Forum: Kultur
Politik ohne Fakten: Das gefühlte Zeitalter
Stiftung Warentest

"Postfaktisch" wurde zum Wort des Jahres gewählt, weil es einen "tiefgreifenden Wandel" beschreibe. Diese Begründung ist bereits postfaktisch: Tatsächlich wurde schon immer mit gefühlten Wahrheiten Politik gemacht.

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muellerthomas 13.12.2016, 15:02
10.

Zitat von MtSchiara
Der Begriff "Postfaktisch" ist ein Propaganda-Begriff, denn er bedeutet zwar nur, daß man davon ausgeht, daß die Meinung des Andersdenkenden Unsinn ist (wozu bräuchte man dazu ein neues Wort?), suggeriert hinter diesem Standpunkt aber eine tiefere Substanz und Wahrheit, die tatsächlich nicht vorhanden sind.
Nö, das meint postfaktisch nicht. Postfaktisch meint etwa, dass hier und in anderen Internetforen behauptet wird, die USA hätten den Handel mit Russland seit Beginn der Sanktionen ausgeweitet, obwohl das Gegenteil richtig ist. Oder wenn behauptet wird, es gäbe immer mehr Aufstocker, obwohl die Fakten etwas anderes sagen. Wenn also letztlich leicht nachprüfbare, objektive Tatsachen nicht nur ignoriert, sondern geradezu geleugnet werden.

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nickleby 13.12.2016, 15:03
11. Anmerkung

Die erdrückende Flut an Informationen, sei sie faktisch oder als Meinung getarnt, ist der Tribut, den wir im Zeitalter 4.0 für Individualismus und Geradlinigkeit zahlen müssen. Das krampfhafte Bemühen, Faschistisches zu sehen, zeigt nur, dass Ideologie die Sicht vernebelt. Postfaktisch bedeutet wohl eher, dass die Bürger die Ereignisse oder Fakten sehen und sie in ihr Weltbild einordnen. Daran ist nichts Verwerfliches. Verwerflich dagegen ist, alles sofort mit wohlfeilen Etiketten zu versehen, um dann als klug und weise angesehen zu werden ( Zar und Zimmermann). Zu Frau Stokowskis Artikel kann man nur sagen, " Haben Sie es nicht 'ne Nummer kleiner ?"

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schreckgespenst 13.12.2016, 15:08
12. Blubb

"Postfaktisch" steht für mich in der gleichen Kategorie wie "krude" und "alternativlos", es sind beides politische Kampfbegriffe, die nach der erstmaligen Verwendung inflationär eingesetzt werden, um politische Konkurrenten zu denunzieren.
Wie Stokowski richtig anmerkt, war Politik schon immer "postfaktisch". Emotionen zählen mehr, als Fakten. Auch machen Politiker, die anderen eine "postfaktische" Argumentation vorwerfen, faktenfreie Politik.
Frau Nahles bekämpft die in 30 Jahren kommene Rentenarmut, in dem sie die Renten für die derzeitigen Rentner erhöht. Dazwischen besteht kein faktischer Zusammenhang, das weiß auch Frau Nahles. Trotzdem macht sie diese Politik, weil sie beim Wähler gut ankommt.
Für ein solches Vorgehen gibt es noch zig aktuelle Beispiele.

Aber um die aktuelle mediale und politische Diskussion zu lenken, muss man sich nur ein scheinbar schlaues Schlagwort ausdenken. Die Medien springen dann erst Mal auf den Zug auf.

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farbkasten 13.12.2016, 15:10
13. Manipulation

Ob faktisch oder postfaktisch wird immer irrelevanter. NATÜRLICH lese ich auch heute noch die Wahlprogramme vor der Wahl und schlage einen mir unbekannten oder unklaren Begriff in einer Enzyklopädie oder auf Wikipedia nach.
Aber: Glücklich der Wähler, der das Wahlprogramm bekommt, das er gewählt hat und glücklich derjenige, der noch auf eine Enzyklopädie zurückgreifen kann und nicht dem jederzeit austausch- und manipulierbaren Wikipedia-/ Internetwissen ausgeliefert ist.
So selbstsicher sich Journalisten auch geben, Gut und Böse, Wahr und Unwahr trennen zu können: Es wird in Zeiten von Bildbearbeitung und Fakenews, Verfolgung von Journalisten, Vereinzelung und Bots für JEDEN immer schwerer, die "Wirklichkeit" zu durchschauen und einzuordnen.

