Forum: Kultur
Politik ohne Fakten: Das gefühlte Zeitalter
Stiftung Warentest

"Postfaktisch" wurde zum Wort des Jahres gewählt, weil es einen "tiefgreifenden Wandel" beschreibe. Diese Begründung ist bereits postfaktisch: Tatsächlich wurde schon immer mit gefühlten Wahrheiten Politik gemacht.

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mordskater 13.12.2016, 16:25
30.

Zitat von muellerthomas
Nö, das meint postfaktisch nicht. Postfaktisch meint etwa, dass hier und in anderen Internetforen behauptet wird, die USA hätten den Handel mit Russland seit Beginn der Sanktionen ausgeweitet, obwohl das Gegenteil richtig ist. Oder wenn behauptet wird, es gäbe immer mehr Aufstocker, obwohl die Fakten etwas anderes sagen. Wenn also letztlich leicht nachprüfbare, objektive Tatsachen nicht nur ignoriert, sondern geradezu geleugnet werden.
Wo und wie kann ich diese Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen? Da geht die Bundesregierung mal eben hin und streicht aus dem Armmutsbericht alles was ihr nicht passt, nach dem Motto "Was nicht passt, wird passernd gemacht" und ähnlich wird überall mit Statistiken jongliert und hantiert, dass es einem schwindlig werden könnte. Wer sich für eine marktkonforme Demokratie ausspricht, wie unsere Kanzlerin, wird mich mit anderen "Wahrheiten" füttern, als jemand der für eine demokratiekonforme Marktwirtschaft eintritt. Beide operieren mit dem gleichen Datenrohmaterial, kommen aber zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.
Ich bin geneigt die Ergebnisse dessen, der sich für eine demokratiekonforme Marktwirtschaft einsetzt als eher "meine" gefühlte, und erlebte Wahrheit anzuerkennen.

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gekreuzigt 13.12.2016, 16:42
31. Gefühlte Wahrheiten.

Damit kennt die Autorin sich aus. Fleißkärtchen noch für die Zitate!

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hinnimann 13.12.2016, 16:50
32. In einer Demokratie

zählen die Tatsachen nicht, sondern Meinungen über Tatsachen. Und es kommt wesentlich darauf an, wer sie von sich gibt.

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FocusTurnier 13.12.2016, 16:56
33. Was es novh bedeutet

Zitat von muellerthomas
Nö, das meint postfaktisch nicht. Postfaktisch meint etwa, dass hier und in anderen Internetforen behauptet wird, die USA hätten den Handel mit Russland seit Beginn der Sanktionen ausgeweitet, obwohl das Gegenteil richtig ist. Oder wenn behauptet wird, es gäbe immer mehr Aufstocker, obwohl die Fakten etwas anderes sagen. Wenn also letztlich leicht nachprüfbare, objektive Tatsachen nicht nur ignoriert, sondern geradezu geleugnet werden.
Postfaktisch ist auch, daß Frauen bei der selben Tötigkeit 23% weniger Lohn erhalten als Männer. Oder auch, daß ein Viertel aller amerikanischen Studentinnen auf den Unis vergewaltigt wird. Oder das Frau Clinton eine gute Frau ist.
Das ist auch alles postfaktisch, wurde aber nicht durch den "Pöbel" behauptet, sondern durch (etablierte) Medien und die Politik.

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moistvonlipwik 13.12.2016, 16:59
34.

Zitat von MtSchiara
Der Begriff "Postfaktisch" ist ein Propaganda-Begriff, denn er bedeutet zwar nur, daß man davon ausgeht, daß die Meinung des Andersdenkenden Unsinn ist (wozu bräuchte man dazu ein neues Wort?), suggeriert hinter diesem Standpunkt aber eine tiefere Substanz und Wahrheit, die tatsächlich nicht vorhanden sind.
Da haben wirs: Meinung und Fakten werden gleichgestellt. Anders als Sie glauben, gibt es aber einen erhebliche Unterschiede:
1. jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber keiner das Recht auf eigene Fakten.
2. Über Meinungen kann man abstimmen - über Fakten nicht.

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Leser161 13.12.2016, 17:00
35. Illusionsdämmerung

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Allein der Fakt das wir diskutieren, ob eine Meldung war oder gefaket ist, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Von daher tun sich die Postfaktisch-Propheten keinen Gefallen. Denn ihre Keule trifft auch sie selbst.

Die Fähigkeiten die man braucht um den Claim "Grenzen dicht! Dann alles besser!" als nette Illusion zu entlarven sind dieselben die man braucht um jedwede Meldung abzuklopfen.

Am Ende des Prozesses werden bessere Medien stehen. Politiker die durch echte Argumente überzeugen, statt durch heimelige Stammtischkracher.

Hoffentlich zu meinen Lebzeiten.

