Forum: Kultur
Politik ohne Fakten: Das gefühlte Zeitalter
Stiftung Warentest

"Postfaktisch" wurde zum Wort des Jahres gewählt, weil es einen "tiefgreifenden Wandel" beschreibe. Diese Begründung ist bereits postfaktisch: Tatsächlich wurde schon immer mit gefühlten Wahrheiten Politik gemacht.

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NahGha09 13.12.2016, 15:24
20. Überraschung!

Ich bin äußerst positiv überrascht, Frau Stokowski. So eine vernünftige und treffende Kolumne hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Respekt!

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rofis 13.12.2016, 15:24
21. Lüge und Wahrheit

Es gebe immer mehr Menschen, die bereit seien, "Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren". - ist bei mir nicht der Fall, ich sehe nur Lüge da, wo die Nachrichten mir Dinge als Tatsache einbleuen wollen. Es ist natürlich nicht immer so, aber seit ein paar Jahren bekommt man ein sehr gutes Bild der Wirklichkeit, wenn man das Gegenteil von dem glaubt, was in der Zeitung steht. Insofern macht auch Spon sehr aufklärerischen Journalismus. Weiter so!

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dr.eldontyrell 13.12.2016, 15:25
22.

Zitat von muellerthomas
Nö, das meint postfaktisch nicht. Postfaktisch meint etwa, dass hier und in anderen Internetforen behauptet wird, die USA hätten den Handel mit Russland seit Beginn der Sanktionen ausgeweitet, obwohl das Gegenteil richtig ist. Oder wenn behauptet wird, es gäbe immer mehr Aufstocker, obwohl die Fakten etwas anderes sagen. Wenn also letztlich leicht nachprüfbare, objektive Tatsachen nicht nur ignoriert, sondern geradezu geleugnet werden.
Postfaktisch kann aber auch meinen, dass man völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Einzelthemen/Einzelwerte in den Vordergrund stellt, um zu verstecken, dass es im Gesamten, beim Zoom raus, genau andersherum aussieht. Siehe OECD und andere Reports bezüglich Armutsschere, Minijobber, Leiharbeit,....
Aber "uns" geht es ja gut. Wer ist dieser "Uns"?

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petrapanther 13.12.2016, 15:27
23.

Zitat von sunshinebob
Der Unterschied ist, dass zwar auch früher einfältige Menschen über Emotionen beeinflusst wurden, man konnte sie aber durch faktenbasierte Argumente noch erreichen und von den tatsächlichen Umständen überzeugen... Versuchen Sie mal heute mit Menschen....
Mit Verlaub, das überzeugt mich nicht - Verschwörungstheorien wurden auch früher schon geglaubt, unter völliger Ignorierung der Faktenlage. Denken Sie nur an die Dolchstosslegende während der Weimarer Republik - das war offensichtlicher Unsinn, die Fakten zu dem Thema waren (zumindest vor der Machtergreifung) allen frei zugänglich, und trotzdem wurde die Geschichte von vielen geglaubt.

Allerdings mag es sein, dass die Technologie einen Unterschied macht: Heute kann man sich für jede noch so abstruse Weltsicht die passenden "Fakten" schnell und einfach im Internet zusammensuchen. Und dank der automatischen Filter auf Facebook und YouTube bekommt man dann irgendwann nur noch "Informationen" zu sehen, die diese Weltsicht weiter verstärken. Diesen Mechanismus gab es früher wohl auch schon, aber er war wohl weniger effektiv und (halb-) automatisch.

Hier ein interessanter Artikel zu dem Thema der zeigt, wie einfach eine "Selbstradikalisierung" im Internet sein kann:
https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/nov/28/alt-right-online-poison-racist-bigot-sam-harris-milo-yiannopoulos-islamophobia

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MtSchiara 13.12.2016, 15:35
24. die Illusion der objektiven Tatsachen

Zitat von muellerthomas
Nö, das meint postfaktisch nicht. Postfaktisch meint etwa, dass hier und in anderen Internetforen behauptet wird, die USA hätten den Handel mit Russland seit Beginn der Sanktionen ausgeweitet, obwohl das Gegenteil richtig ist. Oder wenn behauptet wird, es gäbe immer mehr Aufstocker, obwohl die Fakten etwas anderes sagen. Wenn also letztlich leicht nachprüfbare, objektive Tatsachen nicht nur ignoriert, sondern geradezu geleugnet werden.
"Objektive Tatsachen" sind ein Konstrukt. Tatsächlich enthält jede Tatsache immer auch subjektive Anteile.