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GinaBe 13.12.2016, 15:11
14. Das 3. Jahrtausend ist im besten Teenageralter. ;-)

Besten Dank und eine sehr herzliche Gratulation für diese Wochenkolumne, die klug, reif, überlegt und aufklärerisch für mich die Spitzenposition Ihrer bisherigen SPon- Kolumnen überhaupt darstellt.
Das ist doch im alten, ablaufenden Jahr 2016 eine doch sehr erfreuliche Entwicklung und Wertsteigerung!
Natürlich ist auch diese, meine Bewertung abermals eine subjektive und erzählt einiges über Präferenzen.
Dennoch: ich freue mich sehr, daß auch im SPon somit eine kritische Beleuchtung des Jahrwortes aus sprachwissenschaftlicher Sicht mit Hinweis auf Adorno und Max Weber.
Wie einfach solche Begriffe benutzt werden können, um Bürger in ihrer politischen Resignation und Antipathie zu bestärken, möge hier unerwähnt bleiben. Medien TRAGEN Verantwortung und sind einzig der Wahrheit (und ihrem Mentor) verpflichtet.
Möge hier tatsächlich und nicht postfaktisch der Wille im Ziel liegen, die Gesellschaft, d.h. die LeserInnen bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) besser durch grundiertes Wissen und maßgebliche Informationen bzgl. politischen Feldern und deren Handlungsspielräume sowie das bundesdeutsche Haushaltsbudget aufklären. Mögen wir seltener Spekulationen anheimfallen...
Und möge eine intellektuelle Phantasie uns lieber in Solidarität anstatt in Leiderfahrung an und durch Menschen zurückführen dürfen. Die bezieht allerdings jene reiche und von unten abgehängte Schicht der Elite, der Macher und Unternehmer, der Jasager und Mitheuler bei den Wölfen mit ein.
Ich wünsche mir weiterhin derart klare Gedanken hier!

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spigalli 13.12.2016, 15:13
15. Ein wesentlicher Unterschied fehlt:

Auch in der Vergangenheit hat man eine Politik der Emotionen gemacht. Diese Emotionen bezogen sich aber auf angenommene Tatsachen, die zwar möglicherweise bestreitbar oder nicht nachgewiesen waren, aber immerhin auch nicht widerlegt.

Die heutige Politik hingegen bezieht sich auf Emotionen, die sich zunehmend auf anscheinende Tatsachen beziehen, die im besten Falle nicht widerlegt aber leider allzuoft weder mit Indizien oder Belegen untermauert sind und im schlimmsten Fall sogar im Widerspruch zu bekannten Indizien oder Beweisen stehen.

Das ich das Zeitalter, in dem wir jeden Bezug zu Fakten verloren haben, sondern jeder sich seine Welt so macht, wie sie ihm gefällt.

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farbkasten 13.12.2016, 15:15
16. Der Mensch

ist und bleibt ein Mensch. Aufgrund seiner Emotionen, vielfältiger Abhängigkeiten, sehr eingeschränkten Blickwinkels und Wirkungskreises bleibt er trotz "Vernetzung" selbstverständlich manipulierbar. ME fördert die "Vernetztheit" eher noch die Manipulierbarkeit (in Masse), weil die Einflüsse (die man selbst nicht überprüfen KANN) vielfältiger und vielschichtiger werden.

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Bondurant 13.12.2016, 15:16
17. Sehr richtig

Frau Stokowski, aber sind das

... selbstmitleidige Hybris derer ..., die glauben, es gäbe eine tapfere Minderheit von Wahrheitskriegern, die mit nichts als der ehrenvollen Waffe der nackten Wahrheit kämpfen

also die tapfere Minderheit von Wahrheitskriegern, nicht "Ihre Leute", gegen rechts und Hoch die internatioinale Solidarität und so?

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Furiosus 13.12.2016, 15:20
18.

Tja Frau Stokowski, da müsses Sie sich aber auch an die eigene Nase fassen. Sie haben hier ebenso "Postfaktisch" Lügen verbreitet, als es um die Verschärfung des Sexualstrafrechts ging, etwa die falsche Tatsache, dass für eine Vergewaltigung eine "Gegenwehr" des Opfers nötig sei, oder, dass es daher eine "Schutzlücke" gäbe. Sie haben mit kriminalistisch völlig unseriösen "Dunkelziffer" Studien argumentiert und mit untauglichen "nur x% der Anklagen enden in einer Verurteilung" Argumenten, die letztlich nichts über die Gesetzeslage und viel über die Beweisbarkeit der entsprechenden Tat aussagen. Sie haben sich arrogant gegen die Meinung von Experten gestellt, weil diese nicht in ihre Realität, ihr Weltbild, kurz: ihre gefühlte Wahrheit passte. Und jetzt beschweren Sie sich darüber, dass alle anderen dasselbe tun.

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Jassa 13.12.2016, 15:21
19. Meine Fakten, Deine Fakten...

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/essay-forscher-haende-weg-von-der-politik-a-435938.html
http://www.spiegel.de/politik/ausland/die-zehn-groessten-irrtuemer-der-experten-so-falsch-waren-die-prognosen-fuer-2008-a-598843.html

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