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detlef.schoenrock 13.12.2016, 17:05
36. Fragwürdiges

Das ist sicher richtig. Ich muss meinem Gegenüber vertrauen, wenn er mir erzählt, dass es New York gibt. Aber es gab auch einen sicheren Erfahrungsschatz und ein Erfahrungsnetzwerk, auf die ich mich berufen konnte und kann, wenn es um die Existenz New Yorks geht. Und ich wusste genau, wie ich eine Zeitung wie das Neue Deutschland mangels Alternativen zu lesen hatte, wenn ich aus ihr Wissen herauslesen wollte. Politik orientiert sich sicher an Grundlinien, die sich aus Überzeugungen ableiten. Aber ich kann von ihr auch verlangen, dass sie ihr abgeleitetes gesetzgebendes Handeln natürlich aus Fakten ableitet und nicht ihre Groschen am Automaten reibt um dann nach dem zehnten Einwurf abzuleiten, dass der Automat die Münze behalten hat, nicht, weil er eine Wackelmechanik hat, die mal so oder mal so funktioniert, sondern der irrigen Annahme aus einer nicht geprüften Handlung abgeleitet aufsitzt, das Reiben hätte den Automaten überzeugt die Münze zu nehmen. Ich verlange von Politik und Journalismus eben Verkünden und Handeln nicht aus den unendlichen Tiefen esoterischer Ableitungen zu begründen. Es ist eben billiger Journalismus sich der Pflicht der Kontrolle mit der Begründung zu entziehen, dass das eh niemand machte und auch sonst nicht üblich oder gebräuchlich wäre.

PS. Und natürlich stand bei uns der Mayer immer griffbereit um dem Furor hitzigen Geburtstags- und Feierabenddebatten die Grundlagen zu liefern...

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held_der_arbeit! 13.12.2016, 17:12
37. Guter Artikel

Das Problem ist nicht neu, noch ist es selten. Praktisch alle Ideologien arbeiten damit, indem sie ein postfaktisches Narrativ kreieren das sie als Heilsbringer legitimiert. Bei Trump und der AfD sind es die bösen Migranten, beim Feminismus (der Seitenhieb sei erlaubt) sind es 2-300 greise Top Manager die in einer de facto gleichberechtigten Gesellschaft als Schimäre des Patriarchats herhalten müssen und für die Linke, der ich persönlich zugeneigt bin, lässt sich alles Übel in der Welt auf den Einfluss von Großkonzernen reduzieren. Will sagen, keiner von uns ist immun und ein bisschen Demut gegenüber den Fakten der anderen täte uns allen gut. Ich finde ihre Kolumnen haben das in letzter Zeit gut vorgemacht, nachdem sie anfänglich doch arg ideologisch waren

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crazy_swayze 13.12.2016, 17:13
38.

Fr. Merkels Lieblingswort wird hier nun einmal auf den Prüfstand genommen. Sehr schön.

Mir zeigt das nur, wie abgehoben sich manche Politiker wähnen wenn sie meinen, sie hätten die Wahrheit für sich gepachtet.
Eine Frau Merkel hat einmal versprochen, dass die Maut nicht kommt oder dass die Mehrwertsteuer nur um 2%-Punkte steigt. Soviel zur vielversprochenen Wahrheit. Postfaktisch ist doch für diese Leute nur ein Kampfbegriff gegen andere politische Lager.

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fpa 13.12.2016, 17:22
39. Super Zitate! Vielen Dank.

Zitat von gekreuzigt
Damit kennt die Autorin sich aus. Fleißkärtchen noch für die Zitate!
Endlich mal kurz und knapp lesen zu dürfen, worum es heute eigentlich geht. Excellent. Nur eben schade, dass Adorno schon 47 Jahre tot ist, und Max Weber sogar schon 96 Jahre.

Und bezeichnender Weise findet man diese Kolumne unter "Kultur". Es geht im Moment in der Tat um einen Kulturkampf. Aber nicht um einen zwischen "islamischer" und "christlicher" Kultur, wie es die Propagandisten aller Seiten verkünden möchten. Denn ein Terrorist ist genauso wenig islamisch wie ein Rassist christlich ist. Nein, es geht um den Kampf zwischen "Totalitarismus" und "Freiheit".

Wenn wir - diejenigen, die die Freiheit lieben - nicht bald aufwachen, werden wir uns unserer Freiheit schon bald beraubt sehen. Religionsfreiheit, künstlerische Freiheit, Pressefreiheit, Unabhängigkeit der Medien, Unabhängigkeit der Gerichte, usw. alles steht auf ihrer Zielscheibe. Das gilt sowohl für die Islamisten hier und im Nahen Osten, wie auch für die großen und kleinen Autokraten, wie Putin und Erdogan, bzw. Orban oder die PiS. Und wenn Trump seinen Worten entsprechende Taten folgen lassen wird, werden die USA der nächste sein.

Aber noch ist es nicht zu spät, AfD, Wilders, le Pen& Co. zu stoppen. Schon paradox: Da müssen wir jetzt die freiheitlich demokratischen "Werte des christlichen Abendlandes" gegen die selbsternannten "Retter des christlichen Abendlandes" verteidigen. Und zwar nicht mit deren Mitteln von Propagandalügen und Gewaltrhetorik, sondern mit unseren Mitteln des respektvollen friedlichen Diskurses. Eine echte Herausforderung. --- Aber: Ich liebe Herausforderungen! ---- Und: Ich lasse mich nicht von Angst leiten, sondern von Zuversicht.

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