Was sie da oben beschreiben, bezeichnete man bisher als "Propaganda". Wozu braucht man da noch den Neologismus "postfaktisch"?

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hagenbottrop 13.12.2016, 15:35
25. Ich frage mich seit Monaten,

ob die postfaktische Geistes- und Menschheitsgeschichte vor der aktuellen Periode jemals so viele Selbstüberschätzer hervorgebracht hat, die ihre Lebenslüge von sich selbst damit aufpeppen, indem sie sich wiederholt und penetrant von "perönlichkeitsuntentwickeltem einfältigen Pöbel" umzingelt wägen.

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muellerthomas 13.12.2016, 15:39
26.

Zitat von dr.eldontyrell
Postfaktisch kann aber auch meinen, dass man völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Einzelthemen/Einzelwerte in den Vordergrund stellt, um zu verstecken, dass es im Gesamten, beim Zoom raus, genau andersherum aussieht. Siehe OECD und andere Reports bezüglich Armutsschere, Minijobber, Leiharbeit,.... Aber "uns" geht es ja gut. Wer ist dieser "Uns"?
Auch ein schönes Beispiel von Ihnen für postfaktisch: Einem anderen Foristen Aussagen zu unterstellen, die dieser gar nicht getätigt hat...

Passt aber gut ins Bild: Die Behauptung, es gäbe immer mehr Aufstocker darf natürlich verwendet werden, weil das ja doch irgendwie gefühlt richtig ist. Wer dagegen die Tatsache anführt, dass die Aussage falsch ist, muss der Meinung sein, es gäbe keine Probleme... ja, so funktionier eine postfaktische Diskussion.

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Rikyu 13.12.2016, 15:58
27. Postfaktisch

Als ich das Wort zum ersten Mal las - war es nach dem Brexit oder erst im Zusammenhang mit den US-Wahlen? - da dachte ich mir: Da schau her, der Spiegel approbiert wieder einmal ein neues Wort für den allgemeinen Sprachgebrauch. Erst ein Modewort wie viele andere, wurde es bald zu einem dieser beliebten Keulenwörter, mit denen unter anderen auch SPON-Kommentatoren (das besonders fette Binnen-I möge man sich selbst hinzu denken) anders gelagerte Meinungen zu belegen pflegen, wenn gerade mal kein passender -ismus parat ist.

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Schnoeps 13.12.2016, 16:02
28. Starke Kolumne.

Bitte zukünftig mehr Macht und Politik und weniger Feminismus.

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Mister Stone 13.12.2016, 16:12
29. Postfaktische Rhetorik

Wernn die Politik Mist baut, und zwar dauerhaft und so heftig, dass kein Politiker es sachlich widerlegen kann, dann wird daraus eben ein gefühlter Mist gemacht: postfaktisch eben. Basta. So wie das mit der gefühlten Teuerung durch den Euro war. Nichts wurde wirklich teurer, man fühlte bloß so. Wie bei der gefühlten sozialen Ungerechtigkeit und dem erhöhten Armutsrisiko in der marktkonformen deutschen Demokratie, in der es den Deutschen in Wirklichkeit "so gut geht wie nie zuvor". Alles andere ist postfaktische Gefühlsverirrung. So wie es mit dem steigenden Unsicherheitsgefühl der Deutschen ist. Alles nur gefühlt, frei von tatsächlichen Ereignissen, postfaktisch eben...
Ich frage mich allerdings, ob nicht eher die Performance von Frau Merkel postfaktisch ist: ihre volksberuhigende Wahlkampfraute, ihr "Sie kennen mich", "der Aufschwung kommt bei den Menschen an", ihre vor Emotionalität berstenden Inszenierungen mit traurigen Kinderaugen und einem weinerlichen "Mama Merkel" Seufzer...

Sollen wir das alles als faktisch zur Kenntnis nehmen?
Und wenn die Menschen ihr dann nicht mehr glauben, ist das dann eine postfaktische Reaktion?

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