichen alpenmilieu: >bundespräsidentenstichwahlwiederderholungsverschi ebung. puh - das hat was! karl kraus wäre ja sowas von stolz auf euch! und ... kompliment. habe die ehre, dr. ambulans (alle kassen)

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alex_kaiser 13.12.2016, 14:24
2. Das postfaktische Zeitalter hat nicht in den letzten Monaten begonnen

Das postfaktische Zeitalter umfasst praktisch die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit. Wenn jetzt so getan wird, als sei beispielsweise die Politik der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten rein auf Fakten basierend gemacht worden und als sei der Bevölkerung immer schön die Wahrheit gesagt worden, dann wird jedem klar, der auch nur ein paar Sekunden nachdenkt, das stimmt so natürlich nicht.

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lightahead 13.12.2016, 14:28
3. Früher war auch nix besser?

So einfach ist es wohl nicht. Die Binse, die Masse sei doch schon immer über emotionale Kanäle manipuliert worden, beschreibt noch keine bruchlose Kontinuität in den heutigen Zustand. Frau Stokowski ignoriert geflissentlich die um Potenzen gesteigerte Reichweite heutiger Kommunikationskanäle - sei es hinsichtlich der Plattformen (bspw. Social Media) oder auch der Mittel (bspw. Bilder oder Bots). Selbst wenn wir unterstellen, es gelänge eines fernen Tages, die Medienkompetenz jedes einzelnen dahingehend zu entwickeln, dass er zweifelsfrei zwischen "wahr" und "fake" unterscheiden kann (was nicht geschehen wird) - irgendwas bleibt immer hängen. Davon leben seit vielen Jahren ganze Wirtschaftszweige (bspw. Werbeagenturen oder werbefinanzierte Portale). Frau Stokowski, wenn Sie schreiben "Wenn wir denken, es sei neu, dass Leute glauben, was ihnen passt, verwehren wir uns die Möglichkeit, aus dem zu lernen, was längst da ist.", ignorieren Sie die Tatsache, dass wir durchaus gelernt haben - indem wir nämlich dieses Wissen nutzen, um die Massen noch besser (sehr! viel besser) als in der Vergangenheit zu manipulieren.

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halbstark 13.12.2016, 14:31
4. Was ist post-faktisch?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass in einem Land, das den großen Philosophen Kant hervorgebracht hat, der Unterschied von Gesinnungs- und Verantwortungsethik völlig unbekannt ist oder geflissentlich ignoriert wird. Nur so lässt sich die nicht-faktische Politik der letzten Jahre erklären: gut gemeint und mit einem Maximum an moralischer Empörung wird eine Blödheit nach der anderen begangen und ein immenser Schaden verursacht, sei es nun die sog. Energiewende, die außer explodierenden Kosten nichts bringt, sei es ein völlig überhasteter Atomausstieg, sei es eine risikoreiche Euro-Retterei, sei es eine spontane Grenzöffnung für vornehmlich junge Männer...

Dem Bürger, der all dies schon lange erkannt hat, wird nun vorgeworfen, er verstehe all dies nicht und würde sich dumpfen Gefühlen hingeben, die mit der Realität nichts zu tun hätten...

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schoenwetterschreiberling 13.12.2016, 14:40
5.

Die Kür des "(Un)Wort des Jahres" ist immer politisch zu sehen. Je nach Großwetterlage soll der einen oder anderen Seite eine wie auch immer geartete Legitimation für die Schaffung eines Kampfbegriffes gegeben werden. Vielen Dank für den überfälligen Hinweis, dass das, was als "postfaktisch" bezeichnet wird, bereits in sich selbst "postfaktisch" ist. So kommt das Eine zum Anderen, die Katze beißt sich selbst in den Schwanz; Hurra, es lebe die Politik!

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MtSchiara 13.12.2016, 14:43
6. der Begriff

Der Begriff "Postfaktisch" ist ein Propaganda-Begriff, denn er bedeutet zwar nur, daß man davon ausgeht, daß die Meinung des Andersdenkenden Unsinn ist (wozu bräuchte man dazu ein neues Wort?), suggeriert hinter diesem Standpunkt aber eine tiefere Substanz und Wahrheit, die tatsächlich nicht vorhanden sind.

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JensHoff 13.12.2016, 14:45
7. Och manno,

mir fallen keine schlauen Schachtelsätze mit ganz ganz vielen Fremdwörtern ein. Also nur ganz einfach... Ja, stimmt. Nur einen Widerspruch möchte ich äußern: der sogenannte Pöbel ist, aus meiner Sicht, eher persönlichkeitsunterentwickelt, also sozusagen infantil. Und ja, die Masse hat aus sich heraus keine Kraft. Aber vielleicht sind die "Klugen" zu sehr damit beschäftigt, sich abzugrenzen und überlassen so das Feld den persönlichkeitsgestörten... LG

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sunshinebob 13.12.2016, 14:48
8.

Der Unterschied ist, dass zwar auch früher einfältige Menschen über Emotionen beeinflusst wurden, man konnte sie aber durch faktenbasierte Argumente noch erreichen und von den tatsächlichen Umständen überzeugen...
Versuchen Sie mal heute mit Menschen zu diskutieren, die irgendwelche Verschwörungstheorien vertreten, nur weil sie im Internet stehen...da kommt man mit fundierten Argumenten nicht durch...
Früher glaubten die Menschen die Lügen, die ihnen erzählt wurden weil sie es nicht besser wussten; heute glauben sie alles mögliche obwohl sie es besser wissen müssten, nur weil es ins eigene Weltbild passt

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wasistlosnix 13.12.2016, 14:51
9. Coffee to go

ist und bleibt ein Kaffee zum mitnehmen.
Was zu früher den Unterschied macht ist das man, wenn man Informationen bekommen hat, diese besser recherchiert waren.
Wenn ich mir heute eine Tageszeitung anschaue dann steht da nichts mehr drin was scheinbar irgendwie recherchiert wurde. Früher hat man die linke oder rechte Gaussche Glocke drüber und war einigermaßen informiert. Heute ist nur noch die Frage wieviel % des ganzen wird berichtet, ich denke oft sind es nur noch Fragmente.

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